E-Book, Deutsch, 80 Seiten, Format (B × H): 138 mm x 208 mm
Ziegert Der erzählte Gott
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7655-7744-4
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was uns die Alltagssprache im Alten Testament über Gott verrät. "Barmherzigkeit", "Gnade" und "Güte" sind bekannte religiösen Begriffe. Aber was sagen sie wirklich über Gott?
E-Book, Deutsch, 80 Seiten, Format (B × H): 138 mm x 208 mm
ISBN: 978-3-7655-7744-4
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Carsten Ziegert, Jahrgang 1970, hat von 2009-2015 mit der Organisation Wycliff als Bibelübersetzer im Tschad gearbeitet. Seit 2015 lehrt er Altes Testament und biblische Sprachen an der Freien Theologischen Hochschule Gießen.
Autoren/Hrsg.
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Die Frauen
Der Weg durch die Stadt ist mühsam, die Hitze staut sich in den engen Gassen, es ist noch lange nicht Mittag. Auf den großen Straßen ist es fast genauso eng und heiß, die Eile des Vormittags hat die Morgenstille verschlungen.
Sie muss zum Palast, sie will ihr Kind zurückhaben.
Die Andere trägt den Säugling, mit festem Griff hält sie ihn, sie will ihn nicht wieder hergeben.
Lieber würde sie ihn selbst tragen, zu schön wäre es, wenn die Andere ihn zurückgeben würde. Doch das ist Illusion, denn dann wäre der Weg zum Palast nicht nötig, den beide zusammen gehen.
Der Streit war heftig gewesen. Mit einem toten Kind im Arm war sie am Morgen aufgewacht, aber es war nicht ihr Kind, es war das Kind der Anderen.
Die Andere muss die Kinder ausgetauscht haben, ihr totes gegen das lebende, schlafende, dann war sie in ihr Zimmer zurückgeschlichen.
Natürlich stritt die Andere alles ab, als könnte man sein eigenes Kind nicht erkennen. Sie selbst hatte getobt, das tote Kind im Arm, immer lauter hatte sie geschrien, die Andere war bei ihrer Geschichte geblieben. Doch sie kennt ihr Kind, jetzt hat es die Andere und meint, mit ihrer Lüge würde sie durchkommen.
Aber es gibt Recht und Gesetz in Israel, und es gibt einen unbestechlichen Richter, ausgestattet von Gott mit Weisheit, Gut und Böse zu unterscheiden. Dahin führt ihr gemeinsamer Weg; zum König, der wird ein gerechtes Urteil fällen. Die Andere musste sich mit ihr auf den Weg machen, sie wäre sonst handgreiflich geworden, wenn das Schreien und Toben schon nichts nützt.
Zu dumm, dass man so weit gehen muss, um Recht zu bekommen, bequemer wäre es, wenn ein Mann im Haus wäre, der das Sagen hat.
Immer wieder waren Männer in ihrem gemeinsamen Haus gewesen, natürlich hatte keiner die Aufgabe übernommen, für Recht zu sorgen, sie waren gekommen und schnell wieder gegangen. Das Haus, das sie mit der Anderen zusammen bewohnt, ist ein Gasthaus am äußeren Rand der Stadt, Reisende kehren hier ein, meist nur für eine Nacht. Sie bekommen Unterkunft und Verpflegung; wer mehr zahlt, bekommt weitere Dienstleistungen, die die Betreiberinnen von Gasthäusern in den Städten anbieten.
Die Stadt ist nicht ihre Heimat. Sie verabscheut die Unruhe, die breiten Straßen, die lauten Verkäufer, die auf dem ständig überfüllten Markt ihre Waren anbieten. Ihre Familie hatte ein Landstück besessen im Stammesgebiet von Manasse. Dort war es ruhig. Jerusalem war drei Tagereisen entfernt. Niemand kommt gerne in die Königsstadt. Nicht wenn er stattdessen auf dem Land vor seinem eigenen Haus im Schatten sitzen und den Ertrag seines Feldes genießen kann.
Doch dann kamen die Missernten. Es gab nicht genug Regen, und die Felder trugen nicht. Drei Jahre in Folge. Ihre Familie traf es besonders hart. Sie war fast noch ein Kind, als sie lernte, was Hunger bedeutet.
Dann kam eines Tages Elon vorbei, der reichste Mann des Ortes. Er wolle helfen, sagte er. Das sei seine Pflicht vor Gott. Schließlich habe er Rücklagen, deshalb hätten die Missernten ihn nicht so stark getroffen. Er könne ihrem Vater einen Kredit anbieten. Gott habe ihm viel geschenkt, deshalb sei er verpflichtet, seinen Mitmenschen zu helfen. Die Tilgung des Kredits erwartete er erst nach der nächsten Ernte. Und selbstverständlich verlangte Elon nur wenig Zinsen.
Ihr Vater ging auf Elons Angebot ein. Das war die einzige Möglichkeit, um halbwegs über die Runden zu kommen. Doch im nächsten Jahr gab es wieder eine Missernte, und er konnte den Kredit nicht zurückzahlen.
Irgendwann stand Elon wieder vor der Tür. Man müsse eine Lösung finden, sagte er. Ihr Vater wusste keine. Die Familie war am Ende. Doch Elon wusste Rat. Er kaufte ihrem Vater das Land ab. Mit dem Geld wurden die Schulden bezahlt. Viel blieb davon nicht übrig. Die Familie durfte weiterhin auf dem Grundstück wohnen, arbeitete aber jetzt für Elon. Einen kleinen Teil des Ertrags durften sie behalten, der reichte aber kaum zum Leben.
Die Idee kam ihr ganz unvermittelt, während der Hausarbeit. Sie könnte in die Stadt gehen, um das nötige Geld zu verdienen. In großen Städten gab es viele Möglichkeiten, zu arbeiten. Sie würde bei reichen Leuten im Haushalt helfen. Ihre Familie hätte dann eine Esserin weniger. Vielleicht konnte sie sogar etwas Geld zurücklegen und ihre Familie unterstützen.
Ihre Eltern hatten erst gezögert. Sie hatten andere Pläne für ihre Tochter. Sie war alt genug, um verheiratet zu werden. Doch dann überwog die Verzweiflung, und die Eltern gaben ihre Zustimmung für die Reise in die Stadt.
Mit der nächsten Karawane, die im Ort vorbeikam, zog sie nach Jerusalem. Als sie ankam, begann sie sofort, die Häuser der Reichen abzuklappern. Doch niemand hatte Verwendung für ihre Arbeitskraft.
Am Abend war sie erschöpft und entmutigt. Für den Notfall hatten ihre Eltern ihr etwas Geld mitgegeben. So beschloss sie, die Nacht in einem Gasthaus am Rand der Stadt zu verbringen.
Am nächsten Tag machte sie sich wieder auf die Suche nach Arbeit, wieder ohne Erfolg. Als nach der zweiten Nacht im Gasthaus ihr Geld aufgebraucht war, beschloss sie, die Wirtin um Hilfe zu bitten. Wenn die Reichen niemanden gebrauchen konnten, der im Haushalt half, konnte sie ebenso gut im Gasthaus die Töpfe scheuern und das Essen zubereiten.
Zu ihrer großen Erleichterung war die Wirtin einverstanden. Allerdings konnte sie nicht viel zahlen. Sie hatte aber einen Vorschlag, wie sie genug Geld verdienen könnte. Denn viele der meist männlichen Gäste waren bereit, mehr zu zahlen – dann erwarteten sie aber gewisse Zusatzleistungen.
Erst hatte sie sich gegen den Gedanken gesträubt, dann siegte die Verzweiflung.
Im Gasthaus hatte sie die Andere kennengelernt. Sie bewohnten benachbarte Zimmer, und nach einiger Zeit waren sie so etwas wie Freundinnen geworden; ein Gedanke, der ihr jetzt absurd vorkommt. Gewöhnlich machten sie ihre Hausarbeit im Gasthaus gemeinsam, und sie gingen zusammen zum Markt, wenn eingekauft werden musste. Wenn sie ehrlich ist, muss sie im Nachhinein zugeben, dass sie ihre gesamte Zeit mit der Anderen verbracht hatte – außer, wenn spezielle Kundschaft kam.
Beide waren zur selben Zeit schwanger geworden, beide waren Mutter eines Sohnes geworden, ebenfalls zur selben Zeit. Beide freuten sich über die Perspektive, später, wenn sie alt wurden, von einem Sohn und dessen Familie aufgenommen und versorgt zu werden.
Zwei Mütter, zwei Söhne, beide schienen von Gott gesegnet zu sein. Doch einer der Säuglinge ist jetzt tot, und das ist der Grund, warum sie gemeinsam auf dem Weg zum Königspalast sind, sie selbst voller Zorn, die Andere mit dem lebenden Kind, das ihr nicht gehört.
Endlich lässt man sie herein, die Schlange ist lang, alle haben irgendein Anliegen. Belästigen den König, verlangen ihr Recht, doch was ist wichtiger als ein totes Kind? Oder ein lebendiges Kind, gestohlen von der Anderen?
Sie stellen sich an, reihen sich ein in die Menge der Bittsteller, die Andere trägt das Kind, sie blicken sich nicht an, aus Gefährtinnen sind Gegnerinnen geworden.
Nur ab und zu ein scheuer Blick auf das eigene Kind. Dass es friedlich schläft in den Armen der Anderen, macht sie rasend. Sie kann nicht zeigen, was sie fühlt, nicht hier im Palast des Königs.
Stunden später stehen sie vor dem Thron, lang lebe der König; Jahwe, der Gott Israels, gebe ihm Weisheit zum Rechtsspruch. Ein Kind, gestorben? Der König scheint nicht zu verstehen; ein Kind, ja, ihr Kind, es lebt, das Kind der Anderen ist tot.
Verwirrt scheint der König, als die Andere sich einschaltet, ihr Kind lebe, ja, es sei ihres, das sie an der Brust trage, der König möge nur sehen, wie ähnlich es der Mutter sei.
Aber dies ist nicht die Mutter, Jahwe sei ihr Zeuge, in der Tat, das Kind ähnelt der Anderen, ganz entfernt nur, in Wirklichkeit ist es ihr Kind, ihr eigenes, die Andere hat es gestohlen.
Die Verwirrung wächst im Blick des Königs; sollte nicht die Weisheit Gottes aus seinen Augen leuchten?
Er blickt sie an wie ein junger Esel, dem man abwechselnd von beiden Seiten einen Sack nach dem anderen auflädt; bald bricht er zusammen unter der Last, die zu schwer ist für den mageren Körper.
Der Blick des Königs wechselt von Erstaunen zu Verzweiflung, als die Andere auf ihn einredet, das Kind sei ihres, sie selbst stimmt ein, nein, das tote Kind ist das der Anderen, das lebende ist ihres. Einen Augenblick steht die Zeit still, das Bild des Esels vor ihrem inneren Auge ist erstarrt. Dann gehen die Bilder ineinander über, der Esel mit den Säcken auf dem Rücken, der König auf seinem Thron, der Blick starr. Mit jedem Wort der beiden Mütter, die jetzt hemmungslos und...




