E-Book, Deutsch, Band 2405, 200 Seiten
Reihe: Der Butler (Kriminalromane)
Zwengel Der Butler 05: Die Insel
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-506-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2405, 200 Seiten
Reihe: Der Butler (Kriminalromane)
ISBN: 978-3-95719-506-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Kreuzfahrtschiff der AIDA-Flotte wird von Kreaturen aus dem Meer angegriffen. Ihr Schlupfloch scheint eine Insel, die auf keiner Karte verzeichnet ist, inmitten der Nordsee zu sein. Auf diesem mysteriösen Eiland kämpfen Gestrandete um ihr Leben.
Autoren/Hrsg.
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Die Kreuzfahrt
Das Kreuzfahrtschiff AIDAmar hatte termingerecht abgelegt. Randvoll mit vergnügungswilligen und entspannungssuchenden Gästen verließ es den Hamburger Hafen und steuerte das erste Etappenziel seiner mehrtägigen Reise an. Die erste Station war die Stadt Bergen, von dort aus ging es die norwegische Küste hinunter nach Stavanger und Kristiansand. Anschließend würden sie noch in Oslo anlegen, bevor die Reise in einer Woche in Warnemünde endete. Aber daran wollte noch niemand denken, der gesamte Urlaub lag noch vor ihnen.
Bis zu seinem vierzigsten Geburtstag hatte sich Oliver Osterkamp nie bewusst gemacht, dass er älter wurde. Aber dann traf es ihn wie ein Schlag. Mit einem Mal schien seine Lebensuhr gewaltig vorzugehen. Wenn er sich kämmte, verlor er dabei Haare, und die verbliebenen wurden schneller grau, als er sie auszupfen konnte.
Das war der Anfang vom Ende. Osterkamp wusste es genau, sein Vater hatte dieselben Symptome gezeigt. Er konnte sich seine Zukunft bereits ausmalen. Der Bauch wurde schlaff, die Muskeln verkümmerten. Er vertrug keine Anstrengung mehr, ohne dass ihm die Luft ausging, und jeden Abend würde ihm der Rücken schmerzen. In spätestens fünf Jahren wäre er ein Wrack. Er würde seinem Sohn Finn nicht mehr in die Augen sehen können, wenn der ihn fragte, warum er nicht mehr mit ihm Fußball spielte. Seine Tochter Fiona würde ihn ihren Freundinnen als einen Onkel vorstellen, der nur entfernt mit ihr verwandt war, weil sie sich für ihn schämte. Und was war mit seiner Frau Steffi? Wer sollte sich um sie kümmern, wenn er nicht mehr dazu in der Lage war. Impotenz war nur eine der Folgeerscheinungen des körperlichen Zerfalls.
Vierzig Jahre alt, und die Midlife-Crisis hatte ihn voll erwischt. Eigentlich sollte es ein ruhiger und gemütlicher Familienurlaub werden. Seine Frau hatte den Urlaub hinter seinem Rücken geplant und ihm am Morgen als zweites Geburtstagsgeschenk überreicht. Das erste Geschenk war etwas persönlicher und intimer gewesen. Genau genommen konnte er durchaus zufrieden sein, er hatte zwei gesunde, aufgeweckte Kinder, eine wundervolle Frau, ein Auto, ein eigenes Haus und einen Beruf, der ihm Spaß machte, selbst wenn der Stress ihn schon Jahre seines Lebens gekostet hatte. Ruhe, das war das magische Wort. Nichts anderes wollte er in seinem Urlaub haben. Die Kinder waren alt genug, um sich selbst zu beschäftigen, aber andererseits noch zu jung, um ihm Ärger anderer Art zu bereiten. Kurzum, beide befanden sich innerhalb der perfekten Altersspanne.
Seine Frau Steffi lächelte fröhlich, als sie über das Deck auf ihn zukam. Nur er bemerkte das leichte Hinken ihres linken Beines. Daran war ein Unfall in ihrer Jugend schuld, der ihre vielversprechende Karriere als Tänzerin jäh beendete. Bei der Generalprobe vor einer wichtigen Veranstaltung kam sie nach einem Sprung so unglücklich auf, dass sie sich im Kniegelenk drehte. Damals hatte sie sich einer Reihe von langwierigen Operationen unterziehen und monatelang das Bett hüten müssen. Als sie endlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, musste sie praktisch neu laufen lernen. Heute fiel das nur noch den Menschen auf, die sie schon sehr lange kannten.
„Ich habe eine Liste von Aktivitäten bekommen, die hier an Bord unternommen werden können. Es gibt sogar einen Jugendtreff.“ Beim letzten Wort zwinkerte sie ihrem Mann zu und gab ihm so zu verstehen, was sie vorhatte, sobald die Kinder aus der Kabine waren.
Osterkamp lächelte und reichte die beiden zusammengehefteten Blätter weiter. Fiona nahm sie entgegen und überflog sie kurz, während ihr kleiner Bruder ständig versuchte, ihr die Blätter aus der Hand zu reißen.
Jeder von ihnen hatte bereits feste Pläne für seinen Aufenthalt auf dieser schwimmenden Stadt. Das Angebot war groß genug, um in den sieben Tagen an Bord keine Langeweile zu verspüren. Finn würde in den Kid’s Club einziehen, Steffi zwischen Sonnenliege und Jacuzzi pendeln, und Osterkamp wollte im Golf Driving Cage versuchen, sein Handicap zu verbessern, das momentan diesen Namen auch noch verdiente.
Nur Fiona war noch unentschlossen, da ihrer Meinung nach alles für Jüngere oder für Ältere war. Entweder uncool, blöd, langweilig, spießig oder peinlich. Die üblichen Empfindungen einer Lebensphase, bei der jeder froh war, wenn sie vorüber war. Besonders die Eltern der Betroffenen.
„Und was hältst du davon?“, fragte Osterkamp.
„Ganz nett“, murmelte die Vierzehnjährige. Echte Begeisterung klang anders.
„Willst du mit Finn daran teilnehmen?“
„Mal sehen“, antwortete sie unentschlossen, und Osterkamp wollte nicht weiter bohren, weil sie ihn für ihr Alter schon erschreckend schnell durchschaute. Er hasste es, wenn seine Tochter dieses wissende Lächeln aufsetzte, mit dem sie sagen wollte, dass sie wusste, warum Mamis und Papis manchmal allein sein wollten.
Der Pferdeschwanz, der ihre langen blonden Haare bändigte, konnte keine Kindlichkeit mehr vortäuschen, ebenso wenig wie die beiden kleinen Hügel, die sich von innen gegen ihr T-Shirt drängten. Osterkamp hielt sich für einen aufgeklärten Mann, und er hatte sich geschworen, nicht wie andere Väter aus allen Wolken zu fallen, wenn sein kleines Mädchen zum ersten Mal ihre Periode bekam oder einen Freund hatte. Trotzdem konnte er nicht behaupten, dass ihm diese Entwicklung gefiel. Der Gedanke daran bereitete ihm Bauchschmerzen. Aber er konnte sie auch nicht einfach vor der Welt verbergen und zu Hause einschließen. Steffi hatte schon versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber er hatte immer wieder abgeblockt und ihre Bedenken als lächerlich abgetan.
Steffi klatschte in die Hände. „Ich werde noch etwas Ordnung in den Kabinen schaffen, wir treffen uns dann im Speisesaal. Warum geht ihr nicht mal auf das Oberdeck, dort soll es einen Abenteuerspielplatz geben.“
„Abenteuerspielplatz?“ Finn war sofort Feuer und Flamme.
Wenn Kinder doch nur immer so unkompliziert wären, dachte Osterkamp.
Fiona war nicht so erfreut über den Gedanken, ihre Zeit auf einem Kinderspielplatz zu vertrödeln, und wollte sich absetzen. „Ich werde mal bei dem Jugendtreff vorbeisehen“, sagte sie und ging los, ohne die Antwort ihres Vaters abzuwarten.
„Dann bleiben also nur noch wir beide“, sagte er zu Finn.
„Ist doch okay, oder? Wer braucht schon Mädchen?“
Osterkamp lachte. „Du hast recht.“
Finn rannte zu einer Wippe und setzte sich darauf, dann forderte er seinen Vater auf, mitzumachen. Osterkamp wollte zuerst abwinken, aber es war leider niemand anderes da, der mit seinem Sohn spielen konnte, also nahm er Platz. Sofort ging Finn in die Luft. Obwohl Osterkamp versuchte, sich so leicht wie möglich zu machen und immer weiter zur Mitte rutschte, war es Finn unmöglich, seinen Vater vom Boden zu bekommen. Sie entschlossen sich schnell zu etwas anderem. Doch Osterkamp musste erfahren, dass sein Hintern für die Rutschbahn zu dick, sein Körper für das Klettergerüst zu breit und sein Gewicht für die Schaukel zu hoch war. Nach solchen deprimierenden Erkenntnissen beschränkte er sich schließlich darauf, Finn beim Spielen zuzusehen. Früher mal war er stolz auf seine Fitness gewesen, doch da hatte er auch noch körperlich gearbeitet. Manchmal hasste er den beruflichen Aufstieg, den er gemacht hatte.
„Papa, was ist das für eine komische Wolke?“
Osterkamp folgte dem Blick seines Sohnes und sah, was sich dort am Himmel zusammenbraute.
„Ich will nach Hause!“
„Das zieht vorbei“, sagte Osterkamp beruhigend.
„Wirklich?“ Der fünfjährige Finn war von Natur aus misstrauisch. Er traute keinen maskierten Männern, wie Batman oder dem Nikolaus, keinen Mädchen mit Zöpfen und vor allem nicht seinen Eltern, wenn sie ihn nur beruhigen wollten.
Osterkamp hatte schon früher schwere Gewitter am Meer aufziehen sehen, doch die sahen anders aus. Sie kündigten sich dunkelblau am Horizont an, krochen über einen hinweg und erschienen dabei immer dunkler, bis sich das Gewitter entlud.
Diese Wolke hier gehörte zu einer besonderen Art. Sie erschien mitten in einem strahlendblauen Himmel und breitete sich von dort in alle Richtungen aus.
Als Finn sie entdeckte, war sie noch recht unscheinbar gewesen, doch während Osterkamp sie betrachtete, wuchs sie rasend schnell und vervierfachte ihre Größe innerhalb weniger Minuten. „Werden wir jetzt nass?“, fragte Finn und schien das Wetter als persönliche Beleidigung zu empfinden, weil es die Pläne für seine Deckaktivitäten durchkreuzte.
„Die Wolke wird über uns hinwegziehen, du wirst sie gar nicht bemerken“, versprach Osterkamp. Im selben Moment erlosch das Sonnenlicht und das gesamte Deck lag im Schatten. Die Wolke hatte sich so weit vergrößert, dass sie die Sonne verdeckte.
„Vielleicht müssen wir doch einen kleinen Regenschauer ertragen“, schränkte Osterkamp seine Prognose ein. „Aber der geht sicher schnell vorüber.“
Er sah zu den anderen Passagieren, die ebenfalls begannen, sich Sorgen zu machen, und jemanden suchten, bei dem sie sich beschweren konnten.
„Papa?“, rief Finn in seinem Rücken.
„Ja?“
„Da in der Wolke, ist das der liebe Gott?“
Er drehte sich zu seinem Sohn um. „Wovon redest du?“
„Er sieht nämlich gar nicht lieb aus.“
Osterkamp blickte nach oben und sah deutlich ein Gesicht in der riesigen Wolkenwand, die inzwischen den gesamten Himmel bedeckte. Nein, nicht einfach ein Gesicht. Es war ein Monster, eine dämonische Fratze, die ihr Maul aufriss,...




