Zeiler | Unfuck the Economy | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Zeiler Unfuck the Economy

Eine neue Wirtschaft und ein besseres Leben für alle - Mit einem Vorwort von Maja Göpel
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-27225-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine neue Wirtschaft und ein besseres Leben für alle - Mit einem Vorwort von Maja Göpel

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-641-27225-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wir brauchen neue Werte. Und zwar jetzt!

Die Corona-Pandemie hat die Welt, wie wir sie kennen, komplett aus den Angeln gehoben und uns vor allem eins aufzeigt: wie fragil unser Wirtschaftssystem ist. Selbst nach Jahrzehnten von unfassbarem Wirtschaftswachstum, Rekordumsätzen und Gewinnen, Aktienkursen im Höhenrausch, müssen wir schon wenige Wochen nach Ausbruch der Pandemie unsere Wirtschaft massiv finanziell stützen, damit sie nicht zusammenbricht. Millionen Menschen sind bereits oder werden noch arbeitslos, und aufgrund fehlender Rücklagen werden unzählige Unternehmen vermutlich in die Pleite schlittern. All das, weil Menschen nur noch das kaufen, was sie wirklich zum Leben brauchen?! Wenn uns diese schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg eines vor Augen führt, dann ist es, dass wir spätestens jetzt ein neues, radikal anderes „Normal“ und eine grundlegende Neujustierung unseres Gesellschaftsmodells brauchen. Nach Corona kann es nicht weitergehen wie davor. Wir müssen die Wirtschaft komplett neu aufbauen, ausgerichtet auf den Wert des Menschen und seine wahren Bedürfnisse. Nur so kann nachhaltige Veränderung in allen gesellschaftlichen Bereichen, von Arbeitskultur bis Klimakrise, gelingen. »Unfuck the Economy«, fordert Waldemar Zeiler, Gründer und Mitinhaber des fairstainable Unternehmens Einhorn Products sowie einer der klügsten und herausfordernsten Player der Wirtschaftswelt, deshalb: für neue Werte, eine neue Wirtschaft und ein besseres Leben für uns alle!
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WARUM DAS GANZE?


Mit 30 Millionär! Drei Worte. Meine Worte. Zum ersten Mal sprach ich sie im Alter von 21 Jahren aus. Da hatte ich bereits die erste gescheiterte Firmengründung meines Lebens hinter mir: die Z&B Berufseinsteiger Agentur. Ich begann mit einer Leidenschaft, die ich anfangs noch als prima Hobby abstempelte: Es machte mir einfach nur großen Spaß, Schüler_innen bei den Bewerbungsunterlagen zu helfen, die nach ihrem Schulabschluss eine Lehrstelle suchten. Ich konnte wohl ganz gut schreiben und recherchieren, sodass mich nach und nach immer mehr Freunde und Bekannte um Hilfe baten. Dass daraus tatsächlich eine Firma, wenn auch eine sehr kurzlebige, wurde, verdanke ich wahrscheinlich meinem Stiefonkel, der selbst eine Werbeagentur besitzt – außer ihm hatte ich in meinem Freundes- oder Familienkreis keine unternehmerischen Vorbilder; das galt besonders für Letzteren. Meine Familie wuchs im eher unternehmensfeindlichen Umfeld der Sowjetunion auf und durfte erst ab 1989 in Deutschland den Kapitalismus in voller (Schein)blüte erleben.

Manchmal muss dir einfach ein anderer Mensch sagen, dass etwas möglich ist, und wenn dieser Mensch dann auch noch an dich glaubt und dir hilft, können Wunder passieren. Es braucht unglaublichen Mut, neue Wege zu denken, und noch mehr Mut, sie auch zu beschreiten. Ich glaube, dass viele wichtige Vorhaben gar nicht erst entstehen, weil den Menschen irgendeine Form des Sprichworts »Schuster, bleib bei deinen Leisten« zu schnell über die Lippen rutscht. Es sind nur Worte, aber sie können Träume und Ideen zerschmettern. Wenn man aber dagegen einen kleinen Teil dazu beigetragen hat, dass jemand sich selbst verwirklicht, fühlt sich das großartig an! Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: Neben meiner eigenen Tätigkeit als Gründer ist für mich die wahrscheinlich zweitschönste Erfahrung, andere Menschen aufblühen zu sehen, wenn sie ihre Projekte und Visionen – und damit meine ich ganz bewusst nicht nur innerhalb eines unternehmerischen Umfelds – umsetzen. Dieses Funkeln in den Augen und die mitreißende Energie, die dabei frei wird, sind reine Magie.

Ich hatte jedenfalls Glück. Mein Stiefonkel ermutigte mich nicht nur dazu, eine Firma zu gründen, sondern half mir auch bei der Gestaltung meines ersten Firmenauftritts in Form eines Flyers. Mein Jugendzimmer mutierte zum Büro mit Profi-Pinnwand und den typisch amerikanischen Motivationspostern, auf denen Begriffe wie »Passion!« zu finden waren. Ich hatte sogar eine Webseite sowie einen eigenen Telefonanschluss. Ich war 19 Jahre alt und hatte mein erstes eigenes Business.2 Ich liebte die Vorstellung, dass eine Tätigkeit, die mich so erfüllt, nicht nur ein Hobby bleiben muss, sondern zu meiner Hauptbeschäftigung nach dem Abitur werden könnte. Die Tatsache, dass meiner Investition von fünfhundert D-Mark nur eine zahlende Kundin gegenüberstand, die mir einhundert D-Mark Umsatz bescherte, spielte damals keine Rolle. Umsatz und alle anderen Kennzahlen wie Anzahl der Mitarbeitenden und so weiter, die für mich einige Jahre später so bedeutsam werden sollten, waren irrelevant. Erst recht, als ich erfuhr, dass die besagte (erste und einzige) Kundin durch meine Hilfe bei den Bewerbungsunterlagen ihre Traumausbildungsstelle ergattern konnte.

Wie bitte also kommt man von dieser romantischen Gründungsgeschichte aus dem Kinderzimmer zu dem Credo »Mit dreißig Millionär«, das so gar nichts mit Leidenschaft zu tun hat? Wie kommt man von einem Traum und Idealismus zu den drei Worten, die wahrscheinlich den besorgniserregenden Zustand und die Machtverhältnisse unserer Welt ziemlich gut erklären?

Nach der ersten Gründung wusste ich: von diesem Gefühl der Wirksamkeit, der Selbstverwirklichung, aber auch der Freiheit will ich mehr. Aber worin genau bestand dieses Gefühl? Wie nennt man das, wenn man einfach etwas unternimmt? Da damit offensichtlich Geld verdient wird, war »es« schnell als wirtschaftliche Tätigkeit und Unternehmertum identifiziert.

Diese Klassifizierung wiederum half mir dabei, Vorbilder zu finden. Und da ich unglaublich wissbegierig war – eine Eigenschaft, die man mir übrigens in meiner Schulzeit nicht gerade nachsagen konnte, verschlang ich die Biografien meiner damaligen Helden: Richard Branson, Jack Welch, Hasso Plattner, Bill Gates und Warren Buffet. Alle männlich. Alle weiß. Natürlich.

Zu dieser Zeit leistete ich in den USA meinen alternativen Zivildienst in einem Dorf für Kinder mit Behinderungen und zog mir zudem reihenweise typisch amerikanische Pseudo-Wirtschaftsbücher rein. Sie trugen bedeutsame Titel wie 48 Laws of Power oder der Klassiker Rich Dad, Poor Dad, der sich weltweit mehr als 32 Millionen Mal verkaufte. Aber auch Sun Tzu – Die Kunst des Krieges für Anleger war dabei, und ich musste beim Schreiben gerade laut über mein jüngeres Ich lachen, als ich die Beschreibung dieses Buches noch mal auf Ecosia nachschlug: »Ein starkes Konzept für alle Anleger! Sie werden überrascht sein, wie nahe sich Krieg und Börse stehen …«

Ich verschone euch jetzt damit, euch mit einer ausführlichen Zusammenfassung dieser Bücher zu langweilen. Sie drehen sich alle im Wesentlichen um das in Stein gemeißelte Narrativ, dass man nur den Shareholder Value, also den Unternehmenswert, steigern muss, wovon automatisch die ganze Welt profitiert. Dass man dafür Strategien und Vokabular aus dem Krieg verwendet, wird als geradezu logisch verkauft, weil Wettbewerb Krieg ist, und Konkurrenz belebt ja bekanntlich sowieso das Geschäft. Alles für eine gute Sache natürlich. Denn am Ende werden Konsument_innen mit dem besseren und sogar günstigeren Produkt belohnt, und unser aller Wohlstand, der sich eindeutig am Anstieg des Bruttoinlandsprodukts festmachen lässt, steigt und steigt, generiert durch unbegrenztes Wachstum. Der Staat spielt eine Nebenrolle und hält sich dabei am besten schön raus. Das Paradigma von Nobelpreisträger Milton Friedman, dass der freie Markt alles regelt, einhergehend mit seiner Doktrin, dass ein Unternehmen nur seinen Anteilseigner_innen verpflichtet ist und nicht etwa seinen Mitarbeiter_innen, geschweige denn der Gesellschaft, ist auf jeder dritten Seite in all diesen Büchern herauszulesen. Ach ja, und natürlich ist jeder Mensch seines Glückes Schmied. Der amerikanische Traum, es vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen, trieft aus allen Fasern der schwarz-weiß bedruckten Seiten. Wem es nicht gelingt, ein »Rich Dad« zu werden, hat einfach nicht hart genug gearbeitet oder die falsche Einstellung, denn die Möglichkeiten zum Aufstieg sind für alle gleich …

Ich folgte all diesen Glaubenssätzen und Geschichten, und für mich war klar: Wenn ich spätestens mit dreißig Jahren Millionär werden will, dann muss ich gut im »Unternehmersein« werden. Und wenn es mir gar gelingt, Milliardär zu werden, indem ich ein sogenanntes Unicorn erschaffe3, der feuchte Traum schlechthin aller Silicon-Valley-Jünger, dann habe ich das Kapitalismusspiel gewonnen. Wenn ich ein Unternehmen gründe, das möglichst schnell möglichst viel wert ist, darf ich mich nicht nur selbst verwirklichen und stinkreich nennen, sondern erhalte auch noch unermessliche Anerkennung von der Gesellschaft, weil ich durch die Schaffung von Arbeitsplätzen das Leben so vieler anderer Menschen besser gemacht und den Wohlstand vermehrt habe.

Das klang für mich superlogisch. Und auch während meines Studiums International Business, das ich nach dem Zivildienst im Jahre 2003 in Maastricht begann, wurde zu 98 Prozent diese Herangehensweise gepredigt. Die restlichen zwei Prozent entfielen auf einen zweiwöchigen Kurs zu Ethik im Business oder so was Ähnlichem. Dass in diesen Studienrichtungen eine bestimmte Haltung geformt und gefördert wird, zeigt übrigens eine Studie unter Wirtschaftsstudent_innen in Israel: die Relevanz altruistischer Werte wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Loyalität nimmt im Laufe des Studiums bei den meisten Student_innen ab.4

Auch in der Berliner Gründerszene (ich benutze hier bewusst die männliche Formulierung, da es nur vier Prozent rein weibliche Gründerteams gibt) sah es nach meiner Studienzeit und erster Berufserfahrung in Unternehmensberatungen nicht anders aus. Die unglaubliche Leidenschaft und Energie, die ich seit meiner ersten Unternehmensgründung mitbrachte, waren teilweise noch da, aber immer mehr wichen sie rationalen, nüchternen und eher kalten Geschäftsmodelloptimierungen. Es waren die drei Samwer Brüder, die das Modell zur Perfektion trieben. Erfolgreiche amerikanische Digital-Start-ups wurden eins zu eins für den deutschen Markt kopiert, und zwar so schnell und »nachhaltig«, dass manches Mal sogar der Quellcode von amerikanischen Webseiten recycled wurde. Ja, hey, auch die höchst kreative Vermarktungsstrategie von nicht gerade günstigen SMS-Klingeltönen an Minderjährige auf einem Musiksender steigert ja im Sinne von Friedman den Unternehmenswert (der Verkauf der Jamba GmbH an Verisign, Inc. brachte im Jahr 2004 übrigens 273 Millionen Dollar). Diese Gründerpersönlichkeiten waren und sind teilweise noch heute die Helden vieler junger Gründer_innen. Und die sogenannte Old Economy? Die mochten Gründer wie die Samwers nicht besonders, weil sie mit ihrem Inkubator Rocket Internet SE alte Geschäftsmodelle attackierten – und bewunderten sie dennoch heimlich für ihren Erfolg und ihre Aggressivität.

Und ich? Landete am 1. Januar 2008 in der Saarbrücker...


Zeiler, Waldemar
Waldemar Zeiler, geboren 1982 in der weiten Steppe Kasachstans, stellt die Wirtschaftswelt auf den Kopf: Er ist Purpose Unternehmer, Serienscheiterer und Möchtegern-Speaker. Zeiler ist Chief Executive Unicorn des „fairstainable“ Unternehmen Einhorn Products, welches er mit Philip Siefer gegründet hat, das verschiedene Untenrum-Produkte wie vegane Kondome, Menstruationstassen und Tampons vertreibt. Seine Einho¨rner arbeiten selbstbestimmt ohne Hierarchien, wann sie Lust haben und von wo sie wollen, und bestimmen ihr Gehalt weitestgehend selbst. Deswegen gehört die unverkäufliche Firma inzwischen auch sich selbst. Zeiler hat International Business in Maastricht und Manila studiert und im Anschluss erst in einer Unternehmensberatung gearbeitet, dann u.a. mit dem Berliner Inkubator Rocket Internet und Team-Europe Start-ups gegründet.

Höftmann, Katharina
Katharina Höftmann Ciobotaru, geboren 1984 in Rostock, ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2011 hat sie acht Sachbücher und Romane veröffentlicht, darüber hinaus arbeitet sie als Journalistin und schreibt Texte für Die WELT, Welt Online, Jüdische Allgemeine, Edition F und andere renommierte Medien. Höftmann Ciobotaru hat ein Diplom in Arbeits- und Organisationspsychologie. Nach dem Studienabschluss war sie zunächst als Beraterin für politische Kommunikation und Lobbyismus bei der renommierten Agentur Scholz & Friends tätig und ging schließlich im März 2010 als Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Programm für Wissenschafts- und Auslandsjournalismus nach Israel.



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