E-Book, Deutsch, 375 Seiten
Zwengel Panoptikum
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-943948-30-1
Verlag: Saphir im Stahl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Phantastische Erzählungen
E-Book, Deutsch, 375 Seiten
ISBN: 978-3-943948-30-1
Verlag: Saphir im Stahl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Zwengel, Jahrgang 1969, lebt in Griesheim bei Darmstadt. 2007 gewann er den Kurzgesschichtenwettbewerb von tcboyle.deund veröffentlichte seitdem über 30 Phantastik- und Kriminalgeschichten. 2009 erschien sein Steampunkroman 'Die Welt am Abgrund'.
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Land jenseits der Wälder
Nach einer langen, zermürbenden Reise quer durch Europa erreichten die beiden Reisenden im Oktober 1767 müde und übel gelaunt den Rand der Karpaten. Ihre Kutsche wies hüben wie drüben eine Vielzahl von Einschüssen und Beilkerben auf sowie eine vom Feuer geschwärzte Rückfront. Zeugnisse der abenteuerlichen Reise und manch aufgebrachten Mobs, dem sie hatten entfliehen müssen.
Die beiden Männer waren im Auftrag der Universität Göttingen unterwegs. Julius Leonhard Lorenz, ein Schöngeist und trotz seines enzyklopädischen Wissens von zupackendem Wesen, war mit der Erforschung mysteriöser Ereignisse betraut worden, die den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit widersprachen. Caspar Nolte, von hagerer Statur, schalkhafter Gesinnung und als Veteran des Siebenjährigen Krieges der Inbegriff von Zähigkeit, sorgte für seine Sicherheit.
Zu Beginn ihrer Reise waren sie Fremde gewesen, doch nach unzähligen Wochen auf engstem Raum vertrauter miteinander als manch andere nach jahrzehntelanger Freundschaft. Man kannte die Gewohnheiten des Gegenübers, die Vorlieben und Abneigungen, den Geruch und die Geräusche. Inzwischen waren alle Geschichten erzählt, die meisten mehrmals und sie hatten gelernt, gemeinsam zu schweigen.
„Siebenbürgen. Die lateinische Bezeichnung lautet Terra transsilvania, das Land jenseits der Wälder“, erklärte Lorenz, ohne von seinen Aufzeichnungen aufzusehen.
„Vortrefflicher Name“, bestätigte Nolte mit Blick auf die vorüberziehende Landschaft. Sie hatten am Nachmittag den falschen Abzweig gewählt und waren über Stunden einem sich stetig verjüngenden Weg gefolgt, der ein Wenden unmöglich machte. Die Verzögerung verdross Lorenz, denn sie befanden sich in Konkurrenz mit einer Gesandtschaft der Royal Society of London unter Leitung von Sir Thomas Ruggles, die sich wenige Wochen vor ihnen aufgemacht hatte, um ebenfalls das Phänomen der Wiedergänger zu ergründen.
Seit den zwanziger Jahren hatte es Berichte über sogenannte Vampire gegeben, und in den letzten Jahren häuften sich diesbezüglich Meldungen aus Griechenland, Böhmen, Schlesien und den Balkanländern. Nicht wenige äußerten Bedenken, dass ein solch fragwürdiges Unternehmen dem Ansehen und der Integrität der Wissenschaft schaden werde. Doch, wenn die Royal Society das Thema für erforschenswert befand, durfte man selbstverständlich nicht hintenanstehen. Sein Ruf öffnete Sir Thomas Tür und Tor bei den Behörden und öffentlichen Stellen, während Lorenz und Nolte, mit weit weniger bekannten Namen, meist auf die begrenzte Gutmütigkeit ihrer Zeitgenossen angewiesen waren. Bisher war Sir Thomas ihnen stets voraus gewesen und hatte durch sein rücksichtsloses Verhalten die Bevölkerung gegen sich aufgebracht, deren Zorn sie als Nachzügler häufig genug hatten ertragen müssen. Nur ein einziges Mal wollte Lorenz zuerst am Ort einer Sichtung eintreffen. Doch nie lag die Hoffnung ferner, als an diesem gottverlassenen und von regenträchtigen Wolken bedrohten Ort. Fernab aller Reisestrecken verwandelte der geringste Schauer die unbefestigten Wege in Morastbäder, in denen die Räder versanken. Die mitgeführten Balken waren allesamt angebrochen, die Seile mehrfach gerissen und wieder geflickt geworden. Sie hatten gewettet, welch unglückliche Fügung ihre Reise endgültig beenden würde. Lorenz setzte auf das Brechen der Federung oder der Räder, Nolte wählte das Reißen der Aufhängungsriemen und der Kutscher hielt mit einer eingestürzten Brücke oder einem verschütteten Weg dagegen.
Die Dunkelheit war längst hereingebrochen und der schmale Pfad am Rande des bodenlosen Abgrundes kaum noch ersichtlich. Ihr Kutscher kündigte an, die Fahrt für diesen Tag zu beenden, als er vor ihnen einen schwachen Lichtschein ausmachte. Frisch angespornt überquerte die Kutsche eine Holzbrücke und erklomm eine kurze Steigung, von deren Scheitelpunkt aus der Weg sanft in ein Dorf hinabglitt. Es waren nur wenige, düster wirkende Holzhäuser, aus denen der Rauch senkrecht in den Nachthimmel stieg. An allen Enden des kleinen Dorfes brannten Feuer, die seinen Mittelpunkt hell erleuchteten. Dort hielt die Kutsche. Lorenz und Nolte stiegen aus, streckten sich und dehnten die vom langen Sitzen schmerzenden Glieder. Niemand erschien zu ihrer Begrüßung. Kein Fensterladen und kein Türspalt wurden gelüpft. Sie riefen laut, klopften an Türen und erklärten lautstark ihr Anliegen.
„Verdammtes abergläubiges Volk, wir sollten weiterfahren.“
„Heute fahren wir nirgendwo mehr hin“, sagte der Kutscher ruhig und stopfte seine Pfeife. Er brauchte nicht auf die geschundenen und völlig verausgabten Tiere hinzuweisen, die eine längere Pause benötigten. Lorenz betrachtete nachdenklich die Häuser.
„Allacci hat solches Verhalten in Griechenland beobachtet. Die Wiedergänger gehen der Legende nach des Nachts umher, klopfen an Türen und rufen die Bewohner beim Namen. Antwortet der Bewohner, muss er am nächsten Tag sterben. Ein Wiedergänger ruft jedoch nie zweimal denselben Namen.“
Er sah Nolte an.
„Und das ist die Lösung. Wir rufen jeden Namen zweimal, bis irgendwer öffnet.“
„Kennen Sie den Namen eines Bewohners? Oder überhaupt einen rumänischen Namen?“
Lorenz schüttelte den Kopf und der Kutscher weigerte sich, an diesem Blödsinn teilzuhaben. Er hatte es schon lange aufgegeben, am Geisteszustand seiner Passagiere zu zweifeln. In jedem Land engagierten sie einen tüchtigen Mann, der ihr Gefährt zu lenken verstand und neben der jeweiligen Landessprache auch des Deutschen mächtig war, doch dieser hier war störrischer als manches Lasttier. Mit mehr Unverschämtheit als Verstand oder Gelehrsamkeit gesegnet, hatte er durch seine beispiellose Launigkeit und die völlige Abwesenheit von Unterwürfigkeit sofort ihr Herz gewonnen. Sie versuchten ihr Glück ohne seine Hilfe und riefen zweimal jeden Namen, der ihnen einfiel und der irgendwie fremd und ungewöhnlich klang.
Letztlich mussten sie in der Kutsche übernachten. Sie war vielen Wirtshäusern an den Kutschenstrecken mit ihren dreckigen Gaststuben und den feuchten, übelriechenden Räumen vorzuziehen, die man mit Ratten und Wanzen teilen musste. Doch obgleich ihre Kutsche eine Spezialanfertigung war, die alle Errungenschaften europäischer Ingenieurskunst in sich vereinigte, hatten sie sich, vertrauend auf die Gastfreundschaft einfacher Bauern, insgeheim ein sauberes und bequemes Bett versprochen. Die ständigen Stöße und Rumpeleien unterwegs waren auf Dauer äußerst belastend. Nicht nur für den Körper, auch fürs Gemüt.
In mehrere Decken gehüllt und halb vom Schlaf übermannt, verriet Nolte sein Instinkt, dass er beobachtet wurde. Er linste aus dem Fenster und suchte die dichten Baumreihen ab. Schließlich entdeckte er eine gebückte Gestalt, die oben an der Steigung mitten auf dem Weg stand, deutlich abgehoben von dem helleren Nachthimmel. Nolte machte ein Geräusch, um Lorenz zu wecken, doch die Gestalt war bereits verschwunden.
Als sie am nächsten Morgen die Vorhänge zur Seite schoben, blickten sie in ausdruckslose Gesichter. Der gesamte Ort hatte sich im Halbkreis um die Kutsche versammelt. Ein bärtiger Hüne, der offenbar die Funktion des Schultheißen in diesem Ort innehatte, trat vor und sagte etwas in ganz und gar unfreundlichem Tonfall. Die Reisenden sahen ihren Kutscher an.
„Er sagt, die Herren seien wohl krank im Kopf, dass sie die ganze Nacht herumschreien und niemanden schlafen lassen.“
Lorenz ließ den Kutscher um eine warme Mahlzeit für sie bitten und stellte eine großzügige Entlohnung in Aussicht. Der Schultheiß nickte widerwillig, wandte sich ab und schritt auf das größte Haus des Dorfes zu. Die Bewohner bildeten eine Gasse, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie ihm folgen sollten.
„Die Leute sind sehr misstrauisch“, flüsterte Lorenz seinem Gefährten zu, „wir müssen auf jedes Wort achten, das wir von uns geben, und jede unbedachte Geste, die missverstanden werden könnte, vermeiden. Es ist eine Prüfung und sie werden uns sehr genau beobachten. Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, mein lieber Nolte, aber sie neigen gelegentlich zu provozierendem Verhalten.“
Die Tür war eingerahmt von Knoblauch. Zudem waren Türpfosten und Fensterrahmen mit Knoblauchsaft bestrichen, und wenn sie sich nicht sehr täuschten, hatten die Bewohner auch ihre Kleidung damit getränkt. Lorenz presste sich ein parfümiertes Taschentuch auf die Nase und blieb vor der Schwelle des Hauses stehen. Der Schultheiß und seine Frau sahen die Reisenden an, diese schauten abwartend zurück. Lorenz war überrascht, dass ihnen die gastfreundliche Geste der Einladung ins Haus versagt blieb, doch dann fiel ihm ein kleiner Absatz in den Abhandlungen ein, wonach ein Vampir nur nach...




