E-Book, Deutsch, 249 Seiten
Zwengel Wespennest
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-943948-28-8
Verlag: Saphir im Stahl
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 249 Seiten
ISBN: 978-3-943948-28-8
Verlag: Saphir im Stahl
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Andreas Zwengel, Jahrgang 1969, lebt in Griesheim bei Darmstadt und arbeitet als Lehrer an einer Förderschule. 2007 gewann er den Kurzgeschichtenwettbewerb von tcboyle.de und veröffentlichte seitdem über 30 Phantastik- und Krimikurzgeschichten in verschiedenen Anthologien. 2009 erschien sein Steampunkroman. 'Die Welt am Abgrund'. Weitere Informationen unter www.andreas-zwengel.de
Autoren/Hrsg.
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Freitag
Eins
Felix Gernhardt musste seinen Onkel auf der Polizeiwache in Weilburg abholen. Das vierte Mal in diesem Jahr und das zweite Mal in diesem Monat. Als er den kleinen Supermarkt in der Dorfmitte von Ginsberg betrat, ahnte er davon noch nichts. Plötzlich verstummten die Gespräche und er war von Getuschel und gereckten Hälsen umgeben. Nach einem anstrengenden Arbeitstag besaß er wenig Lust, die neuesten Verfehlungen seines Onkels geschildert zu bekommen, doch Oma Paulsen keilte ihn mit ihrem Einkaufswagen geschickt in der Schlange an der Kasse ein.
„Leo hat heut’ wieder ’nen Bock geschossen“, begann sie, und ein Ausdruck von Weltmüdigkeit machte sich auf Felix’ Gesicht breit. Der Nachrichtendienst von Ginsberg funktionierte tadellos. Ein Gerücht von durchschnittlichem Interessengehalt brauchte eine gute Stunde, um den Ort in jeder Richtung zu durchqueren, Variationen mit inbegriffen. Sensationen benötigten zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Minuten, wobei keine Version über zwei Straßen hinaus Bestand hatte und jeder Empfänger sofort eine dramatisierte Fassung in Umlauf brachte. Dieser rotierende Informationsfluss beschäftigte für gewöhnlich das öffentliche Leben in Ginsberg über Stunden.
„Man hat ihn verhaftet. Drei Polizisten sollen nötig gewesen sein, um ihn zu bändigen. Angeblich soll er Garth mit einer Waffe aus einem Polizeiwagen angegriffen haben. Das wird noch mal ein schlimmes Ende nehmen mit Leo, denk an meine Worte!“
Gespannt warteten die Umstehenden auf Felix’ Reaktion. Falls sie damit gerechnet hatten, dass er sofort losstürmte, wurden sie enttäuscht. Er hatte am bisher heißesten Tag des Jahres unter dem Dach eines Kunden Glaswolle verlegt und jeder Quadratzentimeter seines Körpers juckte erbärmlich. Seine Kleidung war mit Schweiß gesättigt und unter den Armen zeichneten sich bereits Salzränder auf dem T-Shirt ab. Sein Rücken schmerzte und er wollte nur noch in die Wanne. Niemanden in der Schlange schien die Verzögerung zu stören, nur die Frau an der Kasse wurde langsam ungeduldig.
„Junger Mann, Sie müssen mir die Sachen schon geben, wenn ich sie einscannen soll“, sagte die Kassiererin, die mindestens fünf Jahre jünger war als er, ohne einen Funken Ironie. Felix raffte die paar Kleinigkeiten aus seinem Einkaufswagen zusammen und ließ sie auf das Laufband poltern. Er spürte die missbilligenden und vorwurfsvollen Blicke in seinem Rücken, weil er nicht besser auf seinen Onkel aufpasste. Die Diskussion darüber würde wieder aufflammen, sobald er den Laden verlassen hatte. Felix kannte ihre Einstellung: Leo Gernhardt war so, wie er war, ein Original eben. Die meisten Ginsberger begegneten seinem Onkel wohlwollend, er fiel für sie in dieselbe Kategorie harmloser Spinner wie Nudisten oder Vegetarier. Jeder Ginsberger hatte mindestens eine Anekdote über ihn auf Lager. Und keine zwei Leute erzählten dieselbe.
Felix trat aus dem klimatisierten Supermarkt in die schwüle Hitze des späten Freitagnachmittags. Als er sich ans Steuer seines Wagens setzte, hatte noch niemand außer ihm den Laden verlassen, was für die Intensität der Diskussion im Inneren sprach. Felix startete den Motor. Er brauchte noch etwas Zeit, bevor er seinem Onkel gegenübertreten konnte. Gemächlich, dabei gelegentlich grüßend, fuhr Felix durch den Ort. Die Hitze verursachte allen Bewohnern Kopfschmerzen und Sirenen verkündeten einen weiteren Hitzschlag. Väter wässerten mit dem Gartenschlauch ihre Vorgärten, wuschen ihre Autos oder spritzen Hunde und Ehefrauen ab. Kinder lieferten sich erfrischende Schlachten mit Wasserpistolen, falls dies noch der richtige Ausdruck war für eine vierläufige Plastik-Pumpgun mit drei Zusatztanks. Überall lag Grillgeruch in der Luft und das Klackern von Bierflaschen war zu hören. Radios und Rasenmäher kämpften gegeneinander an. Mückenschwärme terrorisierten vom Fluss aus den gesamten Ort. Alle warteten auf ein erlösendes Gewitter.
Der Audi-Fahrer vor ihm an der einzigen Ampel Ginsbergs nutzte die Zwangspause, um seinen vollen Aschenbecher über dem Grünstreifen auf der Straßenmitte zu leeren. Felix erkannte durch den überdimensionalen Böhse-Onkelz-Aufkleber auf der getönten Heckscheibe Uwe Paulsen in dem Wagen. Der Schwiegersohn des Bürgermeisters. Ein Typ, dem jede Beleidigung schmeichelte. Er machte sich bei jeder Gelegenheit über Garths Spleen lustig, führte sich aber gleichzeitig wie der Kronprinz in dessen Reich auf.
Felix überquerte die Brücke ins Viertel, wie die Siedlung auf der gegenüberliegenden Flussseite genannt wurde. Im Sommer war die Lahn das beliebteste Ausflugsziel der Ginsberger, und da der Fluss den Ort in einer weiten Schleife fast völlig umschloss, stellte er für Bürgermeister Garth und seine Gesinnungsgenossen eine natürliche Grenze zum Viertel dar. Eine Art hessischer Rio Grande, obwohl das Treiben an beiden Ufern zur Sommerzeit mehr dem Leben am Ganges glich. Felix fuhr auf die steil in den Fluss abfallende Felswand zu, an die sich die wenigen Gebäude der Siedlung schmiegten. Er bog in immer schlechter befestigte Feldwege, bis er die abgelegene Stelle oben auf der Steilwand erreichte, wohin er sich oft zurückzog. Dort hatte er eine großartige Aussicht auf Ginsberg, das sich vom Ufer aus den gleichnamigen Berg hinauf erstreckte. Jenseits des Ginsbergs konnte man in der Ferne gigantische Windkrafträder erkennen und Überlandleitungen linierten den Himmel.
Kraftvoll machte Felix seinen ersten Abschlag. Der Golfball streifte eine Kastanie, wurde minimal in seiner Richtung abgelenkt und schoss mit rötlich erwärmten Rändern Richtung Fluss. Hinten in Felix’ Wagen lag – neben allerlei anderem unnützem Zeug – eine Golftasche samt Schlägern. Er hatte sie von Doc Holiday für das Pflastern seiner Hofeinfahrt erhalten. Eine äußerst großzügige Entlohnung, wenn man nicht wusste, weshalb der Arzt sein Hobby aufgegeben hatte. Der Besitzer des Golfklubs war nämlich mit den neuen Brüsten seiner Gattin nicht zufrieden, und da der Doc den Chirurgen empfohlen hatte, wurde er auch für das Ergebnis verantwortlich gemacht. Für die Ausrüstung besaß er anschließend nur noch wenig Verwendung und nach einigen glücklosen Versuchen, sie zu verkaufen, bot er sie Felix an. Der versuchte seitdem, die Bälle in den unter ihm liegenden Fluss oder sogar darüber hinaus zu schlagen. Doch in erster Linie pflügte er die Grünfläche unter oder beförderte kleinere Steine den Hang hinab. Oft blieb er an Bodenunebenheiten hängen oder hämmerte den Schläger gegen hervorstehende Steinbrocken, was ein schmerzhaftes Vibrieren über Griff und Hände bis in seine Schultern zur Folge hatte. Einen Schläger hatte er verloren, als er beim Abschlag den Griff losließ und das teure Sportgerät wirbelnd im Gestrüpp weit unter ihm verschwand. Etliche andere hatte er aus Frust in dieselbe Richtung geschleudert. Inzwischen befanden sich nur noch zwei Schläger in der Tasche und seine einzige sportliche Betätigung würde in absehbarer Zeit ihr Ende finden.
Felix war Pessimist und stellte sich zu jeder Situation im Voraus den denkbar ungünstigsten Verlauf vor. Keine Katastrophe war ihm zu abwegig, um nicht als Möglichkeit in Betracht gezogen zu werden.
Wenn man mit einem Onkel gestraft war, der sich wie ein verhaltensauffälliger Zwölfjähriger benahm, geschah es wie von selbst, dass man früh selbstständig wurde. Auch aus diesem Grund war Felix ein ernster junger Mann, der wenig von der Fröhlichkeit und Leichtfertigkeit seiner Altersgenossen besaß.
Leo hatte also mal wieder einen öffentlichen Auftritt von Garth sabotiert. Er liebte solche Guerillaaktionen und ließ sich auch von der Tatsache nicht einschüchtern, dass er sich ausgerechnet mit dem reichsten und mächtigsten Mann der ganzen Gegend anlegte. Zu einem Zeitpunkt, als dessen Nerven ohnehin blank lagen. An diesem Wochenende fiel der Startschuss zu Garths millionenschwerem Bauprojekt. Er errichtete drei Villen für gestresste Millionäre mit ähnlichen Neigungen, sie sich in dem Dorfidyll ausspannen sollten.
„Der verwandelt unseren Ort in einen Zoo“, hatte sein Onkel gesagt.
„Das ist Ginsberg doch schon längst, nur dass Garth bisher der einzige Zuschauer war.“
„Tja, was nutzt einem die schönste Modelleisenbahn, wenn man sie niemandem zeigen kann?“
Dummerweise war der Bauplatz ein beschauliches Waldstück, und wenn es um Bäume ging, konnte Leo Gernhardt theatralischer als Idefix werden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er auf die Idee kommen würde, sich an einen der markierten Bäume zu ketten. Sein Engagement gründete im Erhalt der Natur und seiner langjährigen Fehde mit Garth, im Verhältnis vierzig zu sechzig. Obwohl Felix nie in diese Auseinandersetzung verwickelt werden wollte, hatte er vor Jahren seinen eigenen Beitrag geleistet, der ihn bis heute in deren Mittelpunkt...




