E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Zöpfl Das kleine Buch der guten Gedanken
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-475-54937-3
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-475-54937-3
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmut Zöpfl, Dr. phil., Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c., Dr. rer. nat., geboren 1937 in München, war von 1971 bis 2003 Professor der Schulpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher, Bücher zur Lebenshilfe sowie vieler beliebter Gedichtbände und Kinderbücher. Für seine schriftstellerischen und fachlichen Leistungen erhielt er unter anderem den Schwabinger Kunstpreis, das Bundesverdienstkreuz, und den Bayerischen Verdienstorden. Er hält über 200 Lesungen im Jahr in Schulen und Kindergärten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Unsere Welt – kein Zufall
Über Werden und Sinn des Lebens
Glauben
An die Astrologie
glauben wir.
An die Mondphasen
glauben wir.
An den Fortschritt
glauben wir.
An die Wettervorhersage
glauben wir.
An die Esoterik
glauben wir.
An die Meinungsbefragungen
glauben wir.
Sogar an den Atheismus
glauben wir.
Was wir heutzutage
alles zusammenglauben,
bloß weil wir glauben,
dann nichts mehr glauben zu müssen,
ist nicht zu glauben.
Zufall?
Vielleicht erinnern Sie sich an die Szene des Münchner Komikers Karl Valentin: Es sei doch ein Zufall, wenn einem gerade in dem Augenblick, in dem man von einem Radfahrer spreche, tatsächlich einer durch die Kaufingerstraße in München gefahren komme. Heute, wo das Fahrrad in der Innenstadt so selten geworden ist, wäre dergleichen ja inzwischen weit eher ein Zufall als damals. Und das ist ja das Groteske an der Szene, dass der Zufall eigentlich kein Zufall ist.
Zufälle sind etwas Seltenes. Zwei oder mehrere Ereignisse fallen in einem bestimmten Augenblick zusammen. Von Zufall spricht man zum Beispiel, wenn man an jemanden denkt, von jemandem redet, und just in diesem Augenblick begegnet man demjenigen. Zufälle ereignen sich, geschehen, passieren. Sie kommen ohne Dazutun und ohne Planung zustande. Zufälle lassen sich nicht konstruieren. Wären sie herzustellen, wären es keine Zufälle mehr. Dadurch gewinnen sie etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes. »Der Zufall ist ein Rätsel, welches das Schicksal den Menschen aufgibt«, sagt Hebbel.
Eigentlich passt der Zufall ja gar nicht in unsere Zeit, in der man immer mehr in den Griff zu bekommen glaubt, die Welt immer »planbarer«, »konstruierbarer«, »machbarer« wird. Obwohl niemand mehr gern etwas dem Zufall überlässt, spielt er eine große Rolle bei der Erklärung unserer Welt. Gerade für jene, die im Wesen der Vernunft und Aufklärung Gott als Schöpfer der Welt, als doch mehr oder weniger geheimnisvolle letzte Ursache, aus dem Denken herausgenommen haben, ist der Zufall an seine Stelle getreten, ja, er bekommt sogar von einigen Naturwissenschaftlern seine wissenschaftliche Autorisierung. Er wird zum Schöpfer und Herrn der gesamten Welt erklärt. Oft billigt man ihm eine Menge Zeit zu, die er ja offenbar zur Verfügung gehabt haben muss. Aber auch wenn man eine fast unvorstellbare Menge Zeit vom »Urereignis« bis zum heutigen Tag annimmt, erscheint der Zufall, als Schöpfer und Gestalter, einem sauberen naturwissenschaftlichen Denken als das Unwahrscheinlichste schlechthin.
Machen wir ein Gedankenexperiment. Angenommen, man würde an einen bestimmten Platz Baumaterial schaffen: Steine, Zement, Holz, Glas und was man noch braucht, im Vertrauen, irgendwann würde schon ein Haus daraus entstehen, durch Sturm, Erdbeben oder was auch immer. Jeder würde den, der so bauen wollte und dies der Zeit überließe, als absoluten Wirrkopf bezeichnen. Überlegen wir aber, dass die einfachste Pflanze ungleich komplizierter aufgebaut ist als irgendein Haus, dass diese noch dazu »Lebensprozesse« vollzieht und dass für den Zufallshausbau ja auch jemand angenommen wird, der die Materialien herbeischafft, so wird der Zufallsglaube in seiner Unwahrscheinlichkeit noch größer.
Weitere Denkimpulse: Wir werfen mehrere tausend Noten, halbe, Viertel-, Achtelnoten, Notenschlüssel und Taktzeichen in einen großen Becher und würfeln lange, fast unendlich lange Zeit, in der Erwartung, dass so etwas wie die neunte Symphonie von Beethoven zustande käme … Oder man würde in einer Druckerei, in der Millionen von Druckbuchstaben lagern, warten, bis eine Explosion oder Ähnliches passiert und daraus der Faust entstünde …
Vielleicht sollte man sich an die Worte des alten Demokrit erinnern: »Die Menschen haben sich in dem Zufall ein Trugbild geschaffen, denn nur selten stehen Zufall und Überlegung im Widerspruch. Das meiste im Leben bringt ein einsichtsvoller Scharfblick in Ordnung.«
Ob mit dem Begriff Zufall die Rätsel der Welt nicht noch rätselhafter werden? Aber vielleicht kommen wir noch weiter, wenn wir den Begriff Zufall ein wenig hinterfragen: »Die Zufälle«, meint Novalis, »sind die einzelnen Tatsachen, die Zusammenstellung der Zufälle, ihr Zusammentreffen, ist nicht wieder Zufall, sondern Gesetz-Erfolg, der tiefsinnigsten, planmäßigsten Weisheit.« »Der Zufall ist hier in Schleier gehüllte Notwendigkeit«, erklärt Ebner-Eschenbach. Und Schopenhauer formuliert ähnlich: »Auch das Zufälligste ist nur auf entfernteren Wegen herankommendes Notwendiges.« Der Denkkreis scheint sich zu schließen, wenn wir bei Bernanos die Aussage finden: »Was wir Zufall nennen, ist vielleicht Logik Gottes.« Der Zufall kann viele Namen haben. Ganz zufällig bin ich auch auf den Ausspruch von Anatole France gestoßen: »Der Zufall ist Gottes Deckname, wenn Gott sich nicht zu erkennen geben will.«
Ein bisschen mehr
Stellen Sie sich vor, ein Mann sitzt in einem Münchner Lokal vor einem knusprigen Schweinsbraten mit Kartoffelknödel. Ein frisch eingeschenktes Bier steht neben ihm. Da kommt ein neuer Gast, setzt sich zu ihm – nehmen wir an, dass er Physiker ist – und erklärt ihm, dass das, was er jetzt genussvoll isst und trinkt, eigentlich nichts anderes als ein Haufen Atome ist. Er erklärt ihm aber weiter, dass diese Atome wiederum aus kleineren Teilen bestehen, beispielsweise den Quarks. Dann versucht er ihm anhand des Schweinsbratens noch die neueste Theorie von den Superstrings deutlich werden zu lassen.
Gewiss hat der Naturwissenschaftler in einer gewissen Weise Recht, wenn er die Materie in ihre Bestandteile auflöst. Gewiss hat er nicht ganz Recht, wenn er das schmackhafte Essen nur als eine Unzahl von kleinen Bestandteilen ansieht. Das gilt umso mehr für andere Kunstwerke. – Ich sage bewusst »andere«: Ein guter Schweinsbraten ist auf seine Art auch ein Kunstwerk.
Denken Sie beispielsweise an ein Gedicht. Nehmen wir einmal das kurze, wunderschöne Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe »Über allen Gipfeln ist Ruh«. Da wäre es sicher schon ein literarisches Verbrechen, dieses Gedicht lediglich als eine Menge aneinander gereihter Buchstaben betrachten zu wollen, Konsonanten und Vokale zu zählen. Natürlich besteht dieses Gedicht aus einzelnen Buchstaben, aber es ist eben mehr als die Summe dieser Teile. Genauso ist es selbstverständlich bei einem Lied, bei einem Musikstück.
Es mag physikalisch durchaus interessant sein, die neunte Symphonie von Beethoven auf die Schwingungen der einzelnen Töne zu untersuchen, und doch, wie viel unendlich mehr ist dieses Kunstwerk!
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Diesen gewiss nicht neuen Satz sollte man sich in unserer manchmal allzu einseitig wissenschaftsgläubigen Welt wieder etwas öfter vor Augen führen. Auch ein Mosaik besteht nicht nur aus den Steinen, sondern ist nach einer bestimmten Idee oder, wenn Sie so wollen, nach einem bestimmten Sinn zusammengefügt.
Die Idee, der Sinn, der Plan, all das sind Begriffe, die sich nicht nur mathematisch-physikalisch darstellen lassen. Selbstverständlich ist es auch so, dass im menschlichen Leben nicht alles physikalisch erklärt werden kann. Da wäre beispielsweise die menschliche »Kernenergie« schlechthin, die Liebe. Wie kurios wäre es, zu behaupten, wenn jemand Liebe empfindet, sei das nichts anderes, als wenn ein Haufen Atome mit einem anderen Haufen Atome in Beziehung tritt.
Wer glaubt, alles in seine Bestandteile zerlegen zu müssen, und Klärung dadurch erhofft, dass er nur mehr alles aufteilt und analysiert, verfehlt den Sinn. Er sieht im wahrsten Sinn des Wortes »den Wald vor lauter Bäumen nicht«. Er sieht aber auch nicht den Baum in seiner Großartigkeit und ist damit »auf dem Holzweg«. Gerade der große Wissenschaftler wird erkennen, dass jedes Detailwissen in einen größeren Zusammenhang gebracht werden muss und dass es durchaus wissenschaftlich ist, wenn wir Begriffe wie Geist und Sinn ins Spiel bringen.
Bestand
Aus einer unscheinbaren Pflanze,
aus einer kleinen Zwiebel,
aus einem Samenkorn
sprosst, geht auf, erblüht,
wird in bunten Farben
mit zartesten Blättern
in vielfältiger Form
die prächtigste Blume,
blüht, duftet, erfreut,
verwelkt, verdorrt, verliert die Blätter, vermodert.
Keine Blume mehr, kein Blatt, keine Farbe,
kein Duft.
Und doch geht sie als andere
in gleicher Pracht neu wieder auf.
Unsichtbar, verborgen,
gespeichert als Programm,
ein Programm des Lebens.
Was geht durch das Vergehen...




