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Zupan | Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss) | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 600 Seiten

Zupan Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-945370-80-3
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 600 Seiten

ISBN: 978-3-945370-80-3
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vitomil Zupan (1914-1987) verfasste mit 'Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)' einen der bedeutendsten slowenischen Romane überhaupt. Die autobiografisch grundierte Erzählung handelt vom bewaffneten Partisanenwiderstand der Slowenen gegen die italienischen und deutschen Besatzer. Mit sportlichem Elan und in Erwartung des ohnehin bevorstehenden Sieges ist der Ich-Erzähler Jakob Bergant-Berk in den Kampf gezogen, erlebt diesen aber zusehends als chaotischen Überlebenskampf in einem unübersichtlichen und nicht enden wollenden Krieg. Der anarchistisch angehauchte Berk wird trotz seines verdächtigen Individualismus Kommandant einer Kompanie, die während der deutschen Offensive im Herbst 1943 aufgerieben wird. In einem zweiten Erzählstrang trifft Berk dreißig Jahre später als Tourist in Spanien auf einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten, der ihm damals in Slowenien hätte gegenüberstehen können. Meisterhaft und mit unbestechlich präzisem Blick beschreibt Vitomil Zupan den historischen Moment, in dem sich der Volksbefreiungskrieg zum revolutionären Kampf wandelt, und kontrastiert ihn mit dem Chaos, den Zufällen und Widersprüchen, die den hauptsächlich durch Flucht geprägten Alltag der Kämpfer bestimmen. Erwin Köstler verliert in seiner hellhörigen und nuancenreichen Übersetzung nie den Erzählfaden, in dem Bericht und philosophische Reflexion ineinander verwirkt sind und um den sich Leitmotive, Abschweifungen und Lektürefetzen winden. Mit seinem zersplitterten, vielgestaltigen Eindruck bildet der Roman die menschliche Wahrnehmung in Kriegszeiten ab - und wird zu einem Abgesang auf den falschen Glanz des Kampfes und des Heroischen.

Vitomil Zupan (1914-1987) war zwei Jahre alt, als sein Vater als Frontsoldat fiel. Die Mutter heiratete in Ljubljana einen Germanistikprofessor, der kurz darauf starb. Als beim Spiel mit einer Waffe ein Freund tödlich verwundet wurde, entfloh Zupan trotz Freispruch der Situation, indem er auf einem Schiff anheuerte. Auf Wunsch seiner Mutter kehrte er zurück, um ein Studium des Bauingenieurswesens aufzunehmen. 1933 erschien sein erster Prosatext, er schrieb nun unablässig, konnte vieles aber nur mit mehrjähriger Verzögerung veröffentlichen. Er bereiste die Welt und schlug sich als Berufsboxer und Gelegenheitsarbeiter durch. 1941 ging er in den Widerstand, wurde 1942 verhaftet und in italienische Lager gesteckt. 1943 schloss er sich endgültig den Partisanen an, zuerst im Kampf und dann als Sprecher und Autor für das Partisanenradio. Nach dem Krieg stürzte er sich in ein Leben als Bohemien. Fast jede seiner Publikationen wurde sowohl kontrovers diskutiert als auch mit Preisen bedacht. 1948 wurde Zupan angeklagt: wegen Unmoral, versuchten Mordes, staatsfeindlicher Aktivitäten. Er wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, die nach Berufung auf 18 Jahre aufgestockt wurden. Nach sieben Jahren wurde er begnadigt. Durch seinen offensiven literarischen wie privaten Umgang mit der erlittenen Diffamierung wurde er schon zu Lebzeiten zur Legende.
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1


Das Kreischen schlecht geschmierter Bremsen.

Die Straßenbahn kam langsam zum Stehen. Grün und weiß, in den Farben der Stadt. Von einem Haus auf der anderen Straßenseite hing aus dem zweiten Stock provozierend die grellrote Fahne mit dem schwarzen Hakenkreuz im weißen Feld.

ES IST SEHR WICHTIG, AUF DEN HÜGEL ZU KOMMEN.

In dieser gelbglänzenden, nicht heißen Sonne im Oktober 1943. Im verschütteten Licht, das die Vorstadt in die magische Durchsichtigkeit von Aquarien tauchte. Auch all das Getriebe der Menschen, Fahrzeuge und Pferde (die einen schweren Pariserwagen zogen) hatte etwas Schwebendes, Rundes. Als wäre jede rasche Bewegung verdächtig. Moderate Geräusche mischten sich rücksichtsvoll in die wonnige Nachmittagsruhe. Auch die fremden, dunkelgrünen Uniformen bewegten sich langsam auf dem Bürgersteig. Das Gesicht eines deutschen Offiziers unter der geckenhaft auftrumpfenden Kappe mit dem blitzend schwarzen Schirm. Etwas Grünes, Schwarzes und Silbernes ist in diesem Ensemble. Er sah Marjana an, die neben mir in die Straßenbahn einstieg, dann streifte er auch mich mit einem Blick, in dem eine gespielt erhabene Gleichgültigkeit lag. Etwa fünfundsechzig Kilo; ein linker Haken von mir hätte ihn wie eine Strohpuppe umgeblasen. In seinem tadellos glatten schwarzen Lederhalfter steckte (sehr wahrscheinlich) eine Parabellum, eine 7,35er Mauser Reiterpistole. Zumindest dem langen Lauf nach, der unten aus dem Halfter ragte; Reichweite tausend Meter. Warum hat der Teufel sich umgedreht? ES IST SEHR WICHTIG, AUF DEN HÜGEL ZU KOMMEN.

Unterdessen hatten Marjana und ich die zwei Stufen in den Wagen der Elektrischen erklommen (sie hatte den Deutschen nicht einmal bemerkt; ihre Finger berührten sanft meine Wange). Keiner hatte es eilig. Ich warf einen Blick auf ein sandgelbes Haus mit geschlossenen Fenstern, die vom Abglanz der Sonne verblendet waren. Drei Dienstmänner in Arbeitsmontur bugsierten auf einem großen flachen Handkarren eine mehrere Klafter hohe Bühnenkulisse vorbei, einen Balkon mit Kletterpflanzen oder so.

Die Straßenbahn ruckte. Marjana sah mich mit großen Augen an: Ihr helles Blau war von Sorge vernebelt – oder von einer bösen Ahnung?

Ich hielt dem Blick nicht stand. Der Weg, der vor mir liegt, verträgt keine großen Sorgen, fatalen Ahnungen, aufbrechenden Erinnerungen und Zärtlichkeiten. Es ist gar nicht gut, dass ich Marjana erlaubt habe, mit auf die Straßenbahn zu kommen. Das Lied, das in diesem Moment beginnt, ist ein ganz anderes. Als mein Blick die Straßen, die Häuser, die Passanten, die Uniformen, die sich entfernende Kulisse erfasste … sah ich – eine Legende. Ich muss raus aus dieser Legende, der auch Marjana angehört. Ein, ich glaube, holländisches Bild hat so ausgesehen, ein Bild mit Straße und Bäumen – und einer Prozession mit Kirchenfahne; auch der Hund dort, der uns nachschaut, stammt aus dem Bild.

Höre ich tatsächlich das Echo einer heulenden Sirene, oder bilde ich es mir nur ein? –

– Kommst du zurück?, fragte Marjana halblaut. In dem engsitzenden blauen Kostüm mit dem weißen Kragen. Legende.

Die vielen Menschen überall, die gehen, sprechen, abfahren, ankommen, erscheinen, verschwinden, die verschiedenen Monturen, Menschen, Engel, Roboter, Tiere, arme und reiche Schweine, Opfer und Henker. Von der Sirene und der Äußerlichkeit des Lebens kann einem ganz anders werden.

– Schau, sagte ich zu Marjana so ausdruckslos wie möglich, genau auf dieser Straße sind die römischen Legionen aus dem Süden nach Emona gekommen, hier sind die asiatischen Reiter auf ihrem Weg zur Apenninenhalbinsel durchgeritten.

– Kommst du zurück?

– Händlerkarawanen sind hier durchgezogen …

– Vielleicht sehe ich dich nie wieder.

– Auch im alten Krieg von vierzehn bis achtzehn sind hier Truppen durchmarschiert.

Die Straßenbahn hielt. Die Trägheit der Körper drückte Marjana an mich. Ich spürte ihre Brüste und Schenkel. In einem Augenblick erlebte ich ihren ganzen Körper von den Schultern bis zur Sohle. In der Legende und auf dem holländischen Bild gab es das nicht.

Der Wagen ruckte. Diesmal wurde ich an Marjana gedrückt. Ich sagte leise:

– Hier führt auch eine uralte Zugvogelroute durch …

Das gefiel ihr, vielleicht. Noch eine Station. Ich weiß nicht, warum die Vergangenheit verlängern – dort unten, zwischen den Zäunen, Bunkern und Stacheldrahtreitern, beginnt die Gegenwart. Durchleben wir noch diese Momente in der Vergangenheit.

Diese verhaltene Erregung, wie vor einem Match.

– Jetzt werden wir uns Lebwohl sagen, Marjana. Schau dich nicht nach mir um. Geh einfach. Damit nicht noch einer Verdacht schöpft. Denk dir, ich bin auf eine Expedition in den Urwald gefahren – um ein paar Stromschnellen des Flusses KEHRNICHTWIEDER zu erforschen. Keine dieser Uniformen würde das verstehen. Wenn mich die Schwaben erwischen, verteidige ich mich, indem ich ihnen in meinem immer noch passablen Deutsch erkläre, dass mich die Relativität aller Erscheinungen interessiert. Hör zu, ich bitte dich: Wenn du für Zugvögel wirklich was übrighast, steigen wir jetzt aus und gehen ohne ein Wort auseinander. Mir fällt was Lustiges ein, und das in einem Moment, der niemandem gehört.

Ich weiß nicht, woher das ganz und gar echte Lachen in mir kam. Und als ich sagte:

– Ich müsste mir Gedanken über meine Nationalität machen, einmal wenigstens. Für die Italiener sind wir Schiavi, für die Österreicher windische Hunde, für Europa Balkaner, für den Balkan ewige Austriaken, und für den Großteil der Welt etwas zwischen Türkei und Tschechei …

… feuerte die Kanone auf der Burg (wahrscheinlich wieder in die Wälder des Mokrec und des Krim) … und die Straßenbahn hielt an der letzten Station. Der Fahrer zog die Handbremse.

Beim Aussteigen strich ich mit der Hand über Marjanas langes blondes Haar, dann aber betrat ich leichtfüßig den Bürgersteig, wandte mich nach rechts und ging, ohne mich umzusehen. Mit jedem Schritt näherte ich mich der Gegenwart, bis ich mit der Stirn dagegen stieß. Sie hatte ein Gesicht mit winzigen Fuchsaugen. Weiter hinten stand ein dicker Mann mit dicken Lippen. Noch weiter hinten eine Wache. Stacheldraht. Wächterhäuschen, zur Seite gerückte spanische Reiter – und auf der anderen Seite eine buschige Eiche mit angegilbten Blättern. Der Beamte sah meinen gefälschten Passierschein an, dann fixierte er mich mit seinen spitzen Äuglein.

ES IST SEHR WICHTIG, AUF DEN HÜGEL ZU KOMMEN.

In eleganter Kleidung (maßgeschneidert, schönes Tweedjackett, dunkelblaue Hose, weiche Schuhe, eine für diese Zeiten absolut neidenswerte sonnengelbe Krawatte), mit lackierten Nägeln (fürs Pokern) – schritt ich auf die buschige Eiche zu – jenseits der Stacheldrahthürden. Nicht zu schnell atmen. Lebwohl, Ljubljana.

Ich gehe ein paar Dutzend Meter links auf der großen Straße bis zur Abzweigung, die zu dem festgelegten Ort, dem Sammelpunkt führt. Die eisernen Fesseln fallen vom Körper ab, auf der Seele aber lastet schwer die Glasglocke der Vorsicht. Nur vor sich hinschauen, aber alles rundherum sehen.

Ein Pferdewagen kommt von der sonnigen Westseite näher. Eine Frau mit Rucksack geht rechts auf dem Fahrdamm stadtauswärts. Vor einem Haus spielen Kinder, als gäbe es keinen Krieg. Drei Mädchen mit Strohtaschen. Ein Mann mit offenem Staubmantel. Zwei junge deutsche Soldaten mit lässig über die rechten Schultern geworfenen Schmeissern scherzen miteinander. Der eine hat ein sehr breites Lachen, sein Hals ist tiefbraun von der Sonne, aber am Kragenrand zeigt sich ein Streifen weißer Haut; der ist im Sommer nicht viel geschwommen und in der Sonne gelegen. Sie schauen mich nicht einmal an, als ich vorbeigehe. Der Aussprache nach kommen sie aus dem Norden Deutschlands. Ich ging gleichmäßig, scheinbar gedankenlos. Aber ich nahm jedes Geräusch wahr, sah jeden Grashalm, hörte, wie in der Hosentasche des einen Soldaten etwas klimperte, als er sich bewegte, kurz, metallisch, wie der Schlag eines Taschenmessers an anderes Metall, ein Magazin vielleicht oder ein Feuerzeug. Ich sah auch genau die senkrechte Schliere blauen Rauchs aus dem Kamin eines ebenerdigen Hauses. Den Staub auf den Blättern eines niedrigen Chausseeapfelbaums. Ein kleiner struppiger Hund stand ein paar Schritte von zwei Knaben entfernt, die mit Steinen Boccia spielten, und schaute wie gebannt auf das Pferd, das den Wagen zog. Der Fahrer saß krumm auf dem Kutschbock. Eine längliche nebelartige Wolke zog sich über den sanften Hügel. Ein alter Mann, der einen Haufen Unkraut und Abfälle im Garten verbrennt. Hammerschläge irgendwo zwischen Mauern – vielleicht ist hinterm Haus eine Werkstatt?

Wie wenig ich über dieses nähere Umfeld weiß, das mich umgibt. Und was weiß ich über den Planeten, auf dem ich lebe? Irgendwo in einem Urwald läuft das gewöhnliche Leben dahin, der natürliche Kampf um den Fortbestand. Irgendeine Schlingpflanze, vom Orkan abgerissen, flattert an einem hohen Baum. Im großen Meer strömt Plankton in die...



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