Zola | Der Zusammenbruch | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 19, 472 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

Zola Der Zusammenbruch


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22794-7
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 19, 472 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

ISBN: 978-87-28-22794-7
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der meistgelesene Roman aus Émile Zolas bekanntem Romanzyklus rund um die Familien Rougon und Macquart. Frankreich im Sommer 1870: Frankreich hat Preußen den Krieg erklärt. Jean Macquart ist als Teil der Infanterie mit den Truppen unterwegs durch das Land und schließt währenddessen Freundschaft mit einigen Soldaten. Gemeinsam bahnen sie sich einen Weg durch die Wirren und Schrecken des Krieges. -

Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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1


Zwei Kilometer von Mülhausen nach dem Rhein hinüber war das Lager inmitten der fruchtbaren Ebene aufgeschlagen. Unter dem schwindenden Tageslicht dieses Augustabends, unter dem trüben, von schweren Wolken durchfegten Himmel lagen die Zeltreihen und funkelten die zusammengestellten Gewehre, genau nach der ersten Zeltreihe ausgerichtet, während die Posten sie mit geladenem Gewehr bewachten, unbeweglich den Blick in den violetten, von dem großen Flusse aufsteigenden Nebeln des fernen Horizontes verloren.

Gegen fünf waren sie von Belfort gekommen. Jetzt war es acht, und die Mannschaften hatten versucht, abzukochen. Aber das Holz mußte wohl auf Abwege geraten sein, denn es konnte keins verteilt werden. Unmöglich daher, ein Feuer anzuzünden und Suppe zu kochen. Sie hatten sich damit zufriedengeben müssen, ihren Zwieback trocken herunterzukauen und ihn mit großen Schlucken Branntwein anzufeuchten, was ihnen die von Müdigkeit so schon schlaffen Beine endgültig zermürbte. Zwei Soldaten vor den Gewehrpyramiden bei der Kantine jedoch hatten es sich in den Kopf gesetzt, einen Haufen grünes Holz anzustecken, junge Baumstämme, die sie mit ihren Haubajonetten zerschlagen hatten und die ganz und gar nicht brennen wollten. Ein dicker schwarzer Rauch erhob sich langsam, unendlich schwermütig in die Luft.

Nur zwölftausend Mann lagen hier, alles was General Felix Douay vom siebenten Armeekorps bei sich hatte. Die erste Division war auf Anfordern am Tage vorher nach Fröschweiler abgegangen; die dritte befand sich noch in Lyon, und er hatte sich entschlossen, sich von Belfort aus mit der zweiten Division, der Reserveartillerie und einer unvollzähligen Kavalleriedivision vorzuschieben. Bei Lörrach waren Wachtfeuer bemerkt. Ein Telegramm des Unterpräfekten von Schlettstadt meldete, die Preußen hätten bei Markolsheim den Rhein überschritten. Der General, der sich auf dem äußersten rechten Flügel der übrigen Korps infolge des Fehlens jeder Verbindung mit ihnen zu sehr in der Luft hängen fühlte, beeilte seine Bewegung gegen die Grenze um so mehr, als am Abend vorher die Nachricht von dem unglücklichen Überfall bei Weißenburg gekommen war. Von Stunde zu Stunde konnte er befürchten, dem ersten Korps zu Hilfe gerufen zu werden, wenn er nicht selbst den Feind zurückzustoßen hätte. Irgendwo in der Nähe von Fröschweiler mußte es heute an diesem unruhigen, stürmischen Sonnabend, den 6. August, zum Gefecht gekommen sein: das lag so in diesem angstvollen, niederdrückenden Himmel, aus dem sich plötzliche Schauer, heftige, mit Angst geschwängerte Windstöße erhoben. Und seit zwei Tagen bereits glaubte die Division, es ginge ins Gefecht, dachten die Leute, die Preußen am Ende dieses Gewaltmarsches von Belfort nach Mülhausen vor sich zu finden.

Der Abend sank, der Zapfenstreich begann an einer entfernten Ecke des Lagers mit Trommelwirbel und noch schwachen, von der Luft herübergetragenen Horntönen. Und Jean Macquart, der dabei war, sein Zelt etwas besser zu sichern, indem er die Haltepflöcke tiefer einschlug, richtete sich auf. Beim ersten Kriegslärm hatte er Rognes verlassen, das Herz noch blutend von dem Trauerspiel, durch das er gerade seine Frau Franziska und die von ihr zugebrachten Ländereien verloren hatte; mit neununddreißig Jahren hatte er sich wieder gestellt, hatte seine Korporalstreifen wiederbekommen und war sofort dem 106. Linienregiment zugeteilt worden, dessen Verbände aufgefüllt wurden; manchmal wunderte er sich noch, wieder im bunten Rock zu stecken; denn nach Solferino war er so froh gewesen, den Dienst aufzugeben, nicht länger den Säbel schleppen zu brauchen, kein Menschenschlächter mehr zu sein! Aber was sollte er machen? wenn man kein Geschäft mehr hat, weder Weib noch irgendwelche Habe unter der Sonne, und das Herz einem vor Kummer und Zorn in die Kehle fährt? Dann konnte er auch ebenso wieder auf den Feind loshauen, wenn der ihm zu dumm kam. Und er dachte an seinen Kriegsruf: ah! gut Blut! Wenn er auch keinen Mut mehr hatte, sie zu bebauen, dann wollte er sie doch mit verteidigen, die alte französische Erde.

Jean stand und warf noch einen Blick über das Lager, in dem nun eine letzte Bewegung entstand. Einzelne Leute rannten umher. Andere, die schon geschlafen hatten, streckten sich in einer Art gereizter Schlaffheit. Er erwartete den Appell geduldig mit der Gemütsruhe, dem schönen, verständigen, seelischen Gleichgewicht, das ihn zu einem so vorzüglichen Soldaten machte. Die Kameraden sagten, mit etwas Nachhilfe hätte er es weit bringen können. Aber wenn er auch ganz gut lesen und schreiben konnte, sein Ehrgeiz ging nicht bis zum Sergeanten. Bauer bleibt Bauer.

Aber der Anblick des Feuers aus grünem Holz, das immer noch qualmte, regte ihn an, und er rief Lapoulle und Loubet, die beiden Leute, die sich damit abquälten und beide zu seiner Korporalschaft gehörten:

»Laßt das doch! Ihr vergiftet uns ja nur!«

Loubet, ein magerer, lebhafter Spaßvogel, grinste.

»Das geht schon an, Korporal, sicher ... Blas doch, du!«

Und er schubste Lapoulle, einen Riesen, der sich mit Backen wie ein paar Blasbalge abquälte, einen wahren Sturm zu entfesseln, das Gesicht hochrot, die Augen blutunterlaufen und voll Tränen.

Zwei andere Leute der Korporalschaft, Chouteau und Pache, der eine auf dem Rücken ausgestreckt, ein Nichtstuer, der es sich bequem zu machen liebte, der andere auf den Hacken kauernd, eifrig mit dem sorgfältigen Stopfen eines Risses in seiner Hose beschäftigt, platzten vor Freude über die scheußliche Fratze des Untiers Lapoulle los.

»Dreh' dich doch um, puste mal von der andern Seite, dann geht's besser!« schrie Chouteau.

Jean ließ sie lachen. Vielleicht fänden sie später nicht mehr so oft Gelegenheit dazu; und er, der große ernste Kerl mit dem vollen, regelmäßigen Gesicht, neigte schließlich doch auch nicht zu Trübseligkeit und drückte bei den Späßen seiner Leute gern ein Auge zu. Aber dann fesselte ihn eine andere Gruppe, noch ein Mann seiner Korporalschaft, Maurice Levasseur, der sich schon fast eine Stunde lang mit einem Zivilisten unterhielt, einem rosigen Herrn von etwa sechsunddreißig Jahren, mit einem Gesicht wie ein guter Hund, etwas vorstehenden, großen blauen Augen, so kurzsichtig, daß sie ihn dienstuntauglich gemacht hatten. Ein Reserveartillerist, ein verwegener, zuversichtlich aussehender Wachtmeister mit braunem Schnurr- und Kinnbart, hatte sich zu ihnen gefunden; und so, ganz unter sich, überhörten sie alle drei, was vorging.

Jean hielt sich für verpflichtet, sie zu unterbrechen, um ihnen einen etwaigen Verweis zu ersparen.

»Sie gehen jetzt besser, Herr; hören Sie, der Zapfenstreich, und wenn der Leutnant Sie sieht ...«

Maurice ließ ihn nicht ausreden.

»Bleib' nur, Weiß.«

Und zu dem Korporal ganz trocken: »Der Herr ist mein Schwager. Er hat Erlaubnis vom Oberst, mit dem er bekannt ist.«

Was ging das diesen Bauern an, dessen Hände noch nach Mist rochen? Er selbst war im vorigen Herbst Rechtsanwalt geworden, hatte sich freiwillig gestellt und war durch die Gunst des Obersten den 106ern zugeteilt worden, ohne erst gemustert zu werden, trug aber den Tornister ganz gern; aber vom ersten Augenblick an kehrte er sich voller Widerwillen, in einer dumpfen Empörung gegen diesen ungebildeten Flegel, der sein Vorgesetzter war.

»Gut,« erwiderte Jean m seinem ruhigen Tonfall, »lassen Sie sich fassen; ich quäle mich nicht drum.«

Damit drehte er sich um, sah aber, daß Maurice nicht log; denn im selben Augenblick ging der Oberst, Herr von Vineuil, vorbei, stolz und vornehm mit seinem langen, gelben, von einem dicken weißen Schnurrbart in zwei Hälften geteilten Gesicht; er hatte Weiß und den Soldaten mit einem Lächeln gegrüßt. Der Oberst ging lebhaft auf einen Hof zu, den man in zwei- oder dreihundert Schritt Entfernung zwischen Pflaumenbäumen liegen sah; dort war der Stab für die Nacht untergebracht. Man wußte nicht, ob der Kommandant des siebenten Korps bei der schrecklichen Trauer, mit der ihn der Tod seines bei Weißenburg gefallenen Bruders erfüllte, auch dort sei. Aber der Brigadegeneral Bourgain-Desfeuilles, der die 106er unter sich hatte, war sicher da, ein Großmaul wie immer, der seinen dicken Körper auf ein paar kurzen Beinen vorwärtsrollte und den bei seinen blühenden Lebemannsfarben sein bißchen Gehirn nicht drückte. Um den Hof herum entstand eine zunehmende Bewegung, Meldereiter kamen und gingen jede Minute, alles war in fieberhafter Erwartung von Meldungen aus der großen Schlacht, von der jeder seit dem Morgen fühlte, daß sie verhängnisvoll verlief, irgendwo dicht bei ihnen. Wo wurde sie wohl geliefert, und wie mochte sie augenblicklich stehen? Mit sinkender Nacht schien es, als ob sich über den Obstgarten, über die um die Ställe verstreuten Heuschober die Angst heranrollte und sich wie ein schattenhafter See ausbreitete. Dazu hieß es noch, man hätte eben einen ums Lager schleichenden...



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