E-Book, Deutsch, Band 7, 356 Seiten
Reihe: Die Rougon-Macquart
Zola Der Totschläger
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22784-8
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 7, 356 Seiten
Reihe: Die Rougon-Macquart
ISBN: 978-87-28-22784-8
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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Der Totschläger
1
Gervaise hatte auf Lantier bis zwei Uhr früh gewartet. Lange war sie in der leichten Nachtjacke gegen die Nachtluft am Fenster gestanden. Nun warf sie sich fröstelnd und fiebernd mit tränennassem Gesicht aufs Bett. Seit acht Tagen schickte er sie, sobald sie aus dem Wirtshaus »Zum zweiköpfigen Kalb« traten, wo sie gemeinsam aßen, mit den Kindern schlafen und kam erst spät in der Nacht heim; er erzählte, daß er sich um Arbeit umschaue. Während sie an diesem Abend auf ihn wartete, glaubte sie, ihn in das Ballhaus zum »Großen Balkon« eintreten zu sehen, dessen zehn Fenster wie eine Feuersbrunst über die schwarzen Schatten der äußeren Boulevards leuchteten; und etwa fünf bis sechs Schritte hinter ihm hatte sie die kleine brünette Adele, die ebenfalls in dem Wirtshaus aß, gehen sehen, mit schlenkernden Armen, als habe sie gerade seinen Arm losgelassen, damit man sie nicht zusammen unter dem hellen Scheine des Torbogens sehen sollte.
Als Gervaise um fünf Uhr früh erwachte, war sie ganz steif und hatte zerschlagene Lenden; sie brach in Tränen aus. Lantier war nicht zurückgekommen. Zum ersten Male schlief er auswärts. Sie blieb auf dem Bettrand sitzen, unter dem fettigen verschossenen Vorhang, der durch einen Ring gehalten von der Decke niederfiel. Langsam wanderten ihre tränenverschleierten Augen über das elend möblierte Zimmer, die Nußbaumkommode, an der eine Schublade fehlte, die drei Strohstühle und einen schmutzigen kleinen Tisch, auf dem ein zerbrochener Krug standen. Man hatte für die Kinder noch ein eisernes Bett hineingestellt, es stand vor der Kommode und füllte zwei Drittel des Zimmers. Gervaises und Lantiers Koffer standen offen in einer Ecke. Er war fast leer; ein alter Männerhut lag zwischen schmutzigen Hemden und Socken. An der Wand und auf Stuhllehnen hing ein zerrissener Schal und eine verdreckte Hose, die letzten Lumpen, die der Kleiderhändler nicht mehr nehmen wollte. Mitten auf dem Kamin, zwischen zwei ungleich großen Zinnleuchtern, lag ein Stoß Quittungen aus dem Leihhaus, – zartes Rosapapier. Es war das sogenannte »schöne Zimmer« des Hotels, das Zimmer im ersten Stock, mit der Aussicht auf den Boulevard.
Die Kinder lagen Seite an Seite auf demselben Kopfkissen und schliefen. Claude, der Achtjährige, hatte seine kleinen Hände auf der Decke liegen und atmete gleichmäßig langsam; Etienne, der erst vier Jahre alt war, lächelte und hatte einen Arm um den Hals des Bruders geschlungen. Als der Blick der Mutter auf die Kinder fiel, bekam sie wieder einen Weinkrampf; sie unterdrückte ihre Schreie mit dem vorgehaltenen Taschentuch. Dann ging sie wieder barfuß zum Fenster zurück, stützte die Ellbogen auf, in derselben Stellung verharrend wie in der langen Nacht, und suchte das Trottoir ab, so weit sie schauen konnte.
Das Hotel lag auf dem Boulevard de la Chapelle, links von der Barrière Poissonnière. Ein Steinbau von zwei Stockwerken, rot angestrichen bis zum zweiten Stock und mit vom Regen angefaulten Fensterläden, über einer Laterne mit gesterntem Glas las man zwischen den beiden Fensterreihen »Hotel Boncoeur, Besitzer Marsoullier«, in großen gelben Buchstaben, die von der Feuchtigkeit der Wand zerfressen und nicht mehr ganz waren. Die Laterne hinderte Gervaise am Ausblick; sie beugte sich weit vor, das Taschentuch vor dem Mund. Sie schaute nach rechts aus, gegen den Boulevard de Rochechouart hin, wo Metzgerburschen mit blutigen Schürzen vor dem Schlachthaus standen. Der frische Wind brachte zeitweilig den Geruch von geschlachteten Tieren her. Links schaute sie in die lange Straßenzeile; fast gegenüber lag die große weiße Fassade des Hospitals von Lariboisière, das noch im Bau war. Dann strichen ihre Augen die langen Mauern der Bastionen hin; manchmal des Nachts hörte sie da die Schreie Ermordeter; und sie bohrte den Blick in die finstern Ecken und abgelegenen Winkel, schwarz von Schmutz und Feuchtigkeit, voller Angst, Lantiers Körper mit aufgeschlitztem Bauch zu entdecken. Hob sie ihre Augen über diese graue und unendlich scheinende Mauer, die den Stadtteil mit einem trostlosen Ring einfriedete, sah sie eine große Helligkeit; die Sonne brach sich in den Staubwolken über Paris, dessen morgendliche Geräusche ihr Ohr trafen. Aber immer wieder kehrte ihr Blick zur Barriere Poissonnère zurück. Den Hals vorgestreckt und ganz benommen, schaute sie die Menschen, die Tiere, die Wagen, die in ununterbrochenen Massen sich zwischen den Zollhäuschen bewegten, von der Höhe des Montmartre bis zu la Chapelle. Das war ein Gestampfe von Tieren, das wie ein Meer die Straßen füllte, sobald eine Stauung entstand, ein Aufmarsch von Arbeitern, die zur Arbeit gingen, ohne Ende, das Handwerkszeug auf dem Rücken, das Brot unter dem Arm. Und diese Masse ergoß sich immerzu nach Paris, das sie verschluckte. Da glaubte Gervaise, Lantier in der Menge zu entdecken; sie beugte sich noch mehr vor, auf die Gefahr hin hinunterzustürzen; das Taschentuch preßte sie noch fester auf den Mund, ihren Schmerz zu verhalten.
Eine junge lustige Stimme scheuchte sie vom Fenster.
»Der Mann ist also nicht da, Frau Lantier?«
»Aber nein, Herr Coupeau«, sagte sie und lächelte gezwungen.
Coupeau war ein Zinkarbeiter, der ganz oben im Hotel ein Zimmer für zehn Francs bewohnte. Er trug seinen Arbeitspack über der Schulter. Da der Schlüssel an der Türe steckte, war er in aller Freundschaft eingetreten.
»Sie wissen ja, ich arbeite jetzt da drüben im Spital ... Was für ein schöner Mai! ... Es ist frisch heute morgen.«
Und er betrachtete Gervaise, deren Gesicht von Tränen gerötet war. Als er das unberührte Bett sah, schüttelte er den Kopf; dann trat er zum Lager der Kinder, die wie kleine Cherubine mit rosigen Gesichtern schliefen, und sagte leise:
»Also der Mann ist nicht brav, nicht wahr? Aber darum keine Verzweiflung, Frau Lantier. Er beschäftigt sich zu viel mit der Politik. Als man neulich für Eugen Sue, einen Gelehrten, wie es scheint, abgestimmt hat, benahm er sich wie ein Verrückter. Vielleicht war er die Nacht mit Leuten zusammen, wo man dummes Zeug über diesen Dreckkerl, den Bonaparte schwatzte.«
»Nein, nein,« sagte Gervaise mit Anstrengung, »es ist nicht das, was Sie glauben. Ich weiß, wo Lantier ist. Wir haben unsere Sorgen, du lieber Gott, wie halt alle Menschen!«
Coupeau zwinkerte mit den Augen: er wolle sich diese Lüge nicht aufbinden lassen. Bevor er ging, bot er ihr an, ihr die Milch zu holen, falls sie nicht ausgehen wollte. Sie wäre doch eine schöne und tapfere Frau und könnte auf ihn zählen, wenn sie eines Tages in Not wäre. Gervaise setzte sich wieder ans Fenster, als er fort war.
Das Gestampfe der Menge tobte unten weiter in der Kälte des Morgens. Man erkannte die Schlosser an ihren blauen Kitteln, die Maurer an ihren weißen Blusen, die Anstreicher an ihren Überziehern, unter denen die längeren Kittel vorschauten. So aus der Ferne bekam diese Menge ein verwischtes Aussehen, einen neutralen Ton, in dem verblaßtes Blau und schmutziges Grau vorherrschten. Zeitweilig blieb ein Arbeiter stehen, um seine Pfeife anzuzünden, während die andern weitergingen, ohne Lachen, ohne ein Wort an einen Kameraden, durch die gähnende Straße der Vorstadt Poissonière zogen, mit staubiger Haut, das Gesicht gegen Paris gewandt, das einen nach dem andern verschlang. Da, an den Ecken der Rue des Poissonièrs, verlangsamte sich der Schritt mancher Männer, als die beiden Weinschenken ihre Laden öffneten. Ehe sie eintraten, blieben sie am Rande des Trottoirs stehen, schauten schiefen Blickes über Paris, mit herabhängenden Armen, wieder für einen Tag der Fron entflohen. Vor den Schenktischen boten sich einzelne Gruppen Runden an; verweilten, standen, füllten den Raum und spuckten und begossen ihren Hals mit kleinen Schnäpsen.
Auf der linken Straßenseite, bei der Schenke des Vaters Colombe, glaubte Gervaise Lantier gesehen zu haben, als sie eine dicke Frau ohne Kopftuch von der Mitte der Straße her anrief.
»Sie sind aber früh auf, Frau Lantier!«
Gervaise schaute hin.
»Ach, Sie sind's, Frau Boche!... Ich habe heute eine Menge zu tun!«
»Ja ja, es macht sich nichts von alleine.«
Und so fing eine Unterhaltung an, vom Fenster zum Trottoir. Frau Boche war die Hausmeisterin des Hauses, in dessen Erdgeschoß das Wirtshaus »Zum zweiköpfigen Kalb« war. Öfters schon hatte Gervaise in deren Zimmer auf ihren Mann gewartet, wenn sie nicht allein unter den Männern sitzen wollte, die drin in der Kneipe aßen. Die Hausmeisterin redete weiter. Sie ginge nur rasch in die Nachbarschaft, in die Rue de la Charbonnière, um dort einen Kommis im Bett aufzusuchen, von dem ihr Mann das Geld für einen geflickten Rock nicht bekommen könnte. Dann erzählte sie von einem Mieter, der am Abend mit einer Frauensperson gekommen wäre und die übrigen Mieter bis drei Uhr früh am Schlafen gehindert hätte. Aber während sie das...




