E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Zinn Griechische Heiligtümer
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-7847-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kult, Architektur und Funktion
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7504-7847-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Frank Zinn (Jahrgang 1968) studierte Klassische Archäologie, Christliche Archäologie und Philosophie in Bonn. Er arbeitet heute als freier Autor und möchte mit seinen Büchern die Antike einem interessierten Publikum nahebringen. Seine Interessenschwerpunkte sind die antike Alltagskultur und griechische Mythenbilder. Von ihm erschienene Werke: - Die Weinkultur der Griechen, Norderstedt 2018. - Alkiphron - Die Hetärenbriefe. Glanz und Elend griechischer Kurtisanen, Norderstedt 2018. - Griechische Heiligtümer. Kult. Architektur und Funktion, Norderstedt 2020.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Akropolis von Athen
Der Persersturm
Im Spätsommer des Jahres 480 v. Chr. stand Athen am Rande einer Katastrophe. Die Perser waren mit einem riesigen Landheer in Griechenland eingefallen und bahnten sich, unterstützt von einer gewaltigen Flottenstreitmacht, unaufhaltsam ihren Weg. Die meisten griechischen Städte hatten sich dem scheinbar unbezwingbaren Gegner bereits unterworfen und nur eine Minderheit wagte, Widerstand zu leisten. Aber die Lage der Verteidigungskoalition unter Führung Athens und Spartas war verzweifelt. Eine Gesandtschaft aus Athen, die nach Delphi geschickt worden war, um in dieser schwierigen Situation beim Orakel des Apollon Pythios Rat einzuholen, erhielt zunächst eine so niederschmetternde Antwort, dass sie sich weigerte, den Ort zu verlassen. Diese sanfte Erpressung zeigte Wirkung. Ein zweiter Orakelspruch enthielt nun wenigstens einen Funken Hoffnung: Die Stadt solle sich hinter einer »Mauer aus Holz« verteidigen. In Athen versuchte man, das Orakel zu deuten. Manche glaubten, mit der hölzernen Mauer seien die Dornenhecken gemeint, die die Akropolis umgaben. Themistokles, Athens führender Staatsmann und Stratege, hatte jedoch anderes im Sinn. Bereits drei Jahre zuvor hatte er ein ehrgeiziges Flottenbauprogramm initiiert, und diese Schiffe sollten jetzt seiner Ansicht nach die rettende »Mauer aus Holz« bilden.
Am Ende setzten sich Themistokles und seine Anhänger mit ihrer Interpretation des Orakelspruchs durch. In einer großangelegten Evakuierungsaktion wurden die Frauen, Kinder und nicht wehrfähigen Männer auf die Attika vorgelagerte Insel Salamis in Sicherheit gebracht. Mit sich führten sie auch das Allerheiligste, die uralte Kultstatue der Athena Polias. In der geräumten Stadt blieben nur wenige Uneinsichtige, die an ihrer Interpretation des Orakelspruchs festhielten und sich hinter den Mauern der Akropolis verschanzten.
Was folgte, zählt zu den bedeutendsten und schicksalsträchtigsten Ereignissen der Weltgeschichte. In der Schlacht von Salamis, der größten Seeschlacht des Altertums, schlugen die Athener und ihre Verbündeten die zahlenmäßig weit überlegene persische Flotte vernichtend. Themistokles’ riskanter Plan war aufgegangen. Seiner Unterstützung von See beraubt, zog sich auch das Landheer der Perser zurück. Der Krieg war damit noch nicht beendet, hatte aber eine entscheidende Wendung erfahren. Im folgenden Jahr siegten die Griechen endgültig in der Seeschlacht von Mykale vor der kleinasiatischen Westküste und zu Lande bei Plataiai in Böotien.
Abb. 34: Plan der Akropolis von Athen.
- Parthenon
- Alter Athena-Tempel
- Altar
- Erechtheion
- Statue der Athena Promachos
- Propyläen
- Athena Nike-Tempel
- Reste der mykenischen Mauer
- Heiligtum der Artemis Brauronia
- Chalkothek
- Pandroseion
- Haus der Arrephoren
- Heiligtum des Zeus Polieus
- Heiligtum des Pandion
- Roma und Augustus-Tempel
- Monument des Marcus Agrippa
- Asklepios-Heiligtum
Abb. 35. Die Akropolis im Häusermeer Athens.
Abb. 36. Westseite der Akropolis.
Als die Evakuierten endlich wieder nach Athen zurückkehren konnten, bot sich ihnen ein erschreckendes Bild. Die Perser waren in die wehrlose Stadt eingefallen und hatten auch die nur schwach verteidigten Mauern der Akropolis überrannt. Die heilige Stätte, die die ältesten und wichtigsten Kulte Athens beherbergte, war von ihnen geplündert und zerstört worden. Wie groß müssen die Wut und die Verzweiflung ob dieses barbarischen Frevels gewesen sein! Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die Zerstörung durch die Perser den Weg zu einem ambitionierten Bauprogramm ebnen sollte, das rund drei Jahrzehnte später in Angriff genommen wurde und das – der nun vorherrschenden demokratischen Ideologie und der Vormachtstellung Athens Rechnung tragend – die Akropolis als Polisheiligtum neu definierte. Es sollte diese »neue« Akropolis sein, die wie kein anderes antikes Monument zum Symbol klassischer griechischer Kunst und Kultur wurde.
Mykenische Burg und archaisches Heiligtum
Die Akropolis (»Oberstadt«) mit ihren Bauten war und ist das weithin sichtbare, das Stadtbild beherrschende Wahrzeichen Athens (Abb. 34–36). Der steil aufregende Felsen hat eine Höhe von maximal 156 m, das Plateau misst von West nach Ost rund 300 m, von Nord nach Süd an der breitesten Stelle ca. 160 m. Ursprünglich prägten das heute recht eben erscheinende Plateau starke Niveauunterschiede, so dass im Rahmen der späteren Baumaßnahmen umfangreiche Geländeanpassungen und die Errichtung mächtiger Stützmauern notwendig wurden. Die frühesten Besiedlungsspuren im Umfeld des Felsens datieren an das Ende der Jungsteinzeit um 3000 v. Chr. Nach der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr., in mykenischer Zeit, wurde die Akropolis allmählich zum kultischen und herrschaftlichen Mittelpunkt einer größeren Ansiedlung ausgebaut. Um die Mitte des 13. Jhs. v. Chr. umgab man das Plateau mit einer Burgmauer aus gewaltigen, tonnenschweren Felsbrocken, von den die Menschen später glaubten, sie wären von den mythischen, riesenhaften Kyklopen aufgeschichtet worden (sog. Kyklopenmauern). Eine weitere, schwächere Befestigungsmauer umschloss ein Areal mit zwei Quellen im Westen des Burgberges. Innerhalb des oberen Mauerrings lag im nördlichen Bereich eine Palastanlage mit Verwaltungsgebäuden und Kultstätten. Sie war die Residenz eines (Klein-)Königs, der auch wichtige priesterliche Funktionen ausübte. Im Laufe des 12. Jhs. v. Chr. brach die mykenische Kultur mit ihren stark befestigten Palastburgen und ihren Priester-Königen zusammen. In Athen ging die Erinnerung an die bronzezeitliche Vergangenheit aber nie verloren. Den alten Palastkomplex hielt man für die Wohnung der mythischen Urkönige Kekrops und Erechtheus, und die gewaltigen Kyklopenmauern, deren Reste selbst heute noch gut sichtbar sind, wurden immer in hohen Ehren gehalten, so dass sie als unantastbar galten und man bei späteren Baumaßnahmen immer auf sie Rücksicht nahm.
Nach dem Ende des Königtums in Athen gingen die politischen und religiösen Befugnisse nach und nach auf die kleine Schicht der Aristokraten über. Die Verwaltungseinrichtungen wurden von der Akropolis in die Unterstadt verlegt, was auch zur Folge hatte, dass der Burgberg seinen ausgeprägten Verteidigungscharakter einbüßte. Die Akropolis blieb jedoch das religiöse Zentrum, auf dem die wichtigsten und ältesten Kulte der Stadt vereinigt waren. Von der besonderen Heiligkeit des Ortes kündeten zwei Markierungen, die an den Streit zwischen den Göttern Athena und Poseidon um die Schirmherrschaft über die Stadt Athen und das Land Attika erinnerten. Gewinner sollte sein, wer der Stadt das nützlichere Geschenk machte. Poseidon stieß seinen Dreizack in den Felsen und ließ eine Salzwasserquelle hervorsprudeln, Athena pflanzte den ersten Olivenbaum. Der athenische König Kekrops sprach Athena den Sieg zu, die damit zur Schutzherrin der nach ihr benannten Stadt wurde. Neben Athena verehrte man auf der Akropolis noch eine ganze Reihe weiterer Götter und Heroen, darunter Poseidon, Zeus, die Urkönige Erechtheus und Kekrops sowie dessen Tochter Pandrosos.
Abb. 37. Der »Dreileibige« aus dem Westgiebel des Ur-Parthenon. Athen, Akropolis-Museum.
Kleine, einfache Kultbauten standen wohl schon im 8. und 7. Jh. v. Chr. auf dem Felsplateau, aber erst im Verlauf des 6. Jhs. v. Chr. erhielt die Akropolis eine ihrer Bedeutung angemessene, monumentale Ausgestaltung. Die Ausgräber fanden zahlreiche Bauglieder und Reste von Bauschmuck, die die Existenz von Tempeln bzw. tempelartigen Gebäuden belegen. Über ihre Lage, Größe und selbst ihre Zahl wird in der Forschung jedoch kontrovers diskutiert. Sicher ist, dass in den 20er Jahren des 6. Jhs. v. Chr. von dem in Athen regierenden Tyrannengeschlecht der Peisistratiden der sogenannte Alte Athena-Tempel errichtet wurde, ein dorischer Ringhallentempel von 43,44 × 21,34 m mit 6 × 12 Säulen. Seine Fundamente sind noch gut erkennbar; er stand ungefähr in der Mitte des Plateaus, zwischen den späteren Bauten des Parthenon und des Erechtheion. Ungewöhnlich war die mehrteilige Gliederung seines Kernbaus mit einem großen, von zwei Säulenreihen gegliederten Raum im östlichen und drei Räumen im westlichen Teil des Gebäudes. Der Hauptraum im Osten barg das altehrwürdige, hölzerne Kultbild der Stadtgöttin Athena Polias, die Räume im Westen beherbergten wohl die Kulte des Poseidon und der mythischen Heroen Athens.
Abb. 38. Nordmauer der Akropolis mit den wiederverwendeten Säulentrommeln des Vor-Parthenon.
Die Peisistratiden waren auch verantwortlich für die Einrichtung des heiligen Bezirks der Artemis Brauronia (Brauronion) im südwestlichen Bereich der Akropolis. Artemis wurde hier als Geburtsgöttin sowie als Beschützerin der Kinder verehrt. Mütter weihten ihr nach glücklich verlaufener Geburt ihre Gewänder. Der Kultbezirk in Athen...




