E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Zischg Was fehlt eigentlich
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7469-8843-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-7469-8843-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marcel Zischg, geboren 1988 in Meran, wohnhaft in Naturns (Südtirol). Studium der Germanistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Innsbruck. Veröffentlichungen (Auswahl): Familie am Bach. Erzählungen (Brixen: Provinz Verlag 2013), Wandernder Berg, badender Zwerg. Märchen (Brixen: Provinz Verlag 2014), Der verlassene Rummelplatz. Erzählungen (Leipzig: Engelsdorfer Verlag 2016). Auszeichnungen: 3. Preis des Literaturwettbewerbs der 11. Bonner Buchmesse Migration für "Kakapo. Ein Kindermärchen aus Neuseeland". Der Autor schreibt vor allem für und über Kinder und Jugendliche.
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Der Freund von der einsamen Straße
Das Mädchen zündet das Feuerzeug an und hält dem Bruder die brennende Flamme vor das Gesicht. Er sitzt neben ihr auf der Bank und weicht erschrocken zurück. Sie lacht und zündet sich eine Zigarette an. Ihr Freund sitzt auf der anderen Seite neben dem Mädchen und grinst.
Er hat sie zum Rauchen überredet – er, denkt der Bruder wütend. Es ist das erste Mal, dass die Dreizehnjährige raucht. Sie zieht an der Zigarette, inhaliert und hustet den Rauch sofort wieder aus.
„Schmeckt’s?“, fragt der Freund.
Sie nickt und lächelt schwach.
„Ach, komm schon“, ruft ihr Bruder, „du tust doch nur so, um ihm zu imponieren!“
„Schnauze!“, ruft der Freund.
Sie schweigt und wirft dem Freund ein liebevolles Lächeln zu.
Er ist hübsch, findet sie, sein freches Grinsen gefällt ihr. Er fängt an, sie zu küssen – lange und intensiv. Ihm gefallen ihre Lippen. Sie sind voll und gleichförmig und fühlen sich ganz zart an.
Nach dem Kuss ruft sie ihrem Bruder zu: „Du stehst jetzt als Schlappschwanz da, weil du nicht geraucht hast. Nur darum bist du wütend!“
„Nein, das stimmt nicht! Ich will nur nicht husten und mich vielleicht übergeben müssen!“
„Ach, dann verpiss dich doch!“, ruft der Freund. „Los, weiter!“, fordert er und stupst sie an. Sie nimmt die Zigarette ein weiteres Mal in den Mund. Der Geschmack gefällt ihr, als sie wieder daran zieht. Nur fühlt sie einen leichten Schwindel.
Nach Schulschluss am späten Nachmittag haben sie sich verabredet, das Mädchen und der Freund. Der Bruder ist ihnen heimlich gefolgt. Er hatte bereits einen Verdacht, denn sie sind einer Straße stadtauswärts gefolgt und haben sich an der Hand gehalten, als die Schule nicht mehr in Sichtweite war und keiner mehr sie gesehen hat.
Der Bruder ist im Wald geblieben, durch den die Straße führt, und ist ihnen so nachgeschlichen. Sie haben sich nicht unterhalten. Sie haben nur ein paar Mal angehalten, um sich zu küssen. Keiner hat es gesehen, nur er und die Septembersonne, die vom Abendhimmel schien. Sie war gerade dabei, unterzugehen.
Sie sind dann weitergegangen auf der Straße. Nie ist ihnen ein Auto entgegengekommen. Dem Bruder ist aufgefallen, dass er diese Straße noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Er hat sich gewundert über die Einsamkeit der Straße. Nie ist ihnen jemand begegnet, und weit und breit war kein Geräusch zu hören – auch nicht aus dem Wald, in dessen Unterholz er sich versteckt hat. Wenn er durch das Gebüsch gegangen ist, hat er nicht einmal seine eigenen Schritte gehört. Kein Ast hat geknackt, kein Laub geraschelt, wie unter einem seltsamen Zauber.
Er hat auch ihre Schritte nicht gehört, aber plötzlich hat er bemerkt, dass die beiden miteinander gesprochen haben. Er hat ihre Worte zwar nicht verstanden, aber was sie gesagt haben, hat sich schön und liebevoll angehört.
Irgendwann dann sind sie an diese Unterführung gekommen und haben sich auf eine alte Holzbank gesetzt. Es war eine Straßenunterführung; auf der Straße darüber rauschte der Verkehr vorbei. Die Mauern waren kalt und voller Unkraut; Efeu schlang sich daran entlang, Käfer und Würmer versteckten sich darin, an den Stellen, wo die Mauer aus dem Efeu hervorschaute, war sie ganz schwarz und schmutzig.
Als sie wieder Zigaretten hervorgeholt haben, ist er aus dem Gebüsch gesprungen und hat sich schnell auf die andere Seite gesetzt, sodass seine Schwester in der Mitte saß und neben ihr auf der anderen Seite der Freund. Außer ihren Stimmen ist weiterhin alles ruhig gewesen um sie auf der einsamen Straße; noch nicht einmal den Verkehr auf der dicht befahrenen Straße über ihnen haben sie gehört.
„Warum ist diese Straße so einsam“, fragt der Bruder. „Kein Auto fährt, kein Spaziergänger geht, noch nicht einmal ein Tier huscht über den Asphalt. Es ist, als ob diese Straße niemand kennt.“
„Es ist eine einsame Straße“, antwortet der Freund. „Es ist ganz und gar meine Straße – meine allein! Du hast beschlossen, ihr zu folgen.“
Die Schwester blickt auf die Zigarette in ihrer Hand und fühlt wieder den Schwindel. Ihr Blick wandert über die einsame Straße zurück in Richtung Stadt. Dann fragt sie sich, wie die Straße nach der Unterführung weitergeht, denn jenseits von ihr sieht sie nur ein grelles, weißes Licht. Sie weiß, sie verlässt die Stadt, wenn sie weitergeht. Vielleicht gibt es dann keine Möglichkeit mehr, zurückzukehren.
„Du musst ihm und dieser einsamen Straße nicht folgen“, sagt ihr Bruder, „komm, gehen wir zurück!“
Sie fühlt sich unwohl. Sie steht auf und klopft sich die Kleider ab, als könne sie den Geruch des Zigarettenrauchs so wegmachen.
„Der Rauch ist widerlich“, ruft sie. Dann machen sie sich auf den Weg und lassen den Freund auf der Bank zurück.
Der Freund beginnt zu weinen und sieht ihnen nach. Er denkt: Wärst du bei mir geblieben, hätten wir die einsame Straße verlassen können. Wir hätten eine glücklichere Straße finden können. Er blickt nach oben und hört plötzlich wieder den Verkehr der Schnellstraße.
Bruder und Schwester gehen die einsame Straße zurück, Hand in Hand. Die Sonne ist immer noch nicht untergegangen, nähert sich aber dem Horizont und leuchtet orangerot.
„Sie sieht aus wie eine riesengroße Blinkleuchte“, sagt der Bruder.
„Nein, sie sieht aus wie ein glühend roter Ball, der hinter dem breiten Schwarz der Bäume versinkt“, sagt die Schwester. Sie sieht auf zu dem gelblichen Himmel. Eine dunkle Wolke schwebt darüber hin wie ein Rauch. Die Luft fühlt sich stickig an, und die Schmutzwolke über ihnen scheint größer zu werden.
„Gehen wir jetzt nach Hause“, fragt die Schwester.
„Ja“, sagt er, „aber was willst du eigentlich machen, wenn du kommendes Jahr mit der Schule fertig bist?“
„Ich weiß es noch nicht.“
Sie geht gerne zur Schule, aber eigentlich geht sie lieber mit dem Freund einen ganz anderen Weg – egal, welchen Weg er geht. Sie will bei ihm sein, das weiß sie jetzt auf einmal wieder, ohne jeden Zweifel. Sie dreht sich um und läuft die Straße zurück in Richtung Bank.
„Nein!“, ruft ihr Bruder.
Aber als er ihr nachlaufen will, ist die Straße auf einmal verschwunden in einem Feld mit wilden Gräsern, und seine Schwester mit ihr. Alles hat sich verloren in einer weiten, weglosen Ebene unter einem weißen Himmel – ein Ort, der nirgendwohin führt, denkt der Bruder. Er wendet sich um und sieht, dass die Straße ihn in die Stadt zurückführt. Nach Hause, denkt er erleichtert. Dann setzt er sich in Bewegung, ohne sich noch einmal umzusehen.
Als er zu Hause den Eltern davon erzählt, glauben sie ihm nicht.
„Aber meine Schwester ist verschwunden!“, ruft er verzweifelt.
„Hör auf, zu blödeln!“, ermahnt der Vater ihn.
„Du hattest niemals eine Schwester“, sagt seine Mutter.
Er ist still und denkt an die einsame Straße, die plötzlich aufgetaucht und ebenso plötzlich wieder verschwunden ist. Da weiß er auf einmal, dass er sich die einsame Straße, die Schwester und den Freund nur ausgedacht hat.
Die Sonne ist immer noch nicht untergegangen. Er sieht sie vom Wohnzimmerfenster aus am Horizont. Sie versinkt in der Landschaft, in der seine Schwester verschwunden ist.
Er fühlt einen Schwindel.
„Geh sofort auf dein Zimmer und mach deine Hausaufgaben“, sagt die Mutter. „Und komm in Zukunft pünktlicher heim! Du bist erst dreizehn und willst uns wohl nicht schon jetzt auf der Nase herumtanzen!“
Nachdenklich geht er auf sein Zimmer.
In seinem Zimmer gibt es ein großes Fenster. Er blickt hinaus und sieht den Sonnenuntergang hinter der Obstplantage, dahinter liegt der breite Streifen aus Schwarzeichen. Er öffnet das Fenster, aber nun sieht er auf einmal keine Obstplantage mehr. Vor dem Fenster strecken sich kahle Bäume und schwarze Stümpfe in den Himmel, der mit einem Mal strahlend blau ist, obwohl die Sonne untergeht. Vögel zwitschern, und Geräusche von einem Verkehr sind zu hören; eine dicht befahrene Straße verläuft plötzlich unter seinem Fenster entlang, zwischen den kahlen Bäumen hindurch. Und doch gibt es Momente, in denen kein Auto fährt, in denen es ganz still ist.
In einem solchen Moment stellt er sich vor, aus dem Fenster zu springen und denkt: Wenn ich falle, werde ich sehen, wie meine Schwester mit dem Freund die Straße weiterläuft, dem Sonnenuntergang entgegen. Es ist eine einsame Straße, ganz und gar...




