Zingerle | Krypto-Zoo | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 398 Seiten

Zingerle Krypto-Zoo


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96454-409-4
Verlag: Edition Z
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 398 Seiten

ISBN: 978-3-96454-409-4
Verlag: Edition Z
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Selfmade-Milliardär John Woody aus New York hat alles, was man für Geld kaufen kann. Kein Wunder also, dass er sich ein ausgefallenes Hobby sucht: Er will einen Tierpark gründen, in dem Fabeltiere - sogenannte Kryptide - ausgestellt werden. Der Name dieses Unternehmens: Krypto-Zoo. Während der Bau des Parks schon begonnen hat, heuert der Milliardär ein Team von Spezialisten an, das Kryptide aufspüren und fangen, erforschen und züchten soll. Ausgerechnet da präsentiert der Stahlindustrielle Thomas Loky aus Detroit der Öffentlichkeit einen ausgestopften Drachen, den er in der Republik Kongo erjagt haben will. Woody, nun unter Zugzwang, übergibt seiner Krypto-Zoo-Mannschaft einen Satz Geo-Koordinaten, der sie in die südlichen Alpen führt, wo angeblich ebenfalls ein Drache lebt. Fragen, woher er die Koordinaten hätte, lässt Woody unbeantwortet. Mit gemischten Gefühlen macht sich das Team auf den Weg.

Roland Zingerle, geboren 1973, lebt und arbeitet in Klagenfurt am Wörthersee. Er studierte Germanistik und Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Journalist und Kulturmanager, ehe er sich als Schriftsteller selbstständig machte. Zingerle verfasst Romane und Sachbücher und unterrichtet deutsche Literatur und kreatives Schreiben.
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1


„Ist der Aberglaube wirklich besiegt? Unsere Welt war noch nie so voller Mysterien wie heute. All die Berichte über unerklärliche Phänomene, übersinnliche Erscheinungen, Außerirdische – sind wir wirklich so aufgeklärt, wie wir es glauben? Wissen wir tatsächlich, dass die Wassermänner und fliegenden Hexen unserer Vorfahren psychologische oder physikalische Abweichungen von der Norm waren oder hat sich unser Aberglaube einfach nur den neuen Verhältnissen angepasst?“

Er setzte eine Pause, ließ seine Frage wirken. Ein geisterhaftes, gelbliches Licht beleuchtete sein Gesicht fahl von unten.

„Vielleicht aber“, fuhr er fort, indem er sich so über das Licht beugte, dass seine Augen gelblich zu schimmern begannen, „geht es gar nicht um Vorstellungen. Vielleicht waren übersinnliche Erscheinungen schon immer Teil unseres Lebens. Vielleicht traten sie einfach nur so selten auf, dass wir sie nicht unter unsere Kontrolle bringen konnten. Vielleicht verleugnen wir seit Jahrtausenden unsere Angst vor dem unheimlichen Unbekannten und es fällt uns leichter, jeden für verrückt zu erklären, der davon berichtet und jeden als Kindskopf, der die Berichte glaubt.“

Er hatte sich in eine Euphorie hineingeredet. Es war eine taktische, eine künstliche Euphorie, doch sie war überzeugend.

„Vielleicht ist es an der Zeit, ehrlich zu uns selbst zu sein. Vielleicht ist es an der Zeit, uns selbst als ganze Wesen zu begreifen, Zeit für jeden Einzelnen von uns, sich selbst an der Hand zu nehmen und keine Angst mehr vor der Welt zu haben, in der die Menschheit aufgewachsen ist.“

Er wartete, bis seine letzten Worte im Halbdunkel verhallt waren.

„Ab heute“, sprach er schließlich weiter und es klang, als hätte er einen Kloß im Hals, „wird die Welt für uns nie wieder so sein, wie wir sie bisher gekannt haben. Das Wort ‚Aberglaube’ wird eine neue Qualität bekommen und wir alle werden erkennen, dass es mehr in unser aller Leben gibt, als wir glauben.“ Taktische Pause. „Zur Lage der Fakten wird Ihnen der anerkannte Zoologe Doktor Fred A. Qurios nähere Auskunft geben.“

Thomas Loky wandte sich dem neben ihm Sitzenden zu und deutete mit ausgestrecktem Arm zu ihm hin. Doktor Qurios sah aus, als hätte er bis vor wenigen Sekunden in seinem grauen Anzug geschlafen. Seine Finger durchfuhren fahrig sein fettiges, grauschwarzes Haar in dem Versuch, es in einem Linksscheitel zu bändigen. Der Erfolg war, dass der widerspenstige Kopfschmuck nun waagrecht über seine rechte Schläfe hinausragte, wie auf der Flucht eingefroren.

Der Doktor stotterte einige sinnlose Silben, räusperte sich dann nervös und begann noch einmal von Neuem:

„Die … was … womit wir es hier zu tun haben, ist die sogenannte Kryptozoologie. Die Kryptozoologie erforscht noch nicht entdeckte Tiere und die Möglichkeit, dass es zum Beispiel Fabeltiere überhaupt gibt, nicht? Der Bigfoot zum Beispiel oder der Yeti, das sind bekannte Kandidaten der Krypto- … die Krypto- … – Also: ‚kryptos’ heißt ja … versteckt, und ‚zoon’, nun ja, das … das Tier, nicht wahr? Das ist … das ist altgriechisch und …“

Loky legte seine Hand beruhigend auf Doktor Qurios’ Unterarm, der bei dieser Berührung zusammenzuckte und Loky erschrocken ansah.

„Doktor“, sagte Loky ruhig, „ich glaube, die Jungs hier im Raum sind eher am wissenschaftlichen Hintergrund interessiert.“

„Ja – ja, natürlich“, lenkte Doktor Qurios ein und ordnete alibihalber die Papierbögen neu, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Seine Hände zitterten. Er hob ruckartig den Kopf und schob mit einer fließenden Bewegung seine dickrandige Brille mit dem Zeigefinger die Nase hinauf. Dann begann er erneut und seine Stimme klang nun betont fest, zu betont.

„Einige Fabeltiere haben sich im westlichen Kulturkreis im Laufe der Jahrtausende etabliert. Nehmen wir zum Beispiel den Drachen: Von der biblischen Schlange, die der Teufel ist, reicht sein Einfluss über die europäischen Sagen bis in die Computerspiele heute herein. Und auch überall sonst auf der Welt gibt es Drachenmythen – in Indien, in Fernost, Arabien. Drachen sind manchmal gut und manchmal böse. Einstmals waren sie böse. Nur böse. Heute aber, in Kinderbüchern und anderen Geschichten, sind sie auch lieb, und …“

Ein Zucken durchlief Doktor Qurios, als er erneut Lokys Hand auf seinem Unterarm spürte.

„Kurz gesagt“, er räusperte sich erneut, „der Drache ist ebenso ein ständiger Begleiter der Menschen wie etwa ein Schwein oder ein … ein Reh, nur mit dem Unterschied, dass wir immer nur Geschichten über ihn gehört haben und nie einen zu Gesicht bekommen haben. Bisher.“

In dem nun folgenden Schweigen zog sich jede Sekunde wie eine Ewigkeit dahin.

„Sie haben uns eine aufsehenerregende Entdeckung versprochen, Mister Loky“, klang plötzlich eine Stimme aus dem Halbdunkel. „Lassen Sie endlich die Katze aus dem Sack!“

Und eine andere Stimme rief:

„Sie werden uns ja kaum einen lebenden Drachen vorführen, oder?“

Gelächter.

Loky schmunzelte hintergründig.

„Aber nein, nein“, antwortete er väterlich.

Irgendwo weit draußen brüllten Flugzeugturbinen auf.

O ja, alles lief nach Plan! Loky hatte diese Pressekonferenz bis ins Detail inszeniert, sie war Infotainment reinsten Wassers.

Es war früher Vormittag. Am späten Vormittag hatten die Tageszeitungen ihre Redaktionssitzungen, was die Journalisten in die Lage versetzte, seine Enthüllung noch rechtzeitig in die morgige Ausgabe zu bringen. Sie würden sie sowieso in die morgige Ausgabe bringen, aber dieser Zeitdruck machte sie ein bisschen nervös, steigerte ein bisschen ihre Unruhe, machte sie aufmerksamer, reizte ihre Emotionen.

Außerdem hatte Loky einen Freitag gewählt. Radio- und Fernsehanstalten würden seine Sensation ohne Zeitverlust in den Äther schicken und damit eine Geschichte ankündigen, die die Tageszeitungen über das ganze Wochenende hinweg ausbreiten würden. Umfragen hatten ergeben, und das wusste Loky, dass sich die Menschen am Wochenende mehr Zeit nahmen, um Zeitung zu lesen; die Wirkung würde also umso stärker ausfallen. Die Gegenseite würde es am Wochenende außerdem schwer haben, ihre Experten vor die Kameras zu bringen, Loky hatte deshalb als Gegenschlag kaum stärkere Geschütze zu befürchten, als zahnlose Gehässigkeiten und schwach untermauerte und dadurch wenig glaubhafte Dementi. Das würde seine Position noch stärker aussehen lassen.

Mit dieser Inszenierung gewann Loky für die Dauer von zwei langen Medientagen und drei langen Mediennächten einen Offensivvorteil.

Seine Bühne war ein Flugzeughangar am „DTW“, dem „Detroit Metropolitan Wayne County Airport“. Es war gerade hell genug hier drinnen, um alles sehen zu können, aber dunkel genug, um nichts wirklich gut zu sehen. Für die Presseleute hatte er inmitten der Halle Sessel eng aneinanderreihen lassen. Diese Kombination von Gedrängtheit einerseits und Verlorenheit in einer riesigen, düsteren Halle andererseits schuf eine Atmosphäre von Beklemmung, von Verwundbarkeit. Sie waren ihm ausgeliefert und das erzeugte ein Gefühl angstvoller Gereiztheit.

Alle waren sie hier: Die seriösesten Tageszeitungen, die namhaftesten Fernsehstationen, die populärsten Radiosender, Vertreter nationaler und internationaler Presseagenturen. Loky hatte alle Beziehungen spielen lassen und seine PR-Abteilung alle Register gezogen. Das, was er hier zu bieten hatte, würde einschlagen wie eine Bombe und einen medialen Flächenbrand auslösen, der sich nicht nur über die Vereinigten Staaten von Amerika ausbreiten würde, sondern über die ganze Welt!

Loky lachte in sich hinein. Es funktionierte – und wie es funktionierte! Der außergewöhnlich heiße Frühsommer ließ die Temperatur im Hangar schon jetzt merkbar ansteigen, das trug noch zusätzlich zur gereizten Stimmung bei. Hätte der Wetterbericht einen Kälteeinbruch vorhergesagt, hätte Loky die Pressekonferenz verschoben.

Er sah in die Gesichter der Presseleute, soweit er sie erkennen konnte: Sie warteten alle gebannt darauf zu sehen, was sich hinter dem riesigen, schwarzen Vorhang verbarg, der hinter Loky von der Decke bis zum Boden der Fliegerhalle hing.

„Hey, Oliver“, raunte einer der Journalisten einem anderen zu, der in der Reihe vor ihm saß.

„Was gibt’s?“

„Bist du wegen der Pressekonferenz hier oder wegen Sam?“ Er deutete mit dem Kinn zu dem Tisch, an dem Loky, Doktor Qurios und Doktor Rih saßen.

Oliver betrachtete lange die außergewöhnlich hübsche, zierliche Blondine, die hinter Loky im Halbdunkel neben einem Berg von einem Schwarzen stand und eine Ledermappe in ihren verschränkten Armen hielt.

„Keine Ahnung“, antwortete Oliver, nachdem er sich wieder nach hinten gedreht hatte, „warten wir auf Lokys Enthüllung, dann sag ich es dir. Was ist mit dir, Stanley: Lokys Sensation oder Lokys Assistentin?“

„Oh Mann“, stöhnte Stanley verhalten, „ich wünschte, ich wäre ihre Mappe!“

Beide lachten schäbig.

„Halten Sie das etwa für professionell?“, empörte sich die Reporterin, die neben Stanley saß. „Halten Sie sich für lustig?“ Sie war Mitte vierzig, hatte hochgestecktes Haar, eine dickrandige Brille, die ihr einen strengen Gesichtsausdruck verlieh und war so auffallend geschminkt, dass man es trotz des schummrigen Lichts erkennen konnte. „Man könnte meinen, dass selbst die primitivsten Sexisten die Steinzeit inzwischen überlebt hätten!“

„Keine Sorge“, entgegnete Stanley und sah sie betont langsam von oben bis unten an, „Ihre Jungfräulichkeit ist bei uns nicht in...



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