Ziegler | DER TOD IM DOM | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 146 Seiten

Ziegler DER TOD IM DOM

Ein Kriminal-Roman aus Köln
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7554-3182-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Kriminal-Roman aus Köln

E-Book, Deutsch, 146 Seiten

ISBN: 978-3-7554-3182-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Harry Hendriks, Bonvivant und Taschendieb, sieht sich nach einem miserablen Tag einer männlichen Leiche gegenüber, just in dem Moment, als er den vermeintlich Schlafenden bestehlen will - und wird selbst des Mordes beschuldigt. Und er trifft die Kunststudentin Anja aus Leipzig, die sich auf den ersten Blick in Harry verliebt. Beide heften sich gemeinsam an die Fersen der Täter - und werden nun selbst verfolgt. Eine Liste von Namen und Adressen, ein paar Handgranaten, eine Pistole Marke Makarov und Kleidung aus ostdeutscher Produktion geben die Route einer irrwitzigen Hetzjagd durch ganz Deutschland vor. Diese Spur führt zu illegalen Geschäften und gefährlichen Umtrieben ehemaliger Stasi-Mitarbeiter, bei denen es auch um sehr viel Geld geht...    Der Tod im Dom  , der erste Köln-Krimi von Bestseller-Autor Thomas Ziegler, erscheint als durchgesehene Neuausgabe im Signum-Verlag.

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  Zweites Kapitel
    Wenn es etwas gibt, das ich an mir hasse, dann meinen unglückseligen Hang zu spontanen Entscheidungen, und als Frühgeburt weiß ich, wovon ich rede. Statt die vollen neun Monate sicher und geborgen im Bauch meiner Mutter zu verbringen, wie es jedes halbwegs normale Baby getan hätte, kam ich spontan sieben Wochen zu früh zur Welt, und ich bereute es sofort. Sensibel wie ich war, erschien mir die Welt als böser, feindlicher Ort, hässlich und von fragwürdigen Leuten bewohnt und - wie ich später feststellen musste - auch noch ziemlich teuer. Ich schrie wie am Spieß, aber meine Reue kam zu spät. Als ich mit der amerikanischen Touristengruppe in den Dom schlüpfte, hielt ich dies für einen genialen Einfall. Meine Lage war nicht unbedingt rosig, und mir dämmerte inzwischen, dass ich in größeren Schwierigkeiten steckte als je zuvor. Mit meinem Gipsarm hatte ich nicht nur einen guten alten Freund und Partner verloren, sondern auch jede Hoffnung auf ein Weiterleben in der Legalität. Schließlich hatte ich ihn eigenhändig modelliert und dabei schätzungsweise hunderttausend Fingerabdrücke in Gips hinterlassen. Die Bullen mussten sie nur mit denen in ihrer Kartei vergleichen, und Harry Hendriks, Taschendieb und Lebenskünstler, war erledigt. Bedrückt blieb ich in der zwielichtigen Vorhalle zwischen den beiden Westtürmen stehen und knöpfte meinen Mantel auf, um meinen rechten Arm in den verräterisch leeren Ärmel zu schieben. Während ich darauf wartete, dass sich mein jagender Herzschlag wieder beruhigte, blickten die Steinfiguren an den Wänden mit bekümmerten Gesichtern auf mich herab, als wollten sie meine düsteren Ahnungen bestätigen. Diesmal würde ich nicht mit einer Bewährungsstrafe davonkommen wie beim letzten Mal vor zwei Jahren, als ich irrtümlich einem Kripobeamten in die Tasche gegriffen hatte. Diesmal wartete der Knast auf mich. Oder die Klapse, wenn ich das Geld für einen guten Anwalt hatte und auf Kleptomanie machte, aber ich hatte noch nicht einmal das Geld für einen schlechten Anwalt. Meine einzige Hoffnung war dieser Bonsai-Pudel. Vielleicht war er ja mit meinem Gipsarm durchgebrannt und zernagte ihn in irgendeiner dunklen Ecke bis zur Unkenntlichkeit. Doch bei meinem Glück schleppte er ihn wahrscheinlich geradewegs zum Präsidium am Waidmarkt, um ihn bei der Spurensicherung gegen einen dicken Knochen einzutauschen. Mir blieben nur noch Stunden, im besten Fall ein paar Tage, um mich nach Ibiza abzusetzen, aber dafür brauchte ich Geld. Und woher nehmen, wenn nicht stehlen? Kaum hatte ich ans Stehlen gedacht, hörte ich hinter mir schnelle Schritte. In meiner Panik zuckte ich zusammen und erwartete schon die rachsüchtige Hand des Gesetzes im Genick zu spüren, doch es war nur ein eiliges Ehepaar mittleren Alters, das mit einem Kunstführer bewaffnet an mir vorbei ins Mittelschiff rauschte und beim Anblick des imposanten, von mächtigen Säulen gestützten Gewölbes ergriffen stehenblieb. Ich warf einen raschen Blick nach draußen auf die Domplatte. Kein Bulle weit und breit. Vielleicht hatten sie die Verfolgung aufgegeben. Aber darauf konnte ich mich nicht verlassen. Besser, ich blieb noch eine Weile im Dom, ehe ich mich wieder in die Öffentlichkeit wagte, und kümmerte mich um meine Reisekasse. Ibiza war teuer, und ich hatte heute noch keine müde Mark verdient. Meine Blicke kehrten zu dem Ehepaar zurück, das vor lauter Ergriffenheit den Fehler machte, mir den Rücken zuzudrehen. Die beiden wirkten wohlgenährt und wohlhabend genug, um einen kleinen Beutezug zu riskieren. Aber ich musste vorsichtig sein. Und schnell. Ohne Gipsarm kam es allein auf meine Fingerfertigkeit an. »Kolossal«, sagte der Mann und blätterte geschäftig in seinem Kunstführer. »Über 400.000 Kubikmeter umbauter Raum. Das muss man sich vorstellen! Allein das Mittelschiff ist fast 120 Meter lang und 45 Meter breit. Einfach gigantisch!« »Mir tun die Füße weh«, klagte die Frau. »Mit diesen Füßen kann ich unmöglich noch 120 Meter weit latschen.« »Man könnte hier Fußball spielen«, fuhr ihr kunstsinniger Mann begeistert fort, ohne sich um die Fußprobleme seiner Gattin zu kümmern. »Groß genug ist es ja. Die Säulen müssten dann natürlich weg.« Er blätterte wieder in seinem Kunstführer und spähte dann zum Triforium hinauf. »Da oben im Zwischengeschoss ist ein Laufgang. Könnte die Tribüne werden. 20 Meter über dem Spielgeschehen. Großartiger Überblick.« »Also, ich steig’ da nicht rauf«, sagte die Frau und nieste. »Das machen meine Füße wirklich nicht mehr mit.« Sie klappte ihre Handtasche auf und zog eine Packung Tempo hervor. Ich schlenderte näher und blickte prüfend in die Tasche. Zwischen allerhand gebrauchten Tempotüchern entdeckte ich ein ziemlich abgegriffenes, aber prall gefülltes Portemonnaie. Meine Finger zuckten. Der Mann war noch immer mit dem Triforium beschäftigt, die Frau mit ihrer laufenden Nase und ihren müde gelaufenen Füßen. Im Vorbeigehen angelte ich mir das Portemonnaie und ging eilig weiter, aber sie hatte nicht einmal bemerkt, dass es mich gab. »700 Jahre Bauzeit«, sagte der Mann erschüttert. »Unvorstellbar!« »Na, wir warten auch schon seit Monaten auf die Handwerker«, meinte die Frau. Sie schneuzte sich. »Und Gott allein weiß, ob sie jemals kommen werden.« Als sie ihr gebrauchtes Tempo achtlos zu den anderen in die Handtasche warf und die Tasche zuklappte, war ich längst hinter der nächsten Säule verschwunden. Ich öffnete das Portemonnaie und fand meine hochgeschraubten Erwartungen brutal enttäuscht; eine Handvoll Kupfergeld und ein zerknittertes Rezept für ein medizinisches Fußpflegemittel war alles, was ich erbeutet hatte. Frustriert stiefelte ich zum nächsten Opferstock und warf das Portemonnaie hinein. Vielleicht hatte Gott nach dieser kleinen Spende ein Einsehen und sorgte bei den nächsten Opfern für volle Börsen. Notfalls war ich auch zu einem Gebet bereit. Oder einer Pilgerfahrt - am besten nach Ibiza. Ich grinste teuflisch die Heiligenfiguren an den Säulen an und wandelte weiter suchend durch die Arkaden. Im südlichen Seitenschiff stieß ich wieder auf meine amerikanischen Touristen, die mit lauten Ohs, Ahs und Wows die monumentalen Glasmalereien an den Fenstern bestaunten. Unauffällig mischte ich mich unter sie, griff blitzartig in zwei Mäntel und eine Handtasche, die ich erst nach tollkühner Fummelei öffnen konnte, und verschwand wieder hinter einem der Pfeiler, um die Beute zu sichten. Das Ergebnis war niederschmetternd. Ein paar Kaugummis im täuschend echten Kreditkartenformat, zwei zerknitterte Zwanzigmarkscheine, ein leeres Reisescheckheft und eine abgewetzte schweinslederne Brieftasche ohne jeden Inhalt, wenn man von einer abgelaufenen Kundenkarte des Kaufhauses Macy/L. A. absah, die mir nicht einmal dann geholfen hätte, wenn sie noch gültig gewesen wäre. Wenn nicht bald ein mittleres Wunder geschah, konnte ich Ibiza vergessen. Dann blieb mir nur noch die Hoffnung auf die Klapse. Ich streunte eine Weile im südlichen Seitenschiff herum, aber der Besucherstrom versiegte merklich, und von den Leuten, die mir begegneten, sah keiner aus, als hätte er genug Geld in der Tasche, um mir das Taxi zum Flughafen zu finanzieren, vom Ticket nach Ibiza ganz zu schweigen. Kurz entschlossen machte ich mich auf den Weg zur Schatzkammer auf der anderen Seite des Doms. Schätze waren genau das, was ich jetzt dringend brauchte. Als ich eine der mächtigen Säulen umrundete, die das Gewölbe des Langhauses stützten, und in den düsteren Chorumgang bog, stolperte ich fast über Anja Behrens. Sie war eine pummelige Blondine mit einem göttlichen Hinterteil, das sie schamlos in die Höhe streckte, während sie auf allen vieren über den kalten Steinboden kroch. Sie trug Jeans, ein T-Shirt mit der Aufschrift Go West!, eine bananengelbe Öljacke und eine erschreckend monströse Hornbrille mit astronomisch dicken Gläsern, wie man sie sonst nur noch in den Parabolspiegeln großer Sternwarten findet. Ihr Gesicht war voll und nicht ohne Liebreiz, vorausgesetzt, man hatte etwas für Madonnen mit Babyspeck und eulenhaftem Blick übrig, und sie starrte mich wie eine überirdische Erscheinung an, was mich in Anbetracht meines teuflisch guten Aussehens aber nicht wunderte. »Haben Sie was verloren?«, fragte ich freundlich. »Vielleicht den Verstand?« »Ich gugge nur«, sagte sie und starrte mich weiter an. Ich hatte nicht die blässeste Ahnung, was sie damit meinte. Wahrscheinlich war sie meschugge. Alle Frauen, die ich bisher kennengelernt hatte, waren meschugge gewesen, und es gab keinen Grund, warum ausgerechnet dieses blonde Pummelchen normal sein sollte. »Ich gugge mir den Boden an«, fügte sie hinzu. »Ist ja großartig.« Sie war also tatsächlich meschugge. Aber vielleicht war sie ja reich. Interessiert beugte ich mich zu ihr hinunter. »Und was gibt’s da so Faszinierendes zu gucken?« »Ja, sähnse nicht das Mosaik? Der Entwurf stammt von August Essenwein, 1885 bis 1892, die Ausführung von Villeroy und Boch.« Sie blieb knien, ergriff aber meine Hand und schüttelte sie, als wollte sie mir den Arm auskugeln. »Ich bin Studentin der Kunsthistorik. Anja Behrens aus Leipzig.« Eine Ossi. Mein ohnehin nur schwach ausgeprägtes Interesse erlosch schlagartig. Ich entzog ihr meine Hand. Eigentlich hatte ich ihr damit unauffällig in die Taschen ihrer Öljacke greifen wollen, aber so, wie ich diese Ossis kannte, hätte ich dann noch draufzahlen müssen. Mit einer Geschicklichkeit, die ich ihr niemals...



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