Zopfi | Menschen am Weg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Zopfi Menschen am Weg

Begegnungen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-85869-808-7
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Begegnungen

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-85869-808-7
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Was bleibt vom Weg, den wir in unserem Leben zurücklegen? Emil Zopfi erzählt von den Menschen, die ihn ein kurzes oder auch ein langes Stück begleitet haben, von Glarus nach Zürich, ins Rheinland und in die Toskana, nach Berlin und Amerika, über Palästina ins Tessin. Da sind die schöne Mama, die im Sarg aussieht wie Schneewittchen, und die deutsche Stiefmutter, die an dem Tag, als sie den Vater heiratet, vom kleinen Emil wissen will, ob er sie denn auch lieb habe. Der Onkel Josef, der mit nur einem Unterhemd aus Stalingrad zurückkehrte. Johannes, der in ihm die beiden großen Leidenschaften seines Lebens weckte: Berge und Literatur. Rosmarie, die dicke, dumme Rosmarie, die bei ihm das Schreiben lernen wollte und am Ende an ihrer eigenen Geschichte zerbrach. Die Iranerin Faezeh, die als Studentin bei Zopfis zu Hause in Zürich wohnte und später bei der Weltbank Karriere machte. Hansruedi, mit dem er dramatische Stunden am Fels teilte. Und da ist Christa, im alles entscheidenden Augenblick.
Zopfi Menschen am Weg jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Babetta


Meine schöne Mama


Im Sarg sah sie aus wie Schneewittchen, so bleich und die Wangen rot, von feinen Äderchen durchwoben. Ich dachte an die Märchenprinzessin, die einen vergifteten Apfel gegessen hatte und viele Jahre tot in ihrem gläsernen Sarg lag. Ein Zwerg war ich, betrachtete meine tote Mama, die so schön war und nach langem Schlaf vielleicht wieder erwachen und mich mitnehmen würde auf ihr Königsschloss. Sie war so in den Sarg gebettet, dass ich das Auge nicht sehen konnte, das beim Aufprall auf das Auto verletzt worden war. Oft stellte ich mir später meine Mama mit einem gläsernen Auge vor und fragte mich, ob sie damit noch immer so schön wäre. Der Gedanke machte mir Angst. Aber nun lag sie ja im Sarg und schlief tief und ewig.

Als ich letzthin für meine Schwester die Steuererklärung ausfüllte, wie jedes Jahr, holte sie zwei Fotoalben aus einem Kästchen in ihrem Zimmer und bat mich, sie durchzublättern. Sie ist über achtzig und lebt seit Jahrzehnten bei den Diakonissen in Riehen, wo sie in der Nähstube einfache Arbeiten verrichten konnte, liebevoll betreut von den frommen Schwestern.

Warum mir Annemarie die Alben mit Familienfotos zeigen wollte, weiß ich nicht. Als wir die Bilder betrachteten, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie schick unsere Mutter gekleidet war, die Bauerntochter und Fabrikarbeiterin aus dem Glarner Hinterland. Ich sehe sie ganz in Schwarz, einen breitrandigen Hut etwas schief auf dem Kopf. Oder in einem blumigen Kleid, knielang und mit kurzen Ärmeln, mit unserem strengen Vater und der Schwägerin Aimée auf der Piazza San Marco in Venedig. Die Ehefrau seines Bruders Franz aus Paris wirkt neben unserer Mama ziemlich bieder. Ganz in Weiß gekleidet, sitzt sie am Strand von Nizza im Liegestuhl, eine Strickarbeit in den Händen. Selbst auf einer Bergtour mit Vater und Franz zum Claridenfirn trägt sie ein Jäcklein mit tiefgeschnittenem breitem Kragen und einen eleganten Faltenjupe. Dazu klobige Schnürschuhe, wie sie vor ein paar Jahren bei jungen Frauen wieder in Mode waren. So könnte sie heute noch durch die Bahnhofstraße von Zürich flanieren und die Leute würden ihr bewundernd nachschauen. Vater steht neben ihr auf dem Gletscher, stützt sich auf seinen Bergstock und schaut grimmig in die Kamera. Er hat das Foto mit dem Zickzackrand sorgfältig mit Farbstift koloriert.

Vaters großes Hobby war die Fotografie. Ich sitze neben ihm auf einem Hocker in der Waschküche, es ist so dunkel, dass nicht einmal die rote Lampe brennen darf. Er entwickelt Farbfotos, als einer der Ersten im Land, wie er mir erklärt, da ist nicht einmal Rotlicht erlaubt wie bei schwarzweißen Bildern. Ich höre ihn mit Pinzetten hantieren, Fotopapier auspacken und in den Vergrößerungsapparat spannen, Schalen mit Entwickler- und Fixierbädern umherschieben, gefüllt mit Chemikalien, so giftig, dass ein einziger Tropfen einen Menschen töten könnte. Er belichtet ein Negativ, zählt die Sekunden, das Fotopapier taucht in die Entwicklerflüssigkeit. Jetzt schaltet er die rote Lampe ein. Allmählich tauchen die Umrisse meiner Mama auf, ihre zu zwei Höckern hochgesteckten braunen Haare, die weinrote Bluse mit dem weißen Kragen, die Goldbrosche in Form einer Acht, die Ohrringe mit winzigen Rubinen.

Mein Vater ist enttäuscht: »Sie hat die Augen geschlossen.«

Die Aufnahme zeigt meine Mama, wie sie in dem Augenblick die Augen zukneift, als er auf den Auslöser drückt. Es ist das letzte Foto vor ihrem Tod. Mit sechsunddreißig Jahren wirkt sie schon etwas verhärmt, Falten über der Nasenwurzel, Krähenfüße. Sie ist nicht mehr die Madonna des Hochzeitsbilds, das in dem Familienalbum die Zeiten überdauert hat. Eine retuschierte Studioaufnahme im ovalen Ausschnitt, wie damals üblich. Mama trägt einen kurzen Schleier, mit Spitzen besetzt, auf ihrem Kopf festgehalten von einem Blumenkranz, der die Frisur ein bisschen zerdrückt; mein Vater Stehkragen, Fliege, nach hinten gekämmte Haare, die seine abstehenden Ohren betonen. Zehn Jahre älter ist er, der Textilmeister. Heimgekehrt nach einsamen Jahren im Ausland, heiratet er die Arbeiterin aus der Fabrik. Endlich hat er ein Zuhause, Familie und schon bald zwei Kinder.

»Sie war das schönste Mädchen im Tal«, schrie mir einmal eine entfernte Verwandte, der ich noch nie im Leben begegnet bin, durchs Telefon zu. Sie machte mir Vorwürfe, weil ich einen kritischen Artikel zu einem Gerichtsfall im Glarnerland geschrieben hatte. Das hatte die Verwandte in Rausch und Rage versetzt. Sie war betrunken, ließ sich auch mit üblen Beschimpfungen über meinen Vater aus, als sei ich schuld, dass er die Schönste des Tals entführt hatte. Geradeso wie der Jäger das Schneewittchen im Auftrag der bösen Stiefmutter.

Nun, unglücklich sieht meine zukünftige Mama auf dem Hochzeitsbild nicht aus. Eher nachdenklich und ein bisschen befangen. Was wohl die Zukunft an der Seite jenes Weltenbummlers mit sich bringe, mochte sie sich fragen. Das Paar hatte, wie mir mein Vater später einmal gestand, nicht warten mögen bis zum »Limes Hochzeitstag«, wie er das nannte. Der hatte verschoben werden müssen, weil ihre Mutter, also meine Großmutter, kurz zuvor beim Kartoffelauflesen auf dem Feld tot umgefallen war. Da konnte man ja nicht gleich ein Hochzeitfest feiern.

Als junge Frau trägt meine Mama die Haare kurz, später dann von beiden Seiten hochgesteckt zu der lustigen Frisur mit den Höckern. Ich muss gestehen, ich erinnere mich kaum mehr an ihr Aussehen, dafür aber noch an ihre Stimme. Aus meiner Kindheit ist mir der Eindruck geblieben, dass viele Glarnerinnen ein kräftiges Stimmorgan besitzen. Woher das kommt, weiß ich nicht. Auf den Alpen musste man sich früher über weite Distanzen mit Rufen verständigen. Auch im Maschinenlärm der Fabriken im Industrietal, wo die meisten Frauen arbeiteten, konnte man sich nur lautstark Gehör verschaffen. Viele Glarnerinnen, die ich kenne, wirken sehr selbstbewusst und zupackend. Meine Mama habe ich jedenfalls nicht als zartbesaitet in Erinnerung. Als ich einmal mit einem Nachbarsmädchen einen Zehner aus dem Küchenschaft entwendete und wir am Bahnhof am Automaten ein Schächtelchen Pfefferminz holten, da hat sie uns tüchtig verhauen.

Unvergesslich sind mir die Samstagnachmittage, wenn das Rauschen der Fabrik im Dorf allmählich verstummt und eine seltsame Ruhe einkehrt. Jetzt darf ich in den Maschinensaal hinauf zu den Drosslerinnen, den Frauen an den Spinnmaschinen. Ich helfe beim Maschinenputzen, reinige mit Putzfäden Walzen, Spinnringe und Zahnräder von Staub und Öl. Eine fröhliche Stimmung herrscht so kurz vor Feierabend unter den Frauen, ihre Haare sind voll Baumwollstaub, ihre Gesichter gerötet von der Hitze. Sie lachen und scherzen in der Stille nach einer Woche im Maschinenlärm. Manchmal steckt mir eine einen Riegel Schokolade oder ein Bonbon zu. Zu Hause gibt es süßen Milchkaffee und Cornets, Cremeschnitten, Mohrenköpfe und Vogelnestchen. »Zwanzigerstücklein« nannten wir die Patisserie, weil das Stück zwanzig Rappen kostete. Die Stunde am Familientisch nach der Arbeitswoche gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Noch heute bin ich süchtig nach Kaffee und süßem Gebäck. Als suchte ich damit stets das vertraute Glück jener Stunde, das so früh und so brutal zerbrach.

Ein Bild erscheint vor meinen Augen, so deutlich, als sei es ein Foto aus dem Album. Mama führt mich an der Hand den Dorfbach entlang. Es ist ein Samstag, wir sind auf dem Weg nach Hause. Sie kommt mir verändert vor, müde und bleich und etwas dick geworden, ihr Blick verhärmt, wie auf dem Familienfoto, das mein Vater mit Selbstauslöser aufgenommen hat. Wir sitzen auf der Bank im Garten vor dem Haus, meine Schwester und ich zwischen die Eltern gedrängt, damit alle auf dem Bild Platz finden. Vater mit schief gebundener Krawatte, Anzug mit Gilet, Brille und dem goldenen Fingerring mit Rubin. Annemarie in gestreifter Bluse mit Zöpfen, nachdenklich, die Faust aufs Bein gedrückt. Das Zwerglein im Polohemd mit Gürtel und ledernen Hosenträgern zwischen Schwester und Mama. Sie beugt sich herüber, als müsse sie ihren Kleinen beschützen, auch bei dieser Gelegenheit elegant in hellem Deux-pièce und weißer Bluse mit schwarzer Seidenmasche. Eine Hand umfasst das Handgelenk, eine demütige Geste. Ein müder, wie in traurige Gedanken versunkener Ausdruck steht ihr im Gesicht. Was hat sie vom Leben erwartet, meine schöne Mama? Was träumte sie während schlaflosen Nächten oder endlosen Tagen der monotonen Maschinenarbeit? Ich weiß es nicht. Ich hätte ihr alles Wunderbare, alles Glück dieser Welt gewünscht.

Mag sein, dass es am Tag vor dieser Fotografie war, als mir Mama so eigenartig verändert erschien. Es war am Bach hinter der Fabrik, ein Augenblick nur, jedoch einer, der sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt hat. Seine Bedeutung offenbarte sich einige Monate später, an einem Morgen kurz vor Weihnachten. Mein Vater kommt in die Küche, wo meine Schwester und ich beim Frühstück sitzen. »Ihr habt...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.