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E-Book, Deutsch, Band 14, 330 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

Zola Das Werk


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22790-9
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 14, 330 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

ISBN: 978-87-28-22790-9
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der 14. Teil aus Zolas Romanzyklus rund um die Familien Rougon und Macquart. Die Pariser Künstlerszene im 19. Jahrhundert: Maler Claude Lantier brennt für den Impressionismus, doch seine Werke werden von den Kennern der Szene abgelehnt. Schließlich trifft Claude auf Christine Hallegrain, die Gesellschaftsdame eines wohlhabenden Haushaltes. Sie verlieben sich, doch Claude verstrickt sich zunehmend in seinem Streben nach Inspiration, Perfektion und Anerkennung.-

Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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I


Claude ging gerade am Stadthaus vorbei, und es schlug zwei Uhr morgens, als das Unwetter losbrach. Er liebte Paris bei Nacht, und so war ihm die heiße Julinacht mit einem Künstlerbummel durch die Markthallen verstrichen, über den er dann alles andere vergessen hatte. Plötzlich fielen die Tropfen so dick und dicht, daß er sich in Lauf setzte und Hals über Kopf, so schnell er vermochte, am Quai de la Grève hinrannte. Als er aber bei der Brücke Louis-Philippe angelangt war, verdroß ihn sein atemloser Lauf, und er mäßigte seine Eile. Diese Angst vor dem bißchen Naßwerden war ja einfältig. Nachlässig die Hände schwingend überschritt er in der dichten Finsternis durch den peitschenden, das Licht der Gaslaternen verwischenden Platzregen langsam die Brücke.

Übrigens hatte er bloß noch ein paar Schritte. Als er über den Quai Bourbon zur Ile Saint-Louis abbog, setzte ein heftiger Blitz die gerade, flache Zeile der der Seine gegenüber am engen Fahrdamm hingereihten vornehmen alten Häuser ins Helle. Der Widerschein machte die Scheiben der hohen Fenster, die keine Läden hatten, aufglänzen. Man konnte die stolzen, düsteren, alten Hauswände mit ihren Einzelheiten deutlich erkennen: einen steinernen Balkon, das Geländer einer Freitreppe, die gemeißelte Girlande eines Giebels. Hier hatte der Maler in einem Winkel der Rue de la Femme-sans-Tête oben im Dachstock des alten Palastes du Martoy sein Atelier. Der flüchtig erhellte Quai war gleich wieder in Nacht versunken. Ein furchtbarer Donnerschlag hatte das schlummernde Viertel erschüttert.

Als er bei seiner Haustür, einer alten, runden, niedrigen, mit Eisenwerk beschlagenen Pforte, angelangt war, tastete er, da der Regen ihn am Sehen hinderte, nach dem Klingelknauf. Aber da fuhr er zurück. Zu seiner höchsten Überraschung war er gegen ein sich in den Türwinkel hineindrückendes lebendes Wesen gestoßen. Und schon erkannte er beim Glast eines neuen Blitzes, daß es ein großes, schwarzgekleidetes, bereits gänzlich durchnäßtes, vor Angst mit den Zähnen klapperndes junges Mädchen war. Während der Donnerschlag sie beide zusammenfahren machte, rief er:

»Ah, so was ... Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?«

Aber schon sah er sie nicht mehr, vernahm bloß, wie sie schluchzend stammelte:

»Oh, mein Herr! Tun Sie mir doch nichts ... Der Kutscher, den ich auf dem Bahnhof genommen hatte, hat mich grob behandelt und hier, vor der Tür, abgesetzt ... Ja, bei Nevers war ein Zug entgleist. Wir haben vier Stunden Verspätung gehabt, und die Person, die mich abholen sollte, war nicht mehr da ... Ach Gott, es ist das erstemal, daß ich in Paris bin, mein Herr, und nun weiß ich nicht, wo ich mich befinde ...«

Ein greller Blitz schnitt ihr das Wort ab. Entsetzt gingen ihre weitaufgerissenen Augen über diesen Winkel, den in gespenstischem Blaulicht sich bietenden phantomhaften Anblick der ihr unbekannten Stadt hin. Der Regen hatte aufgehört. Drüben, auf der anderen Seite der Seine, reihte der Quai des Ormes seine kleinen, grauen Häuser mit dem scheckig bunten Holzwerk ihrer Kramläden unten, oben mit ihren ungleichmäßigen Dachkanten, während sich zur Linken ein weiter Ausblick bis zu dem blauen Schieferdach des Stadthauses bot, zur Rechten bis zur bleigedeckten Kuppel von Saint-Paul. Aber was sie besonders bedrückte, das war der eingeengte Fluß, der tiefe, enge Graben, in dem schwarz, von den plumpen Pfeilern der Brücke Marie bis zu den leichten Bogen der neuen Brücke Louis-Philippe, die Seine dahinglitt. Seltsame Massen belebten das Wasser, eine schlummernde Flotille von Kähnen und Jollen, ein Wasch- und ein Baggerschiff; alles am Quai hin angeseilt. Dann, weiter unten, an der anderen Böschung, mit Kohle gefüllte Pinassen, mit Steinen beladene Zillen; über ihnen ragend der mächtige Arm eines Eisenkrans. Und alles wieder fort.

»Aha, eine 'rausgeworfene Strichdirne, die sich an einen 'ranmachen will«, dachte Claude.

Er traute den Weibern nicht. Die Geschichte mit dem Zugunfall da, der Verspätung, von dem groben Kutscher hielt er für eine lachhafte Erfindung. Beim Schall des Donners aber hatte sich das junge Mädchen entsetzt wieder in den Türwinkel gedrückt.

»Jedenfalls, hier können Sie nicht schlafen«, fuhr er mit lauterhobener Stimme fort.

Sie weinte noch heftiger und stammelte:

»Mein Herr, ich bitte Sie, bringen Sie mich nach Passy ... Ich muß nach Passy.«

Er zuckte die Achseln. Hielt sie ihn für einen Trottel? Mechanisch hatte er den Blick nach dem Quai des Célestins hinübergerichtet, wo eine Fiakerstation war. Doch nicht eine einzige Laterne war dort zu erblicken.

»Nach Passy, meine Liebe? Warum nicht gar nach Versailles? ... Wo, zum Kuckuck, denken Sie denn, daß man um diese Zeit und bei so einem Wetter eine Kutsche auftreiben soll?«

Doch sie schrie laut auf. Ein neuer Blitz hatte sie geblendet. Diesmal sah sie die Stadt in einem tragischen Blutglast auftauchen. Es war ein gewaltiges Loch. Unabsehbar verloren sich beide Enden des Flusses wie in den roten Gluten einer Feuersbrunst. Die geringsten Einzelheiten hoben sich hervor. Man unterschied die kleinen, geschlossenen Jalousien des Quai des Ormes, die beiden Spalten der Straßen de la Masure und du Paon-Blanc mit den Reihen ihrer Häuserfronten. Bei der Brücke Marie hätte man die Blätter der großen Platanen zählen können, die dort ihre prächtigen Kronen wölbten, während nach der anderen Seite hin unter der Brücke Louis-Philippe, beim Mail, die in vier Reihen sich hinziehenden Boote die gelben Flecke der Äpfel aufflammen ließen, mit denen sie bis an den Rand vollgeladen waren. Weiter unterschied man das Gekräusel des Wassers, den hohen Schornstein des Waschschiffes, die regungslose Kette des Baggers, Sandflecke darauf, ein wunderliches Gewirr von Gegenständen, all die Welt, die da die Weite des Flusses, den von einem Ende bis zum anderen eingeschnittenen Graben belebte. Unter Donnergekrach erlosch der Himmel wieder, die Flut unten glitt in dunkler Nacht dahin.

»Ach lieber Gott! ... O Gott, was soll aus mir werden?«

Der Regen setzte jetzt wieder mit solcher Wut ein und ward von einem derartigen Wind getrieben, daß es den Quai mit der Gewalt einer geöffneten Schleuse peitschte.

»Na, lassen Sie mich eintreten«, sagte Claude. »Das ist ja nicht mehr auszuhalten, hier!«

Alle beide waren sie naß bis auf die Haut. Beim ungewissen Schein der an der Ecke der Rue de la Femme-sans-Tête angebrachten Gaslaterne sah er, wie sie triefte und ihr von dem gegen die Tür schlagenden Regensturz das Kleid am Leibe klebte. Mitleid ergriff ihn. Er hätte ja bei einem derartigen Unwetter selbst einen Hund von der Straße mit nach Haus genommen. Doch seine Weichherzigkeit verdroß ihn. Niemals nahm er ein Mädchen mit zu sich hinauf. Mit einer fast krankhaften, unter gemachter Grobheit versteckten Schüchternheit behandelte er sie alle nach der Art eines Junggesellen, der nichts von ihnen wußte. Und die da hielt ihn ja doch für gar zu dumm, daß sie auf so eine Weise, mit so einem Possenabenteuer, sich ihm anhängte. Trotzdem sagte er schließlich:

»Na genug, gehn wir 'nauf! ... Sie können bei mir schlafen.«

Sie geriet noch mehr außer sich, sträubte sich.

»Bei Ihnen! Oh, mein Gott! Nein, nein, das ist unmöglich!

Ich bitte Sie, mein Herr, bringen Sie mich nach Passy! Ich bitte Sie flehentlich.«

Aber jetzt wurde er ungehalten. Was hatte sie sich denn so, da er sie doch bei sich aufnahm? Schon hatte er zweimal die Klingel gezogen. Endlich tat sich die Tür auf, und er stieß die Unbekannte hinein.

»Nein, nein, mein Herr! Ich sage Ihnen, nein ...«

Aber schon wieder machte ein Blitz sie zusammenzucken, und als der Donner krachte, sprang sie außer sich in den Hausflur hinein. Die schwere Pforte hatte sich wieder geschlossen. Sie befand sich in einer weiten, stockfinsteren Halle.

»Frau Joseph, ich bin's!« rief Claude der Pförtnerin zu.

Leise aber fügte er hinzu:

»Geben Sie mir die Hand, wir müssen über den Hof.«

Völlig betäubt und willenlos leistete sie keinen Widerstand mehr und reichte ihm die Hand. Seite an Seite liefen sie von neuem durch den wolkenbruchartigen Regenguß. Es war ein gewaltiger herrschaftlicher Hof mit steinernen Arkaden, die undeutlich sich aus der Finsternis hervorhoben. Dann gelangten sie in einen engen, türlosen Hausflur. Er ließ ihre Hand los, und sie hörte, wie er fluchend Streichhölzer anstrich. Aber alle waren feucht geworden. Man mußte sich hinauftasten.

»Fassen Sie das Geländer an, und geben Sie acht, die Stufen sind hoch!«

Die sehr enge Treppe, eine ehemalige Dienstbotentreppe, hatte drei endlose Stockwerke, die sie, sich am Geländer haltend, ungeschickt mit völlig ermüdeten Beinen...



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