Zwengel Böser Clown
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-943948-57-8
Verlag: Saphir im Stahl
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-943948-57-8
Verlag: Saphir im Stahl
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Andreas Zwengel, Jahrgang 1969, lebt mit seiner Frau in Griesheim bei Darmstadt. 2007 gewann er den Kurzgeschichtenwettbewerb von tcboyle.de und veröffentlichte seitdem über dreißig Phantastik- und Krimi-Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien. 2009 erschien sein Steampunk-Roman Die Welt am Abgrund. 2013 folgten der Abenteuerroman Sieben Städte aus Gold und der Mystery-Thriller Die Schattenkrieger. 2014 erschienen im Verlag Saphir-im-Stahl sein Kriminalroman Wespennest und die Anthologie Panoptikum, die erste Sammlung seiner Kurzgeschichten aus dem Bereich Phantastik. Seit dem Frühjahr 2015 gehört er zum Autorenteam der Science-Fiction-Serie Ren Dhark und im Sommer nahm er seine Tätigkeit an mehreren Serien des BLITZ-Verlages auf, darunter Schattenchronik, Raumschiff Promet, Stahlwölfe und Sherlock Holmes. Seine erste Veröffentlichung im BLITZ-Verlag wird seine neue Phantastik-Anthologie BioPunk´d. Weitere Informationen unter: www.andreas-zwengel.de
Autoren/Hrsg.
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Vor sechs Jahren/Irgendwo in Deutschland
… und dann wurde es wirklich verrückt. Vor dem Gebäude standen Einsatzfahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Die kreisenden Blaulichter erweckten die Relieffiguren an den Säulen des Eingangs zum Leben und weiter oben strichen die Lichtkegel starker Scheinwerfer über die Fassade des Nobelhotels. Die Zufahrt zum Hof war durch einen Mannschaftswagen blockiert, damit Schaulustige und Presse vor den schmiedeeisernen Gittern blieben, die das Gelände umgaben. Kameras zoomten auf die Gestalt, die am Rand des Daches herumturnte. Sie trug eine abgenutzte Lederjacke über einer Weste mit Aufnähern und einem blauen Hemd, das sich über den Gürtel der Jeans wölbte. Als die Scheinwerfer die Gestalt erfassten, wandte sie sich dem Publikum zu: Wirre Haare, spitz gefeilte Zähne, weiß geschminktes Gesicht und oberhalb der roten Knollennase ein blauer Farbbalken quer über die Augen. Ein dicker Biker mit Clownsmaske, nur nicht so harmlos.
Vor dem Hotel traten sich die Polizisten gegenseitig auf die Füße, so viele von ihnen waren zu dem Einsatz erschienen. Jeder wollte derjenige sein, der dem wahnsinnigen Clown die Handschellen anlegte. Oder ihn vom Dach warf. Je nachdem, wie dicht die Presse herankam. Er hatte wirklich alles getan, um den Hass der Menschen auf sich zu ziehen, und jeder anwesende Familienvater wollte ihm an die Gurgel gehen. Der Einsatzleiter hatte nur die eine Sorge, dieses Monster könnte ihm entkommen. Das gekieste Flachdach bot zwar keine Deckung, um sich zu verstecken, aber der Clown war zuvor schon aus viel auswegloseren Lagen entkommen. Lachend kletterte er in das Gestänge des Hotelnamens und schwang darin herum wie ein gelangweilter Affe im Zoo. Er zeigte keine Ambitionen, seinen Verfolgern entkommen zu wollen. Im Gegenteil, umrahmt vom leuchtenden Namen des Hotels erwartete er sie bereits ungeduldig.
Die pendelnden Lichter der Taschenlampen näherten sich über die gesamte Breite des Dachs und die dramatische Musik schwoll an. Der Clown wusste, dass ein bestimmter Bulle an der Spitze seiner Verfolger war. Dirk Renner, der Leiter der Sonderkommission, die ihn seit Monaten jagte. Trotz Renners hohem Dienstalter ließ der Hass ihn über die Kondition der jüngeren Kollegen siegen. Der Clown hatte auch keine Gelegenheit ausgelassen, zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen, indem er die Leiche von Renners Freund und Partner mitten im Foyer drapierte. Der ungestüme Anfänger hatte den kostümierten Irren im Hotel gestellt, bevor die Verstärkung eingetroffen war. Doch das Rasiermesser des Clowns war schneller gewesen. Und er hatte sich nicht nur darauf beschränkt, seinen Gegner zu töten. Denn er mochte es, wenn er auf hoch motivierte Gegner traf.
Renners Wutgeheul war auf seinem ganzen Weg durch das Treppenhaus nach oben zu hören gewesen. Das Ende der monatelangen Verfolgungsjagd stand unmittelbar bevor. Eine Jagd, die ihn in jeder Hinsicht an seine Grenzen gebracht hatte. Er war zäh, aufrichtig, geschieden und mit einem Alkoholproblem gestraft, das er selbst für überwunden glaubte. Dabei so gutaussehend, dass alle Kolleginnen ihn anschmachteten, und so muskulös, wie man in dem Job nie werden konnte. Doch dort auf diesem Dach sah er nur noch wie ein müder alter Mann aus, den einzig der Wunsch nach Rache auf den Beinen hielt. Als die Polizisten nah genug heran waren, zog der Clown einen Fernzünder aus der Tasche. Seine Verfolger blieben stehen und hoben ihre Waffen.
„Mein Beileid zum Verlust deines Partners“, brüllte der Clown über das Dach. Eine Kugel traf das Gestänge über seinem Kopf, gefolgt vom harschen Befehl, sofort das Feuer einzustellen.
„Tu´s nicht, Renner, er hat noch die Kinder“, brüllte ein besonnener Kollege. Der Clown betrachtete den Polizisten amüsiert, als sei es ihm gleichgültig, ob Renner abdrückte oder nicht.
„Wir brauchen ihn unbedingt lebend. So gerne ich ihn selbst umlegen würde“, mahnte der Einsatzleiter über Funk. Renners Hand mit der Pistole zitterte. Der Clown stieß wieder sein brüllendes Lachen aus, das jedem in Hörweite eine Gänsehaut bescherte, und schwang sich auf eine höhere Querstange. Scharfschützen hatten ihn ins Visier genommen und rote Punkte glitten über seinen Körper. Niemand wollte ein Risiko eingehen, solange der Verbleib der Geiseln nicht geklärt war. Im Hotel waren sie nicht, so viel hatte man schon herausgefunden. Nicht auszudenken, wenn jemandem die Nerven durchgingen und er den einzigen Menschen erschoss, der den Aufenthaltsort der Kinder kannte.
„Es gibt kein Entkommen von diesem Dach, der gesamte Block ist umstellt, geben Sie auf“, drang die Stimme des Einsatzleiters zu ihnen herauf. In Wahrheit rechnete niemand damit, dass der Clown aufgeben würde. Bisher hatte er keine Forderungen gestellt und das war ein schlechtes Zeichen. Sie mussten nur verhindern, dass er sein Geheimnis mit in den Tod nahm. Der Clown richtete sich zwischen der Leuchtschrift HOFGUT ECKLAUS auf. Er hob die Hand mit dem Fernzünder und drückte den Knopf. Mit einem lauten Knall erlosch das H im Schriftzug. Die Verfolger waren erstaunt.
„Habt ihr etwas anderes erwartet?“, fragte der Clown und lachte meckernd. Dann erloschen in rascher Folge das O, das G, das T, dann E, L, A und S. Die Polizisten lasen die Botschaft, während der Clown lachend in die Tiefe sprang. Im nächsten Moment verschwanden das Dach und alle darauf in einer gleißenden Explosion.
Abspann
Vor einem Jahr/ Außerhalb Berlins
Clarissa streckte sich in ihrem Schreibtischstuhl nach hinten und bog dabei die Nackenstütze, bis sie knarzte. Der Mann ihr gegenüber räusperte sich und legte ein Handy mit Mikrofonaufsatz zwischen ihnen auf den Tisch. Er war bereits über vierzig, wie die vielen Lachfältchen um seine Augen verrieten, doch sein jugendliches Gesicht und die freche Frisur ließen ihn jünger erscheinen. Mit einer beiläufigen Bewegung strich er sein etwas zu langes Haar nach hinten, schlug die Beine übereinander und klappte eine lederne Schreibmappe auf. Er machte einen kompetenten Eindruck und sah ziemlich gut aus. In beiden Punkten unterschied er sich erheblich von seinen Vorgängern.
„Gut, fangen wir an. Ihr Name ist Clarissa Calzotti, geborene Zelmani.“
„Richtig, obwohl ich immer unter dem Namen Zelmani gearbeitet habe.“
„Sie besaßen bereits vor Ihrer Heirat einen hervorragenden Ruf als Drehbuchautorin.“
Sie nickte.
„Ihren Ehemann lernten Sie bei Dreharbeiten kennen, den Regisseur Francesco Calzotti.“
„Genau. Aber schon als Regieassistent hat er das Pseudonym Frank DeCapri angenommen, weil er fand, dass es viel amerikanischer klingt.“
„Er war recht erfolgreich, nicht wahr?“
„Auf seinem Gebiet ist er es noch immer. Als Rambo 2 Mitte der Achtziger eine ganze Welle von billigen Söldnerfilmen lostrat, konnte Francesco seine Produzenten glücklich machen. Er erzählte dieselbe Geschichte, nur leicht abgewandelt, wieder und wieder, und wandte sich dann dem nächsten erfolgreichen Trend zu. Die Kritiker prophezeiten ihm, dass das Publikum kaum so dumm wäre, sein Geld für billige und vor allem schlechte Kopien der Originale auszugeben, aber sie irrten sich.“
„Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?“
„Als Regisseur weiß er, was er seinem zumeist männlichen Publikum schuldet. Man braucht sich nur seine jetzige Frau Ornella anzusehen, um zu wissen, welche Eigenschaften er an Frauen schätzt. Sie sind ausnahmslos auf den ersten Blick sichtbar.“
„Die Ehe zwischen Ihnen hielt nicht sehr lange.“
„Nein. Mein Mann wollte mich als billige Autorin für seine Filme, aber ich hatte anspruchsvollere Ziele.“
„Sie haben einmal gesagt, Ihre wichtigste gemeinsame Produktion sei Ihre Tochter gewesen.“
„Ja, und sie ist es bis heute geblieben.“
„Arbeitet sie auch im Filmgeschäft?“
„Nein, sie wollte nicht die Fehler ihrer Eltern begehen und ist in einer völlig anderen Branche tätig.“
Der Mann machte sich eine lange Notiz in seiner Mappe.
„Nach Ihrer Rückkehr aus Italien lag Ihre Karriere für einige Monate brach, bevor sie quasi über Nacht mit der Serie Zander-Squad berühmt wurden. Erzählen Sie mir etwas darüber.“
„Die Serie war benannt nach ihrem Anführer Konstantin Zander. Sie handelte von einer Gruppe aus Wissenschaftlern und Abenteurern, die in allen Teilen Europas Verbrecher jagte. Anfangs hatten alle Beteiligten große Pläne, aber die Geldgeber machten einen Strich durch die Rechnung. Für eine weltweite Einsatztruppe fehlte leider das Budget, deshalb operierte die Squad auch so oft in Osteuropa.“
„Die Serie lief mit großem Erfolg in den Niederlanden, Frankreich, Italien, Österreich, Dänemark, Ungarn und Tschechien …“
„Litauen nicht zu vergessen.“
„… und...




