Zola | Das Geld | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 18, 362 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

Zola Das Geld


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22793-0
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 18, 362 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

ISBN: 978-87-28-22793-0
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Paris in den 1860er Jahren: Aristide Saccard ist bankrott. Um an die Börse zurückkehren zu können und wieder an Geld zu gelangen, gründet er ein Unternehmen und investiert in den Bau von Infrastruktur im Mittleren Osten. Dabei gerät er zwischen die Fronten von Religion, Finanzwelt und Macht. Der achtzehnte Teil des berühmten Romanzyklusses von Émile Zola zeigt eindrucksvoll die Tücken der Finanzwelt zu Zeiten des Zweiten Kaiserreiches und verstrickt die Figuren in ein Netz aus Macht und Intrigen vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Kapitalismus.

Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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I.


Auf der Börse hatte es eben elf Uhr geschlagen, als Saccard bei Champeaux eintrat, in den in Weiß und Gold gezierten Saal, dessen zwei hohe Fenster auf den Börsenplatz gingen. Mit einem Blick überschaute er die Reihen kleiner Tische, wo die geschäftigen Gäste eng beisammen saßen; und er schien überrascht, das Gesicht nicht zu sehen, welches er suchte.

Als in dem Gedränge der Bedienung ein mit Schüsseln beladener Kellner vorüberkam, fragte er diesen:

– Ist Herr Huret noch nicht gekommen?

– Nein, mein Herr, noch nicht.

Saccard entschloß sich nun, an einem Tische sich niederzulassen, welcher in einer der Fensternischen stand und welchen ein Gast eben verlassen hatte. Er glaubte sich verspätet zu haben und während man das Tafeltuch wechselte, schaute er hinaus und spähte nach den Vorübergehenden. Als das Gedeck erneuert worden, bestellte er nicht sogleich; seine Blicke hafteten noch eine Weile an dem Börsenplatz, welchen das heitere Sonnenlicht dieses schönen Maitages überfluthete. Zu dieser Stunde, da alle Welt frühstückte, war der Platz fast leer; die Bänke standen unbesetzt unter den Kastanienbäumen, die sich mit frischem, zartem Grün geschmückt hatten. Längs des Gitterthores war ein Miethwagen-Standplatz und da reihte sich Fiaker an Fiaker, von einem Ende bis zum andern. Der nach dem Bastillenplatz verkehrende Omnibus hielt vor dem Kartenbureau an der Ecke des Gartens, ohne einen Fahrgast aufzunehmen oder abzusetzen. Die Sonne sandte senkrecht ihre Strahlen hernieder; der Monumentalbau war völlig in Licht gebadet mit seiner Säulenreihe, seinen zwei Statuen, seinem breiten Perron, auf dessen Höhe ein Heer von Sesseln in genauer Ordnung, aber noch leer, aufgestellt war.

Doch als Saccard sich umwandte, erkannte er an einem nachbarlichen Tische den Wechsel-Agenten Mazaud. Er reichte ihm die Hand.

– Schau, Sie sind's? sagte er. Guten Tag!

– Guten Tag! erwiderte Mazaud, indem er ihm zerstreut die Hand drückte.

Es war ein kleiner, brauner, sehr lebhafter und hübscher Mann, der mit 32 Jahren das Geschäft seines Oheims geerbt hatte. Seine Aufmerksamkeit schien völlig dem ihm gegenüber sitzenden Gaste zu gehören, einem dicken Herrn mit rothem, rasirtem Gesichte, dem berühmten Amadieu, dem die Börse seit seinem berühmten Streich mit den Aktien der Bergwerke von Selsis hohe Achtung zollte. Als das Papier auf fünfzehn Francs gesunken war und jeder Käufer desselben für verrückt angesehen wurde, hatte er sein ganzes Vermögen, zweimalhunderttausend Francs, an dieses Geschäft gewagt, auf gut Glück, ohne Berechnung und ohne Witterung, in dem tollen Einfall eines dummen Glückspilzes. Und heute, da die Entdeckung ergiebiger Erzgänge den Kurs dieses Papiers über tausend Francs hinauf getrieben, gewann er fünfzehn Millionen. Seine blöde Operation, die ihn ehemals ins Irrenhaus hätte führen müssen, erhob ihn jetzt zum Rang einer großen Finanz-Kapazität. Man grüßte ihn, man suchte vornehmlich seine Rathschläge. Er gab übrigens keine Aufträge mehr; er war befriedigt und thronte fortan auf den Erfolgen seines einzigen, legendären Geniestreiches. Mazaud träumte wohl davon, seine Kundschaft zu erlangen.

Da Saccard von Amadieu nicht einmal ein Lächeln erlangen konnte, grüßte er die ihm gegenüber sitzende Tischgesellschaft, drei ihm bekannte Spekulanten Namens Pillerault, Moser und Salmon.

– Guten Tag! Geht's gut?

– Ja, erträglich ... Guten Tag!

Auch bei diesen fühlte er die Kälte, fast die Feindseligkeit heraus. Pillerault, ein sehr großer, sehr magerer Mensch mit ruckweisen, hastigen Geberden und einer dünnen Nase in dem knochigen Gesichte eines fahrenden Ritters, zeigte sonst die Zutraulichkeit eines Spielers, dessen Prinzip es war, blind zuzugreifen, weil er – wie er sagte – jedesmal in eine Katastrophe verfiel, wenn er über ein Geschäft erst nachdachte. Er war eine überströmende Haussier-Natur, stets auf den Sieg hoffend, während im Gegensatze zu ihm Moser, ein kleiner Mann mit gelbem Gesichte, von einer Leberkrankheit gefoltert, in ewiger Furcht vor einem Zusammenbruch unaufhörlich lamentirte. Salmon war ein schöner Mann, im Kampfe gegen die Fünfzig, mit einem prächtigen, rabenschwarzen Barte. Er galt für einen außerordentlich feinen Kopf. Niemals sprach er; er antwortete nur mit Lächeln. Man wußte nicht, in welcher Richtung er spielte und ob er überhaupt spielte; seine Art zuzuhören machte auf Moser einen solchen Eindruck, daß er oft, nachdem er dem Andern ein Geheimniß anvertraut, durch das Stillschweigen Salmons aus der Fassung gebracht, seine Verfügungen änderte.

Angesichts der Gleichgiltigkeit, die man ihm zeigte, sandte Saccard die fieberhaften und herausfordernden Blicke durch den Saal. Und er tauschte ein Kopfnicken nur mehr mit einem großen jungen Manne, der drei Tische weiter saß, mit dem schönen Sabatani, einem Levantiner mit langem, braunem Gesichte, welches herrliche schwarze Augen erhellten, aber ein boshafter beunruhigender Mund verdarb. Die Freundlichkeit dieses jungen Mannes vollendete seine Gereiztheit; es war irgend ein »Ausgeläuteter« von einer fremden Börse, einer jener geheimnißvollen Jungen, die bei den Frauen Glück haben; er war seit dem letzten Herbst auf dem Markte erschienen und Saccard hatte ihn schon bei der Arbeit gesehen, als Strohmann in einer Bank-Katastrophe. Durch sein korrektes Betragen und durch eine unermüdliche Freundlichkeit, die er selbst dem letzten armen Teufel gegenüber bekundete, hatte Sabatani sich allmälig das Vertrauen des »Korbes« und der Coulisse erworben.

Jetzt blieb ein Kellner vor Saccard stehen.

– Was werden Sie nehmen, mein Herr?

– Ach ja ... Was Sie wollen; eine Côtelette und Spargel.

Dann rief er den Kellner zurück.

– Sind Sie sicher, daß Herr Huret nicht vor mir da gewesen und wieder fortgegangen ist?

– Oh, ganz sicher!

So weit war es also mit ihm gekommen nach dem Zusammenbruch im Oktober, welcher ihn genöthigt hatte wieder einmal zu liquidiren, sein Hôtel im Park Monceau zu verkaufen und eine Mietwohnung zu nehmen; so weit war es mit ihm gekommen, daß nur Leute wie Sabatani ihn grüßten. Dieses Restaurant, wo er einst geherrscht hatte, konnte er jetzt betreten, ohne daß sich alle Köpfe zu ihm wandten, alle Hände sich ihm entgegenstreckten. Er war ein kühler Spieler; kein Groll war in ihm zurückgeblieben nach der letzten Spekulation in Baugründen, die für ihn so skandalös und unglücklich geendet, daß er knapp die nackte Haut gerettet hatte. Aber ein Fieber der Vergeltung hatte sein ganzes Wesen erfaßt und die Abwesenheit Hurets, der ihm in aller Form versprochen hatte um elf Uhr da zu sein, um ihm über einen Vermittlungsschritt zu berichten, welchen er bei dem Bruder Saccard's, dem damals auf der Höhe seiner Triumphe stehenden Minister Rougon zu thun versprochen hatte, erbitterte den ruinirten Spekulanten besonders gegen diesen Bruder. Huret, ein fügsamer Deputirter, ein Geschöpf des großen Mannes, war nur ein Bote. Aber war es möglich, daß Rougon, der Allvermögende, ihn so verließ? Niemals hatte er sich als guter Bruder gezeigt. Daß er nach der Katastrophe grollte, daß er offen brach, um nicht selbst kompromittirt zu sein: dies war erklärlich; aber hätte er nicht seit sechs Monaten ihm schon im Geheimen zu Hilfe kommen müssen? Und wird er jetzt so herzlos sein, ihm den letzten Beistand zu verweigern, welchen er durch einen Dritten sich von ihm erbat, weil er nicht in Person zu erscheinen wagte, aus Furcht, daß er von einem Wuthanfall sich fortreißen lassen könnte? Der Minister brauchte nur ein Wort zu sagen und er konnte den Bruder wieder auf die Beine stellen, zum Herrn dieses feigen, großen Paris machen.

– Was für einen Wein wünschen Sie, mein Herr? fragte der Kellner wieder.

– Ihren gewöhnlichen Bordeaux.

Saccard, der keinen Hunger hatte und in Gedanken versunken seine Côtelette kalt werden ließ, blickte auf, als er einen Schatten über sein Tischtuch huschen sah. Es war Massias, ein dicker, rothbackiger Junge, ein Remisier, den er einst als Hungerleider gekannt hatte und der mit seinem Kurszettel in der Hand zwischen den Tischen dahinschlich. Zu seinem Schmerze mußte er sehen, daß Jener an ihm vorbeihuschte, ohne stehen zu bleiben und sich zu den Herren Pillerault und Moser wandte, welchen er seinen Kurszettel reichte. Diese waren in einem Gespräch begriffen und warfen kaum einen zerstreuten Blick auf den Zettel. Nein, sie hatten keinen Auftrag; ein anderes Mal. Massias wagte es nicht, sich an den berühmten Amadieu zu wenden, der über einen Hummersalat gebeugt mit Mazaud leise flüsterte, und kehrte zu Salmon zurück, der den Kurszettel nahm, lange prüfte und dann wortlos zurückgab. Im Saale ward es allmälig lebendiger; es kamen andere Remisiers, einer gab den andern...



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