Zola | Der Traum | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 16, 174 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

Zola Der Traum


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22791-6
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 16, 174 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

ISBN: 978-87-28-22791-6
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Band 16 aus Émile Zolas epischem Romanzyklus von um die Familien Rougon und Macquard. Die Waise Angélique findet bei dem Ehepaar Hubert eine neue Familie. Sie verliebt sich in den schönen Félicien. Doch die Liebe des jungen Paares ist zum Scheitern verurteilt: Félicien soll in den Dienst der Kirche treten und ist somit zum Zölibat verpflichtet.-

Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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Erstes Kapitel


Während des strengen Winters des Jahres 1860 fror die Oise zu; heftige Schneefälle ließen die weiten Ebenen der unteren Picardie unter einer hohen weißen Decke verschwinden, und ein am Weihnachtstage plötzlich sich erhebender Schneesturm begrub fast die Stadt Beaumont unter der ungeheuren Schneelast. Vom frühen Morgen an fiel der Schnee; er nahm gegen Abend an Dichtigkeit zu und häufte sich während der ganzen Nacht an. In der in der oberen Stadt gelegenen Goldschmiedestraße, deren Ende der nördliche Teil des Querschiffes der Kathedrale einklemmt, sah sich der Schnee wie in einem Sacke gefangen. Vom Winde gepeitscht schlug er gegen das Tor der heiligen Agnes, diese alte römische, fast gotische Kirchentür, die unterhalb des nackten Frieses reiche Bilderei schmückt. Hier lag am ersten Weihnachtsmorgen der Schnee beinahe drei Fuß hoch.

Die Straße ruhte noch von der Anstrengung des heiligen Abend aus. Sechs Uhr schlug es. In der Dunkelheit, die der leise und beharrliche Fall der Schneeflocken mit einem bläulichen Schimmer übergoß, zeigte nur eine einzige unbestimmte Gestalt etwas Leben: ein kleines Mädchen von neun Jahren, das unter den Wölbungen der Kirchentür Schutz gesucht und sich dort während der Nacht, vor Frost zitternd, so gut es ging, geborgen hatte. Das Kind bedeckte ein dünnes, von vielem Gebrauche durchlöchertes, wollenes Kleid, den Kopf hüllte ein Fetzen von Umschlagetuch ein, und die nackten Füße steckten in groben Männer stiefeln. Das kleine Wesen hatte zweifellos hier erst ein Unterkommen gesucht, nachdem es lange, lange in der Stadt umhergeirrt und vor Mattigkeit fast umgesunken war. Für dieses Kind hörte hier die Welt auf; seiner harrte weder Mensch noch Ding mehr, nur dieser letzte Zufluchtsort, der nagende Hunger, die tötende Kälte. Die dumpfe Schwere des Herzens hatte es während seiner Wanderung fast des Atems beraubt und seine Schwäche den Kampf gegen das entfesselte Element aufgegeben. Nur das Fortarbeiten der körperlichen Maschine, das unwillkürliche Empfinden, vor etwas Furchtbarem flüchten zu müssen, hatten das Mädchen in den alten Steinhaufen der Kathedrale getrieben, als ein jäher Windstoß den Schnee umherwirbelte.

Stunde auf Stunde verrann. Lange lehnte sie an dem Pfeiler zwischen der Doppeltür der beiden nachbarlichen Eingänge, dessen Wandpfeiler eine Bildsäule der heiligen Agnes krönt, der dreizehnjährigen Märtyrerin, dieses kleinen Mädchens, wie sie selber eines war, mit dem Palmzweige und dem Lämmlein zu Füßen. Im Giebelfelde oberhalb des Kreuzes entrollte sich die ganze Geschichte der Braut Christi, der kindlichen Jungfrau in erhabener Arbeit, wie ein einfältiger Glaube sie sich vorgestellt hat. Da sah man, wie ihre Haare länger und länger wurden und sie einhüllten, als der Statthalter, dessen Sohn sie verschmähte, sie zur Strafe nackt in ein verrufenes Haus sandte; man sah, wie die von ihren Gliedmaßen weichenden Flammen des Scheiterhaufens die Henkersknechte erfaßten, die den Holzstoß angezündet hatten; das Wunder ihrer Gebeine; Konstanze, des Kaisers Tochter, vom Aussatze geheilt, und das Wunder des einen der von ihr gemalten Gesichter: den Priester Paulinus, welcher der Versuchung, ein Weib zu ehelichen, zu unterliegen drohte; er sollte auf des Papstes Rat einen mit Smaragd geschmückten Ring der ihn versuchenden Erscheinung auf den ihm hingestreckten Finger stecken; diese würde dann den Ring behalten, aber von ihm ablassen, wie man noch sah: das befreite den Paulinus. Hoch oben im Giebelfelde aber öffneten sich Agnes in voller Glorie die Tore des Himmels; Jesus selbst freite sie, so jung und klein sie war, und gab ihr den Kuß der ewigen Seligkeit.

Da fegte plötzlich der Wind in die Straße hinein und der Kleinen den Schnee ins Gesicht; ganze Haufen von Schnee drohten die Schwelle zu versperren. Das Kind drückte sich fester an die Heiligen an seiner Seite, die auf den Säulenstühlen der Türnische stehen. Es waren die Genossinnen der Agnes, die Heiligen ihres Gefolges: drei zu ihrer Rechten, Dorothea, die sich im Gefängnisse von dem wundertätigen Brote nährte; Barbara, die in einem Turme hauste, und Genoveva, deren Jungfräulichkeit Paris rettete. Und drei zu ihrer Linken: Agathe mit den verstümmelten Brüsten; Christine, die ihr eigener Vater folterte, und der er von ihrem Fleische Stücke ins Antlitz schleuderte; Cäcilie, die ein Engel liebte. Über ihnen stiegen noch andere Jungfrauen, drei dichtgefüllte Reihen Jungfrauen mit den Schlußbögen der Kirchentür empor und schmückten die drei Wölbungen mit einem Blütenmeer jubelnder, keuscher Leiber; unten gepeinigt und aufgerieben durch Folterqualen, oben von einer Schar Cherubim empfangen und vor dem himmlischen Throne in Freuden schwelgend.

Als es acht Uhr schlug und der Tag erwachte, hatte die Verirrte schon längst jeden Schutz verloren. Hätte sie nicht den Schnee festgetreten, bis zu den Schultern wäre er ihr gegangen. Die altertümliche Pforte hinter ihr war von ihm überzogen, als spanne sich ein Mantel von Hermelin darüber aus, hier am Fuße der grauen Fassade so nackt und glatt, daß nicht ein Flöckchen Schnee daran haften blieb. Die großen Heiligen des Bogenganges waren von oben bis unten von ihm bedeckt; die weißen Füße und die weißen Köpfe erglänzten in unschuldsvoller Reinheit. Weiter oben traten die Szenen im Giebelfelde, die kleinen Heiligen in den Wölbungen in deutlichen Zügen hervor; wie helle Pünktchen hoben sie sich von dem dunklen Hintergrunde ab. So ging es fort bis zur höchsten Freude, der himmlischen Hochzeit der Agnes, welche die Erzengel unter einem Regen weißer Rosen zu feiern schienen. Aufrecht auf seinem Pfeiler mit der weißen Palme und dem weißen Lämmlein stand das Bildnis der ländlichen Jungfrau; den keuschen Leib bedeckte der Schnee, inmitten dieser starrenden Kälte ein mystisches Sinnbild siegreicher Auferstehung der unbefleckten Jungfräulichkeit. Zu der Heiligen Füßen ein elendes, in Schnee gehülltes Kind, so starr und weiß, als sei es selbst zu Stein geworden; in nichts unterschied es sich mehr von den erhabenen Jungfrauen.

Ein längs der in Schlaf versunkenen Häuserreihen mit lautem Geklapper auffliegender Fensterladen ließ es die Augen aufschlagen. Zu seiner Rechten war es im ersten Stockwerke des Hauses, das an die Kathedrale grenzte. Eine sehr schöne, kräftige, brünette Frau von ungefähr 40 Jahren, deren Antlitz die tadellose Reinheit des Marmors aufwies, neigte sich hinaus. Trotz der furchtbaren Kälte ließ sie ihre nackten Arme wohl eine Minute draußen, denn sie hatte die Bewegungen des Kindes gesehen. Ein mitleidiges Staunen trübte die ruhigen Züge ihres Gesichtes. Dann schloß sie unter der Eingebung eines plötzlichen Schauders das Fenster. Wie eine flüchtige Erscheinung war das blonde Köpfchen der Kleinen mit den veilchenblauen Augen unter dem Fetzen von Kopftuch vor ihr aufgetaucht; das schmale Gesicht, der weit vorgestreckte Hals von der Schönheit einer Lilie auf den schmalen Schultern; aber die vor Kälte blau angelaufenen Händchen und die kleinen Füße waren bereits halb abgestorben; der leise Hauch aus dem Munde nur wies die einzige Spur noch vorhandenen Lebens auf.

Das Kind hatte ganz unwillkürlich seine Blicke nach aufwärts gerichtet; seine Augen richteten sich auf das Haus, ein schmales, einstöckiges Gebäude, dessen Aussehen ein hohes Alter verriet. Es war gegen Ende des 15. Jahrhunderts erbaut. Zwischen zwei Gegenpfeiler der Kathedrale selbst eingeklemmt, ähnelte es einer Warze zwischen zwei Zehen eines Riesen. So gestützt hatte es sich vorzüglich erhalten; seine steinerne Grundmauer, sein auf Fachwerk bestehender Oberstock, den ungetünchte Ziegel füllten, sein Dach dessen Balkengerüst zu dem einen Meter hohen Giebel zusammenlief, sein Türmchen in der linken Ecke mit hervorspringender Treppe, wo das kleine Fenster noch die Bleieinfassungen jener Zeit aufwies – alles war noch vorhanden, wie es vor Jahrhunderten geschaffen wurde. Des Hauses Alter hatte trotzdem wiederholte Ausbesserungen notwendig gemacht; so konnte das Ziegelwerk des Daches nur aus der Zeit Ludwigs XIV. stammen. Man erkannte mit Leichtigkeit die Arbeiten an dem Häuschen, die aus jener Zeit stammten: ein im Aufsatze des Türmchens ausgebrochenes Dachfenster, die dünnen hölzernen Fensterrahmen, die überall die ursprünglichen Einfassungen verdrängt hatten, und die Umgestaltung der drei Fenster des ersten Stockwerkes in zwei – das mittelste hatte man mit Ziegeln ausgefüllt – wodurch die Vorderseite in größere Übereinstimmung mit den anderen aus einer jüngeren Zeit stammenden Baulichkeiten der Straße gebracht war. Die Neuerungen im Erdgeschosse waren ebenso schnell zu erkennen. Eine eichene Tür nebst Gesims war an die Stelle des alten, mit Beschlägen verzierten Tores getreten, und von der einstigen spitzbogig sich wölbenden Öffnung, die direkt auf das Pflaster geführt hatte, war nur der große mittlere Bogengang geblieben, dessen unteren Teil, Seiten und Spitze man ausgemauert hatte, um nur einen...



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