Zola | Die Bestie im Menschen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 17, 308 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

Zola Die Bestie im Menschen


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22792-3
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 17, 308 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

ISBN: 978-87-28-22792-3
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Teil 17 aus Zolas Rougon-Macquart-Zyklus. In diesem Band stellt Zola den Lokomotivführer Jacques Lantier und den Stationsvorsteher Roubaud in den Vordergrund. Lantier, ein einsamer und isolierter Mann, hegt Mordfantasien: Die Vorstellung, eine Frau zu töten, erregt ihn. Eines Tages wird er durch Zufall Zeuge, wie der Stationsvorsteher einen Mord verübt. Das Verbrechen wird trotz Ermittlungen nicht aufgeklärt und Lantier schweigt. Dann verliebt er sich in Roubauds Frau ...

Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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Erstes Kapitel


Roubaud war in das Zimmer getreten und stellte einen Laib Brod, die Fleischpastete und eine Flasche Weißwein auf den Tisch. Mutter Victoire hatte am Morgen, ehe sie sich auf ihren Posten begab, das Feuer im Ofen mit einer so dicken Kohlenstaubschicht belegen zu müssen geglaubt, daß jetzt die Hitze im Zimmer geradezu erdrückend war. Der Bahnhofs-Unterinspector öffnete daher das Fenster und lehnte sich hinaus.

Das Haus, in welchem er sich befand, war ein hohes Gebäude, und zwar das letzte auf der rechten Seite in der Sackgasse Amsterdam. Es gehörte der Gesellschaft der Westbahn und wurde von bestimmten Beamten derselben bewohnt. Das Fenster befand sich im fünften Stockwerk, gerade an der Ecke des hier endigenden Mansardendaches und führte auf den Bahnhof, der ein breites Loch in das Quartier de l'Europe riß, so daß sich eine weite Fernsicht aufrollte, die an jenem Nachmittage ein nebliger Februarhimmel, von einem feuchtwarmen, vom Sonnenschein durchblitzten Grau noch gewaltiger erscheinen ließ.

Vor ihm drängten sich und verschwanden leichthin die Häuser der Rue de Rome. Zur Linken öffneten die bedeckten Hallen ihre angerauchten Riesenglasdächer, das Auge tauchte tief in die ungeheure Halle für den Fernverkehr, welche die Baulichkeiten für die Post und das Wärmrohrmagazin von den anderen kleineren Hallen für den Verkehr nach Argenteuil, Versailles und der Ringbahn trennten. Rechts dagegen überwölbte der Pont de l'Europe mit seinem eisernen Stern die tiefe Furche, die man jenseits wieder erscheinen und von dort bis zum Tunnel von Les Batignolles heranreichen sah. Gerade unter dem Fenster, welches dieses ganze, mächtige Feld beherrschte, theilten sich die drei doppelten Schienenstränge, die unter der Brücke hervorkamen, in zahlreiche andere, die fächerartig auseinander liefen, und ihre vervielfachten, zahllosen, metallenen Arme verloren sich sofort unter den Glasdächern der Hallen. Die drei Weichenstellerhäuschen diesseits der Brückenbogen zeigten ihre öden Gärtchen. Mitten in dem konfusen Gewirr der auf den Schienen umherstehenden Waggons und Maschinen schimmerte ein rothes Signallicht verletzend durch den bleichen Tag.

Einen Augenblick fesselte Roubaud dieses Bild; er stellte Vergleiche mit seinem Bahnhof in Havre an. Jedesmal, wenn er einen Tag in Paris zubringen mußte und bei Mutter Victoire abstieg, ergriff ihn von Neuem das Interesse an seinem Beruf. Unter dem Dache der Fernverkehrhalle hatte die Ankunft eines Zuges von Nantes den Bahnsteig belebt. Seine Blicke folgten der kleinen Rangirmaschine mit den drei niedrigen und gekoppelten Räderpaaren, welche mit der Ausrangirung des Zuges begann und flink und behutsam die Waggons auf die Remisenstränge führte und stieß. Eine andere, viel mächtigere Lokomotive als jene, eine Eilzugslokomotive mit zwei großen gefräßigen Rädern, stand wartend allein; dichter, schwarzer Rauch stieg aus ihrem Schornstein ruhig und kerzengerade in die Luft. Seine ganze Aufmerksamkeit aber wurde jetzt von dem nach Caen bestimmten drei Uhr fünfundzwanzig Zug in Anspruch genommen, der schon mit Reisenden besetzt war und die Vorlegung der Lokomotive erwartete. Diese selbst konnte man noch nicht sehen, da sie jenseits des Pont de l'Europe festgehalten wurde, dagegen hörte man sie durch eiliges, halblautes Pfeifen ihrem Wunsche nach freier Fahrt Ausdruck geben, wie Einer, den die Ungeduld treibt. Jetzt schrie Jemand laut einen Befehl, sie antwortete durch einen kurzen Pfiff, daß sie verstanden hätte. Ehe sie sich in Bewegung setzte –einen Augenblick Stille, dann aber wurden die Ventile geöffnet und mit betäubendem Zischen streifte der Dampf den Erdboden. Dann sah man unter der Brücke eine weiße Masse aufquellen, die erst sich aufblähte und dann wie schneeweiße Flaumfedern umhergewirbelt, unter den eisernen Rippen der Brücke in Nichts zerflatterte. Ein großer Theil der Strecke wurde plötzlich in weiße Wolken gehüllt, während die dichter gewordene Rauchsäule der anderen Lokomotive ihren schwarzen Schleier ebenfalls ausbreitete. Aus ihm heraus erschallten die langgedehnten Töne des Signalhorns, Befehle, das Dröhnen der Drehscheiben. Der Rauchschleier zerriß und er unterschied einen Zug von Versailles und einen von Auteuil, die sich soeben bei der Ankunft des einen und der Abfahrt des andern gekreuzt hatten.

Roubaud wollte gerade das Fenster verlassen, als eine Stimme, die seinen Namen rief, ihn veranlaßte, sich noch weiter hinauszubeugen. Er bemerkte unter sich, auf dem Balkone des vierten Stockwerkes einen jungen Mann von vielleicht dreißig Jahren, Henri Dauvergne. Dieser war Zugführer und wohnte dort mit seinem Vater, einem Assistenten für den Fernverkehr und mit seinen zwei Schwestern, Claire und Sophie, zwei reizenden Blondinen von achtzehn und zwanzig Jahren, welche mit den Einkünften der beiden Männer im Betrage von sechstausend Franken, ewig heiter gelaunt die Wirthschaft führten. Man hörte soeben wieder die Aeltere lachen, während die Jüngere sang und überseeische Vögel in ihrem Käfige um die Wette mit ihr ihre Triller und Läufe schmetterten.

»Guten Tag, Herr Roubaud, Sie in Paris? ... Ganz recht, wegen des Vorfalls mit dem Unterpräfecten!«

Der Unterinspector blieb deshalb in seiner Haltung und erzählte, daß er diesen Morgen mit dem Schnellzuge um sechs Uhr vierzig Minuten von Havre abgefahren sei. Ein Befehl des Vetriebsdirectors habe ihn nach Paris gerufen und er hätte sich soeben eine tüchtige Nase geholt. Er sei zufrieden, daß man ihm nicht gleich sein Amt genommen habe.

»Und wie geht es Madame?«

Seine Frau war ebenfalls mitgekommen, Einkäufe halber. Er erwartete sie jetzt hier in dem Zimmer der Mutter Victoire, die ihnen jedesmal, wenn sie nach Paris kamen, den Schlüssel zu diesem Raume einhändigte, woselbst sie ungestört und unter vier Augen frühstücken konnten, während die brave Frau unten in den Bedürfnißanstalten ihr Amt versehen mußte. Heute hatten sie schon in Mantes ein kleines Frühstück eingenommen, um zuerst ihre Besorgungen abmachen zu können. Jetzt aber war drei Uhr schon vorüber und er kam vor Hunger fast um.

Henri wollte sich von einer liebenswürdigen Seite zeigen und fragte lächelnd nach oben:

»Bleiben Sie über Nacht in Paris?«

Nein, keineswegs. Sie führen schon mit dem Schnellzuge um sechs Uhr dreißig nach Havre zurück. Urlaub, damit käme er schön an! Ja, wenn sie Einem den Stuhl vor die Thür setzen wollen, da sind sie gleich bei der Hand!

Die beiden Männer nickten mit dem Kopf und blickten sich verständnißinnig an. Aber sie hörten sich nicht mehr, denn ein verteufeltes Piano setzte alle Register ein. Die beiden Schwestern paukten gemeinsam auf die Tasten, ihr Lachen aber übertönte das Instrument, wahrscheinlich wollten sie die Vögel im Käfige in noch größere Aufregung versetzen. Der junge Mann erheiterte sich ebenfalls, er grüßte und ging in das Zimmer hinein. Die Augen des allein gelassenen Unterinspectors hafteten eine Minute an dem Balkone, von welchem diese jugendliche Fröhlichkeit herauftönte. Dann erhob er die Blicke und sah, daß die Lokomotive ihre Ventile geschlossen hatte und der Weichensteller sie auf den Zug nach Caen dirigirte. Die letzten Flöckchen des weißen Rauches verflüchtigten sich unter den dicken Wirbeln des schwarzen Qualms, der den Himmel besudelte. Und nun trat auch er in das Zimmer zurück.

Vor der Kukuksuhr angelangt, die auf drei Uhr zwanzig Minuten zeigte, machte Roubaud eine Bewegung verzweifelter Ungeduld. Wie, zum Teufel, konnte sich Séverine nur so lange aufhalten lassen? Wenn sie einmal in einem Laden war, konnte man sie garnicht wieder herausbringen. Um sich selbst über den Hunger hinwegzutäuschen, der seinen Magen marterte, kam er auf den Einfall, den Tisch zu decken. Er war in dem mächtigen, zweifenstrigen Zimmer, das mit seinen Nußbaummöbeln, dem Bett mit den rothkattunenen Bezügen, dem Anrichteschrank und runden Tische, seinem normandiesischen Geschirrschrank gleichzeitig als Schlaf-, Speisezimmer und Küche diente, wie zu Hause. Er entnahm den Schränken Servietten, Teller, Gabeln und Messer und zwei Gläser. Das ganze Geschirr war von einer peinlichen Sauberkeit. Seine wirthschaftlichen Sorgen belustigten ihn und er fühlte sich glücklich über das Weiß des Leinens, bis über die Ohren verliebt in seine Frau. Er mußte selbst laut lachen, dachte er an das schöne, frische Lachen, in das sie ausbrechen würde, wenn sie zur Thür hereinkäme. Als er die Fleischpastete auf den Teller gelegt und die Flasche Weißwein daneben gestellt hatte, suchten seine Augen etwas. Dann zog er hastig zwei vergessene Päckchen aus der Tasche, eine kleine Büchse Sardinen und etwas Schweizerkäse.

Es schlug halb. Roubaud marschirte abwechselnd durch die Länge und Breite des Zimmers und lauschte bei dem geringsten Geräusch auf der Treppe. Als er während seines müßigen Wartens beim Spiegel vorüberkam, blieb er stehen, um sich zu betrachten. Er alterte...



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