E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Zola Nana
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401817-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401817-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emile Zola (1840-1902), Sohn eines aus Italien stammenden Ingenieurs, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Aix-en-Provence. Mit 18 Jahren ging er nach Paris, arbeitete im Verlag Hachette. 1964 erscheint sein erstes Buch »Contes à Nion«. Der große Roman-Zyklus »Rougon-Macquart«, zu dem auch »Das Paradies der Damen« gehört, umfaßt 20, jeweils in sich geschlossene Bände, ein Kolossalgemälde der französischen Gesellschaft unter dem Zweiten Kaiserreich.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel.
Das Variététheater war um neun Uhr fast leer. Auf dem Balkon und im Orchesterraum hatten sich nur wenige Personen eingefunden, die auf ihren mit rotem Samt überzogenen Sitzen bei dem Zwielichte des herabgedrehten Gaskronleuchters kaum wahrzunehmen waren. Der Vorhang erschien im Dunkel des Saales als ein großer, roter Fleck; auf der Bühne war es noch still, die Lichter der Rampe waren noch nicht angezündet, die Pulte der Musiker standen in Unordnung durcheinander. Nur oben auf der dritten Galerie rings um die Rundung der Decke, an der nackte Frauen- und Kinderfiguren in einem von Gaslicht grün gefärbten Himmel schwebten, ertönten laute Zurufe und Gelächter; hier sah man unter den mit Goldleisten umrahmten breiten Bogenöffnungen staffelweise die mit Häubchen und Mützen bekleideten Köpfe des Galeriepublikums aneinandergereiht. Von Zeit zu Zeit erschien sehr geschäftig und die Hände voll Kartenabschnitte die Billettabnehmerin. Jetzt schob sie einen Herrn und eine Frau vor sich her, die Platz nahmen; der Herr trug einen schwarzen Rock; die Dame, schmächtig und bucklig, ließ langsam ihre Blicke im Saale umherschweifen.
In diesem Augenblicke erschienen zwei junge Leute im Orchesterraum. Sie blieben stehen und schauten sich um.
Ich sage dir’s ja, Hektor, rief der ältere, ein großer, junger Mann mit schwarzem Schnurrbärtchen, daß wir zu früh kommen. Du hättest mich ganz gut meine Zigarre zu Ende rauchen lassen können.
Eine Billettabnehmerin ging vorüber.
Ach, Herr Fauchery, sagte sie vertraulich, es wird kaum vor einer halben Stunde angehen.
Warum zeigt man dann den Beginn auf neun Uhr an? brummte Hektor, dessen langes, mageres Gesicht eine verdrießliche Miene annahm. Clarisse, die in dem Stück beschäftigt ist, versicherte mir erst heute morgen wieder, daß es genau um neun Uhr beginnen werde.
Die jungen Leute schwiegen eine Weile; sie schauten in die Höhe und suchten mit ihren Blicken das Dunkel der Logen zu durchdringen. Allein, die grünen Papiertapeten, mit denen die Logen bekleidet waren, machten diese noch dunkler. Die »Baignoires«[1] im Hintergrund, unterhalb der Galerie, verschwanden in einer vollständigen Finsternis. Nur in einer der Balkonlogen war eine wohlbeleibte Dame zu sehen, die sich auf die samtbekleidete Brustwehr hinauslehnte. Die mit langfransigen Vorhängen versehenen Vorbühnenlauben rechts und links, zwischen hohen Säulen, blieben leer. Der mit Weiß und Gold verzierte Saal, dessen Grundfarbe durch ein helles Grün hervortrat, verschwamm, wie mit feinem Staub erfüllt, in dem schwachen Lichte der Flammen des großen Kristalleuchters.
Hast du die Vorbühnenlaube für Lucy bekommen? fragte Hektor.
Ja, erwiderte der andere; aber es ging nicht ohne Mühe. Lucy wird sicherlich nicht zu früh kommen.
Er unterdrückte ein leises Gähnen und fuhr nach kurzem Schweigen fort:
Du hast Glück mit der Erstaufführung, der du beiwohnst … wird das Ereignis des Jahres. Man spricht seit sechs Monaten von dem Stück. Oh, mein Lieber, welche Musik und welche pikante Szenen! Bordenave, der sich darauf versteht, hat das Stück für die Zeit der Ausstellung aufgehoben.
Hektor hörte aufmerksam zu. Dann fragte er:
Kennst du Nana, den neuen Stern, der die ›Venus‹ spielen wird?
Da hat man’s, rief Fauchery händeringend, jetzt kommst du mir auch damit! Seit dem Morgen quält man mich mit Nana. Ich bin mehr als zwanzig Personen begegnet – und Nana hier, Nana dort … Was weiß ich? Kenne ich alle Mädchen in Paris? … Nana ist eine Entdeckung von Bordenave. Es muß eine saubere Person sein!
Er beruhigte sich allmählich; die Leere des Saales, das Zwielicht des Leuchters, diese Kirchenstille, nur unterbrochen durch das Flüstern von Stimmen und das Zuklappen der Türen, versetzten ihn in Aufregung.
Nein, sagte er endlich ungeduldig, ich halte es nicht länger aus; hier wird man ja alt und grau vor Langeweile, ich gehe hinaus. Vielleicht finden wir unten Bordenave; der wird uns Einzelheiten mitteilen.
Unten, in dem großen mit Marmorplatten belegten Vorraum, wo die Kassen sich befanden, begann das Publikum zu erscheinen. Durch die drei offenen Türen sah man das rege Leben auf den Boulevards, die sich in der schönen Aprilnacht strahlend und von Spaziergängern wimmelnd dahinzogen. Man hörte vor dem Theater die heranrollenden Wagen kurz anhalten, die Türen schlossen sich geräuschvoll; das Publikum kam in kleinen Gruppen, hielt vor den Kassen und stieg dann die Doppeltreppe empor, auf der die Frauen, die schönen Körper in den Hüften wiegend, länger verweilten. In diesem hellerleuchteten, kahlen Vorsaale, dem eine dürftige, im Stile des Kaiserreichs gehaltene Dekoration aus Kartonpapier das Aussehen eines Tempelhofes verlieh, waren in aufdringlicher Weise riesengroße gelbe Anschlagzettel mit dem Namen in fußhohen schwarzen Buchstaben angebracht. Einige Herren – im Vorübergehen angelockt – standen vor den Anzeigen, um sie zu lesen, und versperrten so den Weg; andere plauderten vor den Eingangstüren. Vor der Kasse stand ein dicker Mensch mit breitem, glattrasiertem Gesicht, der die Leute, die ihn um Eintrittskarten bestürmten, barsch anfuhr.
Das ist Bordenave, sagte Fauchery und stieg die Treppe hinab.
Doch der Direktor hatte ihn schon wahrgenommen.
Ach, Sie sind ein sauberer Patron, rief er ihm schon von weitem zu. So haben Sie mir einen Artikel über Nana geschrieben. Ich habe heute kaum erwarten können, den Figaro zur Hand zu bekommen; aber es steht nichts darin, kein Wort …
Fassen Sie sich in Geduld, erwiderte Fauchery. Ich muß sie doch kennen lernen, Ihre Nana, ehe ich von ihr spreche. … Ich habe Ihnen übrigens nichts versprochen …
Um diesem Gespräch ein Ende zu machen, stellte er dem Direktor seinen Vetter vor, Herrn Hektor de la Faloise, der nach Paris gekommen war, um seine Ausbildung zu vollenden. Der Direktor maß den jungen Mann mit einem Blicke, Hektor hingegen besah sich den Mann mit großer Aufmerksamkeit. Das also war Bordenave, der große Weiberverführer, der mit ihnen wie ein Galeerensklavenwächter umging; der Mann, dessen Gehirn fortwährend über irgendeine Reklame brütet; der Mann, der jetzt schreit, spuckt, sich mit den Händen auf die Schenkel schlägt, der Zyniker mit dem Geist eines Gendarmen.
Hektor glaubte, etwas angenehmes sagen zu müssen.
Ihr Theater … begann er mit sanfter Stimme.
Bordenave unterbrach ihn und entgegnete in dem rauhen Tone eines Mannes, der gewohnt ist, frei von der Leber weg zu reden:
Sagen Sie lieber: mein Bordell …
Fauchery brach in ein zustimmendes Gelächter aus, während La Faloise, dem sein Kompliment in der Kehle stecken blieb, betroffen dastand und sich den Anschein zu geben suchte, als finde er die Bezeichnung des Direktors sehr treffend. Bordenave war inzwischen nach vorne geeilt, um einem Theaterkritiker die Hand zu drücken, dessen Urteile sehr einflußreich waren. Als er zurückkam, hatte sich La Faloise wieder gefaßt. Er fürchtete, als Provinzler behandelt zu werden, wenn er sich allzu empfindlich zeige.
Man hat mir erzählt, sagte er, um durchaus etwas zu sagen, Nana habe eine herrliche Stimme.
Herrlich, ja! rief der Direktor achselzuckend, die Stimme einer Klistierspritze!
Der junge Mann beeilte sich hinzuzufügen:
Aber doch eine ausgezeichnete Schauspielerin …
Was … Wie ein Stück Holz! Sie weiß weder mit Händen noch Füßen etwas anzufangen.
La Faloise errötete leicht. Die Sache kam ihm immer seltsamer vor; endlich stammelte er:
Um nichts in der Welt hätte ich die heutige Erstaufführung versäumt. Ich wußte, daß Ihr Theater …
Sagen Sie: mein Bordell! wiederholte Bordenave mit der kühlen Hartnäckigkeit eines Mannes, der überzeugt ist von dem, was er sagt.
Fauchery, der indessen die eintretenden Frauen gemustert hatte, kam jetzt seinem Vetter zu Hilfe, der mit offenem Munde dastand und nicht wußte, ob er lachen oder sich ärgern sollte.
Tu doch Bordenave den Gefallen, sein Theater ein Bordell zu nennen, da es ihm Vergnügen macht. – Und Sie, mein Lieber, geben Sie uns keine Rätsel auf. Wenn Nana weder singen noch spielen kann, wird Ihre Neuheit nicht einschlagen, was ich ohnehin befürchte.
Was, nicht einschlagen? rief der Direktor, dessen Antlitz sich rötete. Hat eine Frau es nötig, singen und spielen zu können? Ach, mein Kleiner, du bist recht dumm! … Nana hat etwas anderes … Donnerwetter! Etwas, das alles ersetzt … Ich habe es herausgefunden, es ist sehr stark bei ihr ausgeprägt, oder ich müßte eine schlechte Nase haben. Du wirst sehen, sie braucht nur zu erscheinen, und das ganze Haus läßt die Zunge heraushängen.
Er hatte die Hände erhoben, die vor Begeisterung zitterten; dann senkte er besänftigt die Stimme und brummte vor sich hin:
Sie wird ihren Weg machen, sie wird es weit bringen. Eine Haut! Oh, eine Haut …
Dann gab er, von Fauchery aufgefordert, Einzelheiten über Nana, mit einer Roheit der Ausdrücke, die Hektor de La Faloise in Verlegenheit brachte. Er hatte Nana kennen gelernt, erzählte er, und wolle ihr den Weg bahnen. Er sei auf der Suche nach einer Venus für das neue Stück gewesen. Es sei nicht seine Sache, eine Frau lange auf dem Nacken zu behalten, er liebe es vielmehr, sie bald dem Publikum zu überlassen. Allein, diesmal klappte die Geschichte nicht, denn seine ganze Truppe sei durch die Ankunft dieses großen Mädchens in Aufruhr versetzt. Rosa Mignon, der erste Stern seiner Bühne, eine feine Schauspielerin und vorzügliche Sängerin, drohte fortwährend, ihn im Stiche zu lassen, denn sie witterte in dem Ankömmling eine...




