E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Unterwegs in Israel
Zeevi Wie denn sonst, wenn nicht gemeinsam?
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7751-7542-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine hoffnungsvolle Reise durch den Nahostkonflikt
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Unterwegs in Israel
ISBN: 978-3-7751-7542-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Assaf Zeevi (Jg. 1982) ist in Israel geboren und aufgewachsen. Nach einigen Jahren als Landschaftsarchitekt und Mitarbeiter der Holocaustgedenkstätte Yad VaShem wurde er Reiseleiter. Seine Kenntnisse über Natur, das Judentum und die Bibel machten ihn zu einem der gefragtesten Israel-Reiseleiter im deutschsprachigen Raum. Heute lebt er am Bodensee.
Autoren/Hrsg.
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Kindheit und Jugend im Schatten des Konfliktes
Bevor wir zu den Anfängen des Konfliktes gehen, möchte ich dir aus meiner Kindheit und Jugend erzählen. Nicht um meine Person in den Mittelpunkt zu stellen. Auch nicht, weil meine Biografie besonders interessant wäre. Diese könnten in ähnlicher Form Millionen Israelis haben – und genau aus diesem Grund möchte ich diese Einblicke bieten. Außerdem wird durch diese Einblicke verständlich, weshalb ich mich der Suche verpflichtet fühle.
Chlorempfindlichkeit und PLO
Ich bin 1982 in Israel geboren. Das erste Mal, dass ich etwas über Araber gehört habe, war im Alter von drei Jahren. Draußen fuhr ein alter offener Transporter sehr langsam vorbei. Aus einem Lautsprecher hörte man: »Altisachen, Altisachen!«
»Mama, was heißt Altisachen ?«, fragte ich meine Mutter aufgeregt.
»Schrott«, erklärte sie, »es ist ein Schrottsammler.«
»Wieso hat er ein blaues Nummernschild?«, erkundigte ich mich, denn alle anderen Nummernschilder waren gelb.
»Weil er aus den Schtachim kommt.«
Sicher ahnte meine Mutter, dass die nächste Frage sofort folgen würde. »Was sind die Schtachim?«
»Das sind Gebiete, wo viele Araber wohnen«, war die Antwort.
Schon wieder so ein Wort, das ich nie gehört hatte. »Was sind Araber?«
»Menschen. Sie sprechen Arabisch«, erklärte meine Mutter.
Lange glaubte ich, »Altisachen« wäre ein arabisches Wort, bis ich verstand, dass es Jiddisch war, »alte Sachen« bedeutet und mit schwerem arabischem Akzent vom Tonband des Schrottsammlers kam.
Vom Konflikt habe ich mit fünf Jahren zum ersten Mal etwas wahrgenommen. Ich war bei einem Freund zu Besuch. Wir Jungen durften oben alleine in die Badewanne gehen, während unsere Mütter sich unterhielten. Dort oben übten wir das Rutschen. Dabei maßen wir aus, wer das Wasser weiter spritzte. Das Reihenhaus in der Stadt Netanya, in dem mein Freund wohnte, war damals sehr modern. Vom offenen oberen Flur konnte man ins Wohnzimmer sehen und hören. Dort lief im Fernsehen gerade das Nachrichtenjournal von 17 Uhr.
Zwischen den Spritzwellen hörten wir Stimmen aus dem Fernseher, die darüber sprachen, Gespräche mit Aschaf seien verboten. Ich hatte keine Ahnung, wer Aschaf war, aber die Ähnlichkeit mit meinem Namen fiel mir auf. Nach jedem Rutschen schrie ich laut: »Und jetzt ist Aschaf dran!«
Irgendwann kamen unsere Mütter. Sie waren verärgert über die Spritzerei. Das ganze Bad stand unter Wasser, unsere Hintern waren rot.
Auf die Frage, was wir da machten, behauptete ich, es wäre nicht ich, sondern Aschaf gewesen. »Wer?«, fragte die Freundin. »Aschaf«, gab ich meine klare Antwort. Unsere Mütter lachten und fragten, wer Aschaf sei. Ich sagte, es wäre der, mit dem man nicht reden darf. Mit Lachtränen in den Augen erklärte die Freundin meiner Mutter, man dürfe Aschaf nicht laut sagen, weil es böse Leute seien, Terroristen. Auch dieses Wort hörte ich nun zum ersten Mal.
Ich stellte keine weiteren Fragen, weil mir der Popo brannte. Die Freundin meiner Mutter putzte ihre neue Badewanne mit dem damals in Israel üblichen Generalputzmittel Ekonomika, einem Bleichmittel aus Chlor. Mein Po wurde glühend heiß und ich musste weinen.
Ein Jahr später wurde ich eingeschult. In der ersten Schulwoche sah ich abends in den Nachrichten Bilder von steinewerfenden vermummten Männern. Man sprach über Brandsätze. Während ich von meinem Vater wissen wollte, was Brandsätze seien, hörte ich den Namen Jassir Arafat und seinen Titel »Kopf von Aschaf«. So erhielt ich von meinem Vater neben der Erklärung zu Brandsätzen noch eine weitere Information: Aschaf ist der hebräische Name der Organisation zur Befreiung Palästinas, PLO.
Es waren die Tage der Ersten Intifada. Kampagnen brachten uns Kindern bei, herrenlose Taschen nicht anzufassen. Einmal sahen wir in einem Aufklärungsfilm in der Schule eine auf einem Schulhof deponierte Wassermelone, die eine getarnte Bombe war. Auch Colaflaschen sollten wir immer vor dem Öffnen kontrollieren. Wenn sie nicht ganz verschlossen waren, könnte jemand Glaspulver hineingeschüttet haben. Sowohl die Wassermelonenbombe als auch die tödliche Cola hatte es leider wirklich schon gegeben.
Ein Ausflug in die Gebiete
Eines Tages fragte mich mein Vater, ob ich mit ihm einen Kollegen besuchen wolle. Er wohne in einem Ort, an dem wir noch nie gewesen waren, und die Fahrt dorthin führe durch eine schöne Landschaft. Ich war acht Jahre alt und hatte eine ausgeprägte Liebe zu Natur und Landschaft und eine spürbare Abenteuerlust. Natürlich sagte ich Ja. Im Auto zeigte mir mein Vater eine Handpistole. Ich hatte noch nie vorher eine Pistole gesehen und war von ihrer geringen Größe überrascht. Ich wunderte mich, dass wir überhaupt eine Pistole hatten. In meiner Welt besaßen nur Polizisten oder Diebe so etwas.
Als ich mich erkundigte, wieso die Pistole so klein sei, antwortete mein Vater: »So kann ich sie besser verstecken.« Auf die Frage, wozu wir überhaupt eine Pistole bräuchten, erklärte er: »Wir fahren in die Schtachim.« Den Ausdruck kannte ich aus der Schrotthändlerdiskussion, jetzt fragte ich genauer nach.
Mein Vater erzählte, die Armee hätte diese ehemals jordanisch besetzten Gebiete vor über zwanzig Jahren eingenommen, aber eigentlich sei es die Region, in der sich die Geschichte des Volkes Israel abgespielt und in der zur biblischen Zeit unsere Vorfahren gelebt hatten. Er erklärte: »Die Gebiete bestehen aus zwei Hauptlandschaften, Judäa und Samarien, und wir befinden uns auf dem Weg in den Ort Kdumim im Herzen Samariens.«
Mein Vater bat mich darum, meiner Mutter weder etwas von den Schtachim noch von der Pistole zu verraten, sie würde sich sonst zu viele Sorgen machen.
Die felsigen Hügel, durch die wir nun fuhren, gefielen mir besser als das bebaute Flachland zuvor. Die Straße wurde kurvig und mein Vater legte sich die Pistole auf den Schoß. Schließlich sagte er, ich solle mich ducken. Besonders an solchen Kurven könnten sich Terroristen verstecken und Steine werfen. Geduckt auf dem Boden vor dem Beifahrersitz unseres Opel Kadett wirkten die Bedenken meiner Mutter auf einmal nicht so übertrieben. An jeder Kurve rechnete ich mit Steinen. Ich stellte mir vor, wie mein Vater mit der winzigen Pistole aus dem Auto schoss und die Terroristen nur über ihre geringe Größe lachen.
Wir kamen jedoch ohne Zwischenfälle an. Der bärtige Kollege meines Vaters, ein Physiklehrer, zeigte uns stolz Haus und Hobby. In mehreren Reihen baute er Blaubeeren an, denn das örtliche Klima war kühl genug. Die Pflanzen standen in schwarzen Säcken auf dem kahlen Kalkboden. Schwarze Plastikschläuche bewässerten mit einem Tropfsystem die kleinen Sträucher. Unser Gastgeber trug eine Kippa, Quasten, ein kariertes Hemd, eine Hose mit Bügelfalten und Sandalen.
Mein Vater war sehr angetan von der Pflanzung, denn sie erinnerte ihn an seine Kindheit in Budapest, wo es in den Wäldern Pilze, Kirschen, Brombeeren und natürlich Blaubeeren gegeben hatte. All das fand man in den israelischen Wäldern nicht.
Gasmasken und Kakaotüten
Im nächsten Winter brach der Golfkrieg aus. Er fand weit weg in Kuwait statt, aber trotzdem fuhr unsere sechsköpfige Familie zur Gasmaskenstation. Junge Soldatinnen nahmen uns in Empfang. Meine Eltern bekamen Erwachsenen-Masken und den 13-jährigen Zwillingen passte die Jugendmaske sofort. Meine dreijährige Schwester erhielt einen »Bardas«, der für mich wie ein Astronautenanzug aussah. Sie hatte sogar ein eigenes Gebläse mit Knopf.
Ich wäre genau im Übergangsalter, sagten die Soldatinnen, und setzten auch mir einen Bardas auf. Der Wind vom eigenen Gebläse war herrlich. Ich wollte nichts anderes. Leider war ich doch zu groß und bekam eine Jugendmaske aufgesetzt. Beim Test kam seitlich Luft rein. Ich war zu klein. So bekam ich eine Jugendmaske mit einer angeklebten Plastiktüte. Die Enttäuschung war groß, lieb habe ich das Teil nie gewonnen. Aber eine gute Sache hätte meine Gasmaske, versuchten die Soldatinnen mich zu überzeugen. An der Seite könne man einen Strohhalm einstecken und trinken, während man die Maske trägt.
Im Karton mit dem Tragegurt lagen auch Atropinspritzen. Diese dürften wir Kinder uns nie einspritzen, erklärten die Soldatinnen streng, denn dann würden wir sterben. Das hatte ich auch nicht vor, aber den Gedanken an ein Experiment mit der Nachbarskatze konnte ich lange nicht abstellen.
Zu Hause gestalteten wir das Kinderzimmer in einen Luftschutzraum um, denn einen Bunker hatten wir nicht. Die Außenwände des ärmlichen Hauses aus den Vierzigerjahren waren nicht stärker als zehn Zentimeter, die Holzfenster einfach verglast, die Decke aus Leichtbeton. Meine Eltern beklebten alle Spalten am Fenster mit Paketband und Plastikfolien, um sie abzudichten. Mein Vater erzählte, wir hätten Glück gehabt. Das Paketband war überall ausverkauft, aber er hatte es im arabischen Dorf doch noch bekommen.
Meine Mutter kaufte viele Konservendosen und H-Milch ein und wir holten einen Fernseher und ein Radio ins Zimmer. Meine Mutter stellte außerdem einen Eimer mit Backsodawasser und einem Putzlumpen neben die Tür, so wie alle instruiert wurden.
Der Alarm kam immer nachts, in der tiefsten Schlafphase. Dann rannten wir ins Zimmer und ich achtete stets darauf, dass unsere Hündin Pizi nicht vergessen wurde. Im Kopf entwarf ich eine Gasmaske für Hunde. Während meine Mutter der Kleinen die Gasmaske aufsetzte und unsere Gasmasken kontrollierte, klebte mein Vater die Tür zu und legte den in Backsodawasser getränkten Putzlumpen vor den Türschlitz. Ich fühlte mich geschützt und vorbereitet.
Einmal wackelte jedoch das ganze Haus und...




