E-Book, Deutsch, Band 20, 302 Seiten
Reihe: Die Rougon-Macquart
Zola Doktor Pascal
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22795-4
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 20, 302 Seiten
Reihe: Die Rougon-Macquart
ISBN: 978-87-28-22795-4
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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Erstes Kapitel
In der Glut des brennenden Julinachmittags lag das Gemach mit den sorgsam geschlossenen Läden von tiefer Ruhe erfüllt da. Von den drei Fenstern kamen durch die Spalten der alten Holzbrettchen nur dünne Lichtpfeile; und das gab inmitten des Schattens eine überaus milde Helligkeit, welche die Dinge mit einem verschwimmenden, zarten Schimmer umwob. Es war hier verhältnismäßig kühl bei der niederdrückenden Hitze, die man da draußen in dem die Front des Hauses versengenden Sonnenbrande fühlte.
Doktor Pascal war an den Schrank, den Fenstern gegenüber, getreten und suchte darin nach einer Notiz. Dieser ungeheure Schrank aus geschnitztem Eichenholz, der mit seinen starken, schönen Eisenbeschlägen aus dem vorigen Jahrhundert stammte, stand weit offen, und zeigte eine unglaubliche Menge von Papieren, Aktenbündeln, Manuskripten, die in buntem Gemisch aufgeschichtet wirr durcheinander lagen. Seit mehr als dreißig Jahren hatte der Doktor alle Blätter, die er beschrieb, von der kurzen Anmerkung bis zur vollständigen Niederschrift seiner großen Arbeiten über die Vererbung dort hineingeworfen. Das Suchen war denn auch nicht immer leicht. Aber geduldig stöberte er darin umher, und ein Lächeln überflog jedesmal sein Gesicht, wenn er das Vermißte endlich fand.
Einen Augenblick noch blieb er bei dem Schrank und las in einem vergoldeten Strahl, der vom Mittelfenster herkam, die Notiz.
Er selbst erschien in diesem Dämmerlicht mit seinem schneeigen Bart und Haar, wiewohl er sich bereits den Sechzigern näherte, so fest und kräftig, sein Antlitz so frisch, seine Züge so fein, seine Augen so klar und von solch kindlichem Ausdruck, daß man ihn, wie er, in sein braunes Sammetwams gepreßt, dastand, für einen jungen Mann mit gepuderten Locken hätte halten mögen.
»Da nimm, Clotilde,« sagte er schließlich, »Du wirst diese Notiz abschreiben. Ramond bringt es niemals zu Wege, meine Teufelsschrift zu entziffern.«
Und er legte das Papier vor das junge Mädchen hin, das, vor einem hohen Pulte stehend, in der rechten Fensternische arbeitete.
»Sehr wohl, Meister,« antwortete sie.
Sie hatte sich gar nicht umgewendet, so ganz mit ihrem Pastell beschäftigt, über das sie in diesem Augenblicke mit breiten Bleistiftstrichen hin und her fuhr. Vor ihr in einer Vase stak ein blühender Rosenzweig, von seltsamem, mit gelben Streifen gesprenkeltem Violett. Aber man sah deutlich das Profil ihres kleinen runden Kopfes mit den blonden, kurzgeschnittenen Haaren, ein köstliches, ernstes Profil mit gerader, aufmerksam gefalteter Stirn, himmelblauen Augen, feiner Nase und festem Kinn. Ganz besonders aber leuchtete ihr geneigter Nacken in wundervoller Jugend und unter dem Gold der hellen Löckchen in milchweißer Frische. In ihrer langen schwarzen Bluse war sie ungewöhnlich groß, ihre Taille schmal, der Busen zierlich, der Leib geschmeidig, von jener schlanken Geschmeidigkeit der göttlichen Gestalten der Renaissance. Trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre war sie kindlich geblieben und schien kaum achtzehn alt.
»Und,« fuhr der Doktor fort, »Du wirst den Schrank ein wenig in Ordnung bringen. Es ist nicht mehr möglich, sich darin zurecht zu finden.«
»Sehr wohl, Meister,« wiederholte sie, ohne den Kopf zu heben. »Sofort!«
Pascal hatte sich wieder an seinem Schreibtisch am andern Ende des Saales vor dem linken Fenster niedergelassen. Es war ein einfacher Tisch aus schwarzem Holz, ebenfalls mit Papieren und Heften aller Art über und über bedeckt. Und neuerdings trat Schweigen ein, jener tiefe Friede in dem Halbdunkel, in der Hitze, die draußen herrschte. Indem geräumigen, etwa zehn Meter langen, sechs Meter breiten Gelaß befanden sich außer dem Schrank noch zwei mit Büchern dicht gefüllte Regale. Altertümliche Sessel und Lehnstühle standen ungeordnet umher, während an den Wänden, die mit rosettenbemalten alten Salontapeten im Empirestil bekleidet waren, als einziger Schmuck Blumengemälde von seltsamer Färbung angenagelt waren, die man nur undeutlich wahrnahm. Die drei Flügelthüren, jene vom Eingang, die auf den Hausflur führte, dann die der Schlafzimmer des Doktors und des jungen Mädchens, an den beiden Enden des Gemaches, stammten gleich dem Kranzgesimse der verräucherten Decke aus der Zeit Ludwigs XV.
Eine Stunde verstrich ohne einen Laut, ohne Atemzug. Dann stieß Pascal, als er während seiner Arbeit aus Zerstreutheit die Schleife einer auf seinem Tische liegen gebliebenen Zeitung, des »Temps«, aufgerissen hatte, einen leichten Ausruf aus:
»Ei, ei! Dein Vater! ... er ist zum Leiter der ›Epoque‹ ernannt worden, des erfolgreichen republikanischen Blattes, in dem die Papiere aus den Tuilerien veröffentlicht werden.«
Diese Neuigkeit mochte ihm unerwartet sein, denn er lachte mit einem herzhaften, halb zufriedenen, halb trüben Lachen und mit halblauter Stimme fuhr er fort:
»Mein Wort drauf! Man erfindet Sachen, die nicht so schön sind ... das Leben ist doch außerordentlich ... Es ist ein sehr interessanter Artikel da ...«
Clotilde hatte nicht geantwortet, als ob sie hundert Meilen von dem entfernt wäre, was ihr Onkel sagte. Dieser schwieg, nahm eine Schere, schnitt den Artikel, nachdem er ihn gelesen, heraus, klebte ihn auf ein Blatt Papier auf, und machte mit seiner großen, unregelmäßigen Schrift eine Anmerkung dazu. Dann ging er zu dem Schrank zurück, um diese neue Notiz einzureihen. Er mußte indeß einen Stuhl nehmen, da das oberste Brett so hoch war, daß er trotz seiner großen Gestalt nicht hinaufreichen konnte.
Auf diesem obersten Brett stand eine Reihe ungeheurer Aktenbündel säuberlich, methodisch geordnet neben einander. Es waren Schriftstücke aller Art, beschriebene Blätter, gestempelte Akten, Zeitungsausschnitte, die, in Umschläge aus starkem Papier gehüllt, alle einen mit großen Buchstaben geschriebenen Namen trugen. Man merkte, daß diese Schriftstücke mit besonderer Liebe im Handbereich gehalten, unaufhörlich hervorgenommen und sorgfältig an ihren Platz zurückgestellt wurden. Denn im ganzen Schrank war dieser Winkel allein in guter Ordnung.
Als Pascal auf den Stuhl gestiegen war, und das Aktenbündel, das er suchte, gefunden hatte, einen der am meisten vollgestopften Umschläge, auf dem der Name »Saccard« stand, legte er die neue Notiz dazu und stellte das Ganze wieder an dessen alphabetischen Platz. Einen Augenblick blieb er dann noch auf dem Stuhle stehen, rückte einen Aktenstoß, der sich verschoben hatte, zurecht, und als er endlich vom Stuhle sprang, sagte er:
»Hörst Du, Clotilde, wenn Du da Ordnung machst, rühre nicht an die Papiere da oben.«
»Sehr wohl, Meister,« antwortete sie folgsam zum drittenmal.
Er lachte von neuem mit seiner Miene voll natürlicher Fröhlichkeit.
»Es ist verboten!«
»Ich weiß es, Meister.«
Und er versperrte den Schrank, indem er den Schlüssel kräftig umdrehte; dann warf er den Schlüssel in eine Schublade seines Arbeitstisches. Das junge Mädchen kannte sich hinlänglich in seinen Untersuchungen aus, um in seine Manuskripte wenigstens etwas Ordnung bringen zu können; und er benützte sie gern auch als Sekretär, ließ sie seine Anmerkungen abschreiben, wenn ein Kollege und Freund, wie Doktor Ramond, ihn um ein Schriftstück ersuchte. Doch war sie durchaus keine Gelehrte; er verbot ihr ganz einfach zu lesen, was zu kennen für sie, seiner Ansicht nach, unnütz war.
Indes rief die tiefe Aufmerksamkeit, in welche er sie ganz und gar versunken sah, schließlich sein Erstaunen hervor.
»Was hast Du denn nur, daß Du den Mund gar nicht mehr aufthust? Fesselt Dich das Abkonterfeien dieser Blumen so sehr?«
Es war dies auch eine jener Arbeiten, die er ihr häufig anvertraute: Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle, die er hernach seinen Werken als Tafeln einverleibte. So machte er seit fünf Jahren sehr merkwürdige Versuche mit einer ganzen Sammlung von Stockrosen, eine ganze Reihe von neuen, durch künstliche Befruchtung erzielten Färbungen. Sie verwendete auf diese Nachbildungen so ängstliche Sorgfalt und befleißigte sich einer so außerordentlichen Genauigkeit in Zeichnung und Farbe, daß er ihr immer über diese Gewissenhaftigkeit seine Bewunderung aussprach, indem er ihr sagte, daß sie ein braves, rundes, klares und solides Köpfchen habe.
Diesmal aber, als er herantrat, um über ihre Schultern hinwegzublicken, rief er in komischer Wut aus:
»Ah, nette Sachen das! Du bist ja wieder 'mal nach Wolkenkuckucksheim gefahren! ... Willst Du mir das wohl auf der Stelle zerreißen!«
Sie hatte sich aufgerichtet, ihre Wangen waren wie mit Blut übergossen, ihre Augen flammten in leidenschaftlichem Eifer für ihr Werk; ihre schmalen Finger waren von den Pastellfarben ganz fleckig, von dem Rot und Blau, das sie...




