E-Book, Deutsch, 318 Seiten
Zöpfl Mein großes Lesebuch
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-475-54590-0
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-475-54590-0
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der bekannte und beliebte Schriftsteller Helmut Zöpfl zählt zu den bekanntesten bayerischen Autoren. 1937 in der bayerischen Landeshauptstadt geboren, versteht es der Pädagogikprofessor immer wieder seinen Lesern die Augen für das Schöne und Positive zu öffnen: optimistisch und gleichzeitig zeitkritisch, humorvoll und kämpferisch. Dass er mit seinem unverwechselbaren Stil immer den Nagel auf den Kopf trifft, beweisen nicht nur die hohen Auflagenzahlen seiner Bücher und Gedichtbände, sondern auch zahlreiche Preise und Auszeichnungen.
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EIN LÄCHELN SCHENKT FREUDE
Die Kur
Der Alfons Igerl war es ja gewohnt, dass er wegen seines Wamperls, beziehungsweise seines Hendlfriedhofes alle Daumen lang irgendeine Stichelei ertragen musste. Davon war die, dass er jetzt bald mit dem Kugeln schneller vorankäme als mit dem Laufen, noch die harmloseste. Etwas betroffen wurde er allerdings, als er vor einiger Zeit auf eine Computerwaage stieg und aus dieser der Spruch erscholl: »Bitte immer nur eine Person.«
»Irgendwas muass i jetzt amal tun«, gestand er seinen Spezln bei seinem Stammtisch im Volkart-Eck selbstkritisch. »I hab allerweil gmeint, dass man ab zwanzge nimmer wachst, aber jetzt hab i festgstellt, dass bei mir wieder des Wachstum eingsetzt hat, aber nach vorn.«
Der Pflanzelt Maxe grinste boshaft und meinte: »Du, da weiß ich dir eine gute Adresse. Da hat vor kurzer Zeit neben mir ein Arzt seine Praxis eröffnet. Der könnt genau der Richtige für dich sein, sozusagen ein Spezialist, da steht nämlich ›Dr. med. vet.‹«
Nach einigen Überlegungen entschloss sich der Alfons schließlich, in eine Kur zu gehen. Auch wenn er von dem ehemaligen Trainer des FC Bayern, dem Tschik Cajkowski, vor kurzer Zeit den schönen Spruch gehört hatte: »In Kur ich habe gleich 20 Pfund abgenommen und seither bloß wieder 12 Kilo zugelegt.«
Ja und in dieser Kur beginnt nun eigentlich erst unsere Geschichte. Bisher war es sozusagen eigentlich nur eine Einleitung. Viel zu lang und zu wenig auf die Sache bezogen, hätte mein ehemaliger Deutschpauker wohl am Schluss dieser, meiner Geschichte geschrieben. Igerl lernte auf dieser Kur den Schriftsteller Ladislaus Anton Bätsch kennen, der, wie er stolz erzählte, schon mehrere Literaturpreise bekommen habe, unter anderem – wie er immer wieder beiläufig erklärte – den Bistumer Kutter, das goldene Elmshorner Horn, den Beilngrieser Juragriffel, den Burgwedeler Wedel sowie den Uelzener Lorbeerkranz. Der Alfons konnte sich lebhaft vorstellen, wie dieser Poeta laureatus ausgesehen haben mochte, als ihm dieser Preis auf sein Haupt gesetzt wurde, das weniger Haare aufwies, um mit Sigi Sommer zu sprechen, als eine Billardkugel oder ein Tischtennisball. Bätschs Spezialität waren, wie er immer sagte, die kleinen Aphorismen. Zwei-, Vier- und allenfalls Sechs- oder Achtzeiler. Wahrer Dichter ist eigentlich nur der, erklärte er dem Alfons Igerl, der es versteht, mit wenigen Worten, also im wahrsten Sinne des Wortes, dicht, das Wesentliche auszusagen. Da dies nur wenigen gegeben sei, fügte er hinzu, bin ich der Meinung, dass die meisten Dichter nicht ganz dicht sind, ha, ha, ha. Übrigens auch ein kleiner Ausspruch von mir, allerdings nicht in gereimter Form. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit zitierte er aus seiner Aphorismensammlung, die im Döbler-Verlag unter dem Titel herausgekommen war: »Was du nicht willst, dass man dir schreibt, das tu auch nicht aus Zeitvertreib.« Da gab es beispielsweise den Spruch: »Was du heut besorgen kannst, begreif es, eh du dich besannst.« Oder: »Des Glückes Missgunst drin besteht, dass sich der Fülle Last ergeht.« Da war aber auch noch der Spruch: »Die Dankbarkeit, das wisse wohl, stürzt oft das Volle, wenn es hohl.«
So ganz wollte es der Alfons natürlich nicht zugeben, dass er nicht alles von diesen Sprüchen verstand. Aber wenn jemand beispielsweise den Burgwedeler Wedel gewonnen hatte, dann wird sich die Jury schon etwas dabei gedacht haben, überlegte der Alfons. Er überlegte sich aber auch, was die Leute wohl sagen würden, wenn der Ladislaus Anton Bätsch einmal als Gastpoet bei einer Turmschreiber-Lesung am Podium sitzen würde. Und er erinnerte sich des boshaften Ausspruches, den er einmal vom Verlagsdirektor Förg gehört hatte: »Das Beste, was wir zur Verbreitung von dem seinen Werken tun können, war, dass wir Konfettis machen und sie unters Volk streuen.« Irgendwie imponierte ihm aber dennoch die selbstsichere Art des Ladislaus. Und eines Abends, als sie gerade bei der kargen Abmagerungskost, einem Löffel Topfen mit einem halben Radieserl, saßen, zu dem ein Gläschen so sauren Weines gereicht wurde, dass es einem fast die Zehennägel hochdrehte, verkündete Igerl dem Dichterfürsten: »Wissen S’, ich mach nämlich hin und wieder auch Gedichte. Allerdings«, meinte er, »nur für meinen Hausgebrauch und natürlich nicht so tiefgehende.«
»Ach, das ist ja interessant«, meinte Bätsch wohlwollend, »da müssen Sie mir aber einmal was zeigen.«
»Leider«, meinte Alfons Igerl, »hab ich nichts dabei.«
»Na, vielleicht«, meinte Bätsch, »können Sie etwas auswendig.«
»Nein«, entgegnete Alfons Igerl, »da hab ich mich in der Schul schon allweil schwer getan. Ich bin bei der Bürgschaft schon immer bei der zweiten oder dritten Zeile hängen geblieben. Aber schauen S’ her, ich hab da gestern gerade ein Gedichterl gemacht, das wo ich vielleicht am End von unserer Kur ins Gästebuch schreiben werde.« Und er las vor:
Koa Suppn, Vorspeis und dafür
a Selterswasser statt am Bier,
und wenn man statt dem Hauptgericht
auf d’ Nachspeis und’s Dessert verzicht’,
nimmt man, wie i erforscht hier hab,
sogar beim schönsten Essen ab.
»Mhm«, meinte Bätsch wohlwollend, »mhm, Mundart, durchaus recht heiter. Nicht unbegabt, nicht unbegabt«, lobte er das Produkt.
»Passen Sie auf Igerl, ich mach Ihnen einen Vorschlag. Wir sind ja noch einige Tage hier, und übermorgen wird mich mein Verleger besuchen. Dem sollten Sie Ihre äh, Erzeugnisse, durchaus einmal vorlegen. Herr Döbler macht da vielleicht ein kleines Büchlein daraus.«
Das war natürlich eine gewaltige Aufmunterung für den Alfons Igerl.
Er rief sofort seine Zugehfrau, die Frau Rankl, an – die den Schlüssel für seine Wohnung hatte, um ihm seine Blumen zu gießen – und beauftragte sie, seine handgeschriebenen Gedichte, die in dem orangefarbenen Ringbuch auf seinem Schreibtisch lägen, per Eilboten herzuschicken. Die Frau Rankl war eine zuverlässige Person, und so erhielt Alfons Igerl am übernächsten Tag in der Früh per Eilboten seine gesammelten Opera, die er sofort mit dem Gedicht über das Essen bzw. Nichtessen ergänzte.
Tatsächlich besuchte am selben Abend der Verleger Döbler den Herrn Bätsch. Nach einiger Zeit und einem intensiven Gespräch rief Bätsch den Alfons Igerl herbei und stellte ihn dem Herrn Döbler vor. »Das ist der Herr Igerl, der so nette Mundartgedichte schreibt. Ich habe mich selber davon überzeugt. Wir machen eine Art Dichterwettbewerb, wenn es Ihnen recht ist, verehrter Herr Döbler. Ich lese Ihnen meine neuesten Opera vor, und dann können Sie auch das eine oder andere Gedichtchen von Herrn Igerl über sich ergehen äh … äh … auf sich einwirken lassen.« Bätsch las mit lyrischer Stimme:
Weil sich Gemeinsamkeiten
im Trennenden berühren,
wird man in welken Zeiten
nicht nur Beliebtheit spüren.
Von seinen eigenen Zeilen ergriffen, schaute er Herrn Döbler gespannt in die Augen. »Moment, Herr Döbler, da hab ich noch eines:
Weil Krähen niemals virulent
sich Augen selbst aushackten,
drum gilt mein Kontra vehement
auch allen Kontrafakten.«
»Moment einmal«, sagte er, »ich hab auch einige sehr zeitgemäße Themen aufgegriffen.« Und er las vor:
Beim Hauptverkehr sollt man auf Straßen
nicht unbedingt noch Alphorn blasen.
Nun war Bätsch in seinem Element. Als dann Döbler schon auf die Uhr schaute, weil er ja seinen Zug noch erwischen wollte, hatte Alfons Igerl gerade noch Gelegenheit, ihm sein letztes Gedicht über das Essen vorzulesen. Er tat dies etwas aufgeregt, aber Herr Döbler schien sichtlich erheitert und meinte: »Geh, geben S’ mir doch einmal Ihre Gedichte mit, ich will sehen, was sich draus machen lässt.«
Ja, und jetzt stelle ich fest, dass ich eigentlich immer noch bei der Einleitung bin, denn da beginnt die eigentliche Geschichte erst. Oh je, hoffentlich fällt sie wirklich nicht meinem alten Lehrer in die Hand. Als Alfons Igerl seine Kur mit einem durchaus beachtlichen Gewichtsverlust von 9½ Kilo beendet hatte, fand er zu Hause einen Brief des Herrn Döbler vor, in dem er ihm schrieb: »Ich habe mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Bei der Rückfahrt habe ich bereits Ihre Gedichte gelesen und habe mich entschlossen, einen kleinen Band in meinem Verlag herauszubringen. Nach meinem Urlaub werden Sie wieder von mir hören.«
Igerl führte einen kleinen Freudentanz auf, was ihm durch den Gewichtsverlust der Kur wesentlich leichter fiel, als mit seinem Wamperl vor der Kur. Gespannt wartete er die Rückkunft des Herrn Döbler ab. Nun gibt es da einen Spruch von Werner Mitsch, der mir sehr gut gefällt: »Ereignisse, die er nicht begreift, nennt der Mensch Zufall.«
Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ob das, was sich nun ereignete, Zufall, Glück oder auch Pech war. Vielleicht war es die Besinnung im Urlaub, vielleicht waren es aber auch irgendwelche anderen Dinge, die den Verleger Döbler dazu veranlassten, einen Plan, den er schon lange gehegt hatte, wahr zu machen und seinen Verlag seinem Sohn und seiner Tochter zu übertragen, sich aber selbst weitgehend nur mehr dem Ruhestand zu widmen. Dies ließ er in einem Brief auch den Alfons Igerl wissen, wobei er aber noch bemerkte, dass er die Gedichtsammlung Igerls seiner Tochter wärmstens ans Herz gelegt habe, da sie, wie er meinte, sehr gut in die Bavarica-Reihe seines Verlages passe. Als er zwei Monate nichts mehr hörte, entschloss sich Igerl, einmal einen Brief an den Döbler-Verlag zu schreiben und nachzufragen.
Die junge Frau, die sich aufgrund ihrer Ehe mit dem nicht mehr ganz taufrischen Junglyriker Sven Ruckdaschel nun Döbler-Ruckdaschel nannte, schrieb ihm nach einem...




