Zingerle | Die Nacht der Zerper | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 12, 72 Seiten

Reihe: Klagenfurter Kneipen-Krimi

Zingerle Die Nacht der Zerper


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96454-836-8
Verlag: Edition Z
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 12, 72 Seiten

Reihe: Klagenfurter Kneipen-Krimi

ISBN: 978-3-96454-836-8
Verlag: Edition Z
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Klagenfurt wird ein junger Scheidungsanwalt bestialisch ermordet. Eine mögliche Mordzeugin steht unter Schock und kann nicht einvernommen werden. Und noch etwas befindet sich am Tatort: Ein schwarzes Plakat mit der weißen Aufschrift 'Bald in Klagenfurt: Die Nacht der Zerper'. Plakate wie dieses hängen seit Wochen in der Stadt aus und sorgen für ausgiebige Diskussionen, da niemand weiß, was sie ankündigen. Als Hubert Pogatschnig herausfindet, was ein 'Zerper' ist, glaubt er, eine Spur zu haben. Gemeinsam mit Ludwig Melischnig und dessen Freundin, der Tochter von Chefinspektor Leopold Ogris, recherchiert er unter den Mitgliedern der mittelalterlichen Schaukampftruppe 'Tafelrunde', von denen keiner wirklich unverdächtig ist. Zur Serie: Über die Einhaltung von Gesetzen wacht die Polizei - aber nicht nur! In Klagenfurt am Wörthersee haben sich Hubert Pogatschnig (zunächst Großhandelsvertreter, später Bierführer) und Ludwig Melischnig (Bierführer-Assistent) die Aufklärung von Kapitalverbrechen zur Aufgabe gemacht. Dabei besteht der besondere Reiz für die beiden darin, schneller zu ermitteln als die Polizei. Von den Medien als 'Zwei für die Gerechtigkeit' gefeiert und von der Kripo unter dem Kommando von Leopold Ogris als 'Deppen-Duo' verachtet, machen sich die beiden Hobby-Detektive die Vorteile des Tratsches zunutze: Sie suchen dort nach Hinweisen, wo Informationen ausgetauscht werden, nämlich in Gaststätten oder Gewerbebetrieben, Vereinen oder Nachbarschaften, beim täglichen Herumkommen oder auf gelegentlichen Extratouren an Originalschauplätzen in und um Klagenfurt.

Roland Zingerle, geboren 1973, lebt und arbeitet in Klagenfurt am Wörthersee. Er studierte Germanistik und Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Journalist und Kulturmanager, ehe er sich als Schriftsteller selbstständig machte. Zingerle verfasst Romane und Sachbücher und unterrichtet deutsche Literatur und kreatives Schreiben.
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Montag, 13 Uhr, Sicherheitszentrum Klagenfurt.


Chefinspektor Leopold Ogris lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und atmete tief durch. Er verschränkte die Hände hinter seinem Nacken, schloss die Augen sagte zu Kontrollinspektorin Christiane Schulz:

„Lesen Sie mir noch einmal die bisherigen Fakten vor, Frau Kollegin.“

Die Kontrollinspektorin räusperte sich und begann von unterschiedlichen Papierblättern abzulesen, die in wildem Chaos auf ihrem Schreibtisch lagen:

„Also: Der Tote ist ein in Klagenfurt-Sankt-Peter wohnhafter Rechtsanwalt namens Ingo Rabensteiner. Er hatte den akademischen Titel eines Magisters, war 28 Jahre alt und in der Klagenfurter Kanzlei Doktor Gatternig beschäftigt, wo er auf Scheidungsrecht spezialisiert war. Identifiziert wurde er durch einen Ausweis, den er bei sich hatte, und durch seine Verwandten. Laut den Aussagen der bisher befragten Verwandten, Freunde und Arbeitskollegen des Mordopfers war Ingo Rabensteiner ein liebenswürdiger, zurückhaltender Mann, der – so behaupten sie – keine Feinde hatte.

Allerdings kann man das bei einem Scheidungsanwalt nie mit Sicherheit sagen. Glaubt man den Worten seines Chefs, war Rabensteiner fleißig und verfügte über hervorragende Instinkte, mit denen er es als Anwalt noch weit gebracht hätte. Als Todesursache konnten drei Dolchstiche festgestellt werden, die von jener Waffe stammen, die am Tatort sichergestellt wurde.

Der erste Stich wurde von unten geführt, durchdrang Bauchdecke und Magenwand, der zweite durchbohrte den Hals unmittelbar unter dem Kehlkopf und kam an der Halswirbelsäule zum Stillstand und der Dritte traf das Opfer in die untere Rückenpartie, wobei die Klinge die Rückenmuskulatur aber nicht durchdrang. Der Mord muss sehr dynamisch vonstatten gegangen sein, denn Blut fand sich quasi überall in der Mondgasse.

Das erschwert auch ein Täterprofil: Wenn sich das Opfer wehrt, sind die Einstiche in der Regel nicht ganz so tief, weil dann die Wucht der Angriffe bis zu einem gewissen Grad gebremst wird. Der Mörder könnte demnach ebenso ein Mann wie auch eine Frau gewesen sein.

Laut medizinischem Gutachten trat der Tod bereits gegen 22 Uhr ein, was bedeutet, dass in den darauffolgenden dreieinhalb Stunden niemand mehr am Tatort vorbeikam – oder zumindest niemand, der das Gesehene gemeldet hat. Die Anwohner sagten aus, sie hätten nichts von einem Mord mitbekommen, was jedoch kein Wunder ist, immerhin handelt es sich bei ihnen um betagte Herrschaften, die bereits um 21 Uhr im Bett waren.

Eine mögliche Zeugin der Tat, wenn nicht gar eine Tatverdächtige, ist die 21-jährige Alexandra Schmiederl aus St. Veit an der Glan. Sie wurde von den Kollegen von der Streife am Tatort aufgefunden, kann aber nicht befragt werden, weil sie sich in einem sogenannten paralytischen beziehungsweise katatonischen Zustand befindet. Das bedeutet, sie nimmt ihre Umwelt nicht bewusst wahr und wird von immer wiederkehrenden Muskelkrämpfen geschüttelt. Sie wurde in die psychiatrische Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt eingeliefert, wo die Mediziner sie in künstlichen Tiefschlaf versetzten. Ihr behandelnder Arzt sagte, der Auslöser für ihren Zustand sei ein traumatisches Erlebnis gewesen, wann sich ihre Lage bessern werde, könne er jedoch nicht vorhersagen.

Alexandra Schmiederls Fingerabdrücke sind die einzigen Spuren auf der Tatwaffe, die nicht von dem Toten stammen. Weiters befand sich das Blut des Ermordeten auf Frau Schmiederls Händen, Gesicht, Kleidung und auf ihrem Mobiltelefon, welches ebenfalls am Tatort am Boden liegend gefunden wurde.

Mit Hilfe dieses Mobiltelefons konnte die Identität der Studentin festgestellt werden: Unter der letzten gewählten Nummer meldete sich eine Freundin der jungen Frau, die mit ihr eine Wohnung in einem Wohnblock unweit der Mondgasse teilt. Diese Freundin identifizierte Frau Schmiederl als Studentin der Pädagogischen Akademie – PädAk – und sagte aus, Frau Schmiederl hätte ihr gegenüber nie einen Magister Ingo Rabensteiner erwähnt und auch nie von einem Mann gesprochen, der Ingo Rabensteiner hätte sein können. Frau Schmiederl – so die Freundin weiter – wäre jedoch keinesfalls zu einer Bluttat fähig, auch hätte sie die Mordwaffe nie bei ihr gesehen.

Der Mann, der das Mordopfer und Alexandra Schmiederl gefunden hat, heißt Erwin Anderle. Er arbeitet als Grafiker in einer Klagenfurter Druckerei und gab an, vorletzte Nacht von einem lustigen Abend mit Freunden nach Hause unterwegs gewesen zu sein. Seine Freunde bestätigen diese Aussage. Herr Anderle hätte ihre Runde etwa um 1.20 Uhr verlassen – also etwa zehn Minuten, bevor er die Leiche fand und die Polizei verständigte.

Die Mondgasse betrat er durch die Gerichtsgasse. Diese ist die direkte Verbindung zwischen der Innenstadt und der Dr.-Franz-Palla-Gasse, wo sich seine Wohnung befindet. Herr Anderle gab an, durch den Anblick des Tatorts schlagartig einen klaren Kopf bekommen zu haben, weshalb er nichts anrührte, sondern per Mobiltelefon sofort die Polizei alarmierte. Da sich weder Spuren von ihm am Tatort noch Spuren vom Tatort an ihm befinden, ist davon auszugehen, dass die Aussage von Erwin Anderle der Wahrheit entspricht.“

Chefinspektor Leopold Ogris war aufgestanden und hatte damit begonnen, im Büro auf und ab zu gehen. Er nahm eines der Papierblätter vom Schreibtisch seiner Stellvertreterin und fuhr an ihrer Stelle fort:

„Die Tatwaffe ist ein mittelalterlicher Dolch mit einer Klingenlänge von achtzehn Zentimetern. Die Waffe stammt aber nicht wirklich aus dem Mittelalter, sondern von einem deutschen Versandhandel namens ‚Zeughaus’. – Ein Anbieter von Ausrüstungsgegenständen für mittelalterliche Schaukampftruppen.“

Kontrollinspektorin Christiane Schulz hatte ein weiteres Blatt genommen, hielt es ihrem Vorgesetzten hin und erklärte dazu:

„Die Firmenprägung dieses Unternehmens wurde auf der Klinge nachgewiesen.“

Chefinspektor Ogris hielt inne und sah seine Kollegin fragend an:

„Mittelalterliche Schaukampftruppen? Gibt es von denen so viele, dass sich ein eigener Versandhandel lohnt?“

Kontrollinspektorin Schulz lachte unwillkürlich auf, dann rief sie:

„Aber Herr Chefinspektor, wo leben Sie? Inzwischen gibt es doch keinen Jahrmarkt mehr, der nicht seine eigene Mittelalter-Abteilung hätte. Im Sommer finden im ganzen Land einschlägige Lager statt und in Friesach wird sogar eine authentische Burg gebaut.“

„Das zumindest ist nicht an mir vorübergegangen“, brummte Ogris missmutig.

Die Kontrollinspektorin fuhr fort:

„Das Mittelalter erlebt derzeit eine neue Hochblüte – und selbstverständlich blüht damit auch der dazugehörende Handel.“

„Warum wissen Sie so viel darüber?“ Der Stimme des Chefinspektors war ein Anflug von Misstrauen zu entnehmen.

„Weil auch ich mich dem Reiz des Mittelalters nicht ganz entziehen kann“, gestand Kontrollinspektorin Schulz lächelnd.

Der Chefinspektor seufzte.

„Ja, ja, ich verstehe schon“, sagte er. „Das wirkliche Leben ist Ihnen nicht blutrünstig genug, da müssen noch ein paar mittelalterliche Schwertkämpfe her.“

„Es gibt ja nicht nur mittelalterliche Waffen“, konterte die Stellvertreterin. „Es gibt ja auch Kultur, Literatur … schon einmal etwas vom Minnesang gehört?“

„Ja – verschonen Sie mich!“ Ogris’ abwehrende Geste war nicht ernst gemeint. „Zumindest ist das Mittelalter noch nicht so weit in unseren Alltag vorgedrungen, dass jeder einen ellenlangen Dolch mit sich herumführt. Die Tatwaffe muss also zum Tatort mitgebracht worden sein, was bedeutet, dass eine Tötungsabsicht oder zumindest eine Tötungsbereitschaft bestanden hat.“

„Halten Sie Alexandra Schmiederl für die Mörderin?“, fragte Kontrollinspektorin Christiane Schulz geradeheraus.

Der Chefinspektor hob die Schultern, als er erwiderte:

„Grundsätzlich kann man in keinen Menschen hineinschauen. Aber es wäre schon ein wenig ungewöhnlich, wenn sie den Mord – angefangen vom Besorgen der Tatwaffe bis hin zum abgelegenen Tatort – geplant und durchgeführt und danach den Verstand verloren hätte! Aber wie wir wissen, sind die Dinge nicht immer so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Beginnen wir damit, mögliche Zusammenhänge zwischen Alexandra Schmiederl und Ingo Rabensteiner herauszufinden: Gab es ein Mordmotiv? Haben sich die beiden überhaupt gekannt? Oder war es ein zufälliges Zusammentreffen mit einem Sexualmotiv? Wem gehörte die Tatwaffe?“

„Vielleicht hat sich der Herr Rechtsanwalt für einen Zerper gehalten?“, erwiderte Christiane Schulz. Ihr Lächeln versteckte sie dabei so gut, dass es ihr Vorgesetzter wohl nicht sah, denn er fragte:

„Einen was?“

„Ach nichts, das war nur ein dummer Witz“, antwortete die Kontrollinspektorin. „Am Tatort hängt doch eines von diesen ‚Die Nacht der Zerper’-Plakaten, die seit Wochen die ganze Stadt bepflastern. Sogar die Wahlplakat-Flut der letzten Zeit hat weniger Aufsehen erregt als diese schwarzen Dinger. Alle rätseln herum, weil niemand weiß, was ein ‚Zerper’ ist, was die ganze Aktion soll und wann man endlich etwas Näheres erfahren wird.“

„Ja, die Plakate sind nicht zu übersehen“, erwiderte Ogris. „Was steht da genau drauf?“

„Nicht viel“, erklärte die Kontrollinspektorin. „‚Bald in Klagenfurt: Die Nacht der Zerper’. Sonst nichts.“

Der Chefinspektor schüttelte den Kopf und meinte:

„Kurios. Aber man darf gespannt sein, worauf die Kampagne hinausläuft.“

„Egal, was das für eine Veranstaltung sein wird“, sagte...



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