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E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Zietsch HADES

Novelle
2. Auflage 2015
ISBN: 978-3-943570-16-8
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Novelle

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-943570-16-8
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein Kult-Klassiker, ein Roadtrip der 1980er, aus den 1980ern mit außergewöhnlichen Abenteuern, bei dem auch der Humor nicht auf der Strecke bleibt.

Schon jener Frühjahrstag ist ungewöhnlich, es ist viel zu heiß, und die sonnenwilden Leute zertreten sich fast gegenseitig in den Straßen der Stadt. Rydal und Ariane, ein auffälliges junges Paar, wollen mit der U-Bahn fahren, was an sich nichts Außergewöhnliches ist. Diese Fahrt entwickelt sich jedoch zum Horrortrip, sie müssen aus dem fahrenden Zug springen, um ihr Leben zu retten. Auf der Suche nach der Oberwelt geraten sie dabei immer tiefer hinab in die Abgründe der Stadt, und sie finden HADES, die Unterwelt, in der nicht nur die Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft, sondern auch die Alten aus der Frühzeit der Erde leben. Das Paar gerät in einen verwirrenden Strudel von unheimlichen märchenhaft-zauberischen, traurigen und heiteren Ereignissen, bis sie schließlich ganz unten dem Power-Prinzen begegnen, dem mysteriösen, mächtigen Herrscher über HADES, der über Leben und Tod gebietet, und alle Macht der Welt, geistige und magische, in sich trägt.

HADES ist die Erzählung einer Pararealität aus den 80ern und über die 80er in München, in der souverän unsere Welt mit wahren, skurrilen und mystischen Elementen verwoben wird.
Es zeigt sich, dass in der Unterwelt alles möglich ist, und dass es im Grunde genommen nicht viel dazu braucht, den richtigen Weg zu finden.

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3. 
1. Wegfrage

Ariane saß auf der Erde, zählte sorgfältig jeden einzelnen Knochen und untersuchte ihre Kleidung. Die Jeans hatte den Sturz mühelos überstanden, und die Jacke wies nur am rechten Ärmel einen Riss auf. Rydal klopfte sich gerade den Staub ab, auch er war ohne Verletzung und mit heiler Kleidung davongekommen.

Ariane stieß ein leises, schluchzendes Geräusch aus. »Rydal, ich träume das doch nur, nicht wahr? Sag mir, dass ich gleich aufwachen werde ...«

»Wir müssen träumen«, antwortete er. »In Wirklichkeit gibt es so etwas gar nicht. Das kann und will ich nicht glauben.«

Ariane schloss die Augen und schwieg einige Zeit, ganz in sich versammelt. »Nein«, sagte sie dann leise und resigniert. »Wir träumen eben nicht. Du weißt, dass ich eine geübte Träumerin bin; so wie du die tägliche Wirklichkeit beherrschst, beherrsche ich den Schlaf. Ich weiß, dass wir nicht träumen.«

»Aber was ist das hier sonst?«, rief er. »Das kann einfach nicht sein! Es widerspricht der täglichen Norm!«

»Ich habe Angst«, flüsterte sie.

Er zog sie hoch in seine Arme. »Ich auch«, log er, um ihr nahe sein zu können, denn er hatte bisher erst einmal in seinem Leben Furcht empfunden. »Komm, gehen wir. Zurück zum Bahnhof. Ich denke, in einer halben Stunde haben wir ihn leicht erreicht.«

Sie nickte, und sie tasteten sich Hand in Hand durch das schummrige Dämmerlicht der vereinzelten Leuchten.

»Glaubst du, dass die Dogge den Weg nach draußen gefunden hat?«, fragte Ariane nach einiger Zeit.

»Bestimmt, Iana«, versicherte ihr Rydal. »Hunde haben einen sicheren Instinkt für so was. Außerdem wäre sie sonst sicher schon zu uns zurückgekehrt. Wir sollten uns keine Sorgen machen.«

»Wer macht sich denn Sorgen?«, fragte sie in verzweifelter Ironie. »Für mich war es schon immer wichtig, die Praxis nach der Theorie kennenzulernen. Du hast vorhin auf dem Bahnhof behauptet, ich würde keine klaustrophobischen Zustände hier unten bekommen, und nun gilt es, den Beweis dafür anzutreten.«

»Na, komm.« Er drückte ihren Arm, und sie machten sich auf den Weg. Immerhin gab es überall die kleinen Notlampen, sodass es nicht stockfinster war; das Vorhandensein menschlicher Technik hatte etwas Tröstliches, man kam sich nicht so verloren vor in der Fremde, und es bestand immerhin auch eine Aussicht darauf, wieder in die Realität zurückkehren zu können. (Vielleicht.) (Welche Realität?)

Sie gingen langsam, als könnten sie nichts versäumen; Ariane drängte die immer stärker aufkeimende klaustrophobische Furcht energisch zurück und klammerte sich an Rydals festen, vertrauten Arm. Auch ihm war nicht unbedingt wohl zumute; schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass man aus einem fahrenden Zug springt (weil man nicht immer die richtige Stelle erwischt und plattgedrückt werden könnte; weil man die Tür gar nicht erst aufbringt; weil man Schwierigkeiten bekommen kann, wenn man erwischt wird; und weil es eigentlich Blödsinn ist, da man in der Regel für die Fahrt bezahlt hat). Rydal war sich nicht sicher, ob er nicht doch alles nur träumte (habe ich gestern getrunken? gekifft?); selbst Arianes unmittelbare Nähe konnte ihn nicht überzeugen (sie war sein Traum, obwohl schon so lange seine Frau). Andererseits dachte er sich, dass er wie sonst auch entweder von selbst aufwachen oder geweckt werden würde, und das lenkte seine Gedanken in eine andere Richtung.

Sie folgten stets demselben Gleis, neben ihnen verliefen sich bald unzählige andere Schienen ins finstere Nichts; die Lichter an den Stützbalken verschafften gerade ein paar Meter Sicht. Beängstigender noch als der unwirkliche Zustand wirkte die Stille: Kein Ton, nicht der leiseste Laut war zu hören, es war wie eine eigene Welt vor der Erschaffung des Lebens. Sie gingen eine halbe, eine dreiviertel Stunde, ohne dass sich irgendetwas in der Umgebung veränderte, das Licht schummerte mit derselben Intensität, und abgesehen vom schleifenden Geräusch der Turnschuhe auf den Steinen herrschte Stille. Ariane blieb schließlich stehen und schöpfte Atem, sie sah blass und angestrengt aus, und ihre Stimme zitterte leicht, als sie sagte:

»Hier stimmt was nicht, Rydal. So weit sind wir doch gar nicht gefahren, dass wir nicht wenigstens ein bisschen mehr Lichter, irgendwelche Anzeichen menschlicher Betätigung bemerken müssten!«

»Nun, der Zug fuhr nicht langsam ...«

»Aber es kam inzwischen auch kein anderer! Ich glaube nicht, dass wir überhaupt noch auf der normalen Strecke sind. Dieser Zug hatte einen anderen Weg ...«

»... und wir wohl auch«, fügte Rydal hinzu, und dann schwiegen beide einige Zeit und gingen weiter. Plötzlich griff er nach ihrem Arm. »Wird es da vorn nicht heller?« Sie nickte, und sie begannen gleichzeitig zu laufen, hoffnungsfroh und unendlich erleichtert, und jeder dachte bei sich, wie beeinflussbar doch der menschliche Verstand war. Der Tunnel öffnete sich jetzt zu einem großen unterirdischen, von unzähligen Pfeilern abgestützten Feld, die Gleise verzweigten und vervielfachten sich, aus dem Nichts kamen noch mehr Schienen heraus, die weiter vorn alle in die ursprüngliche Strecke mündeten (welcher Gemütskranke hat denn diesen Mist hier gebaut?, dachte Rydal). An jedem zweiten Pfeiler hingen starke Neonleuchten und verströmten ein beruhigendes, weil gewohntes kaltes Licht. Hier lag ein abgeschnittenes Kabel, dort eine Zange, vor ihnen breitete sich ein glatt zementierter Weg für Bauarbeiter aus. Sie lachten, als sie ihn erreichten, und fassten sich bei den Händen, blieben einen kurzen Moment stehen, um zu verschnaufen und die pochenden Herzen zu beruhigen.

»Na bitte«, keuchte Ariane. »Wo lag jetzt das Problem?«

»Du schreibst zu viele Geschichten«, brummte Rydal und streichelte ihre Hand.

Sie schubste ihn lachend und lief weiter; er holte sie mit wenigen ausgreifenden Schritten rasch ein. »Warum so eilig?«, rief er.

»Ich will hier endlich raus! Außerdem kann ich es nicht erwarten, Louis unser Abenteuer zu erzählen!«, erwiderte sie und zuckte zusammen, als sie in der Ferne den hohen Pfiff eines Zuges vernahm. Sie wirbelte herum und erkannte durch den Pfeilerwald den blitzenden Schatten einer fahrenden U-Bahn.

»Wir sind also richtig«, stellte Rydal sachlich fest. »Dort fährt ein Zug in den Bahnhof ein, siehst du, wie er verlangsamt? Ich bin nur gespannt, wo wir herauskommen werden.«

»Zumindest haben hier vor kurzem Leute gearbeitet«, sagte sie. »Und das Licht hat auch etwas sehr Beruhigendes. Los, bringen wir die restliche Strecke endlich hinter uns.«

Der Zug verschwand in einer Kurve nach links, der Weg schlängelte sich rechts neben dem Gleis zwischen den Streben in einen anderen Tunnel hinein. Das junge Paar folgte ruhig und gelassen dem Weg auf das hell erleuchtete Ende zu. Nichts konnte mehr geschehen.

Der Triumph schwand aus ihren Gesichtern, als sie schließlich dort ankamen. Der Tunnel mündete in einen grell erleuchteten Schlauch, der sich nach links und rechts funkelnd ausbreitete, er war ebenso breit wie eine Unterführung und ebenso verkommen. Er verströmte allein schon durch seinen Geruch eine verhaltene, bösartige Aggressivität; sein Schmutz, der schon viele Jahre alt sein mochte, färbte auf die Gefühle ab. Eine Müllkippe unterschied sich von solch einem Tunnel nur durch ihren höheren Anteil an Unrat; dort musste man auf dem Abfall herumklettern, während man hier noch dazwischen durchgehen konnte. Der Tunnel war so abstoßend und widerwärtig, dass er wie ein Ausdruck des Bösen wirkte und die Menschen entsprechend beeinflusste. Als Rydal und Ariane sich so um ihre Hoffnung betrogen sahen, ließen sie die Bösartigkeit in ihre Gefühle eindringen, die unterschiedlichsten Gedanken schossen durch ihre Köpfe, jeder suchte beim andern die Schuld, um eine Erklärung für dieses weitere Vorkommnis zu haben.

»Was ... was soll das denn?«, stotterte Ariane entgeistert. »Wo sind wir jetzt gelandet?«

Rydal sah sich frustriert um. »Wir können uns doch nicht schon wieder verlaufen haben.«

»Wir müssen zurück!«, rief Ariane panisch. »Du hast den verkehrten Weg eingeschlagen!«

»Ich? Du bist doch plötzlich wie vom Affen gebissen losgerannt!«

»Das war der einzige Weg!«

»Ach ja? Hast du dich so genau umgeschaut?«

»Und glaubst du vielleicht, dass du überhaupt die richtige Richtung gewählt hast? Damit hat nämlich alles angefangen, wenn wir schon dabei sind!«

»Die Richtung stimmte!«, sagte er ärgerlich und machte eine wegwerfende, abfällige Handbewegung. »Die Einzige, die sich schon die ganze Zeit hysterisch aufführt, bist du!«

Sie stieß ein wütendes Fauchen aus. »Dann unternimm doch was, Mister Superschlau!«, schrie sie böse. »Nimm bloß keine Rücksicht auf mich, du bist schließlich der Mann, die Krone der Schöpfung, der superstarke Held, der Macho, ich bin doch nur eine Frau, unentbehrlich fürs Bett, aber ansonsten unbrauchbar!«

»Lass mich in Ruhe!«, schrie er zurück; allmählich geriet auch er in Zorn, was nur selten vorkam, aber wenn es dann einmal so weit war, war er nicht mehr zu bremsen. »Ihr armen, geprügelten Frauen seid doch euer Leben lang unzufrieden, weil der heißersehnte Prinz nicht kommt, der eure schwachen, zarten Körper auf Händen trägt! Soll ich dich vielleicht hinaushexen, am besten auf einem fliegenden Teppich?«

»Warum nicht?«, zischte sie. »Wo bleibt denn dein Voodoo? Ja, ihr gefallt euch in der Rolle der...



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