Am Nil
Es geschah während einer Nilkreuzfahrt, auf der sie ihren ganz persönlichen Traum von der Liebe erlebte, einen Traum, der mit der Wirklichkeit verschmolz, der sich in ihrem Kopf festsetzte und der andere Liebesmomente überlagerte. Denn die Flut an Vorstellungen über die romantische Liebe, die durch ihren Geist tanzten, passte zu dem, was sie dort erlebte und vor sich sah. Sie fühlte sich unendlich geliebt, begehrt, sicher vor allen schlechten Einflüssen, vor Stress, Frustrationen und den negativen Emotionen von anderen Menschen. Schon beim Check-in erfasste sie dieses Gefühl, als sie ihm zum ersten Mal begegnete und ihr Herz einen riesigen Sprung machte, wonach alles, was sich dort ereignete, unvergessen blieb: Romantische Abendessen unterm Sternenhimmel, frisches Fladenbrot, arabische Dips, Schäferspieße, Melonen. Der leckere Mandelkuchen. Die nächtlichen Abkühlungen im Privatpool. Ausflüge nach Luxor in bunten Pferdekutschen im wiegenden Zuckeltrab. Begegnungen mit Trommlern, Flötenspielern, exotischen Tänzerinnen. Bootsfahrten mit Feluken auf dem Nil bei Sonnenuntergang, der im Abendlicht golden und kupfern glänzte. Mit Anfang dreißig konnte sie sich an keine romantischeren Gefühle zurückerinnern, die sie jemals mit einem anderen erlebt hätte.
Najib war ein junger Mann mit entschlossenem Charakter. Nichts konnte ihn von seinem Vorhaben abbringen, sie zu erobern, die junge Frau aus Europa, die extrovertiert und unbefangen, keinesfalls angeberisch, ihre Lebenslust auszudrücken vermochte. Dem Basketballstar aus Beirut, den sie in Kairo kennenlernte und in Assuan wiedertraf, bot er genauso die Stirn wie dem aufdringlichen Mann auf der Straße.
Besonders heroisch zeigte sich Najib jedoch an jenem Tag, als das Kreuzschiff ohne sie ablegte, irrtümlich, versteht sich, weil sie mit einem Schiffsjungen auf Shoppingtour in Luxor war und über die Schönheit und Lebensfreude in den Straßen der Stadt die Zeit vergaß. Die Märkte in der Altstadt zogen sie in ihren Bann, auch wenn sie weder einen Topf noch einen Esel kaufen wollte. Als sie schließlich vollkommen erschöpft zur Anlegestelle zurückkehrten, war sie weg, die Nora. Farid stand kopfschüttelnd neben ihr und schaute sich besorgt um. Giulia wanderte geistesabwesend herum, ging ans Nilufer, setzte sich auf eine Steinbank und stierte seufzend auf die goldenen Strahlen, die sich im Wasser des Flusses brachen. Nach einer Weile, die sie einfach nur schweigend miteinander verbracht hatten, rappelten sie sich auf. Sie irrten herum, vorbei an hupenden Autos, laut klingelnden Fahrrädern, beladenen Ochsenkarren, bis sich ihnen in einem kleinen Hinterhof-Café eine Gelegenheit zu telefonieren bot. Es wurde schon dunkel und über der Stadt breitete sich ein rötlich schimmernder Abendhimmel aus. Giulia ging zum Tresen und sprach dort einen Mann an, den sie für den Cafébesitzer hielt. Farid war plötzlich weg, wie vom Erdboden verschluckt, so dass ihr die Sache langsam unheimlich wurde. Mit Händen und Füßen erklärte sie dem Mann hinterm Tresen ihre Situation. Und weil sie annahm, er spreche kein Englisch, wirbelte sie mit ihren Händen herum, dass die Worte schneller aus ihrem Mund herauspurzelten, als sie denken konnte. Der Mann sah sie prüfend an und wartete gelassen ab, was da noch alles aus ihr herauskommen sollte. Seinem Blick hielt sie stand, doch sie war sichtbar erleichtert, als er anfing zu sprechen und ihr in einem gepflegten Englisch antwortete: „Verstehe. Bitte hier lang.“ Leicht berührte er ihre Schulter, schleuste sie in einen hinteren Bereich. Dort zeigte er mit einem Finger auf einen Telefonapparat, der auf einem kleinen Tisch stand. Giulia setzte ihre Sonnenbrille auf, um den gierigen Männerblicken auszuweichen, die ihr aus allen Winkeln des Cafés entgegenschossen. Plötzlich stürmte Farid auf sie zu und zitierte sie lautstark nach draußen. Völlig verdutzt folgte sie ihm. Vor dem Café stand eine Pferdekutsche. Abrupt blieb er vor dieser stehen und wies Giulia ungeduldig an, einzusteigen. Inzwischen hatte sich der Vorfall im Viertel herumgesprochen. Männer scharten sich um die beiden, mindestens fünfzehn an der Zahl, halbwüchsige und gestandene Mannsbilder im mittleren und höheren Alter. Ein Mann stand direkt vor ihr und glotzte sie unentwegt an, als wollte er sie maßregeln und fragen, was eine Frau wie sie, verdammt noch mal, zu dieser Stunde an diesem Ort zu suchen hätte. Um ihn besser sehen zu können, nahm sie ihre Sonnenbrille ab, riskierte einen kurzen Blick nach rechts, merkte, dass Farid bereits in der Kutsche saß und sie mit heftigen Armbewegungen hineinwinkte. Weder verstand sie, was gerade vor sich ging, warum sie da einsteigen sollte, noch wohin sie jetzt fahren würden. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken, als sie sich in die Kutsche setzte. Farid nickte zufrieden. Seine Augen waren dunkel, so dunkel, dass sie kaum seine Pupillen erkennen konnte.
Kurz darauf trabten die Pferde unter dem Gejohle der Gaffer los. Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit und Giulias Augenlider wurden schwer. Da das alles jedoch aufregend genug war und Adrenalinstöße durch ihren Körper jagten, so sehr, dass sie in jeder Sekunde hätte reflexartig aus der Kutsche springen können, blieb sie hellwach, erstarrte in ihrer Sitzhaltung, als es unter ihr krachte. „Es sind bloß aufgewirbelte Steine unter dem Kutschenboden“, beruhigte Farid sie gleich und lachte. Dabei öffnete er seinen Mund, so dass sie seine strahlend weißen Zähne sehen konnte, die in der Dunkelheit blitzten. Unbeeindruckt fuhr der Kutschenfahrer in einem Höllentempo weiter, über staubiges Straßenpflaster, hinein in einen abgelegenen Park, irgendwo außerhalb von Luxor.
Giulia stieg die Angst bis zum Hals. Sie war dem Ganzen langsam nicht mehr gewachsen, litt wie ein Hund und wusste keinen Ausweg. Farid begann zu erzählen, aber weder konnte sie sich konzentrieren noch seinem schwer verständlichen Englisch folgen. Wie versteinert blieb sie sitzen, lauschte krampfhaft auf die Geräusche, die von draußen in ihr Ohr drangen. Es war tiefe Nacht, als die Kutsche zu stehen kam. Nicht das Geringste war zu erkennen. Nachdem sie aus der Kutsche ausgestiegen waren, kamen zwei Männer auf sie zu und leuchteten ihnen mit ihren Taschenlampen direkt ins Gesicht. „Das sind Polizisten. Die wollen deinen Pass sehen“, beruhigte Farid sie schon wieder. Mit zitternden Händen kramte sie ihren Pass aus der Tasche heraus, überreichte ihn einem Uniformierten, der seine Taschenlampe darauf richtete und laut vorlas: „Giulia Orlandini, geboren in Rom.“
Der Polizist verzog keine Miene, als er den Lichtkegel seiner Lampe erneut auf ihr Gesicht richtete. Wie angewurzelt stand sie vor ihm, brachte keinen Ton hervor und krallte sich am Arm von Farid fest. Kurz bevor sie das Schiff verlassen hatte, war sie von Najib darum gebeten worden, ihren Reisepass mitzunehmen. Darüber war sie jetzt erleichtert, denn wer hätte vorausahnen können, dass sie heute, mitten in der Nacht, im Nirgendwo von Polizisten danach gefragt werden würde? Wieder stand ein gutes halbes Dutzend dunkler Gestalten um sie herum. Es waren stämmige Männer in langen Gewändern mit eigenartigen Kopfbedeckungen. Giulia krallte sich noch fester in Farids Arm, so dass er vor Schmerz kurz aufschrie. Die Vorstellung, dass diese Typen Krummdolche unter ihren Gewändern herumtrugen, brachte sie fast um den Verstand. Sie zitterte am ganzen Körper.
In diesem Moment fiel ihr, wie aus heiterem Himmel, ein arabischer Satz ein, den sie sich während eines Aufenthaltes in Israel einmal antrainiert hatte, und sie hörte das Gelächter von ihren Freunden in Fassuta, das sie durch diesen ausgelöst hatte. Vielleicht würde er jetzt die Stimmung etwas auflockern können, überlegte sie noch, während er schon aus ihr herausschoss: „Allah hu almawz wayadhak“, was in etwa bedeutet: „Gott isst eine Banane und lacht.“ Augenblicklich wurde es still um sie herum. Mucksmäuschenstill. Alle Blicke waren auf sie gerichtet.
„Du verrücktes Weibsstück“, schimpfte sie in sich hinein, „wie ein plumpes Walross plapperst du dumme Sätze nach.“ Und während sie sich noch wünschte, sich in ein Mauseloch verkriechen zu können, erscholl hinter ihr Gelächter. Sie drehte sich um und sah durch die sternenklare, mondhelle Nacht, wie sich die Gestalten in den langen Gewändern vor Lachen bogen. Dabei schlugen sie sich immer wieder auf die Schenkel und schnitten Grimassen, dass ihnen fast die Kopfbedeckungen vom Haupt fielen. Farid konnte sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten und bat sie darum, den Satz zu wiederholen, was ihr Gott sei Dank erspart blieb, denn just in diesem Moment heulte ein mächtiges Schiffshorn auf. Drei, vier Mal, laut und tief. Es war die Nora, die sie gleich erkannten, als diese hell erleuchtet im Begriff war, am Nilufer anzulegen und die Gangway herunterzulassen. Najib stand im Schiffseingang, beobachtete konzentriert das Geschehen und rief ständig Giulias Namen, währenddessen sich immer mehr Touristen auf dem Promenadendeck versammelten, ihnen zuwinkten und bunte Papierbänder vom Schiff herunterwarfen.
In Begleitung der Polizisten gingen sie an Bord. Sobald Giulia die oberste Stufe der Rampe erreicht hatte, eilte Najib auf sie zu und schloss sie in die Arme. Dies war ein inniger Moment, ein Gefühl, das stärker war als alles, was sie jemals zuvor empfunden hatte. Unter den Gästen brach Jubelgeschrei aus. Sie feierten sie mit Standing Ovations und das Klatschten der Hände übertönte alle Geräusche auf dem Schiff.
Giulia spürte, dass Najib vor Stolz und Begeisterung beinahe platzte,...