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E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Züger Bücher in meinem Haus


2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-1935-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-7534-1935-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Beim Aufräumen fielen der Autorin Bücher in die Hände, von denen sie keine Ahnung (mehr) hatte, dass es sie gibt, und sie begann zu lesen, noch bevor sie mit dem Aufräumen fertig war. Dann wählte sie einige aus, eines für jeden Buchstaben des Alphabets (dem Namen der Autorin oder des Autors nach), um darüber zu schreiben. Dabei ist ganz Unterschiedliches zusammengekommen - schmale, mittlere und umfangreiche Werke, lakonische, präzise, rätselhafte, detailversessene Sprache, fortlaufende Geschichten neben scheinbar ungeordneten Gedankensplittern. Doch ist es Zufall, dass sich gewisse Themen wiederholen? Wohl nicht, denn der Mensch hat ja so seine Vorlieben. Besondere Aufmerksamkeit schenkte sie den ersten Sätzen. Der erste Satz sei wesentlich, heisst es, er werfe den Köder aus, wecke Gefühle und Vertraulichkeit. Dann fand sie, dass auch der letzte Satz seinen Platz haben soll. Hinzu kamen ausgewählte schöne Sätze dazwischen. Nachzulesen jeweils am Ende der Texte.

Katrin Züger, 1952 geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Komparatistik sowie der Betriebsökonomie FH. Von 1996 bis 2011 an der Universität Zürich tätig, daneben Lehraufträge an der Universität Zürich in Linguistik und Unterricht an der Schule für Angewandte Linguistik SAL in Zürich. Diverse Fachpublikationen. Von 2011 bis 2016 eigenes Schreibbüro «Text und Kontext». Von 2014 bis 2017 Projektleiterin 100-Jahr-Jubiläum der Zentralbibliothek Zürich. 2012 erschien ihre erste literarische Veröffentlichung «Meine Welt hat in einem Schächtelchen Platz», 2013 «Strandsteine in der Atacama», 2015 «Flaches Land» 2016 «Wolkig, zeitweise Sonne», 2018 «Tongasoa» und 2019 der erste, 2021 der zweite Band mit «Wortgeschichten». Katrin Züger lebt in Aeugst am Albis.
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Autoren/Hrsg.


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Steine


Ein Buch über Steine. Wie belanglos. Steine zudem, die nicht Archäologen, Künstler, Diamanthändler, Architekten, Bauherren, Juweliere, Landschützer und Grabschmücker interessieren. Steine vielmehr, die seit jeher, vielfach unbeachtet, den Unbilden der Witterung ausgesetzt sind, die von nichts zeugen als von sich selbst und eben deshalb von Interesse sind, für mich, die ich von Steinen fasziniert bin, gewöhnlichen, unauffälligen, unbehauenen, ungeschliffenen, so wie die Natur sie geformt hat, nicht von Menschenhand verunstaltet und in lächerliche Formen gemeisselt – Kugeln, Eier, Ringe, Broschen, Buchstützen, Briefbeschwerer.

Sie interessieren, weil sie vom Beginn des Planeten stammen, manchmal von einem anderen Stern. Weil sie die Geschichte der Erde zum Leben erwecken und diejenige des Menschen relativieren. Weil sie älter sind als das Leben, hartnäckiger, dem Menschen und der Zeit widerstehen, sich zwar klein-, aber nicht unterkriegen lassen, schon deshalb unsere Ehrfurcht und Ehrerbietung verdienen. Der Mensch, wenn er sich ihrer bewusst wird, beneidet sie um ihre Dauerhaftigkeit, ihre Härte, ihren Starrsinn, ihren Glanz, ihre Glätte, ihre Undurchdringlichkeit, weil sie sogar als zerbrochene noch ganz sind. Sie verweisen auf das scheinbar Gewöhnliche, Alltägliche, Kleine und Unbedeutende, obwohl es doch das Grösste und Älteste ist, älter als die Geschichte der Menschen und Mythologien. Nichts wird sie je verändern, ausser die Gewalt tektonischen Wütens und die allmähliche Abnutzung durch die Zeit. Sie überdauern das Leben, sind sich des Todes nicht gewärtig und haben nichts weiter zu tun, als sich Sand, Platzregen oder Brandung, Unwetter und Zeit übers Gesicht rieseln zu lassen.

Steine wie Girlanden, Nervengeflecht, Astwerk, Palmen, Farne, Moose, Medusen, Landschaften. Dendriten aus Mangan auf Sandstein, manchmal Achat, ausnahmsweise Quarz, breiten das Spitzengewebe ihres Laubwerks, das Haar ihrer Nerven in ihnen aus. Die Farben von Ziegelrot über alle Schattierungen des Ockers bis Schwarz. Im Honig oder in der blauen Milch des Achats skizzieren sie Landschaften: Hügel, Täler, Schluchten, von Tannen bestanden, zu erkennen an den zugespitzten Umrissen und den niederen, ein wenig aufwärts gebogenen Ästen, durch die Entfernung winzig gemacht. Im Bergkristall sind sie am deutlichsten erkennbar, von intensivem Schwarz, fleischig, gegabelt wie Zypressenblätter, aus verschachtelten Gelenken wie Tarsen von Gliederfüsslern. Sehen aus, als wären sie einmal lebendig gewesen.

Der Achat. Lehnt sich entschieden gegen die geringste Monotonie auf. Achatknollen. Graue, runzlige, eher abstossende Kugeln. Man muss sie zerbrechen, um der innewohnenden Schauspiele habhaft zu werden. Meist nur trübe, wenig durchscheinende Materie, die sich kaum vom erstbesten Feuerstein unterscheidet, manchmal aber launige Zeichnungen, parallele Adern, seltener mineralische Girlanden, Zacken von Spitzengewebe, explodierende Chrysanthemen, reglose Feuerwerkskünste in versteinerter Nacht, leuchtende Fenster von der Farbe der Alpenveilchen oder wilden Rosen, Tapeten und Vorhänge, die mitten im Stein an unsichtbaren Haken befestigt sind und deren Falten feierlich herabwallen.

Der Pyrit. Mein Liebling. Einer davon. Neben Hämatit, Magnetit, Turmalin. Obwohl er doch so häufig ist. Weil er auch wunderschön ist. Ein Kunstwerk der Natur, mit zauberhaftem Leuchten, Glänzen und Glimmern, je nachdem, wie man ihn ins Licht hält. Auch Schwefelkies, Katzengold (nicht von «Katze», sondern von «Ketzer»), Narrengold oder, wissenschaftlich korrekt, Eisen(II)-disulfid geheissen. Für feste Körper gilt, im Gegensatz zu Gasen, dass sie ihre Masse vollständig einnehmen und sich nicht durchdringen. Wie der in eine Planke eingeschlagene Nagel, der das Holz spaltet und sich einen Weg bahnt. Gilt das auch für den Pyrit? Es kommt vor, dass ein Polyeder in einen andern verschachtelt und von ihm aufgehoben wird, man erkennt ihn einzig an zwei seiner Ecken. Manchmal stecken Kuben schräg und nur ein Stückchen ineinander, jeder hat nur einen seiner Winkel eingebüsst, sodass der Anschein entsteht, man könnte sie ohne grosse Mühe voneinander loshaken. Jeder Verband wechselseitig sich durchdringender Kristalle verkündet das organische Gesetz der mineralischen Welt.

Der Hämatit, Blutstein, Eisenglanz, Specularit, Iserin, Roteisenstein, Roteisenerz oder Rötel. Kommt ebenfalls zahlreich vor. Mein zweitliebster Stein, nach dem Pyrit. Manchmal gleitet ein intensiv grüner, von Finsternis durchzogener Widerschein über das Eisen, verleiht ihm einen ungeduldigen Schimmer, lässt ihn erstrahlen in einem Abglanz unbekannter Herkunft, jäh eingefangen und rasch zurückgeworfen, wie der schwache Schein eines winzigen Blitzstrahls. Die Farbnuance ist kalt, sogar grausam, doch es wagen sich goldkäferfarbene Strahlen hervor, ein mattes Gold, manchmal ein Erdbeerrot, häufiger ein Jod- und Fuchsinviolett, das sogleich in das einhellig grüne Licht von Metallkäfern eingeschmolzen wird.

Ein Klumpen Kupfer, scheint sich vor Stolz zu blähen und gibt zu verstehen, dass er einst einer schrecklichen Weissglut ausgeliefert war, darauf am Grund stehenden Wassers zu endlosem Erkalten sich selbst überlassen fand, wo eine langsame Chemie ihn mit polychromer Patina überzog. Es dominiert das Grün, der nahezu vollständige Fächer der Grüntöne, von denen dennoch jedes sein Anderssein hervorhebt: hier das glänzende, fast schwarze Grün von Moosen nach dem Regen, dort das von Karbonaten, von Sulfiten angegriffene Samtgrün vergrabener Münzen, häufig trübe Blaus, die ins Grün hinüberspielen, die der Türkise, der Aquamarine und anderer blauer Steine ohne genauen Farbwert, im Grenzfall das zittrige, zögernde Grün sehr junger Mandeln, deren Flaum noch silbrig ist.

Woher das Bestreben von Menschen, in einem überspannten Kraftakt besonders lange und schwere Steine aufzurichten? Welcher Sinn liegt in einem hohen Stein, der ohne erschöpfende Anstrengung sich nicht in der Senkrechten befinden würde? Selten wurden so viel Erfindungsgeist und Energie für einen rätselhaften Gewinn verschwendet. Namen und Trugbilder der Götter, der Mächte, der Häuptlinge, denen diese kahlen Stellen geweiht wurden, sind längst der Erinnerung entfallen. In die aufrechten Steine ist kein Symbol, nicht einmal ein rudimentäres, eingegraben, so als stammten sie nicht nur aus einer Zeit vor der Schrift, sondern noch vor aller Zeichnung. Vielleicht hatten sie keinen anderen Auftrag, als das Paradox eines aufrechten Vierfüsslers anschaulich ins Gedächtnis zu rufen. Man hegt den Verdacht, dass sich der ursprünglichen Verirrung rasch ein blinder Drang zum Überbieten zugesellte, der dazu führte, immer verschwenderischeren, wagemutigeren und schweisstreibenderen Aufrichtungen nachzugehen. Dem törichten Wetteifer müssen aber fraglos Erfindung und Erprobung neuer Techniken zugeschrieben werden, etwa eine wirksamere Ökonomie im Ackerbau.

Steine in China. Mi Fu (1051–1107), grosser Liebhaber der Malerei und Kalligrafie, selber berühmter Maler, Kalligraf und Dichter der Song-Dynastie, Exzentriker, angriffslustig, unduldsam, verwegen, verschmähte ausgetretene Pfade, neigte zu Rätselhaftigkeit, Widerspruch, Herausforderung. War Gouverneur von Lien-schuei, in der Nähe von Ling-Pi, einer Gegend, berühmt für ihre Steine, die, wenn sie ordentlich zugeschnitten und geschliffen wurden, musikalische Kräfte entwickelten. Mi Fu sammelte sie, betrachtete und streichelte sie jeden Tag, gab ihnen Namen, ihrer Schönheit gemäss, und vernachlässigte darob seine Arbeit. Der Zensor Yang T’seu-Kong geriet in Unmut und kam, ihn zu ermahnen, ob es sich denn gezieme, dass er den lieben langen Tag mit Steinen spiele, anstatt sich um die Geschäfte der Provinz zu kümmern. Mi entnahm seinem Ärmel einen Stein, von tiefen Spalten durchbrochen, voller Gipfel und Höhlen, von traumhafter Färbung, drehte ihn um und um, um Yang zu überzeugen, und fragte: «Einen Stein wie diesen hier, muss man den nicht lieben?» Als Yang sich nicht dafür interessierte, liess Mi den Stein in den Ärmel zurückgleiten und holte einen anderen hervor, mit Stockwerken schroffster Gipfel von ausserordentlicher Bildung. Auch von diesem liess Yang sich nicht beeindrucken, und Mi liess ihn in den Ärmel zurückgleiten. Er präsentierte einen dritten, himmlisch in seiner Zeichnung und göttlich in seiner Ziselierung. Er blickte Yang ins Gesicht und fragte erneut: «Einen Stein wie diesen hier, muss man den nicht lieben?» Da erwiderte Yang, Mi sei nicht der Einzige, der den Stein liebe, er liebe ihn auch, riss Mi Fu den Stein aus den Händen, stieg in seinen Wagen und fuhr davon. Mi geriet ausser Fassung, versuchte viele Monate lang, wieder in den Besitz des schönsten Stücks seiner Sammlung zu gelangen, setzte Schreiben auf, in denen er um Rückerstattung bat, vergeblich.

Steine sind nichts weniger als belanglos.

Von Steinen spreche ich, die stets draussen genächtigt haben oder in ihrem Lager und der Nacht der Adern ruhen.



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