Zweyer | Das Haus der grauen Mönche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 416 Seiten

Reihe: Das Haus der grauen Mönche

Zweyer Das Haus der grauen Mönche

Im Dienst der Hanse
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-89425-186-4
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Im Dienst der Hanse

E-Book, Deutsch, Band 3, 416 Seiten

Reihe: Das Haus der grauen Mönche

ISBN: 978-3-89425-186-4
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anno 1504: Jorge von Linden baut sich in Lübeck eine neue Existenz auf. Als Schreiber arbeitet er für die Brüder Wibbeking in deren Handelskontor. Doch die Zeiten sind hart für die Kaufleute, denn die Zwistigkeiten zwischen Schweden und Dänemark eskalieren. König Johann verlangt, dass sich die Hanse auf seine Seite stellt, wenn sie weiterhin unbeschadet Ostseehandel treiben will. Ausgerechnet Jorge und Clas Wibbeking werden bei einer Reise nach Reval für die Gilde Opfer einer Intrige und geraten in Gefangenschaft. Marlein van Enghusen ahnt nicht, dass ihr Jugendfreund ganz in ihrer Nähe ansässig geworden ist. Als ihr Vater droht, sie zurück nach Hattingen zu holen, nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand und geht eine Ehe mit Albrecht Schulten, dem wesentlich älteren Geschäftspartner ihres Onkels, ein. Aber schon bald gelten getroffene Vereinbarungen nichts mehr. Dann bricht tatsächlich Krieg aus und es scheint für niemanden eine Zukunft zu geben ...

Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne.
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1

Lübeck, 6.April 1506

Jorge von Linden stand am Ufer der Trave und strich gedankenverloren über sein Armband. Er hatte das Halsband seines früheren Hundes Cerbus umarbeiten lassen. In dem geheimen Geldfach darin bewahrte er immer noch die Goldmünze auf, die einst sein treuer Gefährte bewacht hatte. Obwohl Jorge mehrmals drauf und dran gewesen war, das Geld auszugeben, hatte er es im entscheidenden Moment dann doch nie über das Herz gebracht und lieber gehungert. Inzwischen war der Goldgulden zu einem Talisman geworden, der für den jungen Mann von so großem ideellem Wert war, dass er seinen materiellen verloren hatte.

Die letzten zwei Jahre waren ereignisreich gewesen. Nie hatte Jorge es länger als einige Wochen an einem Ort ausgehalten. Obwohl er das Lager nicht nur mit Huren, sondern auch mit einigen hübschen Mädchen geteilt und diesen vermutlich das Herz gebrochen hatte, flüchtete er stets Hals über Kopf, sobald die Beziehungen enger zu werden begannen. Er verglich jede der Frauen mit Anne, einer Musikantin, die ihn in die körperliche Liebe eingeführt hatte. Keine seiner Liebschaften konnte gegen die Erinnerung an sie bestehen.

Auf der Trave fuhren einige Segelschiffe sowohl in südliche wie in nördliche Richtung. Noch mehr allerdings hatten am gegenüberliegenden Ufer an den Hafenanlagen angedockt. Die Stadt dahinter lag im Schutze einer hohen Mauer, hinter der die Giebel der dicht an dicht stehenden Häuser hervorlugten. Über ihnen ragten Kirchtürme in den Himmel. Jorge zählte sieben.

Er ging auf eine Brücke zu, die den Fluss überspannte und zu einem Stadttor am gegenüberliegenden Ufer führte. Der Durchgang war in einen rechteckigen Turm eingebaut worden, dessen Spitze vier Türmchen zierten und der im oberen Bereich eine Galerie aufwies, von der aus die davorliegende Brücke überblickt werden konnte. Noch mehr beeindruckte Jorge allerdings das mächtige Tor, welches am diesseitigen Ufer vor der Brücke wachte. Zwischen zwei runden Türmen erhob sich über der eigentlichen Pforte ein Zwischentrakt mit einem Stufengiebel. Waren die Außenwände der beiden Türme nur durch Schießscharten durchbrochen, wies der Mitteltrakt in zwei Reihen jeweils sechs größere und kleinere Fenster auf. Jorge konnte sich ihre Funktion lebhaft vorstellen. Sie dienten nicht etwa dazu, Licht ins Innere fallen zu lassen oder Reisende daraus freundlich winkend zu begrüßen, sondern wohl in erster Linie militärischen Zwecken. Mögliche Angreifer, die das schwere Holztor attackieren wollten, mussten damit rechnen, aus eben diesen Öffnungen beschossen oder mit siedendem Öl übergossen zu werden.

Aber heute stand die Pforte weit offen und wurde nur durch zwei Soldaten bewacht, die ihre Aufgabe anscheinend sehr genau nahmen. Als Jorge vor einem von ihnen stand, musterte der Wächter skeptisch den ungewaschenen Jüngling mit den zerrissenen Kleidern. »Was willst du in Lübeck?«, erkundigte der Mann sich mit strenger Stimme.

Jorge hatte ähnliche Situationen in den letzten Jahren vor fast jeder Stadt erlebt, in die er Einlass begehrt hatte. Deshalb löste er wortlos sein Armband, klaubte den Goldgulden daraus hervor und hielt ihn dem Soldaten unter die Nase. »Ich bin kein Bettler, wenn Ihr das meint.« Dann verstaute er die Münze wieder in ihrem Versteck.

Der Soldat nickte und gab mit mürrischem Gesicht den Weg frei. Jorge durchquerte den Eingang, ging über die Brücke und auf das innere Stadttor zu. Die dortigen Wächter begnügten sich mit prüfenden Blicken auf die Reisenden und gaben dem jungen Mann mit einer gelangweilten Handbewegung zu erkennen, dass er passieren könne.

Er aber sprach einen der beiden an: »Ich suche Clas Wibbeking. Könnt Ihr mir sagen, wo ich ihn finden kann?«

»Wibbeking? Ein Verwandter des Kaufmanns Konrad Wibbeking?«

Jorge zuckte nur mit den Achseln.

Der Soldat schaute den Jüngling kritisch an. »Du siehst nicht aus wie jemand, der den ehrenwerten Herrn Wibbeking kennen könnte.«

Jorge konnte das Misstrauen seines Gegenübers nachvollziehen. »Ich suche Clas Wibbeking«, wiederholte er. »Einen Konrad kenne ich in der Tat nicht.«

Der Soldat gab sich einen Ruck. »Ist ja auch nicht meine Sache«, brummte er. »Soweit ich weiß, wohnt er in der Königsstraße, unweit Sankt Marien. Frag nach dem Weg. Die Familie Wibbeking kennen die meisten hier in Lübeck.«

»Sankt Marien?«

»Der große Turm, der dort links über den Häusern zu sehen ist.«

Jorge bedankte sich und ging in die angegebene Richtung. Tatsächlich konnte ihm schon der erste der Passanten, den er ansprach, den Weg zu dem Haus der Wibbekings weisen.

Jorge hatte noch nie so viele Menschen auf den Straßen gesehen wie in Lübeck. Alle schienen mit irgendetwas beschäftigt. Da schleppten Bauersfrauen in großen Körben auf dem Rücken Heu und Stroh durch die Gassen, auf Eseln wurden Säcke transportiert. Vor jedem zweiten Haus pries ein Handwerker seine Dienste an. Die Fensterläden dieser Häuser waren weit geöffnet, sodass die im Inneren produzierten Waren von dort auf hochgeklappten Brettern auf die Straße verkauft werden konnten. Bettler versuchten, Almosen zu ergattern, Mägde kippten Unrat und Essensreste vor die Türen. Dazwischen spielten Kinder, Schweine und Hühner suchten in dem Gewimmel nach Futter, Gänse liefen schnatternd umher. Dann waren da noch die Pferde, die eine Art Schlitten hinter sich herzogen, auf denen Fässer, Ballen oder Kisten lagerten.

Die Straßen waren überwiegend gepflastert, nur noch an wenigen Stellen dienten schwere Holzbalken als Belag. Der Schmutz, der auf ihnen lag, hatte sie rutschig werden lassen, sodass sie das Gehen mehr erschwerten denn erleichterten. Eine Kakofonie aus menschlichen Stimmen, Anpreisungsrufen der Händler, lautstarken Forderungen der Bettler, Jauchzen der Kinder und Geräuschen der Tiere hing in der Luft. Und über allem lag ein Gestank, der Jorge, der in den letzten Wochen keine Stadt mehr betreten hatte, fast den Atem raubte.

Er blieb an einem der Brunnen stehen, zog den Eimer aus der Tiefe hervor und verzog angesichts der stinkenden Brühe darin das Gesicht. Dieses Wasser taugte noch nicht einmal zum Waschen, geschweige zum Trinken.

»He, mein Freund«, rief ihn ein Mann an, der in der Tür einer Schenke auf der anderen Straßenseite stand. »Das Wasser aus dem Brunnen wird nur zum Gießen der Pflanzen benutzt. Wenn du Durst hast, komm herüber. Ich biete kühles Bier und feine Speise zu guten Preisen.«

Jorge schüttelte nur den Kopf und zeigte auf seinen prall gefüllten Wasserschlauch. Der Wirt zuckte die Schultern und wandte seine Aufmerksamkeit anderen möglichen Kunden zu.

Die Familie Wibbeking bewohnte ein prachtvolles Haus in der Nähe der großen Kirche. Das Gebäude nahm eine Breite von nur zehn Schritten ein, war dafür aber etwa zweimal so hoch. Den roten Giebel des Wohnhauses über dem dritten Stockwerk schmückten Zinnen aus Ziegeln, Reihen schmaler Fenster erstreckten sich über die gesamte Hausfront. Die Läden im Erdgeschoss standen offen, um Licht hereinzulassen. Scheiben aus Bleiglas dokumentierten den Wohlstand der Bewohner. Auch die Häuser links und rechts wiesen ähnlich imposante Merkmale auf. In dieser Straße wohnte der Reichtum.

Jorge fasste sich ein Herz, griff den gusseisernen Bärenschädel, der als Türklopfer diente, und ließ ihn zweimal gegen das Holz fallen. Es dauerte nicht lange und eine junge Frau, bekleidet mit hellgrauer Schürze, langem blauen Kleid und weißer Haube öffnete.

»Ja, bitte?«, fragte sie spitz und musterte angewidert Jorges Erscheinung.

»Lebt hier Herr Clas Wibbeking?«

»Wer will das wissen?«, fragte sie zurück.

»Jorge von Linden.«

»So, so. Und was will Jorge von Linden von Herrn Wibbeking?«

»Also wohnt er hier?«

»Ja. Aber was willst du?«

»Mit ihm sprechen.«

»Wie kommst du darauf, dass der gnädige Herr sich mit jemand wie dir abgibt?«

Jorge musste sich zusammennehmen, um angesichts der blasierten Hochnäsigkeit der Magd nicht unhöflich zu werden. Es wäre seinem Anliegen bestimmt nicht dienlich, wenn er das Dienstmädchen beschimpfen würde, dieses ihm deshalb die Tür vor der Nase zuschlüge und er sich draußen gedulden müsste, bis Clas Wibbeking endlich auf der Straße erschiene.

»Ich kenne ihn von früher. Aus seiner Zeit in Schneeberg«, setzte er schnell hinzu. »Er hat mir versprochen, dass sein Haus immer für mich offenstünde. Sagst du ihm das bitte?«, meinte er so freundlich wie möglich.

Der Magd war anzusehen, dass sie mit sich rang.

»Er wird dich sicher nicht schelten, wenn du ihm meine Botschaft überbringst, im Gegenteil.«

»Na gut. Aber du wartest draußen.« Sie knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

Den jungen Mann störte das nicht weiter. Er hatte auf seiner Wanderschaft schlimmere Abfuhren erlebt.

Jorge hatte in Hattingen das Licht der Welt erblickt und seine Eltern nie kennengelernt. Sie waren einer Intrige zum Opfer gefallen, die ein Hauptmann des Herzogs von Kleve angezettelt hatte, weil er sich dadurch einen rascheren Aufstieg versprach. Jorges Vater starb bei dem inszenierten Überfall, seine Mutter wurde wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Bevor sie zum Galgen schreiten musste, hatte sie ihrem Beichtvater, einem Dominikaner namens Bernardo, das Versprechen auf die Bibel abgerungen, sich um ihr ungeborenes Kind zu kümmern. Der Mönch hatte sein Wort gehalten und die Waise zunächst bei einer Pflegefamilie untergebracht. Von dieser Familie lebte inzwischen nur noch Jorges Nennschwester Brid, die sich als Hübschlerin durchschlug.

Als Siebenjähriger hatte...


Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne.



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