Ziegler Sardor 2: Am See der Finsternis
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-942396-72-1
Verlag: Golkonda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 185 Seiten
Reihe: Sardor
ISBN: 978-3-942396-72-1
Verlag: Golkonda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Ziegler (1956-2004) gilt als einer der wenigen deutschsprachigen Phantastik-Autoren von internationalem Rang. Er schrieb Science-Fiction-, Fantasy- und Kriminalromane und war maßgeblich an den Serien Die Terranauten und Perry Rhodan beteiligt. Im Golkonda Verlag erscheint eine umfassende Werkausgabe.
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1. Kapitel: Am Knochenpfad
Till the slow sea rise and the sheer cliff crumble,
Till terrace and meadow the deep gulfs drink,
Till the strength of the waves of the high tides humble,
The fields that lessen, the rocks that shrink,
Here now in his triumph where all things falter,
Stretched out on the spoils that his own hand spread,
As a god self-slain on his own strange altar,
Death lies dead.
– Algernon Charles Swinburne
»A Forsaken Garden«, 1866
Tot war er und lag dennoch lauernd in seinem Turm aus schwarzem Stein, lag reglos, leblos aufgebahrt in blinder Wacht am Knochenpfad und hörte nicht die Stimmen aus allen Ritzen dringen.
»... einst war ich schlank und schön, gebleicht die Haut, mit Blut gefärbt das Haar, war Meisterhure im Rinnenland. Bis eines Nachts die Trötze kamen. Wurde von der üblen Brut gepackt, betäubt, verschleppt und erst an jenem Ort geweckt, wo Fleisch wie Obst an Bäumen wächst. Sah Ma Lyn Schmerzen weben, sah Trötze rasend Fleischobst nagen, und ich floh. Dann Qu’ail-In-Trümmern, die Eisenberge, die Kummerspinne am Knochenpfad, dann L’Ingan ... Leichnam Ingan, hörst du Beute nahen?«
Denn Beute kam.
In all den Zeitaltern, die er modernd verbracht, war Beute zu ihm heraufgestiegen; er hatte sie zu Tode gehetzt und das genommen, was er immer nahm: die Köpfe, die geschwätzigen. Den Rest bekam der Knochenpfad. Nur die Schädel nahm der Jäger und trug sie in den schwarzen Turm, damit ihr klapperndes Geschwätz sein stilles Grab mit Leben füllte. In allen Nischen, allen Winkeln waren Schädel aufgebahrt; aus jeder Ritze des Gemäuers drang knöchernes Gerede.
»... einst war ich auf großer Fahrt von Pol zu Pol und sah im Quarz die Mahre ruhen. Und zu Tausenden im Glas begraben Riesen, die vom Eisenvolk, und die Gehörnten von den Sternen. Vor Mirsingval zerbrach mein Schiff am Riff aus Stahl. Der Alte, der das Meer beherrscht, fraß alle, nur mich fand er nicht. Ich floh an Land, dann durch die Wüste Tod, verlor die Hand, den Arm, behielt das Leben, bis ich zu den Seufzerschründen kam, am Fuß der Eisenberge. Ich stieg hinauf zum Knochenpfad, zu L’Ingan, der dort wacht ... Leichnam Ingan, hörst du Beute nahen?«
Er hörte sie nicht, doch er spürte sie.
Und da er tot war, und da das Leben nie in seinen kalten Gliedern gewesen, und da er blind wie alle Toten war, sah er auch nicht das Sonnenlicht in Ostiens Tälern strudeln und über die Berge fluten, über die Schluchten hinweg, die Gletscher und Klippen zu den Gipfeln hinauf, dem Westen entgegen. Am Himmel über L’Ingans Turm, wo eben noch der Eisenring die Dunkelheit grün angeschimmelt hatte, blähte sich die rote Sonne in ungeheurer Größe auf und goss Kirschlicht über Eis und Erzgestein, bis ihre purpurrote Glut den Grund des Knochenpfads erhellte: ein Beinhaus auf dem Dach der Welt mit skelettierten Mietern. Dem Morgen folgte der Morgenwind und verirrte sich wie jeden Tag im Labyrinth der Felskamine, um dort bis zum Abend zu heulen, zu toben, zu rasen. Vom Lärm des Windes aufgeschreckt, hob sich tausend Meter tiefer Eisenherzog Hartrokor von seinem Gletscherlager. Schon zerriss sein erster Schrei des Morgens kalte Stille. Dem ersten Schrei folgte der erste Schlag der Eisenfaust, sodass der Gletscher, der sein Kerker war, wie eine Glocke dröhnte, und dann begann des Herzogs Eisenleib vor Wut und Hass zu glühen. Wie besessen schlug er auf den Gletscher ein, und es dauerte nicht lange, bis unter den Erschütterungen Lawinen zu Tale stürzten. In seiner Wildheit rammte der Riese nun auch den Schädel ins rote Gletschereis und brüllte so laut, dass man sein furchtbares Geschrei noch am Knochenpfad vernahm. Der Gletscher bebte, der Gletscher kalbte, Lawinen lösten sich. In seinem Eisenwahn hielt Hartrokor den Donner für die Schritte nahender Retter, die ihm, nach all den Jahren Tiefkühlhaft, die Freiheit schenken wollten. Und er hielt inne; horchte, hoffte.
Doch kein Retter nahte.
Nur Beute kam.
Zu L’Ingan, nicht zu Hartrokor.
Beute ...
Wind winselte in den Klüften und Schründen, die den Ahnenweg säumten. Schnee stieg aus den Tiefen herauf, Myriaden roter Flocken; blutgefärbtes Schneegestöber vernebelte die Berge und dämpfte sogar das Licht des Fegefeuers, das als Sonnenball maskiert am Himmel hing.
Dietrich von Warnstein, Leutnant in der Fliegertruppe Seiner Majestät Kaiser Wilhelm des Zweiten, marschierte keuchend weiter. Die Augen hinter dem Glas der Fliegerbrille hielt er starr auf das Metall des Ahnenwegs gerichtet, die Hände waren tief in den Seitentaschen seiner gefütterten Lederjacke vergraben. Die Kälte, der Schnee, der schneidende Wind – barbarisch. Eisnadeln trafen sein ungeschütztes Gesicht; er senkte den Kopf, damit sie ihm nicht die ganze Haut zerstachen. Der Atem hing als weiße Fahne vor seinen blaugefrorenen Lippen.
Ein Fluch entschlüpfte ihm.
Was für eine jämmerliche Posse! Ausgerechnet er, des deutschen Kaisers treuester Flieger, zum Dasein eines Wurms verdammt! Melde gehorsamst, bin zum Wurm geworden, Eure Majestät. Ha! Könnte er doch noch einmal frei und ungebunden mit den Winden um die Wette fliegen. Könnte er doch noch einmal am Steuerknüppel seines Doppeldeckers sitzen und wie ein Vogel den Himmel durchkreuzen ...
Zornig schüttelte er den Kopf.
Der Doppeldecker vom Typ Albatros D-III aus den Flugzeugwerken in Berlin-Johannisthal war beim Duell mit dem Schwarzen Mirn zu Bruch gegangen, brennend am Geborstenen Berg zerschellt. Ah, zum Henker damit! Was geschehen war, ließ sich nicht mehr ändern. Er musste sich damit abfinden. Schließlich war er nicht der erste deutsche Jagdflieger, der seine Maschine verloren hatte. Wie oft war Boelcke schon vom englischen oder gallischen Feind die Kiste unterm Hintern fortgeschossen worden. Gott, wie oft hatte sogar der tollkühne Richthofen Bruch gebaut und nur mit knapper Not seinen Hals gerettet! Von Reimann und den anderen Fliegern ganz zu schweigen ...
Andererseits – weder Manfred Freiherr von Richthofen noch Boelcke, Reimann oder einer der anderen Kampfflieger des Deutschen Reiches hatte sich je in einer dermaßen vertrackten Lage befunden: durch Raum und Zeit vom Vaterland getrennt und in eine höllische Welt versetzt, wo sich der Antichrist anschickte, in Ewigkeit zu triumphieren; wo die Sonne ein aufgedunsener Ball aus Lava war und Kirschlicht über Länder warf, wie sie sich scheußlicher nicht denken ließen; wo Heiden, Halunken, Unholde und Dämonen zur Pfeife kosmischer Gespenster tanzten. Und diese durch und durch verderbte Welt, dieses lästerliche Pandämonium sollte die gute, alte Erde sein? Reinste Blasphemie! Denn nicht einmal in Afrikas wilden Dschungeln, wo es weiß Gott genug Götzendiener von Profession und heimtückische Fetischgesellen gab – nicht einmal im unerforschten Herzen des schwarzen Kontinents konnten Ungeheuer vom Format des schurkischen Mirn hausen; gar nicht zu reden vom kosmischen Nachtmahr oder von L’Ingan, dem menschenfressenden Ghul, der am Knochenpfad sein Unwesen treiben sollte ...
Und doch, flüsterte da eine Stimme in ihm, und doch ist es wahr, Sardor.
Dietrich von Warnstein stöhnte auf. Nur zu vertraut war ihm diese Stimme, die im Gehäuse seines Schädels raunte; die Stimme seines anderen Ichs, seines unerwünschten Mieters, der fristlos sein Kellerloch in den Heldenhügeln gekündigt und es sich in Warnsteins Seele gemütlich gemacht hatte: Sardor, der Heidengötze, nach zwanzig Jahrtausenden gründlich betriebener Verwesung von den Toten wiederauferstanden.
Du irrst, wisperte die hartnäckige Stimme. Du und ich – wir sind eins – vereint im Fleisch, vereint im Geist. Nur gemeinsam sind wir er: Sardor, in die Welt gekommen, um die Menschen zu einem Heer zu schmieden, groß und stark genug, den Sieg über die Stern- und Eisenmacht zu erringen. Im zweiten und letzten kosmischen Krieg.
Ja, dachte der deutsche Flieger. So geht die Legende: Die Glocke von Gorm ruft zur letzten Schlacht, und wenn der Glockenschlag über den ganzen Erdball dröhnt, dann schlägt auch unsere Stunde. Dann kehren die Eisenmänner aus ihrem Exil hinter der Zeit zurück; dann steigen die Gehörnten von den Sternen herab; dann rauscht der ganze Äther vom Flügelschlag der Mahrenschwärme. Und der Krieg beginnt. Die höllischen Heerscharen werden in die Schlacht marschieren, und kein Gott ist da, sich ihnen entgegenzustellen ...
Aber Sardor, erinnerte die Geisterstimme, aber Sardor hält Wacht und schlägt die Stern- und die Eisenmacht.
Mit einem unterdrückten Schrei riss Warnstein beide Hände hoch und presste sie gegen die Stirn. Sie war heiß wie im Fieber.
Mein Gott! Mein Gott!, dachte er verzweifelt. Wann werde ich endlich aus diesem Albtraum erwachen?
Da zerriss das Schneegestöber.
Enthüllte kurz den basaltschwarzen Turm auf dem Massiv aus Erzgestein, das alle Gipfel überragte. Wie ein versteinerter Riesenfinger wies der Turm zum Himmel, und neben ihm ein Spalt, der bis zum Ahnenweg hinunter reichte – der Knochenpfad. Der einzige Pass über das Krograniten-Gebirge, der einzige Weg nach Ostien, wo L’Ingan wachte. Der Wind ließ jammernd nach, der Flockenvorhang schloss sich wieder. Warnstein marschierte grimmig weiter.
Und in der dunklen Gruft des Turmes sprach...




