E-Book, Deutsch, 178 Seiten
Zeumer / Körner Erinnerungen an Africa - Mais Memórias
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7276-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weitere Geschichten aus den Jahren 1978 bis 1988
E-Book, Deutsch, 178 Seiten
ISBN: 978-3-6957-7276-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karl Zeumer (Jahrgang 1939) absolvierte zunächst in der Nachkriegszeit der 1950er Jahre eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugschlosser und anschließend ein Abendstudium der Kraftfahrzeugtechnik. Diese Fähigkeiten waren in der neu entstehenden DDR gefragt, insbesondere auch für die Unterstützung "befreundeter Staaten". Und so begann nach einer Fremdsprachenausbildung in Portugiesisch 1977/1978 die 10-jährige Tätigkeit für den Kundendienst des damaligen IFA-Automobilwerkes Ludwigsfelde in Africa. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten setzte er seine Tätigkeit in der Vertriebsabteilung der Kögel-Fahrzeugwerke AG Ulm im Werk Werdau (Sachsen) bis zum Ruhestand fort.
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2 Angola: Luanda - die Hauptstadt - und Manauto 5, 1984
Erste Januarwoche 1984, auf ins Automobilwerk Ludwigsfelde zur Abrechnung der letzten Dienstreise. Die „Würfelspieler“ im Kundendienst hatten schon für mich gewürfelt. Mich traf es wie ein Schlag in die Magengrube. Luanda, die Hauptstadt von Angola, sollte es diesmal sein. So eine Schei... Aber was hilft es! Also auf in den sozialistischen Massenbetrieb mit etwa zehn Mann an Dienstreisenden plus einer FDJBrigade aus dem Automobilwerk Ludwigsfelde, die dort ebenfalls eingesetzt war. Die Devise: Das Beste daraus machen.
Außerdem war da ja noch Jochen, den ich noch von Januar 1979 kannte und der in Manauto 5 als permanenter Vertreter die Werkstattleitung übernommen hatte und ein erfahrener Außendienstler war. Ein Lichtblick! Und hier kam man immerhin mit 20 Kilogramm Fluggepäck aus. Es gab Versina, das Botschaftsgeschäft, das so ziemlich alles Lebensnotwendige führte. Für das Mittagessen der beschäftigten Kundendienstmitarbeiter war ebenfalls gesorgt. Somit ein kleiner VEB-Betrieb in Luanda, aber ohne „Gewerkschaft, Parteilehrjahr und Kampfgruppe“, jedoch sozialistisch ausgerichtet unter fester Kontrolle vom Chef des Kundendienstes und in Reichweite der DDR-Botschaft. Das war nicht so mein Ding, aber ändern konnte ich es eh nicht.
Jetzt war ich hier und bezog mit einem Kollegen aus Ludwigsfelde ein Zimmer - natürlich mit Aircondition ausgestattet. Was werden mich Fatima im Tropical und die vielen anderen Bekannten in Nampula vermissen. Von Abdul Sacur mit Familie und auch Casilda ganz zu schweigen. Kein Besuch mehr auf der Ilha de Moçambique bei Maho- med Igbal Abdul Gafar, wo sein Koch immer so hervorragende XXLLangusten zubereitet hat.
Ich habe an die näheren Bekannten in Nampula von Luanda aus einige Postkarten geschrieben, die ich direkt über das Hauptpostamt Luanda versendet habe - mit dem unverfänglichen Absender „Carlos der Alemão aus Angola“. Somit bekam ich keine Rückantworten, die mir bestimmt Unannehmlichkeiten bereitet hätten. Dass sie diese Post erhalten haben, berichteten sie mir 1985, als ich wieder in Nampula zum Einsatz kam. Ich habe dieses Nampula sehr vermisst, konnte aber mit niemandem darüber sprechen - aus nachvollziehbaren Gründen. Die freundlichen Herren vom staatlichen „Sicherheitsdienst“ waren sicherlich auch hier unter uns. Nur mit Jochen und seiner Frau unterhielt ich mich Mitte des Jahres darüber.
Damit war meine „zweite Heimat“ für ein ganzes Jahr passé. Erst 1985 konnte ich aufatmen und diese noch zwei Mal wiedersehen. Dann noch ein letztes Mal 1988, aber nur in Maputo. Ein vierwöchiger Abstecher nach Nampula und Beira inklusive, und danach war Afrika endgültig vorbei - für immer.
Aber nun wieder zurück zu Manauto 5, auch mit Manauto cinco bezeichnet, in Luanda. Hier erwarteten mich neue Aufgaben, die ich teilweise schon im Teil 1 „Erinnerungen an Africa“ ausführlich beschrieben habe.
Der Werkstattleiter rief alle Außendienstmitarbeiter und den Leiter der FDJ-Brigade zur ersten „Leitungssitzung“, wenn man es so nennen darf, zusammen. Es wurden die Arbeitsaufgaben besprochen und festgelegt, wer welche Tätigkeiten übernimmt. Mit einem Kollegen aus der FDJ-Brigade bekam ich die Aufgabe, das Ersatzteillager auf Vordermann zu bringen, wie man so schön sagt. Dies sollte meine Dienstreise über die zehn Wochen ausfüllen. Nach drei Wochen wendete sich zum Glück das Blatt, und es kamen Aufgaben, die mir mehr zusagten. Das Ersatzteillager in „Viana“, einem Teilbetrieb mit einem Abstellplatz für neu angekommene Fahrzeuge, wurde mein neues Betätigungsfeld. Dieser Teilbetrieb war circa 28 Kilometer von Manauto 5 entfernt. Somit hatte ich ein Fahrzeug, um diesen Arbeitsort zu erreichen. Zugeordnet waren mir zwei junge Burschen der FDJ-Brigade aus dem Automobilwerk Ludwigsfelde, ausgestattet mit viel Eifer und voller Tatendrang. ’Na sollen sie mal’, waren meine Gedanken, nachdem ich sie zwei Wochen lang eingewiesen hatte.
Das Wochenende war frei, da die Arbeitszeitregelung wie in der DDR galt. Mehrere Stadtbesuche in Luanda mit seinem wilden, chaotischen Verkehr, viel Dreck und Müll und riesigen Slums am Stadtrand brachten einen völlig anderen Eindruck als das beschauliche Nampula. Aber es brachte auch die Erkenntnis, wie wichtig es war, Beziehungen aufzubauen.
Dabei kam mir, wie so oft in Afrika, der Zufall zu Hilfe. Ich stand mit dem IFA-PKW nicht weit von einer brennenden Müllhalde, sah dem Treiben der Frauen zu und schoss einige Fotos. Sie suchten im Müll nach verwertbaren Materialien: Papier, Plastik, Metall, leere Konservendosen und auch Essensreste, wenn sie nicht schon die Ratten gefressen hatten. Die Armut und das Elend spürte man hier hautnah. Dort sprach mich ein älterer Herr mit heller Hautfarbe an, der das IFA-Logo auf dem Lada-PKW sah. Er wäre ein Österreicher und lebe schon lange in Luanda. Er habe eine Wurstfabrik hier in Luanda. Da habe ich gleich die Ohren aufgestellt. Er erklärte mir den Weg zur Firma, was ich aber nicht so richtig verstand. Dann übergab er mir seine Visitenkarte. Nachdem er weggefahren war, stellte ich mir die Frage: „Was war das jetzt? Kann man hier etwas organisieren, braucht man etwas von dieser Firma, ist das überhaupt erwünscht oder gibt es Ärger?“ Es war kein Nampula, aber versuchen konnte man es ja bei passender Gelegenheit einmal.
In Manauto 5 angekommen, sprach ich mit unserem Werkstattleiter. Da er selbst viele Jahre im Außendienst war, konnte man mit ihm darüber reden. Er wusste, wie der Hase in so einem Fall lief, konnte aber in seiner jetzigen Position solche Dinge selbst nicht angehen. Also, auf einen anderen verlassen und schweigen, wie das als Einzelkämpfer im Außendienst üblich war.
Was sagt mir diese Visitenkarte? „Josef Lechner - Fleisch- und Wurstfabrik, Am alten botanischen Garten, Luanda, RPA.“ Mit dem Werkstattleiter unter vier Augen gesprochen: Das Unternehmen einfach besuchen und alles sondieren, war seine Meinung. Gesagt, getan - und eine telefonische Anmeldung erreicht. Die Telefonverbindungen funktionierten wider Erwarten sehr stabil.
Einige Tage später zu Senhor Lechner gefahren - mit IFA-Wimpel zum Aufstellen für Schreibtisch und einem großen W50-Poster ausgerüstet. Nach längerem Suchen, mehrmaligem Verfahren und Nachfragen gefunden. Ein Navi war zu der Zeit ja noch ein ferner Traum. Erster äußerer Eindruck des Gebäudes: positiv. Auf ins Vorzimmer, in dem eine etwas kräftige, dunkle, durchaus hübsche, sehr freundliche Angolanerin saß. Da die Tür zum Zimmer von Senhor Lechner offenstand, kam er gleich entgegen. „Na, gefunden bei diesem chaotischen Verkehr?“ Während ich mich noch ärgerte, dass ich kein kleines Präsent für die Sekretärin dabei hatte, sagte er: „Wir können ja Deutsch reden.“
Zuerst eine längere Unterhaltung darüber: „Warum ausgerechnet Angola?“ Sein Vater musste 1945 aus Österreich nach Portugal fliehen und ging später nach Angola, sagte er mir. Ich fragte nicht nach den Gründen, obwohl es mich brennend interessiert hätte. Seine Mutter sei mit ihm als junger Pimpf, wie er sich ausdrückte, 1948 nach Portugal ausgewandert und weiter in die damalige portugiesische Kolonie Angola. Eine klassische Zusammenführung der Familie, würde man heute sagen. Die Eltern haben dann diese kleine Firma in Luanda aufgebaut. Jetzt hat er die Sorgen, dass diese marxistische Regierung alles enteignet. Ich beruhigte ihn, dass in Ostdeutschland kleine Betriebe auch nicht enteignet wurden. Was später wird, kann man heute noch nicht sagen.
Nachdem zwei Tassen vom starken angolanischen Kaffee geleert waren, zeigte er mir einen Teil des Betriebes. Ich wollte ja wissen, wie die hygienischen Bedingungen aussahen. Er zeigte mir die Verpackungsabteilung und den Vertrieb, die ich in einem tadellosen Zustand vorfand. Weitere Besichtigungen wären nicht erforderlich, meinte er. Ich konnte auch nicht weiter mit ihm darüber reden, um ihn zu überzeugen, doch noch andere Abteilungen zu besuchen. Damit war ich so schlau wie vorher, bedankte mich und fuhr wieder nach Manauto 5.
Nach meiner Rückkehr habe ich mit dem Werkstattleiter gesprochen - wir waren uns einig, keine Versuche mehr zu unternehmen. Man musste ja die hygienischen Bedingungen in so einem tropischen Land beachten, und man war ja auch für die Gesundheit der Kollegen verantwortlich.
Diese Reise endete in Berlin-Schönefeld. Ein Erlebnis war dieser Einsatz nicht. Aber vielleicht würde der nächste Einsatz besser werden?
Nach vierzehn Tagen meldeten sich die „Würfelspieler“ wieder. Was würde man wohl diesmal für mich im Angebot haben? Ich ahnte es bereits: erneut Angola, Luanda und Manauto 5. Nach neun Stunden Flug stand ich mit meinem zwanzig-Kilogramm Koffer und der Umhängetasche in Luanda auf dem Flughafen, bei herrlichem Herbstanfang hier, Mitte März. Ich wurde in das Motel von Manauto 5 gefahren, Begrüßung, Zimmer bezogen - aber ich rief nicht wie damals in Nampula: „Ich bin wieder hier, hier will ich bleiben.“ Das war...




