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E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Ziegler Keine Zeit für Junge Pioniere
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7631-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-6957-7631-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor Hartmut Ziegler wurde 1947 in Halle / Saale geboren, wo er heute noch lebt. Seine Mutter, alleinerziehend, Umsiedlerin aus Schlesien, kam 1945 mit ihrer einjährigen Tochter nach Mitteldeutschland. Während sie arbeitete, war der Autor in kommunaler Obhut. Kinderkrippe, Kindergarten, Schulhort bis zum zehnten Lebensjahr. Besuch der Zehnklassigen Polytechnischen Oberschule. Lehre zum Werkzeugmacher und Ingenieurstudium in Leipzig. Ab 1971 ingenieurtechnische Tätigkeiten in der Chemie- und Zementindustrie, im Anlagenbau in Niedersachsen und als Bauleiter im Gerüstbau. Im Kindes- und Jugendalter konnte sich Hartmut Ziegler in verschiedenen Sportvereinen ausprobieren. Über den Pferdesport kam er zum Modernen Fünfkampf. In dieser Sportart hatte er nationale und internationale Wettkämpfe. Hartmut Ziegler wandte sich in späten Jahren in einem Freundeskreis der Lyrik zu und schreibt Gedichte.
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Flucht
Erna, 25 Jahre, die zweite von vier Schwestern, war mit ihrer einjährigen Tochter Dorothea in den Wirren des Krieges mit einem Flüchtlingszug aus Schlesien, dem Warthegau, in Mitteldeutschland, in Halle / Saale angekommen. Es war der 9. April 1945.
Die Flucht vor der Roten Armee aus ihrer Heimat ging in Etappen über mehr als zwei Wochen in eine ungewisse Zukunft.
Ihre Heimat war ein kleines Dorf im einstigen Polnischen Korridor, ein Landstreifen in Schlesien, der von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges der „Zweiten Polnischen Republik“ zugesprochen wurde.
Mit der Übernahme dieses Landstreifens am 1. Januar 1920 erhielt Polen einen Zugang zur Ostsee.
Die Bewohner lebten von heute auf morgen in Polen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr Dorf Katschkau hieß von nun an Kaczkowo. Es war erst Mitte der zwanziger Jahre an das elektrische Netz angeschlossen worden. Mit der Elektroenergie kam auch das erste Radio nach Kaczkowo. Eine Sensation, die bei einem wohlhabenden Bauern des Dorfes zu bestaunen war. Ein Kasten, kein Grammophon, aus dem Ansagen oder Musik zu hören waren. Die neugierigen Dorfbewohner waren dem Bauern dann manchmal doch zu viel. Das Problem löste sich alsbald. Die neue Technik eroberte schnell den Rest des Dorfes.
Ihre ältere Schwester Herta wurde im deutschen Reich geboren, Erna und ihre zwei jüngeren Schwestern, Grete und Hilde, in Polen. Im Dorf waren die vier die Ziegler-Mädels von Kaczkowo.
Bis zur deutschen Grenze im Westen waren es vier Kilometer.
Sie wuchsen zweisprachig auf, besuchten die polnische Schule, sprachen im Dorf untereinander deutsch oder polnisch, wie es sich ergab. Deutsch wurde in der protestantischen Kirchengemeinde gesprochen, dort erlernten sie auch das Lesen und Schreiben ihrer Muttersprache. Die Großmutter weinte oft, wenn die Kinder polnisch sprachen, sie verstand sie nicht. Sie konnte nicht begreifen, was alles um sie herum geschah.
Die Mutter erzählte auch, dass Deutsche und Polen gut miteinander auskamen.
Der Vater arbeitete im nahegelegenen Stellwerk bei der Bahn. Eine Woche Früh- und eine Woche Nachtdienst. Gemeinsam mit der Mutter bewirtschaftete er den kleinen Hof, auf dem es Platz gab für drei Kühe, ein oder zwei Schweine, gelegentlich auch Ziegen und Federvieh. Die Mutter starb früh nach einer schweren kurzen Krankheit. Die älteste Tochter Herta trat an die Stelle der Mutter und kümmerte sich um die jüngste zehnjährige Schwester Hilde und um die Großmutter, die ebenfalls im Haus lebte. Für die Bestellung des kleine Feldes gingen zwei Kühe vor dem Pflug oder sie zogen einen Leiterwagen. Gelegentlich lieh sich der Vater von einem befreundeten Bauern das Pferdegespann. Mit den Füchsen sparte er Zeit.
Dieser Bauer hatte sich eine Neuheit angeschafft, einen Mähbinder. Es war Zeit für die Getreideernte und er spannte die Pferde vor den Binder. Die hatten keine Scheuklappen und kannten das Gerät nicht. Als der Bauer „hü“ sagte, zogen die Tiere an, erschraken vor dem Flügelrad des Binders und dem ungewohnten Geräusch und gingen durch. Den Bauern schleuderte es vom Sitz und die Tiere verfingen sich in einem Gestrüpp am Feldrain. Bauer und Tiere überstanden dieses Ereignis halbwegs un-verletzt. Der Schaden am Binder war erheblich. Der Vater ging an dem Tag dem Bauern zur Hand, war also dabei. Erna erzählte diese Geschichte des öfteren. Das Ereignis über die Dorfgrenze hinaus.
Zwei zweitere Episoden erzählte Erna ebenfalls hin und wieder.
Zur Weihnachtszeit holte der Vater stets aus dem nahe gelegenen Wald einen Weihnachtsbaum. Das machte er abends heimlich in der Dunkelheit, es sollte niemand wissen. Als er auf dem Weg zum Baum war, den hatte er bereits im Sommer ausgesucht, näherte sich ihm eine Gestalt, der Förster. Der Vater zog sich zurück und ging ohne Baum nach Hause. Anderntags traf er den Nachbarn und sie kamen ins Gespräch. Der Nachbar: „Paul, stell dir vor, was mir gestern Abend passiert ist. Ich wollte den Baum holen, da wäre ich beinahe dem Förster Lehmann in die Arme gelaufen. Der ist doch übereifrig. Wenn der mich erwischt hätte.“ Paul: „Und wo ist das gewesen?“ „Na drüben in der Schonung, du weißt schon.“ Paul lachte: „Dann haben wir uns gegenseitig für den Lehmann gehalten.“
Einmal im Herbst arbeitete der Vater am Nachmittag im Garten. Auf der unbefestigten Dorfstraße gingen zwei ältere Jungen vorbei. Der eine zu dem anderen auf polnisch: „Bei dem sind die Birnen reif. Die holen wir uns heute, wenn es dunkel ist. Der wird morgen staunen.“ Lachend gingen sie weiter. Sie meinten, dass der Mann in der Eisenbahnerjacke, ein Deutscher, sie nicht verstanden hatte. Hatte er, und so erntete er umgehend die Früchte. Zwei Birnen ließ er hängen. Die Jungen sollten den Weg nicht umsonst gemacht haben.
Mit vierzehn ging Erna in Stellung nach Liegnitz in ein Gasthaus mit Fleischerei namens Gambrinus. Oft sagte Erna: „Bei den Wirtsleuten, den Dohrmanns, hatte ich mein Auskommen.
Die waren gut zu mir. Ich hatte eine eigene Kammer, viel Arbeit, aber auch Abwechslung und Anerkennung.“
Die Stadt war im Deutschen Reich, der Grenzverkehr in und durch den Korridor war trotz der üblichen Kontrollen mehr oder weniger problemlos.
In ihrer Freizeit besuchte sie oft ihre Tante Bertha, die Schwester ihrer verstorbenen Mutter, die nur ein paar Ecken weiter in der Stadt wohnte. Der Mann von Tante Bertha, Onkel Gustav, war wie ihr Vater ebenfalls Eisenbahner, allerdings in einer gehobenen Stellung.
Gelegentlich fuhr sie auch in ihr Heimatdorf Kaczkowo, zum Vater und ihren Schwestern.
Dann der Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen am 1. September 1939, ein Freitag und ein warmer Spätsommertag.
In dem Haus mit einem Bauerngarten saß der Vater mit der ältesten Tochter Herta, der Jüngsten Hilde und der Großmutter beim Abendessen. Es gab Pellkartoffeln, Rührei und Gurkensalat mit saurer Sahne. Erna war in Liegnitz und Grete lebte auch nicht mehr in Kaczkowo. Von draußen waren Salven von Maschinengewehren zu hören. Er stand auf und sagte: „Ich geh mal raus, ich muss wissen was da los ist. Diese Salven kenne ich aus meiner Zeit als Soldat im letzten Krieg. Das sind ein oder zwei Maschinengewehre. Das macht mir Sorgen. Jetzt haben wir wieder Krieg. Der von 1914 bis 1919 hat mir gereicht.“
Nicht lange und er kam aufgeregt in die Küche zurück. „Raus, nur weg, die flüchten alle rüber nach Deutschland. Lasst alles stehen und liegen. Der Krieg, ich habe es gewusst, wir können hier nicht bleiben.“
Die vier griffen in der Panik, was ihnen in die Hände kam, und hatten keine Zeit zu überlegen, was für die nächsten Tage wichtig sei.
Auf der Straße hielt der Vater ein Pferdefuhrwerk an. Der Kutscher stimmte zu, dass die Großmutter zu den anderen gesetzt werden konnte.
Der Vater zu Herta: „Du bleibst mit Hilde bei dem Fuhrwerk und der Großmutter. Ich versorge noch schnell die Tiere und komme mit dem Fahrrad nach.“ Herta rief ihm zu: „Denk an die Luftpumpe, das Vorderrad hält die Luft nicht.“ Der Vater nickte und eilte ums Haus herum zu den Ställen.
Es war schon dunkel, als sie die nahe Grenze nach Deutschland überschritten. Noch in der Nacht erreichten die vier in einem nahe gelegenen Dorf entfernte Verwandte, bei denen sie bis zum Morgen etwas Ruhe fanden. Der Platz reichte nicht für alle. Hilde und die Großmutter wurde von Tante Berta und Onkel Gustav aufgenommen. Der Vater mit Herta kam bei einer befreundeten Familie unweit der einstigen Grenze unter. In diesem Durcheinander waren Nächstenliebe und Freundschaft ein wichtiges Gut.
Als die Lage sich etwas beruhigt hatte, die Kampfhandlungen des Blitzkrieges jeden Tag weiter in Richtung Osten stattfanden, fuhr der Vater täglich mit dem Rad ins Dorf zu seinem Hab und Gut und zu den noch verbliebenen Tieren, um diese zu versorgen. Auf dem Weg dorthin ließen ihn die deutschen Soldaten passieren, warnten jedoch, dass der Weg ins Dorf lebensgefährlich sei. Er hörte nicht auf sie. Was sollte ihm schon passieren, er hatte niemandem Leid zugefügt.
Erna besuchte nun öfter vom nahegelegenen Gasthaus Gambrinus ihre Verwandten, half, wo sie konnte.
Nicht lange und die Flüchtlinge aus Kazckowo, das nun wieder Katschkau hieß, konnten in ihre Heimat zurück. Den polnischen Korridor gab es nicht mehr. Nazideutschland hatte mit der Annexion des einstigen Territoriums Polens die Verwaltung neu geordnet und unter anderem den Reichsgau Wartheland mit der Stadt Posen als Verwaltungszentrum gebildet. Der Fluss namens Warthe war der Namensgeber für den Warthegau, wie der Bezirk dann genannt wurde und so bis 1945 existierte.
Wenn Erna über ihre Heimat, den Warthegau sprach, dann sagte sie manchmal: „Warum sie die Polen aus unserer Heimat vertrieben haben, das war ungerecht. Wir haben uns immer gut verstanden.“
Aber eine Vorahnung von dem, was kommen könnte, hatte sie. Sie besuchte als junge Frau eine Wahrsagerin, die ihr aus der Hand las und prophezeite: „Du und die Anderen, ihr werdet ziellos in der Welt herum ziehen. Ein Unheil kommt auf euch zu.“ Erna erzählte oft von der Wahrsagerin, dass...




