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Zietsch | Die Chroniken von Waldsee 4: Nauraka - Volk der Tiefe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 452 Seiten

Reihe: Die Chroniken von Waldsee

Zietsch Die Chroniken von Waldsee 4: Nauraka - Volk der Tiefe


2. Auflage 2012
ISBN: 978-3-943570-06-9
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 4, 452 Seiten

Reihe: Die Chroniken von Waldsee

ISBN: 978-3-943570-06-9
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



'Die Beschreibung der Unterwasserwelt der Nauraka ist so anschaulich und ausdrucksvoll gelungen, dass man glaubt, vor Ort zu sein. Diesen farbenfrohen und vielfältigen Kosmos vor Augen, taucht man im wahrsten Sinne des Wortes ab in die Geschichte um Eri und Luri, zwei Königskinder, die schwere Aufgaben zu bestehen haben, sich aus den Augen verlieren und doch durch ein unsichtbares Band für immer miteinander verbunden sind. Gekonnt lässt die Autorin ihre Leser in die Seele ihre Protagonisten blicken, sodass man ihnen sofort nah ist und bis zum Ende des Buches mit ihnen mitfiebern kann.' (Lies-und-lausch.de) 'Alles in allem ist 'Nauraka - Volk der Tiefe' vollblütige Fantasy, die nicht nur eine spannende Handlung, sondern auch lebendige, facettenreiche Figuren und eine wirkliche überzeugend geschilderte exotische Kultur bietet.' (fantasyguide.de) Tausend Jahre nach dem Krieg um das Tabernakel erinnert sich kaum jemand mehr an das uralte magische Volk der Nauraka, das nur noch in geringer Zahl verborgen in der Tiefe des Meeres lebt. Seit die Königssippe das Meer verlassen hat, herrscht ein Hochfürst über die weit verstreut lebenden Sippen, die nur selten Kontakt zueinander haben. Prinz Erenwin und seine Schwester Lurdèa entstammen dieser fürstlichen Sippe und wachsen unter strengen Regeln und Traditionen auf. Vor allem Erenwin leidet darunter, ist er doch der ungeliebte zweite Sohn und wird nie eine offizielle Funktion einnehmen. Er träumt davon, eines Tages an Land zu gehen - und ahnt nicht, dass sein Wunsch für ihn und seine Schwester auf tragische Weise wahr werden wird ...

Uschi Zietsch lebt seit vielen Jahren als Schriftstellerin und Verlegerin mit ihrer Familie im bayerischen Allgäu. Seit ihrer Erstveröffentlichung 1986 blickt sie auf über 200 Veröffentlichungen in verschiedenen Genres zurück.
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1.

Der junge Prinz

Mhurin lachte schallend, bekam Schluckauf, dann war er tot. 

Damit hatten die Jungen nicht gerechnet, nicht in diesem Moment oder sonstwann. Der Tod war etwas sehr Fernes, niemals Greifbares, was man nur selten erlebte und worüber man noch weniger sprach. Der Tod war ein Buhmann, mit dem man ganz kleine Kinder erschreckte, die ungehorsam waren. Der Tod kam höchstens zu den Alten und denen, die sich aufgegeben hatten.

Doch Mhurin, so voller Leben und Jugend und Frohsinn, Mhurin war tot, plötzlich und unvorhergesehen.

Und schlimmer noch: Mhurin war zweigeteilt. 

Die messerscharfen Zähne des Spitzmaulhechts hatten seinen Körper durchschnitten wie der Ulu einen Fisch beim Entgräten, und während sich das Wasser blutrot färbte, schwebten Mhurins Rumpf und Unterleib in entgegengesetzten Richtungen davon. Doch nicht lange, dann schnappte das schwertlange Maul des Fisches zu, und noch einmal, und Mhurin war verschwunden. Sein Blut löste sich langsam in die See auf und wurde Teil von ihr. 

Der Hecht kümmerte sich nicht um die ringsum schreienden Kinder. Seine Kiemen klappten befriedigt einmal kräftig auf und zu, dann verschwand er ebenso schnell, wie er gekommen war, ein silbrig blinkender Speer im Helldämmer. Und fort war er.

»Ich habe es nie vergessen«, schloss Eri seine Erzählung und schwebte bedächtig auf und ab. Das Wasser floss ruhig durch seine Kiemen. »Und es schaudert mich noch heute, vor allem nachts im Traum. Mhurin war schließlich mein bester Freund.«

Zugleich grimmig und vergnügt betrachtete der Prinz die Gesichter der kleinen Kinder, denen er die Geschichte vorgetragen hatte. Sie hatten ihn abgefangen, als er gerade auf dem Weg zum Tangwald war, und um eine kleine Mär gebeten. Eri hatte sich zur Wahrheit entschieden, die oftmals viel grausiger war als eine Schauergeschichte, und nun bereuten die Kleinen vermutlich, ihn nicht in Ruhe gelassen zu haben. Drei waren grün angelaufen, und zwei klapperten heftig mit den seitlich am Hals gelegenen Kiemen. Den anderen stand der Mund offen, und sie starrten ihn aus großen Augen an.

Genau das hatte der Prinz damit erzielen wollen. Nicht nur, um ihre Aufmerksamkeit mit einer Gruselgeschichte zu fesseln. Sie sollten auch begreifen, wie gefährlich die Untiefen der See waren. Für Eri war es damals eine Lehre gewesen, stets wachsam zu bleiben. Trotz der überall postierten Wachen war der Hecht unbemerkt bis zur Stadt gelangt, inmitten des Tummelplatzes unter die Kinder gefahren, hatte sich sein Opfer geschnappt und war verschwunden, ehe auch nur ein einziger der schnell herbeigeeilten Erwachsenen einen Speer nach ihm werfen konnte. Sieben Korallenringe zählte der kleine Eri damals, und einen ganzen Korallenstab später, heute, fühlte er sich immer noch schuldig.

»Also, was macht ihr, um euren besten Freund nicht zu verlieren?« Eindringlich sah er sie der Reihe nach an.

»Wir passen auf ihn auf«, versprachen sie im Chor, und dann waren sie schon in einem Schwall Wasserblasen kichernd auf und davon. Mit heftig schlagenden Fußflossen witschten sie durch die engen Öffnungen des Korallengeflechts, hinaus in die Freiheit der See, die durch den Schutzring rund um den Spielplatz bewahrt wurde.

Eri wandte den Kopf, als eine leichte Druckwelle gegen ihn schwappte, und er vernahm dumpfes Händeklatschen. Lurion, natürlich – sein Bruder. Schon längst erwachsen, sogar um einen Korallenbaum älter als er, doch so benahm er sich kaum. Er frönte dem Glücksspiel und trank vergorenen Seegurkensaft in rauen Mengen. 

»Du hörst dich genauso an wie Onkel Turéor, möchtest ihm wohl nacheifern?«

»Was willst du?«, fragte Eri unwirsch. »Dass du zu dieser frühen Stunde überhaupt schon wach bist ...« Das war ein Scherz, denn die Hälfte von Helldämmer war schon überschritten. Bald würde Mittlicht hereinbrechen, das ungewisse Zwielicht, die Zeit der Jagd.

»Ich gratuliere dir, lieber kleiner Bruder«, antwortete Lurion höhnisch. »Wie du die Aufmerksamkeit fesseln kannst! Oder scharst du dein kleines Volk um dich, um dir deinen eigenen Staat aufzubauen? Prinz Erenwin.« Er schwamm pfeilschnell auf Eri zu und packte ihn vorn an der Kragenstulpe. Wie alle Mitglieder der königlichen Familie trug Eri ein aufwendig gefälteltes, mit einer Schärpe versehenes, vielfach geschlungenes einteiliges Hosenkleid aus glänzender, in verschiedenen Farben schillernder Nixenkrautseide, und einen dunkelgrau glänzenden Schleierumhang aus feinsten Goldkelpfasern mit hohem Kragen. Lurion war dazu mit Armreifen behängt, trug kostbare Ringe an den Fingern, und seine wohlgeformten abgerundeten Ohren waren vielfach mit  Korallenschmuck durchbohrt. Eris Bruder war sehr viel größer als er und trotz seiner Zechgelage und Ausschweifungen muskulös. Die Ringe drückten an Eris Kehle, als Lurion ihn festhielt.

»Vergiss eines nicht, kleiner Bruder«, zischte er, »ich bin der Erbprinz, und du nur eine wertlose Nachgeburt!«

»Du und dein Thron seid mir doch völlig egal«, erwiderte Eri und riss sich mit einem heftigen Ruck los. »Ich bin sowieso bald weg, und dann kannst du in Ruhe noch drei oder vier Korallenbäume warten, bis Vater endlich die Fürstenkrone an dich abgibt.«

»Meinen Segen hast du«, knurrte Lurion. »Ich werde dir sogar noch Golddrachen mitgeben, damit du auch ja nicht wieder zurückkommst!«

Eri fragte sich, woher sein Bruder so viel Geld nehmen wollte, er verspielte doch alles und hatte hohe Schulden. Er hatte natürlich schon versucht, den Meister der Vulkanschmiede, wo das Gold gepresst wurde, zu bestechen, aber vergeblich. Das wäre selbst für den Hochfürsten unmöglich.

Lurion wandte sich ab und schwamm zum Quartier der Jäger hinüber, um sich auf die Jagd im Mittlicht vorzubereiten – seine zweitliebste Beschäftigung neben dem Glücksspiel.

Eri entschied sich, nicht mehr zum Tangwald zu schwimmen, und bewegte sich träge auf den außen gelegenen Bereich des Palastes zu, den er mit seiner Schwester Luri bewohnte. In unmittelbarer Nähe der Eltern durften die Nachkommen nicht leben. 

Die Stadt war groß und alt, und nicht einmal Eri, der überall neugierig hindurchschlüpfte, kannte sie bis in den letzten Winkel. Ein Teil von ihr ruhte im Vulkangestein, Überhänge waren als Schutz genommen und mit verschiedenen Baumaterialien erweitert worden: natürlichen wie den Korallen, aber auch künstlichen, von Hand gefertigten, größtenteils mit geschmolzenem Quarzsand gemauerten und kunstvoll geformten Felsen. Etwa fünftausend Nauraka lebten hier, früher mochten es viel mehr gewesen sein. Somit war genügend Platz für die Familien vorhanden. Sie bewohnten oft sechs bis acht Kammern, die sich über mehrere Stockwerke erstreckten und über Galerien miteinander verbunden waren. Ein dichtes Netz aus Zugängen flocht sich durch die Stadt, bis tief in die Dunkelheit des Vater-Vulkans. Seine Ableiter verzweigten sich weit über den Meeresboden, Schlote, die heißes Wasser und schwarzen fettigen Qualm ausstießen, manchmal auch Feuerfontänen. Den großen, sehr alten Vulkan nannten alle »Vater«, denn er bescherte der Sippe ein reiches und sorgenfreies Leben. Und wie ein strenger Vater grummelte er ab und zu, dass alles bebte, oder zeigte sich gütig mit milder Wärme.

Innerhalb der Stadt gab es auch während des Dunkeldämmers immer Licht, denn leuchtend blaue Kristalladern zogen sich durch Felswände, und an den Korallengeflechten hingen bunt strahlende Blumentiere, ein prachtvoller Schmuck noch dazu.

Der Palast des Hochfürsten thronte über allem, ein prächtiges Gebilde, ganz mit Geschmeide ausgekleidet, das weithin in die See strahlte. Wie ein Stern, hatte ein Händler einmal zu Eri gesagt, und seine Augen hatten dabei geleuchtet.

Auch die Augen anderer Händler hatten bei dieser Pracht durchaus hin und wieder geleuchtet, aber in ihnen hatte Gier gelegen. Die Nauraka lehrten sie schnell Demut, und Unverbesserlichen gegenüber zeigten sie sich ebenso unnachgiebig.

In diesem Palast gab es viele Bereiche, die nur über Hauptgänge miteinander verbunden waren und für sich abgeriegelt werden konnten. Das fürstliche Paar bewohnte natürlich den größten Bereich mit dem zentralen Versammlungsplatz, und den rundherum angeordneten weiten Fluchten an Gemächern, Schatzkammern und geheimnisvollen Höhlen im Berg, die Eri noch nie auskundschaften durfte.

Doch es gab auch so genug zu entdecken, also war Eri mit dem Abenteuer der See vor der Stadt zufrieden. Er wollte so viel wie möglich lernen und sich stählen, für sein großes Vorhaben.

Luri war gerade dabei, sich anzukleiden, als ihr Bruder durch den Bogengang hereinschwamm. Sie wohnten im äußeren Bereich des Palastes in einem Korallengeflecht mit vielen Öffnungen, verspielten Labyrinthgängen und allem, was ein junges Herz begehrte. Hier war es unbeschwert, luftig und hell. Nach den wuchtigen königlichen Gemächern verlangte es die beiden gar nicht. 

Draußen vor dem Eingang und neben den größeren Schlupflöchern waren Wachen postiert. Die Amme und die übrigen Bediensteten allerdings durften nur noch in der Früh vorbeisehen. Die Geschwister wünschten beide ihre Freiheit und keinerlei Beaufsichtigung mehr.

»Was machst du?«, fragte Eri und räkelte sich in ein Wiegenetz.

»Ich treffe mich gleich mit meinen Freundinnen, um etwas zu unternehmen«, sagte Luri munter. Sie bemerkte seine Miene und wandte sich ihm zu. Sie war zwei Korallenringe jünger als er, und beide waren seit früher Kindheit eng miteinander verschworen. »Was ist mit dir los?«

...


Uschi Zietsch lebt seit vielen Jahren als Schriftstellerin und Verlegerin mit ihrer Familie im bayerischen Allgäu. Seit ihrer Erstveröffentlichung 1986 blickt sie auf über 200 Veröffentlichungen in verschiedenen Genres zurück.



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