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E-Book

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

Reihe: Die Chroniken von Waldsee

Zietsch Sternwolke und Eiszauber

Das Träumende Universum
2. Auflage 2012
ISBN: 978-3-943570-13-7
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Das Träumende Universum

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

Reihe: Die Chroniken von Waldsee

ISBN: 978-3-943570-13-7
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Legende ist zurück! Der Kampf um das Träumende Universum beginnt. Kelric, ein junger Ziegenhirte aus einem abgelegenen Bergdorf, verfügt über magische Kräfte, ohne es selbst zu wissen. Eines Tages erscheinen drei Magier eines fernen Landes und fordern Kelrics Eltern auf, ihnen den Sohn zu überlassen, damit er zum Meisterzauberer ausgebildet werde. Kelric trifft seine Entscheidung und zieht mit in die Fremde. Noch ahnt er nicht, was diese Berufung für einen Mann bedeutet: Verzicht und ein Leben voller Einsamkeit und Selbstaufopferung im schicksalhaften Kampf gegen einen dunklen Gott, der Anspruch auf die von zwei sanften Göttern behütete Welt erhebt, aber auch ein Leben voller Abenteuer und des Wissens um Dinge, die normale Menschen nicht einmal erahnen. Behutsam überarbeitete und szenarisch erweiterte Ausgabe. Diese Geschichte spielt zeitlich vor den 'Chroniken von Waldsee' auf der Welt Lerranee, genannt 'Sternwolke', im Träumenden Universum.

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1.


Rotnebel


Kelric saß versunken auf seinem Lieblingsfelsen und spielte mit den Wanderblumen, wie er es immer tat: Er öffnete sie mit seinem Geist und schloss sie wieder, gab ihnen die schillerndsten Farben und verlieh ihnen Namen.

Jener Felsen war der höchste Punkt des Plateaus, auf dem das Dorf in den Bergen erbaut worden war, und er bot den besten Blick in die Bergwelt hinaus. Es war noch so früh, dass Kelric sehen konnte, wie die Sonne aus ihrem Bett in den Tälern über die Berge hinaufkletterte und die vertrauten Morgennebel mit ihren Strahlen rot wie Blut färbte; die solchermaßen getönten Wolkenschleier ergossen sich Wasserfällen gleich über die Felsen und die an sie angeschmiegten Häuser und ließen die Umgebung in einem verzauberten Traum aus verhüllter Röte und verborgener Lebendigkeit versinken.

Kelric liebte diese Stunde am Morgen am meisten, denn er saß allein hier auf seinem Felsen, spielte mit den Blumen und begrüßte die Sonne, während er auf die Geräusche seiner erwachenden Eltern im Ersten Haus am Platz wartete. Er war immer derjenige, der dem neuen Tag als Erster entgegensah, danach kamen seine Eltern, der ältere Bruder und die jüngeren Geschwister; schließlich, wie auf ein verabredetes Zeichen hin, erwachte das ganze Dorf zu hektischer und fröhlicher Betriebsamkeit: Den Ziegenhirten, die auf die Sommerweiden aufbrachen, wurde das Frühstück bereitet und der Segen zugesprochen; sie liefen winkend an Kelric vorbei, der ihnen lächelnd nachsah; nur seinen Bruder grüßte er laut. Bald darauf vertiefte er sich wieder in die Beschäftigung mit seinen Blumen, denn der Alltag hinter ihm interessierte ihn nicht mehr; schließlich geschahen jeden Tag immer die gleichen, unveränderlichen Vorgänge: Es wurde zum Frühstück gerufen, Hunde begannen sich zu balgen, in der Schmiede wurde das erste Eisen gehämmert, am Brunnen standen die Frauen an. Kelric wusste, dass er noch Zeit hatte, er brauchte die Himmelszeichen nicht zu beobachten, um zu wissen, wann es soweit war, zur Morgenmahlzeit zu erscheinen.

Und plötzlich war alles anders. Es lag nicht am Wetter, das nun zu einem herrlichen Sommertag aufklarte, und nicht an den Blumen, die in langsamer Flucht aus Kelrics strapaziösem Machtbereich zu wandern versuchten. Es lag ganz einfach daran, dass er auf einmal nicht mehr allein war und, was sich als schlimmer erwies, dass er auch noch beobachtet wurde. Mit einer raschen, zornigen Bewegung der Hände fuhr er herum und verharrte überrascht in einer unbequemen, fluchtbereiten Stellung; die dunklen Augen schwärzten sich vor Ablehnung und Misstrauen, das erfrischend anzuschauende Kindergesicht verschloss sich. Fünf Männer unterschiedlicher Statur und Größe und unbestimmbaren Alters standen am Fuß des Felsens, die von Kapuzen halb verborgenen Gesichter zu Kelric gewendet. Sie trugen alle dieselben dicken Umhänge, die vor der Nebelfeuchtigkeit, der Kälte der Nacht und vor neugierigen Blicken schützten; ihr Aussehen mochte bis auf die Hautfarbe und die Haare verschieden sein, aber die mystische Ausstrahlung, jene geheimnisvolle Aura der Macht, ließ erkennen, dass sie die Zauberer von Laïre waren, die Heiligen Wanderer, und Brüder im Geiste.

Kelric starrte finster aus großen dunklen Augen auf die Männer hinab, die ihn ebenso schweigend fixierten; er fühlte sich gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen und versuchte, sein natürliches Misstrauen Fremden gegenüber deutlich genug zu zeigen, damit sie endlich wieder gingen. Als die Zauberer seinen stummen, jedoch nicht weniger dringlichen Wunsch keineswegs beachteten, ging er dazu über, sie der Reihe nach streng zu mustern. Drei alte und zwei junge Gesichter, die er alle für recht bemerkenswert in ihrem Ausdruck hielt. Aber es wuchs auch eine große Unruhe in ihm, als er in allen Augen, die bei jedem von tiefem Blau waren, eine geheimnisvolle, herzumschließende Trauer sah, die einen uralten, entsetzlichen, für Menschen niemals zugänglichen und zu erfassenden Namen hatte. Diese sonderbare Erkenntnis erschreckte ihn so sehr, dass er seinen Blick abwandte und scheinbar gedankenlos die Felsen betrachtete. Als wäre ein Bann von ihnen genommen, begannen die unheimlichen Männer plötzlich zu sprechen, leise nur und wenige Worte, aber mit Stimmen, die man nicht so schnell wieder vergisst.

»Faszinierend«, hörte Kelric eine alte weiche Stimme, und aus dem Augenwinkel schielend sah er, dass der älteste Mann, der zugleich der Führer zu sein schien, gesprochen hatte.

»Ein Ziegenhirte«, bemerkte eine andere, sehr schöne und starke Stimme verächtlich schnaubend. »Nichts als ein Ziegenhirte. Ein Zufall.«

Kelric, der merkte, dass wohl von ihm die Rede war, drehte rasch den Kopf zurück zu der Gruppe und starrte in das Gesicht des jungen Mannes, der zuletzt gesprochen hatte; seine Miene war hochmütig, und er musterte den Jungen geringschätzend. In diesem Augenblick trat eine Frau aus dem Haus des Dorfvorstands und rief: »Kelric! Das Frühstück wartet!«

Der Junge erwachte aus seiner Starre. »Ich komme, Mutter!«, antwortete er, und in einem plötzlichen Impuls streckte er dem jungen Mann blitzschnell die Zunge heraus, bevor er leichtfüßig von seinem Felsen hinab sprang und an den Fremden vorbei zum Haus lief, ohne weiter auf sie zu achten.

Die Zauberer sahen ihm nachdenklich nach. Schließlich blickte der Älteste zu dem Jüngeren und sprach mit mildem Vorwurf: »Das hätte es nicht gebraucht, Herr Melwin. Auch einem Kind gegenüber ist Höflichkeit angebracht.«

»Ja, Lord Sargon«, murmelte der Getadelte.

Fergon, der Zweitälteste, warf ein wenig schmunzelnd ein: »Der Junge rügte Euer Benehmen jedenfalls, und zu Recht! Vergesst nicht, dass Ihr hier Gast seid. Dieses Land mag nur aus Bergen, Ziegen und Bauern bestehen, dennoch gibt es hier nichtsdestoweniger einen guten König, der uns auf sein Schloss einlud. Loïree steht wieder einmal vor einem Krieg mit Laïmor.«

Melwin grinste plötzlich. »O ja, und während unsere Brüder in Lefrad für dasselbe Geschäft bezahlt werden, haben wir hauptsächlich Blasen an den Füßen.«

»Herr Melwin«, sagte Taimon streng, »wir führen keinen Krieg, sondern versuchen ihn zu verhindern.«

»Das tun doch schon die landschaftlichen Verhältnisse hinreichend«, brummelte Melwin vor sich hin. »Natürlich können wir helfen, eine Einigung zu erzielen, aber das nützt nicht lange. Schließlich schicken sie ihre Heere wieder los, und wenn sie die Hälfte Wegs zurückgelegt haben, haben sie ihr Vorhaben längst vergessen und werden zudem noch von den Anderen bedrängt. – Hm«, lenkte er zuletzt ein, als er die zunehmende Verärgerung der anderen bemerkte, »reden wir wieder von dem Jungen. Ich sehe Euch an, Lord Sargon, dass Ihr ihn für geeignet haltet.«

Der alte Mann wiegte nachdenklich den Kopf. »Ja und nein. Er ist begabt«, sagte er leise. »Etwas schlummert in ihm ... eine ungeheure Kraft ...«

»Ha!«, machte Melwin.

»Geehrter Melwin!«, tadelte Fergon entrüstet. »Was soll das denn?«

»Das kann ich Euch sagen, Herr Fergon«, entgegnete der junge Zauberer, »ich habe Angst. Und warum? Auch ich spüre die Magie in diesem unschuldigen Kind, und ich fürchte sie. Diese Magie ist anders als unsere, und wir könnten sie nie kontrollieren. Wir wissen nicht, was wir heranziehen, wenn wir ihn nach Laïre bringen. Die heutigen Zeiten sind nicht mehr so, dass wir Vertrauen haben dürfen. Das ist alles.«

Erwartungsvoll schaute er in die Runde. Als er jedoch bei den Gefährten Übereinstimmung gegen ihn fand, schwieg er und gab widerstrebend nach.

Erwartungsgemäß wurden sie in dem Haus ehrerbietig aufgenommen und scheu bedient. Das Frühstück war bereits beendet; die Hütte war klein und einfach, aber gemütlich eingerichtet. Im ersten Stock lagen zwei Schlafräume: der der Eltern und jener der Kinder; unten gab es einen einzigen Raum mit Tisch und Stühlen, erlesenen Thar- und Bellhirschfellen an den Wänden, einer Kochstelle mit Stein- und Blechgeschirr und einem großen warmen Ofen mit einer herrlichen Ofenbank. Auf dem Fußboden nahe der Kochstelle spielten zwei kleine Kinder mit Hemdchen und Rotznäschen; die junge Frau des ältesten Sohnes war oben mit dem Säugling beschäftigt; die Hausfrau brachte den Zauberern eine bescheidene, aber lecker duftende Mahlzeit, während der Mann ruhig und pfeiferauchend bei ihnen saß.

Kelric saß mit angezogenen Beinen auf der Ofenbank und beobachtete die Fremden unablässig; besonders lange hing sein Blick auf dem schönen, so tragischen und anziehenden Gesicht von Melwin, dessen vorheriger Hochmut wie weggewischt war; ganz ernst und verschlossen aß er, ohne den Blick zu heben oder ein Wort zu sprechen.

Erst nach beendeter Mahlzeit richtete Lord Sargon das Wort an die Eltern, unterhielt sich mit ihnen über dieses und jenes, Sorgen und Nöte, Allgemeines und Spezielles; seine Augen glitten unterdessen immer wieder zu Kelric, dem zusehends unheimlicher zumute wurde, denn den seltsamen rätselvollen Blick konnte er nicht deuten, und er rutschte unruhig auf seinem Hosenboden hin und her. 

Aber auch die Mutter spürte wohl, wie sich die Situation allmählich bedrohlich änderte, ein unbestimmtes furchtsames Gefühl beschlich sie, denn sie begann zerfahren zu antworten, machte mehr sinnlose Gesten als verständliche Worte und schwieg schließlich ganz.

Und als sie verstummte, herrschte plötzlich Stille in der Hütte. Der Vater blickte pfeiferauchend vor sich hin; die junge Frau...



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