E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Zweyer Alte Genossen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-1960-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-7526-1960-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen hat er sich mit der Goldstein-Trilogie Franzosenliebchen, Goldfasan und Persilschein das erste Mal historischen Themen zugewandt. Es folgte die von Linden-Saga, eine historische Familiengeschichte aus dem Ruhrgebiet, in fünf Bänden ein Thriller zur Flüchtlingsproblematik (Starkstrom) und ein Ökothriller (Der vierte Spatz).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Rainer Esch wartete in seinem Benz am Taxistand gegenüber dem Hauptbahnhof in Recklinghausen schon seit über dreißig Minuten auf zahlende Kundschaft. Es war sehr heiß an diesem Augustnachmittag. Die Luft stand flimmernd über dem Asphalt und die Innentemperatur seines Wagens näherte sich trotz offener Türen und Fenster Saunawerten. Etwas Fahrtwind könnte die gewünschte Abkühlung bringen. Leider waren Kunden bis jetzt Mangelware. Das Geschäft lief nicht besonders gut in der Haupturlaubszeit.
Esch tröstete sich mit dem Gedanken, dass auch sein Urlaub, auf der Insel Mykonos, unmittelbar bevorstand. Melancholisch überlegte er, dass dies seit fünf Jahren der erste Urlaub war, den er ohne seine Freundin Stefanie Westhoff verbringen würde. Seine Beziehung zu Stefanie war seit einiger Zeit merklich abgekühlt, was nicht zuletzt daran lag, dass er seine Neigung zur Rechthaberei und für gemütliche Kneipen nur schwer unterdrücken konnte. Stefanie hatte es kategorisch abgelehnt, mit ihm zu verreisen. Das wiederum hatte ihn veranlasst, das Ibiza der Ägäis als Ferienziel zu wählen. Wenn er schon alleine in den Urlaub fahren musste, dann wollte er wenigstens dorthin, wo der Bär los war. Und auf Mykonos war der Bär los. Behaupteten zumindest seine frisch gekauften Reiseführer.
Esch zündete die nächste Reval an und beruhigte sich mit dem festen Versprechen, demnächst mit dem Rauchen aufzuhören. Das intelligente Bonmot fiel ihm ein: Mit dem Rauchen aufzuhören ist ganz einfach, das habe ich schon hundertmal geschafft.
Das Taxi vor ihm in der Reihe setzte sich in Bewegung. Rainer startete ebenfalls den Motor und ließ seinen Wagen einige Meter nach vorne rollen. Jetzt war er der Erste in der Reihe der wartenden Droschken. Plötzlich plärrte das Funkgerät los.
»Zentrale Krawiecke an Krawiecke vier, bitte kommen.«
Esch erkannte die Stimme Renates, die in der Zentrale des Taxiunternehmens den Funkkontakt zu den einzelnen Fahrzeugen hielt. Renate, deren Nachnamen er trotz jahrelanger Dienste im Interesse der Taxiinnung nicht kannte, war eine etwas pummelige Brünette, die ihm schon häufiger die eine oder andere lukrative Fahrt zugeschanzt hatte. Auch ihr sonstiges Verhalten ließ bei ihm keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie mehr als nur ein Auge auf ihn geworfen hatte. Esch tat nichts, um sie in ihrem Anliegen zu bestärken, machte aber auch andererseits keine Anstalten, ihre Avancen unmissverständlich zurückzuweisen. So blieb ihr Verhältnis, sofern man dieses überhaupt so nennen konnte, in einem seltsamen Schwebezustand, der Esch öfter außergewöhnliche Einnahmen sicherte.
»Hier Krawiecke vier, ich höre.«
»Hallo Rainer, wie geht’s?«, erkundigte sich Renate.
»Warm.«
Sie lachte. »Glaub ich dir gern. Dann lass dir mal etwas Wind um die Nase wehen. Auf dem Parkplatz auf der A 43 in Richtung Münster vor der Abfahrt Marl-Sinsen steht einer. Der braucht deine Dienste.«
»Auf dem Parkplatz?« Esch staunte. »Wie kommt der denn da ohne Auto hin?«
»Hin ist er schon mit dem Wagen gekommen. Nur nicht mehr auf die Autobahn zurück. Seine Karre ist im Eimer und er hat’s eilig. Hat uns über Handy benachrichtigt. Weiß der Teufel, wie der an unsere Nummer gekommen ist. Also setz dich in Bewegung und fahr hin. Ende Zentrale.«
»Also gut. Ich sammle ihn ein. Ende und aus.«
Esch steuerte sein Taxi über die Halterner Straße in nördlicher Richtung auf den Autobahnzubringer, der ihn am Kreuz Recklinghausen-Nord auf die A 43 brachte. Nach fünfminütiger Fahrt auf der Bahn bog er auf den Parkplatz ab. Dort stand ein einsamer dunkelblauer BMW, neben dem ein Mann in einem grauen Anzug wartete.
Esch hielt an und stieg aus. »Tag. Haben Sie ein Taxi bestellt?«
»So ist es. Einen Moment. Ich hole nur noch meine Sachen.« Der Fahrgast öffnete den Kofferraum des BMW und nahm einen Aktenkoffer und einen hellen Sommertrench heraus, den er sich über den Arm warf. Er verschloss seinen Wagen, ging zum Taxi und setzte sich auf die Rückbank hinter den Beifahrersitz. Aktenkoffer und Mantel legte er links neben sich.
»Fahren Sie mich bitte zum nächsten Hauptbahnhof.«
»Nach Recklinghausen?«, fragte Esch.
»Wenn das der nächste ist, dann dahin. Aber schnell. Ich hab’s eilig.«
»Klar.« Esch meldete sich bei seiner Zentrale, nannte das Fahrziel, startete das Taxi, schaute in den Rückspiegel und musterte den Mann, den er auf Ende vierzig, Anfang fünfzig schätzte. Sein Fahrgast berlinerte leicht, nicht sehr viel, aber dennoch genug, dass er seine Herkunft aus der Bundeshauptstadt nicht verheimlichen konnte.
»Panne gehabt?«, versuchte Rainer ein Gespräch zu beginnen. Er unterhielt sich gern mit seinen Kunden, sofern diese noch dazu in der Lage waren und nicht durch übermäßigen Alkoholkonsum daran gehindert wurden. So hatte er schon eine Menge interessanter Leute kennen gelernt, unter anderem auch Stefanie.
»Ja«, antwortete der Mann hinter ihm.
»Was ist denn kaputt?«
»Weiß nicht.«
Nicht sehr erschöpfend diese Unterhaltung, fand Esch. Er startete einen erneuten Versuch. »Wie sind Sie denn an unsere Nummer gekommen?«
»Auskunft«, kam die knappe Antwort.
Sehr gesprächsfreudig schien dieser Fahrgast nicht zu sein. Langjährige Erfahrung sagte Esch, dass er die Klappe zu halten hatte. Vom richtigen Gespür für die Stimmungen der Leute, die er durch die Gegend fuhr, hing oftmals die Höhe des Trinkgeldes ab.
Von Zeit zu Zeit warf Esch im Rückspiegel einen Blick auf seinen Gast. Er hielt seinen geöffneten Aktenkoffer auf dem Schoß, kramte in seinen Unterlagen, rutschte auf seinem Platz hin und her und durchsuchte die Taschen seines Trenchcoats, um ihn dann umständlich wieder neben sich auf die Rückbank zu legen. Manchmal sah der Mann durch die Fondsscheibe nach hinten, als ob er etwas erwartete. Zweimal griff er zum Handy, wählte eine Nummer, brach dann aber nach einem Blick nach vorne den Wahlvorgang wieder ab. Auf Rainer machte er einen unruhigen, fast schon hektischen Eindruck.
Dann sprach ihn der Mann an: »Sagen Sie, wie heißt Ihr Taxiunternehmen?«
»Krawiecke, warum?«
»Und Sie haben Ihren Firmensitz in Recklinghausen?«
»Ja, weshalb interessiert Sie das?«
»Gewohnheit. Ich habe mal was in einem Taxi vergessen. Es ist leichter, das Verlorene zurückzubekommen, wenn man den Namen des Unternehmens kennt. Ihre Wagennummer ist vier?«
»Ach so.« Esch hatte schon vor Jahren aufgehört, sich über die Marotten seiner Fahrgäste zu wundern. »Ja, Krawiecke vier.«
»Danke.« Sein Fahrgast schwieg erneut.
An der Abfahrt Marl-Sinsen verließ Esch die Autobahn und fuhr über die Bundesstraße 225 südlich zurück in Richtung Recklinghausen. Er stoppte das Taxi direkt vor dem Haupteingang des Hauptbahnhofes und stellte den Taxameter auf null.
»Zweiunddreißigachtzig, bitte.«
Der Mann gab ihm zwei Zwanzigmarkscheine. »Stimmt so.«
»Vielen Dank. Auf Wiedersehen.«
Grußlos verließ sein Fahrgast den Wagen. Esch war die Unhöflichkeit völlig egal. Bei einem solchen Trinkgeld verzieh er fast alles. Er sah den Mann im Bahnhofsgebäude verschwinden und reihte sich mit seinem Fahrzeug wieder hinten in die Schlange der wartenden Taxis ein.
»Krawiecke vier an Zentrale, bin frei am Hauptbahnhof.«
»Verstanden Krawiecke vier. Rainer, warte auf den Interregio aus Münster.«
»Renate, für dich tu ich doch fast alles.«
»Leider nur fast. Aber ich komme trotzdem darauf zurück. Ende.«
Esch lehnte sich zurück, fingerte eine Reval aus der Packung und inhalierte mit Genuss. Nach einigen Minuten sah er auf seine Armbanduhr. Kurz vor Sechs. Der Interregio musste jeden Moment einlaufen und Kundschaft ausspucken. Er schaute zum Eingang des Bahnhofes. Dann stutzte er. Sein Fahrgast von vorhin verließ gerade das Bahnhofsgebäude wieder, schaute sich suchend um und betrat eine der Telefonzellen neben dem Eingang. Esch beobachtete, wie der Mann sein Handy aus der Jackentasche nahm, wählte und dann mit dem Gerät am Ohr gestikulierend sprach. Augenscheinlich war der Mann sehr erregt.
Bevor Esch sich jedoch die Frage beantworten konnte, warum sich jemand bei dreißig Grad im Schatten mit einem Handy in eine stickige Telefonzelle quetscht, rief ihn seine Taxizentrale.
»Krawiecke vier, vergiss den Zug. Das hübsche Mädel von der will zur Schicht. Hol sie zu Hause ab. Aber schön sauber bleiben, klar?«
Rainer grinste. Auf Renate war Verlass. Die Thekenchefin des Nachtclubs auf dem platten Land zwischen Dorsten und Wulfen war für ihre großzügigen Trinkgelder bekannt. Gelebte Solidarität der Nachtarbeiter. Die deutsche Gewerkschaftsbewegung...




