E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Zola Ein Blatt Liebe (Une page d'amour: Die Rougon-Macquart Band 8)
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-0891-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-80-268-0891-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Ein Blatt Liebe (Une page d'amour: Die Rougon-Macquart Band 8)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Ein Blatt Liebe ist ein Roman von Émile Zola aus dem Jahre 1877 und zugleich der achte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus. Der zentrale Charakter des Romans ist Hélène Grandjean, geborene Mouret, die der Leserschaft bereits als Tochter von Adelaïde Fouque (= Mutter Didé) aus dem Roman Das Glück der Familie Rougon bekannt ist. Die Handlung vollzieht sich von 1854 bis 1855. Zu Beginn des Romans ist Hélène bereits 18 Monate Witwe. Ihr Mann ist unmittelbar nach ihrer gemeinsamen Ankunft in Paris erkrankt und acht Tage darauf gestorben. Gemeinsam mit ihrer elfjährigen Tochter Jeanne lebt Hélène im Pariser Stadtteil Passy. Mutter und Tochter haben seitdem die Wohnung kaum verlassen. Sie kennen die Stadt fast nur durch die Sicht von ihren Fenstern aus. Émile Édouard Charles Antoine Zola (1840-1902) war ein französischer Schriftsteller und Journalist. Zola gilt als einer der großen französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts und als Leitfigur und Begründer der gesamteuropäischen literarischen Strömung des Naturalismus. Zugleich war er ein sehr aktiver Journalist, der sich auf einer gemäßigt linken Position am politischen Leben beteiligte.
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Am andern Tage meinte Helene, es sei schicklich, dem Doktor Deberle Dank abzustatten. Die unsanfte Art, mit der sie ihn gezwungen hatte, ihr zu folgen, und die an Jeannes Bett verbrachte Nacht setzten sie in Verlegenheit, da ihr solcher Dienst weit über die gewöhnliche Besuchspflicht eines Arztes hinauszugehen schien. Indessen zögerte sie noch zwei Tage aus Gründen, die sie nicht hätte angeben können. Eines Morgens traf sie ihn und versteckte sich wie ein Kind. Sie war später über diese Schüchternheit sehr verdrießlich. Ihr ruhiges und grades Gemüt lehnte sich gegen diese in ihr Leben dringende Störung auf. Sie entschloß sich dann auch, noch am selben Tage dem Doktor ihren Besuch abzustatten.
Der Anfall der Kleinen war in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch gewesen und jetzt war es Sonnabend. Jeanne hatte sich völlig erholt. Doktor Bodin, der sehr beunruhigt gewesen war, hatte vom Doktor Deberle mit der Achtung eines armen, alten Stadtbezirksarztes für einen jungen, reichen und schon berühmten Kollegen gesprochen. Er erzählte indessen auch, daß das Vermögen schließlich vom Papa Deberle stamme, einem Manne, den ganz Passy in hohen Ehren halte. Der Sohn hätte eben bloß die Mühe gehabt, anderthalb Millionen und eine prächtige Praxis zu erben. Übrigens, setzte er rasch hinzu, ein gar stattlicher Herr. Er würde sich schmeicheln, mit diesem Kollegen über die teure Gesundheit seiner kleinen Freundin Jeanne zu beraten.
Gegen drei Uhr stieg Helene mit ihrem Töchterchen die Treppe hinunter; sie brauchten nur wenige Schritte in der Rue Vineuse zu tun, um vor der Tür des benachbarten Wohnhauses zu läuten. Beide gingen noch in tiefer Trauer. Ein Kammerdiener in Frack und weißer Binde öffnete. Helene kannte den großen, mit orientalischen Portieren behangenen Treppenflur sogleich wieder. Eine Flut von Blumen zur Rechten und Linken der Treppe erregte ihre besondere Aufmerksamkeit. Der Diener hatte sie in einen kleinen Saal mit Resedavorhängen und gleichfarbigen Polstermöbeln geführt. Er blieb stehen und wartete. Helene nannte ihren Namen:
»Frau Grandjean.«
Der Diener stieß die Tür zu einem schwarzgelben Salon mit Grandezza auf und wiederholte, sich verneigend:
»Frau Grandjean!«
Helene war's auf der Schwelle, als müsse sie sich zurückziehen. Sie hatte im Winkel des Kamins eine junge, auf schmalem Sofa sitzende Dame bemerkt, die mit ihren Kleidern dessen ganze Breite verdeckte. Ihr gegenüber saß eine ältliche Person, die weder Hut noch Schal abgelegt hatte. Es handelte sich also um einen Besuch.
»Verzeihung,« sagte Helene leise. »Ich wollte Herrn Doktor Deberle sprechen.«
Damit faßte sie Jeanne, die sie vor sich hatte eintreten lassen, wieder bei der Hand. Es störte und verwirrte sie, so plötzlich auf diese junge Dame zu stoßen. Warum hatte sie nicht nach dem Arzt gefragt?
Frau Deberle beendete soeben mit rascher, etwas scharfer Stimme eine Erzählung:
»Oh! es ist wunderbar, wunderbar! Sie stirbt mit einem Realismus! Da sehen Sie! So durchbohrt sie sich das Korsett, wirft den Kopf zurück und wird ganz grün... Ich versichere Sie! Man muß sie sehen, Fräulein Aurélie...«
Hierauf erhob sie sich, kam mit gewaltigem Rauschen ihrer Kleider an die Tür und sagte mit gewinnendem Liebreiz:
»Treten Sie doch ein, bitte... Mein Mann ist nicht da. Aber, glauben Sie mir, ich werde mich sehr, sehr glücklich schätzen ... Das muß wohl das kleine Fräulein sein, welches vor kurzem so viel gelitten hat. Bitte, nehmen Sie doch Platz!«
Helene mußte einen Stuhl annehmen, während Jeanne sich schüchtern auf den Rand eines Sessels setzte. Frau Deberle hatte sich wieder auf ihrem kleinen Sofa niedergelassen und plauderte mit niedlichem Lachen weiter:
»Heute ist grade mein Visitentag. Ja, ich empfange samstags. Da führt Pierre alles in den Salon. In der vergangenen Woche hatte er mir einen alten Oberst zugeführt, der das Zipperlein hatte.«
»Sie sind von Sinnen, Juliette!« flüsterte Fräulein Aurélie, die ältere Dame. Sie war eine verarmte alte Freundin, die schon an Frau Deberles Wiege gestanden hatte.
Es trat eine Pause ein. Helene warf einen Blick auf den Reichtum des Salons mit den schwarz und goldenen Vorhängen und Polstern, die Sternenglanz verbreiteten. Blumen standen in Fülle auf dem Kamin, dem Klavier, auf den Tischen; und durch die Fensterscheiben drang das helle Licht des Gartens, dessen entlaubte Bäume und kahlen Rasen man sah. Es war sehr warm, Dampfheizungstemperatur. Im Kamin lag ein einziges Scheit und verkohlte. Mit einem zweiten Blick wußte Helene, daß das Flimmern des Salons ein glücklich gewählter Rahmen sei, Frau Deberle hafte tiefschwarzes Haar und eine milchweiße Haut. Sie war klein, füllig, langsam und graziös. In all diesem Gold leuchtete unter der dichten, dunklen Frisur ihr blasser Teint im Widerschein des im Feuer vergoldeten Silbers. Helene fand sie bewundernswürdig.
»Krämpfe sind doch gar zu schrecklich,« hatte Frau Deberle die Unterhaltung wieder aufgenommen. »Mein kleiner Lucien hat sie auch gehabt, aber in sehr frühem Alter. Ach! was haben Sie für Angst ausstehen müssen, Sie Arme! Gott sei Dank, jetzt scheint ja das liebe Kind wieder munter zu sein.«
Und also weiterschwatzend, musterte nun die Frau des Doktors ihrerseits Helene, überrascht und von ihrer hohen Schönheit entzückt. Niemals hatte sie ein Weib mit einer so königlichen Miene, in solchem schwarzen Kleide, welches die hohe und strenge Witwengestalt verhüllte, gesehen. Ihre Bewunderung schuf sich in einem unwillkürlichen Lächeln Ausdruck, während sie mit Fräulein Aurélie einen Blick wechselte. Beide musterten jetzt die Besucherin mit so naivem Entzücken, daß Helene lächeln mußte.
Nun reckte sich Frau Deberle auf ihrem Sofa, und den am Gürtel hängenden Fächer fassend, fragte sie:
»Sind Sie gestern im Vaudeville gewesen, Madame?«
»Ich gehe niemals ins Theater,« erwiderte Helene.
»Oh! Die kleine Nannie ist herrlich gewesen, herrlich! Sie stirbt mit einem Realismus! Da sehen Sie! So durchbohrt sie sich das Korsett, wirft den Kopf zurück und wird ganz grün... Die Wirkung war großartig.«
Die Tür öffnete sich, der Diener meldete:
»Frau von Chermette – Frau Tissot...«
Zwei Damen traten in großer Toilette ein. Frau Deberle ging ihnen entgegen. Die Schleppe ihres schwarzen, mit Besatz überladenen Kleides war so schwer, daß sie ihr mit einem Hackenstoß aus dem Wege ging, sobald sie sich umwandte. Nun hörte man rasches Geplapper von Flötenstimmen.
»Wie liebenswürdig Sie sind!«
»Man sieht Sie ja gar nicht...«
»Wir treffen uns doch bei der Lotterie, nicht wahr?«
»Gewiß! Gewiß!«
»Oh! Wir können nicht Platz nehmen. Wir müssen noch in zwei Dutzend Häusern Besuch machen.«
»Aber Sie werden doch nicht gleich wieder davonlaufen wollen?«
Und schließlich setzten sich die Damen auf den Rand eines Sofas. Nun wurden die Flötenstimmen, um ein weniges schärfer, wieder laut.
»Nun, auch gestern im Vaudeville?«
»Oh! es war herrlich!«
»Man behauptet, sie verschlucke es, daher die grüne Farbe!«
»Nein, nein – die Posen sind prächtig. Aber sie mußten doch erst studiert werden ...«
»Es ist wunderbar! wunderbar!«
Die beiden Damen hatten sich erhoben und verschwanden. Der Salon fiel in seine frühere Ruhe zurück. Auf dem Kamin verströmten Hyazinthen durchdringenden Wohlgeruch. Einen Augenblick hörte man das Zanken einer Schar Sperlinge, die sich auf einem Rasenfleck herumbalgten. Frau Deberle zog den gestickten Tüllvorhang am Fenster ihr gegenüber hoch. Dann setzte sie sich wieder mitten in das Gold ihres Salons.
»Ich bitte um Entschuldigung – man wird so überlaufen ...«
Affektiert begann sie nun mit Helene zu plaudern. Sie schien deren Geschichte teilweise zu kennen, wahrscheinlich durch den Klatsch in dem ihr gehörenden Hause. Mit taktvoller Kühnheit, in die sich sogar Freundschaft zu drängen schien, erzählte Helene von ihrem Manne, von jenem schrecklichen Tode in einem Gasthofe, dem Hotel du Var in der Rue Richelieu.
»Und Sie waren eben angekommen, nicht wahr? Waren noch niemals vorher in Paris gewesen? Das muß fürchterlich sein, solcher Trauerfall bei unbekannten Leuten. Am Morgen nach einer langen Reise, und wenn man noch nicht einmal weiß, wohin man den Fuß zu setzen hat...«
Helene wiegte leise den Kopf, sie hatte schreckliche Stunden durchlebt. Die Krankheit, welche ihren Mann hinraffen sollte, war ganz plötzlich zum Ausbruch gekommen, am Morgen nach ihrer Ankunft, grade als sie zusammen hatten ausgehen wollen. Sie kannte keine Straße, wußte nicht einmal, in welchem Stadtviertel sie sich befand. Und acht Tage lang war sie mit dem todkranken Manne eingesperrt geblieben. Während sie ganz Paris unter ihrem Fenster hatte toben hören, war sie auf sich allein angewiesen, verlassen, einsam. Als sie zum ersten Male wieder den Fuß auf den Bürgersteig gesetzt, war sie Witwe. Der Gedanke an jenes große kahle, mit Arzneiflaschen gefüllte Zimmer, in dem noch nicht einmal die Koffer ausgepackt waren, verursachte ihr jetzt noch Schauder.
»Ihr Gemahl, hat man mir gesagt, war etwa doppelt so alt wie Sie?« fragte Frau Deberle mit dem Ausdruck tiefer Anteilnahme, während Fräulein Aurélie die Ohren spitzte, um kein Wort zu verlieren.
»Oh,...




