Zola | Ein Blatt Liebe | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 8, 156 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

Zola Ein Blatt Liebe


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22785-5
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 8, 156 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

ISBN: 978-87-28-22785-5
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Frankreich 1854. Kurz nach der gemeinsamen Ankunft in Paris verstirbt Hélène Grandjeans Ehemann. Fortan ist sie mit ihrer Tochter auf sich gestellt und nur langsam finden die beiden Zugang zur Gesellschaft. Als Hélènes Tochter Jeanne erkrankt, kommt es zu einer folgenschweren Verbindung. -

Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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1


Die Nachtlampe brannte auf dem Kamin hinter einem Buche, dessen Schatten eine Hälfte des Zimmers zudeckte. Es war ein mildes Licht, das die dicken Falten der Plüschvorhänge badete und die Spiegelscheiben des zwischen den beiden Fenstern aufgestellten Mahagonisilberschrankes bläute. Die bürgerliche Harmonie des Zimmers, dieses Blau der Vorhänge, der Möbel und des Teppichs nahm um diese Stunde eine unbestimmte Milde an. Und den Fenstern gegenüber bildete neben dem Schatten das ebenfalls mit Plüsch verhangene Bett eine dunkle Masse, nur von der Blässe der Bettdecken aufgehellt. Helene, die gekreuzten Hände in der ruhigen Haltung der Mutter und Witwe übereinandergelegt, atmete leicht auf.

Inmitten der Stille schlug die Pendüle eins. Die Geräusche des Stadtviertels waren erstorben. Hier auf diese Anhöhen des Trocadero sandte Paris bloß sein fernes Schnarchen. Helenes leiser Atemzug war so sanft, daß er die keusche Linie ihres Busens nicht hob. Sie genoß einen schönen, ruhigen und kräftigenden Schlaf. Ihr edles Profil umrahmte das zu mächtigen Flechten aufgesteckte kastanienbraune Haar; der Kopf lag leicht zur Seite geneigt, als ob sie lauschend entschlummert sei. In der Tiefe des Zimmers öffnete sich die Türe einer großen Kammer.

Kein Geräusch wurde laut. Es schlug halb. Der Pendel hatte in dieser das ganze Gemach beherrschenden Stille einen gedämpften Schlag. Die Nachtlampe schlummerte, die Möbel schlummerten und auf einem Schränkchen schlummerte neben einer verlöschten Lampe die Handarbeit. Helene behielt im Schlafe ihre ernsten und freundlichen Züge.

Als es zwei Uhr schlug, wurde dieser Friede gestört. Ein Seufzer kam aus der Finsternis der Kammer. Dann hörte man ein Knistern von Leinwand, und wieder trat Stille ein. Jetzt ein beklommener Atemzug. Helene hatte sich nicht gerührt. Plötzlich sprang sie empor. Ein wirres Kinderstammeln hatte sie geweckt. Sie fuhr mit der Hand nach den Schläfen; noch schlafumfangen, als ein dumpfer Aufschrei sie aus dem Bette jagte.

»Jeanne! Jeanne! Was ist dir? Antworte doch!« Und als das Kind schwieg, murmelte sie, im Laufen die Nachtlampe fassend:

»Ach Gott! sie war nicht recht munter; ich hätte mich nicht niederlegen sollen.«

Sie trat rasch in das anstoßende Gemach, wo wieder dumpfes Schweigen herrschte. Die ölgefüllte Nachtlampe aber warf einen zitternden Lichtschein, der an die Zimmerdecke einen runden Fleck zeichnete. Helene konnte, über die eiserne Bettstelle gebeugt, zuerst nichts unterscheiden. Dann sah sie in dem bläulichen Lichtschein, mitten unter zurückgeworfenen Bettüchern und Decken, Jeanne ausgestreckt, mit zurückgeworfenem Kopfe, starren und harten Halsmuskeln. Ein Krampf entstellte das liebenswürdige Gesichtchen, die Augen waren geöffnet und starrten auf den Rand der Vorhänge.

»Ach Gott! ach Gott!« rief Helene, »sie stirbt!« Und die Nachtlampe hinstellend, betastete sie ihr Kind mit zitternden Händen. Sie konnte den Puls nicht finden. Das Herz schien stillzustehen. Die kleinen Arme, die Beinchen spannten sich gewaltsam. Dann packte Helene die Angst, und wie besessen schrie sie auf:

»Mein Kind stirbt! Hilfe! Mein Kind! mein Kind!«

Sie kehrte in das Zimmer zurück, ohne zu wissen, wohin sie ging. Dann trat sie wieder in die Kammer und warf sich von neuem am Bette nieder, noch immer um Hilfe rufend. Sie hatte Jeanne mit den Armen gefaßt, küßte ihr Haar, tastete mit den Händen an ihrem Körper hin und flehte um eine Antwort, um einen Laut. Ein Wort, ein einziges Wort. Wo tat's weh? Verlangte sie noch ein bißchen Suppe von gestern? Ob ihr am Ende die Luft wieder zum Leben verhülfe? Und hartnäckig blieb sie dabei, einen Laut aus dem Munde des Kindes zu hören.

»Sage mir, Jeanne! sag mir doch ein Wort! Ich bitte dich!«

Und dabei nicht wissen, was anfangen! Und alles so gänzlich unerwartet mitten in der Nacht. Nicht einmal Licht. Helenes Gedanken verwirrten sich. Sie fuhr fort, zu ihrem Kinde zu plaudern. Im Magen mußte die Ursache dieses Anfalls sitzen; nein, im Schlund... Es würde nichts auf sich haben. Ruhe war nötig. Und sie machte eine gewaltsame Anstrengung, ihren Verstand beisammen zu halten. Aber die Empfindung, ihr Kind steif und starr in den Armen zu haben, schnürte ihr die Brust zu. Sie schaute es an, wie es so krampfverzerrt ohne Atem dalag, und versuchte zu überlegen. Plötzlich schrie sie auf, ohne es zu wollen.

Sie lief durch die Eßstube und die Küche:

»Rosalie! Rosalie!... Rasch, einen Arzt!... Mein Kind liegt im Sterben!« Das Dienstmädchen Rosalie, welches in einem Gelaß hinter der Küche schlief, schrie auf. Helene war zurückgekommen. Sie lief im bloßen Hemde, ohne die Kälte dieser eisigen Februarnacht zu fühlen. Wollte denn diese Rosalie ihr Kind sterben lassen! Eine Minute war kaum verstrichen. Sie lief wieder in die Küche und zurück in die Stube.

Und jäh, tastend, zog sie einen Unterrock an und warf ein Tuch über die Schultern. Sie stieß an Möbel und füllte mit der Hast ihrer Verzweiflung den Raum, in dem ein so tiefer Friede geschlummert hatte. Dann eilte sie in Pantoffeln, die Türen hinter sich offen lassend, die drei Stufen hinab, einzig von dem Gedanken beherrscht, einen Arzt zur Stelle zu schaffen.

Als der Pförtner die Schnur gezogen hatte, fand sich Helene mit summenden Ohren und wirrem Kopfe auf der Straße. Sie lief rasch die Rue Vineuse hinab und läutete beim Doktor Bodin, der Jeanne bereits behandelt hatte.

Ein Diener antwortete ihr endlich nach einer halben Ewigkeit, der Doktor sei zu einer Niederkunft geholt worden. Sie kannte keinen andern Arzt in Passy. Einen Augenblick lief sie die Straßen auf und ab, die Augen auf die Häuser gerichtet. Ein eisiger Wind wehte; sie ging mit ihren Pantoffeln auf einem leichten, am Abend gefallenen Schnee. Und vor ihr stand immerfort das Kind, und der angstvolle Gedanke, daß sie nicht sogleich einen Arzt fand, drohte sie zu töten. Da, die Rue Vineuse wieder hinaufeilend, hängte sie sich an einen Klingelzug. Sie wollte wenigstens fragen...

Als niemand zu kommen schien, klingelte sie von neuem. Der Wind klatschte ihr den dünnen Rock um die Beine, und die Locken ihres braunen Haares flatterten.

Endlich schloß ein Diener auf und sagte, daß Herr Doktor Deberle schon zu Bett sei. Sie hatte also bei einem Arzte geläutet! Der Himmel verließ sie nicht! Da schob sie den Diener beiseite und trat ins Haus.

Sie wiederholte:

»Mein Kind, mein Kind liegt im Sterben! Sagen Sie ihm, er solle kommen!«

Es war ein kleines Haus, überladen mit Vorhängen. Sie stieg ein Stockwerk hinauf, im Kampf mit dem Diener. Auf alle Einwände antwortete sie, daß ihr Kind im Sterben läge. In einem Zimmer erklärte sie, hier warten zu wollen. Aber sobald sie nebenan den Arzt aufstehen hörte, trat sie heran und sprach durch die Tür:

»Rasch, Herr Doktor, ich flehe Sie an ... mein Kind stirbt!«

Und als der Arzt im Hausrock, ohne Halsbinde, erschien, zog sie ihn fort, ließ ihm nicht Zeit, sich anzukleiden. Er – hatte sie erkannt. Sie wohnte im Nachbarhause und war seine Mieterin. Auch Helene erinnerte sich jetzt, als er sie, den Weg abzukürzen, durch eine Verbindungstüre zwischen den beiden Wohnhäusern nach dem Garten führte.

»Ach! es ist ja wahr,« flüsterte sie, »Sie sind Arzt, und ich wußte es.... Sehen Sie, ich bin schier von Sinnen. Ach bitte, bitte, beeilen wir uns!«

Auf der Treppe wollte sie ihm den Vortritt lassen. Sie hätte den lieben Gott selbst nicht höflicher bei sich einführen können! Oben war Rosalie bei Jeanne geblieben und hatte die auf dem Schränkchen stehende Lampe angezündet. Sobald der Arzt hereintrat, ergriff er die Lampe und leuchtete nach dem Kinde, das noch immer in schmerzvoller Starre dalag; bloß der Kopf hatte sich seitwärts geneigt, und rasche Zuckungen liefen über das Gesicht. Eine Minute lang sagte der Arzt nichts, preßte nur die Lippen zusammen. Helene schaute ihn angstvoll an. Als er diesen flehentlichen Blick der Mutter sah, flüsterte er:

»Es wird nichts auf sich haben; aber hier dürfen wir sie nicht lassen. Sie braucht Luft.«

Helene nahm die Kleine mit kräftigem Schwung auf die, Schulter. Sie hätte dem Arzt für sein gütiges Wort die Hände geküßt, und ein süßes Gefühl durchdrang sie. Aber kaum hatte sie Jeanne auf ihr eigenes Bett gelegt, als der arme Körper des Kindes von heftigen Krämpfen geschüttelt wurde. Der Arzt hatte den Schirm von der Lampe entfernt; weißes Licht füllte das Zimmer. Er trat zum Fenster, öffnete es und befahl Rosalie, das Bett aus den Vorhängen herauszuschieben. Helene stammelte:

»Aber sie stirbt, Herr Doktor! Sehen Sie doch nur, sehen Sie doch nur! ... Ich erkenne sie nicht mehr wieder!«

Er gab keine Antwort, sondern verfolgte aufmerksam...



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