E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Zweyer Als der Himmel verschwand
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-1109-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
ISBN: 978-3-7534-1109-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt/M. geboren und wuchs in Bad Oeynhausen auf. Mitte der siebziger Jahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur in Bochum und Dortmund, dann Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Zwischen den Studiengängen schrieb er als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Nach seiner letzten Abschlussprüfung war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität, danach viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller im Ruhrgebiet. Er lebt in Herne und hat bisher 20 Bücher veröffentlicht.
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Die Kommune an der Donau ist sicher die italienischste deutsche Stadt. Geschlechtertürme, enge mittelalterliche Gassen mit Bistros und Restaurants, Reste alter Stadtmauern aus römischer Zeit, wuchtige Bürgerhäuser, hinter deren kleinen Fenstern und Türen sich großzügige Geschäfte öffnen, vermitteln mediterranes Flair. Selbst im November können die Gäste mancher Cafés noch draußen sitzen – eingewickelt in dicke Decken. Und die jahrhundertealte Wurstküche an der Steinernen Brücke bewirtet die Hungrigen sogar im Schneetreiben.
Ich hatte mich in München für die Bahn entschieden, war am Regensburger Hauptbahnhof in ein Taxi gestiegen und hatte mich in die Altstadt bringen lassen. Der Taxifahrer, den ich um Rat fragte, empfahl mir das Altstadthotel Arch. Mitten in der Innenstadt gelegen, seien von dort die meisten Sehenswürdigkeiten der Stadt problemlos zu Fuß zu erreichen. Auch gebe es in unmittelbarer Nähe zahlreiche gute Restaurants, in denen ich regionale Spezialitäten verköstigen könne, erläuterte er in einem ununterbrochenen Redeschwall während der Fahrt.
Das Hotel befand sich an einem großen, offenen Platz und war umgeben von alten Bürgerhäusern. Es dauerte etwas, bis ich im Nieselregen den Eingang gefunden hatte, der von einem Innenhof zu betreten war. Der Fahrstuhl, der zur Rezeption in den ersten Stock führte, war defekt. Also musste ich wohl oder übel meinen Koffer die Treppe hochschleppen.
Das Einchecken gestaltete sich ungewöhnlich schwierig. Wie mir die Hotelangestellte erklärte, tagten in Regensburg zurzeit die Historiker. Außerdem finde ein europaweites Treffen der katholischen Pfadfinderjugend statt. Eigentlich sei das Hotel ausgebucht.
»Eigentlich?«, fragte ich nach.
»Na ja …« Sie zögerte.
»Ja?«
»Im Obergeschoss ist noch etwas frei. Wir vermieten diesen Raum nur in Notfällen. Er ist kleiner als unsere sonstigen Zimmer, ist aber selbstverständlich ausgestattet wie alle anderen. Nur, wie gesagt, etwas kleiner.«
»Wie klein?«, erkundigte ich mich vorsichtig.
»Also, Beschwerden hatten wir bisher keine.«
Das schien mir nicht wirklich ein überzeugendes Argument zu sein.
»Sie müssen es ja nicht mieten«, meinte die junge Dame, als sie meinen skeptischen Gesichtsausdruck bemerkte.
»Aber ob Sie im Moment woanders etwas finden …«
Ich gab mich geschlagen. »Gut. Ich nehme das Zimmer.«
Nachdem ich die Schlüssel in Empfang genommen hatte, wandte ich mich wider besseres Wissen Richtung Aufzug.
»Der wird im Moment gewartet«, rief mir die Angestellte nach. »Leider kann ich hier nicht weg, um Ihnen den Koffer auf das Zimmer zu bringen.« Sie strahlte mich an. »Sie können ihn hier stehen lassen. Einer meiner Kollegen erledigt das dann später. Ansonsten müssten Sie sich schon selbst bemühen …«
Ich bemühte mich im wahrsten Sinne des Wortes und schleppte das Teil, wie mir schien, hunderte von Stufen über die breite hölzerne Freitreppe nach oben. Das Gewicht des Trolleys verdoppelte sich von Etage zu Etage und meine Arme wurden immer länger. Schweißgebadet erreichte ich endlich das obere Stockwerk. Der Gang führte mich unter Dachschrägen um mehrere Ecken, über kleine Stufen und vorbei an freigelegten Fachwerkträgern, an denen ich mir mehrmals den Kopf stieß.
Schließlich war ich am Ziel. Fluchend ließ ich den Koffer im engen Flur zwischen Schrank und Badezimmertür stehen, legte die Lederjacke über einen Stuhl, schmiss mich auf das Bett und schloss erschöpft die Augen. Einige Minuten später hatte sich meine Kurzatmigkeit wieder etwas gelegt und der Schweißstrom stoppte. Augenscheinlich hatte ich noch nicht genug abgespeckt.
Es war kurz vor acht Uhr. Das war das Stichwort: Zeit zum Abendessen. Mit einer Diät wollte ich nicht gerade heute anfangen. Aber vor dem Essen musste ich noch unter die Dusche.
Mir stand der Sinn nach urbayerischen Spezialitäten. Deshalb ließ ich mir auf einem kleinen Stadtplan einige Gaststätten mit regionaler Küche in Hotelnähe einzeichnen und machte mich auf den Weg. Glücklicherweise regnete es nicht mehr. Der Himmel war aufgerissen und erste Sterne waren zu erkennen. Es war merklich kälter geworden. Die ersten Anzeichen des bevorstehenden Winters.
Der Stadtplan, auf nur eine Seite gedruckt, war ausgesprochen unübersichtlich und ich nahm mir vor, am nächsten Morgen eine vernünftige Straßenkarte zu kaufen. Nach einiger Suche entschied ich mich für eines der empfohlenen Restaurants in Donaunähe.
Die Gaststätte war fast voll. Nur ein kleiner Tisch in der Ecke, an dem ein junges Paar in ein angeregtes Gespräch vertieft war, verfügte noch über einen freien Stuhl. Der Kellner platzierte mich ohne großes Nachfragen neben die beiden und brachte mir die Speisekarte. Ich wählte ganz traditionell Schweinshaxe, Kraut und Knödel und dazu ein großes helles Bier. Meine Tischnachbarn schien meine Anwesenheit nicht weiter zu stören. Sie senkten lediglich die Lautstärke ihrer Stimmen ein wenig und sprachen weiter intensiv über ihre Zukunft: die fast sichere Erstanstellung nach dem Studium, eine gemeinsame Wohnung, Kinder.
Der Geräuschpegel in dem Lokal war ziemlich hoch. So hoch, dass ich nach dem Essen, einem Schnaps und einem weiteren Bier zügig die Rechnung bezahlte, um mir noch etwas die Füße zu vertreten. Auf der Straße schlug ich den Kragen meiner Jacke höher. Ich spazierte in Richtung der fast neunhundert Jahre alten Steinernen Brücke, bewunderte das imposante Bauwerk im Schein der Laternen und sah schließlich einen Steinwurf von der entfernt dem Fluss zu, auf dessen Oberfläche sich die beleuchteten Fenster der Häuser am anderen Ufer spiegelten. Es herrschte eine seltsame Atmosphäre. Vor mir die träge dahinfließende Donau, schwarz, unergründlich und doch beruhigend, zwanzig Meter hinter mir Straßenlärm und Stimmgewirr.
War es wirklich erst fünf Tage her, seit ich mit Gianna die Nacht verbracht hatte? Mir schien, als seien Wochen vergangen.
Ich schlenderte langsam weiter. Auf dem Asphaltweg, der den Fluss begleitete, hatten Kinder mit Kreide große, hintereinander liegende Rechtecke aufgemalt. Erde, stand im ersten. Dann folgten acht durchnummerierte. Im vorletzten Rechteck stand . Und im letzten . ›Himmel und Hölle‹. Ich hatte erst kürzlich einen Artikel über dieses uralte Springspiel gelesen. Vermutlich von römischen Soldaten erfunden, war dieses Spiel heute in ganz Europa bekannt. Ich musste lächeln. In Sichtweite der alten römischen Stadtmauer vertrieben sich Kinder von heute ihre Zeit mit einem ursprünglich römischen Spiel.
Ich wandte mich in Richtung Süden, um über die viel befahrene Straße am Donauufer den autofreien Bereich der Innenstadt zu erreichen. An der ersten Kreuzung bog ich nach rechts in eine kleine Gasse ab.
Ziellos wanderte ich durch die Straßen und hing meinen Gedanken nach. Warum berührte mich Giannas Verschwinden so stark? War es tatsächlich Liebe? Oder einfach nur Begehren? Oder fühlte ich mich ihr verpflichtet, weil sie mit mir geschlafen hatte? Meine eigentliche Aufgabe, die Wiederbeschaffung der Himmelsscheibe, war mehr und mehr in den Hintergrund gerückt.
Morgen würde ich Kontakt zu Claudia Taubenberg, Giannas Freundin, aufnehmen. Und dann dieses Internat und die Unternehmensberatung Stelade etwas näher in Augenschein nehmen.
Marlene fiel mir ein. Empfand ich nichts mehr für sie? Konnten Streitigkeiten über Belanglosigkeiten wie offene Zahnpastatuben Gefühle töten? Gefühle, die über Jahre gewachsen waren und von denen ich noch vor wenigen Wochen geglaubt hatte, dass sie auf ewig Bestand hatten? Ich lächelte bei der Erinnerung an meinen ersten Morgen nach meinem Einzug in Marlenes Wohnung. Als ich aus dem Bad kam, hatte sie mich im Flur mit einer Tasse frisch gebrühten Kaffee begrüßt. Sie hatte den Bademantel aus weißer Seide getragen, den ich ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte, und sehr verführerisch ausgesehen. Eine schöne Erinnerung. Die offene Zahnpastatube hatte mich in diesem Moment nicht im Geringsten gestört. Warum dann eigentlich später?
Das Kreischen von Bremsen und lautes Hupen schreckten mich auf. Ohne es zu bemerken, hatte ich die Fußgängerzone wieder verlassen und wäre fast vor ein Auto gelaufen. Ich sprang zurück auf den Bürgersteig und entschuldigte mich mit einer Handbewegung bei dem Fahrer, der kopfschüttelnd Gas gab und mit seinem BMW davonbrauste.
Die Uhr zeigte fast elf. Ich war etwa eine Stunde durch Regensburg gelaufen und hatte nicht die geringste Ahnung, wo ich mich befand. Mit dem Stadtplan in der Hand suchte ich das nächste Schild mit einem Straßennamen. Es war Zeit, ins Bett zu gehen.
13
In einem gemieteten Mercedes...




