Zimmermann | Hohlräume | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

Zimmermann Hohlräume

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03981-012-3
Verlag: edition bücherlese
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

ISBN: 978-3-03981-012-3
Verlag: edition bücherlese
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Leben von Karl, Prorektor eines Gymnasiums in ländlicher Umgebung, ist selten etwas nach Wunsch verlaufen. Lehrer ist er mangels besserer Alternativen geworden und gerade ist die heimliche Affäre mit seiner Kollegin Laura in die Brüche gegangen. Für die attraktive Spanischlehrerin war die Liaison ein folgenschwerer Fehler. Derweil blickt Karls Frau Esther zurück auf vertane Chancen. Die Verbindung zu ihrem Mann hat sie längst verloren, nun entfernen sich auch ihre Kinder, die Teenager Julian und Sophia, zusehends von ihr. Während Julian die Karriere eines Kleindealers der Monotonie seiner Metallbau-Lehre vorzieht, verliert die Schülerin Sophia mehr und mehr den Kontakt zur Außenwelt. Ob ihr Schulkamerad David, selbst in den Wirren der Pubertät verheddert, Sophia helfen kann? Einmal mehr beweist Peter Zimmermann mit der klug konzipierten Geschichte eines Sommertags, wie gekonnt er philosophische Betrachtungen und spannendes Erzählen verbindet. Die Handlung setzt in den frühen Morgenstunden im Juni ein. Es hätte ein glücklicher Tag werden können, doch stattdessen verschränken sich verschiedene Handlungsstränge zu einem Szenario, das scheinbar unaufhaltsam auf einen dramatischen Showdown zusteuert. Am Abend ist die Welt der Protagonisten aus den Fugen und sie müssen sich fragen, ob der Lauf der Dinge tatsächlich unabwendbar war und was sie dazu beigetragen haben.

Peter Zimmermann, promovierter Philosoph, Dozent an der Universität Fribourg und Autor. 1972 im Kanton Nidwalden geboren, lebt er heute in Bern. Seit 2016 Veröffentlichung von Kurzprosa in diversen Literaturzeit-schriften, 2020 erschien im Verlag edition bücherlese sein erster Roman Was der Igel weiß. 2021 folgte die Geschichtensammlung Halt mir nur still. Sein Schaffen wurde mehrfach mit Preisen und Werkstipendien ausgezeichnet, zuletzt mit dem Werkpreis der Zentralschweizer Literaturförderung für das Manuskript des Romans Hohlräume.
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König David


»Die Philister glaubten an viele Götter. Die Männer waren glattrasiert und überheblich, trugen Helme aus Bronze und attackierten ihre Feinde mit Sichelschwertern. Der größte von ihnen maß sechs Ellen und eine Spanne, also mehr als drei Meter. Der Schaft seines Speers war so dick wie ein Weberbaum und besaß eine Spitze aus Eisen. Sie seien Sandflöhe, rief Goliath dem Volk Israels zu. Wer von ihnen habe den Mut, gegen ihn anzutreten? Keiner getraute sich, auch nicht, als sie erfuhren, dass ihr König demjenigen, der den Riesen bezwinge, die Tochter zur Frau gebe. Niemand getraute sich, außer David. Alle dachten, er sei zu jung, doch er war ein Hirte und oft schon hatte er seine Schafe den Klauen von Bären und Löwen entrissen. Aus einem Bach wählte er fünf glatte Steine. Er nahm die Schleuder in die Hand und trat den Philistern entgegen. Goliath brach in Gelächter aus. Mit deinem Fleisch will ich die Vögel nähren, spottete er und hob den Speer in die Höhe. Er lachte noch immer, als ihn der Stein mitten auf die Stirn traf und ihn auf der Stelle tötete. Um sicherzugehen, zog David Goliaths Schwert aus der Scheide und schlug ihm den Kopf ab.«

Der Vater unterstrich seine Worte, indem er sich mit dem Finger quer über den Hals fuhr.

»Hat er die Prinzessin bekommen? Hat er sie geheiratet?«, fragte David.

»Ja, das hat er. Und später wurde er König.«

Die Spitze des Weihnachtsbaums drückte gegen die Decke. An den Ästen hingen rote und goldene Kugeln, den Engel hatte die Mutter zwischen den Geschenken platziert. Sie saß in Pyjamahosen auf dem Sofa, auf ihrem T-Shirt war ein Seepferdchen zu sehen, das über dem Wort »Mallorca« schwamm. In der Hand hielt sie ein Glas Eierlikör, sie hatte den Baum geschmückt.

Der Vater roch nach Kölnisch Wasser. 4711, es klang wie eine Geheimzahl, die Etikette auf der Flasche sah nobel aus. Manchmal schlich David ins Badezimmer, benetzte den Zeigefinger mit einem Tropfen aus dem Flacon und roch so lange daran, bis er nicht mehr hätte sagen können, ob er den Duft noch immer wahrnahm oder sich nur einbildete.

»Weil dein Name David ist«, sagte der Vater und zeigte auf die kleinste Schachtel, die unter dem Baum lag. Er hatte sie selbst in Geschenkpapier verpackt, die Klebestreifen verliefen kreuz und quer. Seine Worte verstand David erst, als er das Papier in Fetzen gerissen und den Karton geöffnet hatte. Das Gummiband war dunkelblau und so dick wie ein Finger. Der Griff der Schleuder glich dem eines Skistocks. In seinem Innern gab es ein Schubfach, um die Stahlkugeln zu verstauen, die in einem Stoffbeutel am Boden der Schachtel lagen.

»Cool!«, rief David, öffnete den Beutel, nahm eine Kugel heraus und hielt sie sich vor die Augen. Sie war perfekt rund.

Der Vater steckte die Enden des Gummibands auf die metallene Gabel. »Was ist unser erstes Ziel?«

»Aber nicht in der Wohnung!«, sagte die Mutter.

»Wo denkst du hin? Zieh dich an, David. Ich hole eine Taschenlampe.«

»Muss das sein? An Heiligabend? Könnt ihr nicht warten?«

»Können wir warten?«, flüsterte der Vater und David schüttelte den Kopf.

Sie gingen zum Ende des Dorfes. Die Straße war leer, vom Schneepflug aufgetürmte Berge säumten den Gehsteig. Vor der Kreuzung stand ein Stoppschild im Schein einer Laterne. Sie blieben in einiger Entfernung stehen, weißer Atem hing vor ihren Gesichtern.

»Wir vergeuden keine Kugeln«, sagte der Vater. »Wir nehmen Steine, so wie König David.«

Am Rand des angrenzenden Felds sammelten sie Munition, danach brachten sie sich in Stellung und der Vater zeigte ihm, wie er die Schleuder halten musste. Die ersten Versuche gingen daneben, beim sechsten oder siebten durchbrach ein Knall die Nacht. Er war so laut, dass sie erschraken, sich umsahen, ob irgendwo ein Licht anging oder ein Fenster geöffnet wurde. Im Schein der Taschenlampe prüften sie, wie tief die Delle war, die das Geschoss ins Metall geschlagen hatte.

»Nicht schlecht«, sagte der Vater. »Gehen wir heim.«

Davids Finger waren klamm vor Kälte. Während er die Handflächen aneinanderrieb, dachte er darüber nach, worauf sonst sie noch schießen konnten, doch ihm fielen bloß die Fensterscheiben des Schulhauses und die Lampen der Straßenleuchten ein. Stattdessen nahm er die grauen Schneeberge ins Visier, er mochte das leise Ratschen, das erklang, wenn ein Stein in einem Haufen verschwand. Einmal verfehlte er sein Ziel, der Stein schlitterte über den Parkplatz des Dorfladens. David wusste, dass hinter dem Gebäude Kisten mit Altglas standen, in seiner Klasse gab es Jungen, die sich daraus bedienten, um danach die Flaschen im Laden abzugeben und das Pfandgeld zu kassieren. Das war es! Er rannte los und kam mit zwei Bierflaschen in der Hand zurück.

»Kommt nicht infrage«, sagte der Vater und lachte.

Sie gingen zur Brücke, die über die Thol führte, stellten die Flaschen aufs Geländer und legten fest, wer auf welche schoss. Beim vierten Versuch streifte ein Stein das Ziel, die Flasche taumelte und fiel unversehrt ins Wasser.

»Das zählt nicht«, sagte David, griff nach der Schleuder, kniff die Augen zusammen und landete einen Volltreffer. Die Flasche zerbarst. David vollführte einen stummen Freudentanz, worauf der Vater die Hand auf seine Schulter legte.

»Eins zu null für dich.«

Eine Zeit lang nahm David die Schleuder mit in die Schule. Gerne hätte er sie Karin gezeigt, doch er wollte ihr keine Angst einjagen. Sie saß neben ihm und wenn sie eine Prüfung hatten, achtete er darauf, dass sie von ihm abschreiben konnte. Zum Dank schenkte sie ihm Schokoriegel und einmal eine Dose giftgrünen Slime. Zu Beginn des neuen Semesters posierten sie für ein Klassenporträt und bekamen das Ergebnis in einem Kuvert überreicht. Das Foto war schwarz-weiß und hatte einen stechenden Geruch. In der vordersten Reihe stand Karin. Häufig sah sie an seinem Kopf vorbei, wenn sie miteinander sprachen. Auf dem Bild hingegen blickte sie ihm direkt in die Augen. Ihr Gesicht war rund wie der Mond, aber das machte ihm nichts aus, für ihn war sie das schönste Mädchen der Klasse. Jeden Abend legte er das Foto aufs Kopfkissen, saugte den Geruch ein, presste die Lippen auf das Bild und sein Becken auf das Bettlaken. Die Ecke, auf der er selbst zu sehen war, knickte er um. Nach einigen Wochen wurde das Papier rissig. Hätten seine Eltern gefragt, was er mit dem Foto angestellt habe, hätte er sie anlügen müssen, also versteckte er es zwischen den Seiten eines Buchs. Neben Karin zu sitzen wurde ihm unangenehm, weil sie ihn ansah, als wüsste sie, was er abends tat. Zum Glück wurden die Plätze neu ausgelost, er kam eine Reihe hinter ihr zu sitzen und konnte sie ungestört betrachten, während er eine Hand zwischen die Beine klemmte.

Ihr Bild blieb das einzige in seinem Versteck, bis ihm einer aus der Klasse Hefte zeigte, die er am Bahnhofskiosk in Gerschen geklaut hatte. Schlüsselloch, Praline, Coupé. Ob er eines wolle, fragte der Kamerad. David blätterte durch die Seiten und ihm wurde schwindelig.

Weitere Hefte kamen dazu. Er stellte fest, dass er stets dieselben Bilder betrachtete, während ihn andere geradezu abstießen. Sorgfältig schnitt er diejenigen aus, die ihm am besten gefielen, versah sie mit Fotoecken und klebte sie in ein Album mit dickem Einband aus Lederimitat. Die Versuchung war groß, es ins Bücherregal zu stellen, die Eltern betraten fast nie sein Zimmer. Um kein Risiko einzugehen, baute er sich ein Versteck, das ebenso geheim wie gut zu erreichen war. Sein Bett stand direkt vor dem Büchergestell und verdeckte die Sicht auf den Boden darunter. Dort schichtete er Bücher so aufeinander, dass ein Hohlraum entstand. Der Putzger-Atlas diente als Dach. Schob David ihn zur Seite, war es, als öffnete er einen heiligen Schrein.

Einmal im Jahr mussten alle Schüler von Birkried zur Beichte. David war als Letzter an der Reihe, er hatte den ganzen Tag nichts gegessen. In der Kirche war es kühl, der Geruch von Weihrauch verstärkte seine Übelkeit.

»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.«

»Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit.«

»Amen.«

»Du darfst beginnen.«

»Ich war frech zu meiner Mutter«, log David.

»Wie oft?«

»Zweimal.«

Der Pfarrer räusperte sich. »Und weiter?«, fragte er.

»Weiß nicht.«

»Hast du geflucht? Schmutzige Wörter gebraucht?«

»Vielleicht.«

»Ja oder nein?«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Denkst du an Mädchen?«

David spürte, wie sein Kopf heiß wurde. »Nein.«

»Du musst ehrlich antworten.«

»Ich weiß. Ich bitte um Vergebung.«

Der Pfarrer schwieg, doch nach einer Weile gab er einen Seufzer von sich, erlegte ihm ein Bußgebet auf und sprach ihn von seinen Sünden frei.

Nachdem David den ganzen Weg nach Hause gerannt war, schob er den Putzger-Atlas zur Seite und steckte das Album in eine Tragetasche aus Papier, die er mit Klebeband umwickelte. Er wartete, bis die Eltern schliefen, schlich aus der Wohnung und hinunter zur Thol. Als er sich vergewissert hatte, dass niemand sonst am Ufer war, warf er die Tasche in einen Abfalleimer und eilte davon. Nach wenigen Schritten verlangsamte sich sein Gang. Schließlich blieb er stehen und drehte sich um. Der Abfalleimer lag im Dunkeln, dahinter schimmerte die Thol im Licht...



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