E-Book, Deutsch, Band 13, 178 Seiten
Zwengel Western Legenden 13: Die spanische Expedition
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-413-8
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 13, 178 Seiten
Reihe: Western Legenden (Historische Wildwest-Romane)
ISBN: 978-3-95719-413-8
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Auf der Suche nach den legendären sieben goldenen Städten von Cibola haben spanische Eroberer im 16. Jahrhundert den nordamerikanischen Kontinent durchkämmt. Ihre Suche blieb erfolglos, die Städte wurden zum Mythos. Gab es tatsächlich kein Gold? Dreihundert Jahre später, kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg, erfahren ein amerikanischer Glücksritter, eine englische Kapitänstochter und ein russischer Bordellbesitzer von der Existenz eines verborgenen Schatzes und machen sich auf die Suche. Doch sie haben gefährliche Konkurrenz, die Schatzsuche hat sich bereits herumgesprochen. Die Printausgabe umfasst 202 Buchseiten.
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Miss Violet
Monate später. Sie standen an Deck, außerhalb der Lichtkegel der Lampen, dicht neben dem Schaufelrad des Dampfschiffes, das jedes Geräusch überdeckte. Der dicke Mann keuchte und sein Gesicht war rot angelaufen. Er hatte sie an den nackten Schultern gefasst und sie drehte den Kopf zur Seite, um seinen Atem nach Bier und Zwiebeln nicht riechen zu müssen. Sie sah auf den Sacramento River hinab und auf die Spur aufgewühlten Wassers, die der Raddampfer hinterließ. Der Dicke packte kräftiger zu und sie beschleunigte das Tempo. Ihre Hand arbeitete routiniert wie die Kolben unter ihnen im Bauch des Schiffes. Der Körper des Mannes krümmte sich und zuckte. Violet bewegte sich etwas zur Seite, damit ihr Kleid nicht beschmutzt werden konnte. Ein letztes Aufbäumen. Der Mann grunzte, dann wandte er sich ab, ohne sie anzusehen. Ein paar Münzen fielen auf die Holzplanken und er ging davon, während er seine Hose zuknöpfte.
Zum Jahreswechsel hatten Violet und Oblomow Sitka endgültig verlassen. An Bord eines französischen Handelsschiffes waren sie nach San Francisco gereist. Die Reise dauerte wegen etlicher Zwischenstationen sehr lange und war höchst unkomfortabel gewesen. Aber es war das günstigste Transportmittel, das sie bekommen konnten. Sie hatten alles verkauft, was vom Archangel noch zu Geld zu machen war. Der Erlös reichte gerade für zwei Passagen. Unterwegs hatte jeder auf seine Weise dazu beigetragen, um die Reisekasse aufzubessern. Oblomow verdiente an den Pokertischen und Violet ging einsamen Reisenden zur Hand. Beide waren sich einig, dass dies nicht bis zum Ende ihrer Tage so weitergehen sollte. Wenn Oblomow mal wieder der Falschspielerei bezichtigt wurde und nur knapp einer gehörigen Tracht Prügel entgangen war, oder Violet ihre Handfläche nach ersten Anzeichen von Schwielen absuchte, machten sie gerne Pläne für ihre Zukunft.
Violet wollte weiterkommen. Es war nicht einfach, sich mal eben nebenbei einen vermögenden Geliebten oder Ehemann zu angeln. Dafür war zu viel Konkurrenz nachgewachsen, während sie am Nordzipfel des Landes festgesessen hatte. Ihre Herkunft und ihr Lebenswandel taten ein Übriges.
Mason hatte sich nicht mit ihnen eingeschifft. Er war nur wenige Tage nach dem verheerenden Salutschuss auf dem Landweg abgereist. Jeder hatte ihm davon abgeraten, sich zu Beginn des Winters auf die Reise zu machen, doch er schlug alle Warnungen in den Wind. Er hatte eines seiner beiden Pferde zu einem unverschämten Preis zurückgekauft, sich in alle Kleidung gewickelt, die er beschaffen und erbetteln konnte, und war mit einem knappen Winken aus der Stadt geritten. Seine Pläne, als Pelzhändler sein Glück zu versuchen, hatte Mason ohnehin schnell aufgeben müssen, da man alles abschoss, was sich auf vier Pfoten durch die Gegend bewegte. Violet hatte Mason zwar gemocht. Ihr Leben aber mochte sie noch viel mehr. Sie hatte lange genug in Armut gelebt, um sich nicht an einen mittellosen Glücksritter zu binden.
Oblomow und Violet erreichten San Francisco zusammen mit den Vorboten des Frühlings und schon bald wurde ihnen klar, dass sie dort nicht lange bleiben konnten. Es gab zu viele Menschen mit ähnlichem Schicksal und identischen Plänen. Die Suche nach einer Alternative begann. Der Goldrausch in Kalifornien war längst vorüber und die meisten Goldsucher waren nach Kanada abgewandert. Aber Oblomow hatte es nie als Perspektive betrachtet, in seinem Alter noch mit einem Sieb in einem Bach zu stehen oder in einer Mine auf Steine zu klopfen. Bei einer seiner Pokerpartien im Hafen, die ihm zwar keinen Reichtum, aber ein Existenzminimum verschafften, hatte er sich mit Leuten unterhalten, die für die Eisenbahn arbeiteten. Er spendierte ihnen von seinem kargen Besitz so manche Runde, um sie bei Laune und am Reden zu halten. Je betrunkener die Spieler wurden, desto vertraulichere Informationen rückten sie heraus. Immer wieder hatte er sich zur Toilette geschlichen, um dort alles niederzuschreiben.
Zwei Tage später hatten sie das Dampfschiff nach Sacramento bestiegen. Violet war von seinen Plänen wenig angetan gewesen. Doch sie hatte keine Wahl, wenn sie nicht wieder in ihrem alten Job arbeiten wollte.
„Etwas kühl heute“, sagte eine Stimme.
Violet drehte den Kopf und sah einen Mann rauchend an der Reling lehnen. Er trug einen gut sitzenden, dunklen Anzug, schlicht und ohne die verwegenen Schnitte oder glitzernden Accessoires, mit denen seine Geschlechtsgenossen auf sich aufmerksam machen wollten.
„Ich bin andere Temperaturen gewöhnt“, erwiderte sie.
„Wärmer oder kälter?“
Als Antwort bewegte sie die Schultern in ihrem schulterfreien Kleid. Violet blieb vorsichtig. Ihre Suche nach Kundschaft verlief zwar sehr diskret, aber vielleicht gab es Mundpropaganda. Er konnte ein Vertreter des Gesetzes sein oder ein sittenstrenger Bürger, der die Moral an Bord bewahren wollte. Letzteres wohl eher nicht, sonst würde er keine allein reisende Frau ansprechen.
„Sie besuchen zum ersten Mal die Hauptstadt?“ Er schnippte seine Zigarette in den Fluss und schob sich näher an sie heran. Sie musste zu ihm aufblicken und was sie sah, war durchaus vorzeigbar. Markantes Kinn, schmaler Mund, eine etwas zu große Nase, schöne Augen und darüber volles, zurückgekämmtes Haar. „Mein Name ist Baron ...“
„Verarmter Adel?“
„Äh, nein ... Relativ vermögend.“
„Deutschland?“
„Ungarn.“
„Besitzen Sie ein Schloss?“
„Eigentlich wollte ich mich nur vorstellen.“
„Aber das tun Sie doch.“
„Ich meinte, indem ich Ihnen meinen Namen nenne, und nicht durch Offenlegung meiner Vermögensverhältnisse. Ich bin Baron Tibor Lugosi.“
„Tibor.“
„Nennen Sie mich doch Baron. Und Sie, Miss ...?“
„Violet. Aber Sie dürfen mich auch gerne mit einem Adelstitel anreden. Sie sprechen übrigens ausgezeichnetes Englisch.“
„Sie auch“, gab er lächelnd zurück. „Möchten Sie etwas trinken?“
Er zog eine kleine Flasche Champagner hervor, die bisher unbemerkt in seiner Jacketttasche gesteckt hatte und aus der anderen Tasche zwei Gläser. Der Baron war charmant und seine weißen Zähne strahlten im Licht der Gaslampen. Das war ein Mann, der auf sich achtete. Es reizte sie, an seiner kühlen Fassade zu kratzen. Ein Mann, der sich von ihrem offensiv zur Schau gestellten Interesse an seinem Geld nicht abschrecken ließ, musste schon über eine gehörige Portion Selbstbewusstsein verfügen.
Der Baron rückte immer näher heran, mit einer Geschwindigkeit, die er wohl für unauffällig hielt. Als Violet sein Vormarsch zu langwierig wurde, bewegte sie sich ihrerseits auf ihn zu, während sie weiter Unverfängliches über das Wetter, Restaurants in San Francisco und die politische Lage austauschten. Ein kurzes Zögern, bevor sich ihre Nasenspitzen berührten, dann lagen ihre Lippen aufeinander. Als er sanft ihre Hüften berührte, schlang sie ihm die Arme um den Hals. Es dauerte lange, bis sie sich aus der Umarmung lösten. Violet trat an das nächste Fenster.
„Ich will mich nur kurz vergewissern, dass wir auch ungestört sind“, sagte Violet und linste durch das Glas ins Hinterzimmer zu dem Tisch, an dem Oblomow gerade seine Karten auseinanderfächerte und den Mitspielern ein wütendes Aufstöhnen entfuhr. „Er wird die nächsten Stunden am Kartentisch verbringen.“
„Sie haben eine Kabine zusammen mit diesem Mann?“
„Nun, Sie halten es wahrscheinlich für unschicklich. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es sich um eine reine Geschäftsbeziehung handelt.“
„Das hängt natürlich vom Gewerbe ab.“ Er wollte sich eilig für die Bemerkung entschuldigen, doch sie lachte bereits.
Violet drängte ihn, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war, gegen die Wand der Kabine, schob mit einem Finger seine Lippen auseinander und küsste ihn leidenschaftlich. Der Baron war etwas überrumpelt. Schließlich erwiderte er ihren Kuss. Sie schlang erneut beide Arme um seinen Hals, während ihr rechtes Bein an seiner Hüfte hinaufwanderte. Er fasste unter ihren Oberschenkel, hob sie an und trug sie hinüber zur Kommode. Seine Hände fuhren nach unten und wühlten den Stoff ihres Kleides hoch. Bald darauf schlug jemand aus der Nebenkabine protestierend gegen die Wand und gab damit den Rhythmus ihrer Vereinigung vor.
Als sie nach hitzigem Gefecht ihre Kleidung richteten, hatte seine Stimme einiges von ihrer Nonchalance verloren. „Ich würde dich gerne weiter in meiner Nähe haben.“
„Ich habe momentan nichts anderes vor.“
Sie reichte ihm ihren Arm, und er führte sie in den Speiseraum. Sie gaben ein schönes Paar ab, wie sie so zur Tür hereinschwebten und die drei Stufen in den Saal hinunterstiegen. Einige neugierige Köpfe drehten sich nach ihnen um. Lugosi brachte sie quer durch den Raum zu seinem Tisch. Dort saß bereits eine schlanke, hochgewachsene Frau, die fragend eine Augenbraue hob, als der Baron Violets Stuhl vorrückte und sich dann ebenfalls setzte.
„Miss Violet. Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen? Baronin Lugosi.“
Violet ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken. „Sieh an. Ihre Frau“, sagte sie fröhlich.
Die Baronin war eine kühle, blonde Frau, deren Gesicht keinerlei Ausdruck oder Empfindung zeigte, nicht einmal Missfallen. Aber ihre Körperhaltung drückte aus, dass sie Violet als eine Person betrachtete, an die man keinerlei Interesse verschwenden müsse. Der Baron verhielt sich in ihrer Gegenwart nicht zurückhaltend, sondern plauderte munter mit Violet über ihre Pläne in der Hauptstadt, ohne seine...




