Zillig | DIE PARZELLE | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Zillig DIE PARZELLE


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95765-788-6
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-95765-788-6
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein zukünftiges Deutschland: In abgeschotteten »Parzellen« können Menschen ihre eigenen Lebensvorstellungen ausleben. Der Staat mischt sich nicht ein. Sie müssen allerdings auch das Risiko tragen, das durch die neue Art zu leben entsteht. - Stefan Frohnberg, ein Musikprogrammierer, der in der Nähe von Köln lebt, erhält eine Einladung von seinem ehemaligen Klassenkameraden Christian Kuntzeler. Frohnberg soll in die Lüneburger Heide, in die Drogenparzelle Wilsede kommen und Kuntzeler dort treffen. Frohnberg erlebt in einer Woche eine fantastische Welt, die sein ganzes Leben verändert. Er taucht ein in eine Umgebung, die aus Mythen und Phantasmen besteht. »Ein Roman, der weit über normale Unterhaltungs-SF hinausgeht. Der Autor präsentiert einen Weltentwurf auf der Grundlage eigenen Träumens ... Er zeigt uns in seinem Roman ein Deutschland, in dem jede Gruppe - auch kriminelle oder anarchistische - eine eigene Parzelle gründen kann - sogar mit Unterstützung des Staates. ?Die Parzelle? ist ein Buch von der Allmacht der Fantasie, auch für das Individuum.« (Jörg Weigand)

Werner Zillig, geb. 1949 in Haßlach bei Kronach, Linguist und zwischen 1980 und 1990 Science-Fiction-Autor mit einem ambivalenten Verhältnis zur Science-Fiction. Lieblingsautor in diesem Genre: Kurt Vonnegut. Lieblingsbuch: Walter M. Miller, »A Canticle for Leibowitz« (deutsch: »Lobgesang auf Leibowitz«).
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Die Einladung


Die Gebäude der Firma Componant in Paffrath, einem Vorort von Köln, sind vor einigen Jahren in dem damals neuen Zitatstil gebaut worden. Inmitten eines kleinen, von einzelnen Baumgruppen gebildeten Parks liegen die einzelnen Häuser, die, jedes auf andere Weise, an Baustile der Vergangenheit erinnern. Das Gebäude, in dem die sogenannten Kreativen Abteilungen der Firma untergebracht sind, ist ein weißer, villenartiger Flachbau mit runden und spitzbogigen Fenstern. Die Eingangstür liegt, ein Stück weit in das Haus zurückversetzt, hinter vier Säulen, und auch vor dem Haus, auf der linken Seite des Vorplatzes, stehen zwei Säulenreihen. Die Säulen auf dem Vorplatz, die in unterschiedlicher Höhe abgebrochen sind und so an ein antikes Ausgrabungsfeld erinnern, sind mit Efeu bewachsen.

Der, der zum ersten Mal hierher kommt, wird, wenn er das Haus und seine Umgebung sieht, an ein Sanatorium denken und vermutlich nicht recht glauben können, dass in diesem Gebäude die Laboratorien einer Elektronikfirma untergebracht sind.

Stefan Frohnberg sitzt in seinen Sessel zurückgelehnt und hört auf die Musik, die aus den Lautsprechern vor ihm kommt. Dann dreht er den Sessel und blickt auf die efeubewachsenen Säulen vor dem Fenster. Nach einer Weile verzieht er das Gesicht und sagt: »Nein, das ist es einfach nicht! Die Rhythmusgitarre ist irgendwie – zu wenig versetzt. Und der Bass ist zu starr.«

»Ich weiß nicht, ich finde das Programm ganz ordentlich«, antwortet Martin Hammerschmidt. »Ich glaube, mehr ist da einfach nicht rauszuholen.«

»Hör dir doch mal die Aufnahme an! Zum Beispiel – dreihundertvierundzwanzig.«

Hammerschmidt gibt die Zahl in ein kleines Gerät ein, das vor ihm steht, dann drückt er auf eine breite rote Taste, die sich rechts neben dem Zahlenfeld befindet. Eine andere Aufnahme wird eingespielt, und ein Sänger singt jetzt.

»Ich glaube, du lässt dich von der Stimme beeinflussen«, sagt Hammerschmidt. »Ich habe heute Morgen das gesamte Programm noch einmal geprüft. Es hat keinen Fehler. Mehr können wir nicht machen.«

Frohnberg sieht wieder hinaus auf die Säulen. Er sagt sich, dass Hammerschmidt recht hat. Sie haben die Aufnahmen dieser alten Schallplatte sorgfältig analysiert, und mehr können sie nicht tun. Das Programm wird am Montag abgeliefert und geht nach dem Gegencheck durch die Kontrollabteilung in Serie. In zwei Wochen werden es die Leute überall kaufen können, und jeder, der es zu Hause in seinen Syncomposer einlegt, kann unzählige neue Musikstücke anfertigen. Alle werden sie nach dem Muster dieser Schallplatte sein, und trotzdem wird keines dem anderen vollständig gleichen.

Frohnberg hört wieder auf das, was der Sänger singt. Er hat, ehe sie mit der Analyse begonnen haben, die Texte gelesen. Es waren schwarze, dunkel gestimmte Zeilen gewesen, deren Bedeutung ihm ein wenig unklar geblieben war. Aber Texte werden nicht mitgeliefert.

»Gut«, sagt Frohnberg. »Machen wir noch eine Composerprobe und lassen es dann gut sein.«

Hammerschmidt zieht ein kleines Mikrofon heran und schaltet wieder das Programm ein. Dann trommelt er mit den Fingern einen schnellen, unregelmäßigen Takt auf die Tischplatte. Das Mikrofon nimmt die Geräusche auf und leitet sie dem Rechner zu, der sie, wie vorher die Signale aus dem Zufallsgenerator, als vorgegebene Größen in das Programm einsetzt. Nach einigen Sekunden hören Frohnberg und Hammerschmidt das neue Stück.

»Wenn du jetzt noch singen könntest«, sagte Hammerschmidt, »dann wäre es perfekt.«

»Warte nur ab«, antwortet Frohnberg und lacht. »Demnächst singe ich dir was vor.«

Sie hören noch für ungefähr eine Minute der Musik zu, dann sagt Frohnberg: »Na gut, liefern wir am Montag ab.«

Sie stehen auf und schalten die Geräte aus. Dann verlassen sie den Raum. Am Ausgang, als sie in dem offenen Vorraum des Hauses stehen, sagt Frohnberg: »Wir sehen uns dann morgen Abend.«

»Ja, wir freuen uns schon«, antwortet Hammerschmidt.

Frohnberg stieg zwei Stationen früher aus dem Bus. Er überquerte die Straße. Obwohl die Sonne schien, war es nicht sehr heiß. Die Bäume an der Straße zum Schloss hin waren schon ein wenig gelb. Frohnberg wandte sich nach links und ging den Weg hinunter. Nach ungefähr zweihundert Metern war er zu Hause. Er öffnete die Gartentür, ging durch den Vorgarten und schloss dann die Haustür auf.

Als er durch die halb geöffnete Tür des Wohnraums blickte, sah er Jonna, seine Tochter, auf dem Boden sitzen. Der Beamer war eingeschaltet.

Frau Borgmeier, die Frau, die auf Jonna aufgepasst hatte, kam aus dem Wohnraum. »So, wieder zurück, Herr Frohnberg?«, sagte sie. »War viel los in der Stadt?«

»Nein, eigentlich nicht«, antwortete Frohnberg.

Dann sagte Frau Borgmeier: »Ach, Herr Frohnberg, es ist ein Brief für Sie gekommen.«

»Ist er unter persönlich gespeichert?«, fragte Frohnberg.

»Nein«, antwortete Frau Borgmeier. »Es ist ein richtiger Papierbrief, in einem Umschlag. Jemand von der Post hat ihn vorbeigebracht.«

»Ach so.« Frohnberg war überrascht. »Haben Sie Gebühren bezahlen müssen?«

»Nein, die Gebühren waren schon bezahlt. Ich habe ihn im Wohnzimmer auf den Tisch gelegt.«

Frohnberg ging an seiner Tochter vorbei. Er sagte: »Na, Jonna, du verstehst wieder einmal alles, was deine Mutter erzählt?«

»Nöh«, sagte Jonna und sah weiter auf das Beamer-Bild.

Frohnberg nahm den Brief vom Tisch. Frau Borgmeier fragte von der Wohnraumtür her: »Dann kann ich jetzt gehen, Herr Frohnberg?«

»Ja, Frau Borgmeier, vielen Dank! Sie notieren ja die Stunden, nicht wahr?«

Frohnberg brachte die Frau noch zur Haustür. Dann öffnet er, noch im Flur, den Brief.

›Lieber Stefan‹, stand da. ›Du wirst sicherlich überrascht sein, dass du nach so langer Zeit wieder von mir hörst. Ich schreibe dir heute, um dich zu fragen, ob wir uns noch einmal sehen können. Ich habe hier noch zwei Wochen zu leben, und ich kann dich in dieser Zeit leider nicht besuchen. Du müsstest also hierher kommen. In diese Parzelle, in der ich lebe. Wenn du kommst, lass es mich vorher wissen. TP 07-422-802. – Christian.‹ Es folgte noch: ›P. S. Ich bin körperlich völlig in Ordnung. Du brauchst dich nicht auf einen Krankenbesuch einzurichten.‹

Auf dem Briefbogen stand, oben links, der Absender: Christian Kuntzeler, Parzelle Wilsede, 29646 Oberhaverbeck.

»Was ist das, Papa?«

»Ein Brief«, antwortete Frohnberg und sah auf das Bild an der Wand, wo seine Frau gerade in einer Großaufnahme gezeigt wurde.

»Warum hat ein Mann den Brief gebracht?«, fragte Jonna weiter. Sie wippte auf den Zehenspitzen und sah weiter auf das Beamerbild an der Wand.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht weil der, der ihn geschrieben hat, keinen Computer hat.«

»Wer hat den Brief geschickt?«

»Einer, mit dem ich zur Schule gegangen bin«, sagte Frohnberg.

Frohnberg nahm die Fernbedienung und tippte die Buchstaben ein. Auf der Wand erschien die Kurzinformation: Wilsede. Ältester deutscher Naturschutzpark. Lage: Lüneburger Heide. 53° 10' 4" N, 9° 56' 21" O | Höchste Erhebung: Wilseder Berg, 169 m über NN.

Weitere Verweisangaben folgten. Frohnberg berührte den Link, und auf der Wand stand jetzt:

Parzelle Wilsede. Drogenparzelle. Genehmigung vom 21.07.20.. | ca. 400–500 Bewohner. Weitere Daten nicht freigegeben (§ 42, 1c. Parz.ges.). | Besonderheit: Lichtturm von Hans Martin Nickel.

Ein vergrößertes Bild von diesem Lichtturm konnte man über einen anderen Link abrufen. Auf der Wand erschien ein Gebilde, das aus vielen parallel in den Himmel hinauf weisenden Lichtstrichen bestand. Die Laserstrahlen, die sich scharf vom nächtlichen schwarzen Hintergrund abhoben, waren gelb, fast weiß.

»Ich habe einen Brief bekommen«, sagte Frohnberg zu seiner Frau. »Christian Kuntzeler – ich bin mit ihm zur Schule gegangen. Er hat mich eingeladen. Er lebt in einer Parzelle. In Wilsede.«

»Was für eine Parzelle?«, fragte seine Frau. »Religiös?«

»Nein, eine Drogenparzelle«, sagte Frohnberg.

»Und dort sollst du ihn besuchen?«

»Ja, er schreibt, dass er nur noch zwei Wochen zu leben hat. Er möchte, dass wir uns noch einmal sehen.«

»Wo liegt denn dieses – wie heißt die Parzelle?«

»Wilsede. Irgendwo in der Lüneburger Heide.«

»Und dieser – Kuntzeler? Der stirbt, weil er zu viel von dem Zeug genommen hat?«

»Ich weiß nicht. Er schreibt, dass er nicht krank ist. Was das mit den zwei Wochen bedeutet, hat er nicht geschrieben.«

»Vielleicht bringen sie sich eines Tages selbst um, wenn sie genug haben. Fährst du hin?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Frohnberg. »Ich glaube nicht. Ich habe Kuntzeler seit dem Abitur nicht mehr gesehen. Wir waren auch nicht irgendwie näher bekannt oder befreundet. Keine Ahnung, warum er ausgerechnet mich eingeladen hat.«

Nach dem Abendessen sagte Hammerschmidt: »Also ich an deiner Stelle, ich würde fahren.«

Er sah Helga Meinert, Frohnbergs Frau, an und lächelte, als wollte er sagen, dass Frohnberg ja sowieso nicht fahren werde und dass er also nur so tue, als ermuntere er ihn, Christian Kuntzeler zu besuchen. Und selbstverständlich, so sagte dieses Lächeln, würde er, Hammerschmidt, eine solche Einladung nie annehmen.

Laura Hammerschmidt verstand das Lächeln ihres Mannes nicht »Du...



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