E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Zöpfl Mein großes Weihnachtsbuch
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-475-54551-1
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-475-54551-1
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmut Zöpfl, emeritierter Pädagogikprofessor, ist einer der bekanntesten bayerischen Autoren. Der gebürtige Münchner versteht es in seinen Werken immer wieder, den Lesern die Augen für das Schöne und Positive zu öffnen: zeitkritisch und zugleich optimistisch, humorvoll und doch kämpferisch.
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EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE
Der Schein des Sterns
Das Schicksal hatte es nicht so gut gemeint mit dem kleinen Pauli. Seine Eltern waren im alten Schlesien Gutsverwalter gewesen. Da war es ihm und seinen zwei älteren Brüdern zuerst noch einigermaßen gut gegangen. Aber es tobte damals schon der Zweite Weltkrieg. Der Vater, der nicht mehr der Gesündeste war und deswegen zunächst vom Wehrdienst verschont blieb, wurde ganz zum Schluss noch zum Volkssturm eingezogen und fiel kurz darauf.
Ja, und der Rest der Familie musste kurz darauf fliehen. Auf der Flucht wurden sie von einer bösen Seuche heimgesucht. Die zwei Brüder fielen ihr zum Opfer. Der Pauli überlebte zwar, aber er stürzte unterwegs so unglücklich, dass er sich das Becken brach. Die ärztliche Versorgung ließ damals natürlich zu wünschen übrig. Man legte ihn in Gips und brachte ihn und seine Mutter in ein Auffanglager. Da lag er viele Wochen lang, nur notdürftig versorgt und ohne besondere ärztliche Betreuung. Als das Lager aufgelöst wurde, brachte ihn ein Krankentransport, immer noch im Gipsbett, in seine neue Heimat: einen kleinen Ort in Bayern. Endlich kümmerten sich Ärzte um den kleinen Buben. Als sie ihm den Gips abnahmen, schüttelten sie aber den Kopf: »Da ist nicht mehr viel zu machen«, stellten sie fest. Der Fuß sei verkorkst. Irgendwie sei alles falsch zusammengewachsen und das eine Bein werde wohl für alle Zeiten kürzer bleiben. Der Mutter teilte man in dem damals üblichen, recht rüden Sprachgebrauch mit, ihr Sohn werde wohl ein »Krüppel« bleiben.
Als der Krieg zu Ende war, arbeitete Paulis Mutter auf einem Bauernhof als Magd. Die beiden wohnten in einer winzigen Kammer. Trotz der großen Armut war es für den Buben eine schöne Zeit, denn seine Mutter kümmerte sich rührend um ihn und versuchte ihm, so gut es ging, das Gehen beizubringen. Ein Knecht am Bauernhof zimmerte dem Buben eine Krücke, mit deren Hilfe er sich immer besser fortzubewegen lernte.
Bald suchte der inzwischen Fünfjährige Kontakt zu den Kindern des Ortes. Er wurde als Spielgefährte durchaus anerkannt, doch das hinderte die anderen nicht daran, ihn hin und wieder »Hinkebein« zu heißen. Bei den meisten Spielen war er kein vollwertiger Akteur, aber der Pauli begnügte sich auch dankbar mit der Rolle einer Randfigur. Wenn die anderen Fußball spielten, machte er den Linien- oder Schiedsrichter und manchmal, wenn der Torwart fehlte, stellte man ihn sogar zwischen die, in der Regel durch zwei Ziegelsteine markierten »Torpfosten«.
Pauli hatte zwei große Hobbys: Zeichnen und Basteln. In der Adventszeit malte er stundenlang mit seinen Farbstiften Bilder oder bastelte aus Papier Weihnachtsschmuck, vor allem Sterne. Denn die Sterne hatten es ihm besonders angetan. Immer wieder wollte er von seiner Mutter die Geschichte von den Heiligen Drei Königen hören, die der Stern zur Krippe des Christkindes geleitet hatte.
»Weißt du«, sagte er einmal zu seiner Mutter, »irgendwie verstehe ich diese drei Könige nicht ganz.« — »Wieso?«, fragte die erstaunt zurück. — »Die haben dem kleinen Jesulein doch Gold, Weihrauch und Myrrhe gebracht?« — »Ja und?«, meinte die Mutter. — »Weihrauch, Gold und Myrrhe, was soll denn ein kleines Kind mit so was anfangen? Da hätte ich mir schon etwas Besseres gewusst«, behauptete er. — »Was hättest du denn mitgebracht?«, wollte die Mutter wissen. — Darum war er nicht verlegen: »Vielleicht eine Tafel Schokolade, einen Vanillepudding oder Gummibärchen. Und auf alle Fälle was zum Spielen, einen Teddybären oder einen Ball. — Du«, sagte er plötzlich, »ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als dass ich einer der drei Könige gewesen wäre.«
Diese Idee setzte sich im Kopf Paulis immer mehr fest. Liebevoll malte und bastelte er zum nächsten Weihnachtsfest für die bescheidene Krippe, die sie schon hatten, die drei Weisen aus dem Morgenland mit einem prächtigen Gefolge, samt Kamelen und Elefanten. Von seiner Mutter wünschte er sich ein paar bunte Tücher, die er dann kunstvoll zu einem Königsgewand drapierte. Und natürlich fertigte er auch für jeden der drei eine hübsche goldene Krone an.
In den Tagen darauf saß er oft stundenlang vor einem Blatt Papier und versuchte ein Gedicht zu schreiben, das er den König sagen lassen wollte. Es dauerte, bis er mit dem Ergebnis endlich zufrieden war. Er schrieb alles fein säuberlich mit seiner schönsten Schrift auf ein buntes Blatt und verzierte es mit Sternen. Zum Geburtstag hatte er sich eine Mundharmonika gewünscht, und seine Mutter hatte es tatsächlich fertiggebracht, ihm diesen Wunsch auch zu erfüllen. Ganz allein brachte er sich ein paar Lieder bei und dachte sich sogar eigene Melodien aus. So versuchte er nun auch zu seinem Gedicht die passende Musik zu komponieren. Glücklich spielte und sang er nach einiger Zeit seiner Mutter das alles vor. Die schaute erstaunt: »Wo hast du denn das her?« — Stolz erzählte ihr Pauli, dass er sowohl der Dichter als auch der Komponist sei. »Meinst du, das Christkind hätte sich über das Lied gefreut, wenn es ihm der Balthasar beim Besuch an der Krippe vorgetragen hätte?« — »Da bin ich mir ganz sicher«, lächelte seine Mutter. »Sing es aber auf jeden Fall heuer dem Jesulein in der Krippe unter unserem Christbaum vor.«
Das Weihnachtsfest, das Pauli mit seiner Mutter in dem kleinen Zimmer feierte, war zwar bescheiden, aber doch wunderbar. Die Mutter hatte das Bäumchen, das sie von ihrem Bauern geschenkt bekommen hatte, kunstvoll geschmückt, sie hatte die besten Plätzchen der Welt gebacken — so empfand es der Pauli –, und doch tatsächlich den Karl-May-Band, den sich der Pauli gewünscht hatte, in einer uralten Ausgabe erstanden. Er seinerseits hatte für seine Mutter ein herrliches Bild gemalt und ein buntes Armband gebastelt.
Zwischen Weihnachten und Heilig Drei König ereignete sich auf dem Hof des Bauern, bei dem sie wohnten, etwas, was für Pauli höchste Bedeutung bekommen sollte. Die zwei Knechte am Hof, der Hartl und der Leo, beschlossen, mit einem Kollegen aus der Nachbarschaft, dem Ludwig, am Dreikönigstag als Sternsinger von Hof zu Hof zu ziehen. Sie taten das, anders als es heute üblich ist, nicht für einen guten Zweck, sondern ausschließlich zum eigenen Wohl. Das war damals weithin üblich, und keiner dachte sich etwas dabei.
Pauli, der Zeuge ihrer Abmachung wurde, fragte schüchtern, ob er nicht auch mitgehen könne. — »Du als heiliger Dreikönig?«, lachte der Knecht vom Nachbarhof hämisch. »Ich kann mich nicht erinnern, dass einer von denen eine Krücke hatte.« — Traurig wollte Pauli sich davonmachen, da rief ihm der gutmütige Hartl nach: »Pauli, lass den Kopf nicht hängen. Weißt du, wir sind ja schon drei. Aber vielleicht könntest du ja den Stern vor uns hertragen. Aber denk dran, dass es sehr anstrengend sein wird, durchs ganze Dorf zu ziehen und überall anzuklopfen.«
Der Ludwig murmelte etwas von unnötiger Belastung, gab dann aber doch nach, und so machten sich die vier am Dreikönigstag auf ihre Sternsingertour. Der Pauli hatte einen wunderschönen Stern gebastelt und trug das bunte Gewand, freilich unter Verzicht auf eine Königskrone.
Die Sternsinger wurden von allen freundlich aufgenommen. Sie sagten dann ihre üblichen Verse auf: »Die Heiligen Drei Könige sind wohlgeborn. Sie reiten daher mit Stiefel und Sporn …« Oder auch: »Die Heiligen Drei König’ mit ihrigem Stern, die essen und trinken und zahlen nicht gern …«
Ja, und dann hielten sie den so Heimgesuchten noch einen Hut hin, in den sie bald mehr, bald weniger Geld hineingelegt bekamen. Manche gaben auch Naturalien in Form von Kletzenbrot, Lebkuchen oder da und dort mal ein Stück Geräuchertes. Auch der Pauli bekam das eine oder andere zugesteckt und verstaute es in einem Säcklein, das er vorsichtshalber mitgenommen hatte.
Der Tag neigte sich. Die drei Könige meinten, dass es allmählich Zeit wäre, das Sternsingen zu beenden. Es hatte zu schneien begonnen, und trotz eines gelegentlichen Schluckes aus einer Flasche mit Obstler, den sie bei einem ihrer Besuche bekommen hatten, froren sie immer mehr. »Aber wir müssen doch noch zu den Zirkusleuten«, monierte der Pauli.
Seit ein paar Wochen hatte ein kleiner Zirkus draußen vor dem Dorf sein Winterlager aufgeschlagen. In ein paar Wohnwägen versuchte die Familie mit den Tieren mehr schlecht als recht über den Winter zu kommen.
»Bist narrisch wordn?«, schimpfte der Ludwig. »Noch zu der herglaufnen Bagage hinzurennen bei der Kältn. Bei denen ist nichts zu holen, die haben doch selber nichts.« Auch die anderen zwei Knechte winkten ab und meinten, dass es jetzt genug sei. »Wir gehen noch auf ein Schlückerl zum Alten Wirt und zählen einmal nach, ob sich die Bethlehem-Rallye gelohnt hat«, meinte der Ludwig. — »Komm mit, Pauli«, rief der Hartl. »Ich geb ein Limo für dich aus.« — »Nein, danke«, antwortete der, »ich komm schon nach Hause. Danke fürs Mitnehmen.« Während die drei eilig das Wirtshaus aufsuchten, machte sich der Pauli aber nicht auf den Nachhauseweg, sondern ging trotz immer stärker werdenden Schneetreibens zielstrebig auf das Notlager der Zirkusleute zu. Er war schon sehr erschöpft. Sein krankes Bein schmerzte und an der Hand, mit der er die Krücke hielt, hatten sich einige Blasen gebildet. Dennoch hielt er tapfer durch.
An einem der Wohnwägen sah er noch Licht und klopfte an. Eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm machte vorsichtig die Tür auf. Als sie den Buben mit dem Stern erblickte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. »Komm doch rein«, rief sie. »Du darfst aber nicht erschrecken, uns geht’s zurzeit nicht sehr gut.«
Dem Pauli bot...




