E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Zweyer Franzosenliebchen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7526-8103-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-7526-8103-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen hat er sich mit der Goldstein-Trilogie (Franzosenliebchen, Goldfasan, Persilschein) das erste Mal historischen Themen zugewandt. Es folgte die fünfbändige Linden-Saga, eine historische Familiengeschichte aus dem Ruhrgebiet, ein Thriller zur Flüchtlingsproblematik (Starkstrom) und 2020 ein Ökothriller (Der vierte Spatz).
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Die Villa der Familie Königsgruber befand sich südlich der Recklinghäuser Innenstadt. Ein herrschaftlicher Garten umgab das Gebäude. Aus Stein gehauene Löwen bewachten links und rechts das hohe schmiedeeiserne Tor, welches die Zufahrt zum Haus versperrte. Das gesamte Anwesen gab vor allem eins zu verstehen: Hier wohnt Reichtum.
Siegfried Königsgruber war Inhaber einer Metallwarenfabrik. Fast dreißig Menschen hatten bei Kriegsende für ihn gearbeitet. Heute waren es nur noch zwölf. Schon als Fünfundzwanzigjähriger hatte Siegfried das väterliche Erbe antreten müssen. Obwohl er – anders als sein Vater – das Handwerk des Schmieds nie gelernt hatte, war es ihm durch Geschick und Umsicht gelungen, die richtigen Mitarbeiter zu gewinnen und die kleine Schmiede zu einer florierenden Metallfabrik auszubauen.
Ursprünglich hatte das Unternehmen vor allem Töpfe und Pfannen aus Stahl produziert, aber mit Ausbruch des Krieges auf Helme, Koppelschlösser und anderes Armeezubehör umgestellt. Eine kluge Entscheidung. Je mehr junge Männer im Trommelfeuer des Stellungskrieges als Kanonenfutter verheizt wurden, umso höher waren die Auftragsordern, die das Beschaffungsamt des Heeres an die Metallwarenfabrik Siegfried Königsgruber schickte.
Doch nach Kriegsende versickerte der unverhoffte Geldsegen. Königsgruber hatte mehr als die Hälfte seiner Leute entlassen müssen und wieder Friedensware produziert. Das Geschäft lief mehr schlecht als recht. Der Fabrikant zehrte von seinen Rücklagen und verfluchte den Frieden, die Revolution und vor allem die Demokratie.
Am heutigen Abend war sein Freund Wieland Trasse zu Gast. Zigarrenrauch hing schwer in dem Salon, in dem die Herren bei Wein und Cognac saßen. Trasse kippte den letzten Schluck Schnaps hinunter und stellte das Glas auf den Eichentisch.
»Noch einen?«, fragte Königsgruber.
Trasse, ein mittelgroßer Mittvierziger schlanker Gestalt, nickte.
Der Hausherr griff zu einer kleinen Glocke, die auf dem Tisch stand, und läutete. Wenig später klopfte es und das Hausmädchen betrat den Salon, knickste und blieb mit züchtig gesenktem Blick in der offenen Tür stehen. »Sie haben geläutet, gnädiger Herr?«
»Bring uns weiteren Cognac. Und nimm diese Flasche mit. Sie ist leer.«
Gehorsam befolgte die junge Frau die Anordnung. Als sie das Zimmer wieder verlassen hatte, fragte Trasse: »Und deine Geschäfte?«
Königsgruber, ein massiger Mann, dessen schütteres Haar wie am Kopf angeklebt wirkte, winkte ab. »Frag bitte nicht. «
»Wieso? Ich dachte, gerade du hättest am Krieg gut verdient?«
»Am Krieg, ja. Aber jetzt ...« Königsgruber griff zu dem Cognacschwenker. »Wer will im Moment neue Kochtöpfe? Die Leute geben ihr Geld für Lebensmittel aus. Zusätzlich macht mir die Konkurrenz zu schaffen.«
»Kannst du nicht etwas anderes fertigen?«
»Können schon. Aber was? Außerdem: Für die Herstellung neuer Waren benötige ich neue Maschinen. Die alten Pressen lassen sich nicht mehr umrüsten. Hast du eine Ahnung, was das kostet?«
Es klopfte erneut. Das Hausmädchen brachte eine volle Flasche.
Königsgruber schenkte sich und seinem Gast ein. »Dazu fehlt es mir an Kapital.«
Trasse prostete seinem Freund zu. »Warum sprichst du nicht mit deiner Bank?«
Siegfried Königsgruber grinste schief. »Ich bin Unternehmer, keine hoher Beamter beim Finanzamt wie du. Bei meinen Kreditanfragen geht es um andere Summen als bei der Finanzierung deines Hausanbaus. Die Zinsen fressen mich jetzt schon auf.«
»Du hast schon Schulden bei der Bank?«
»Nein.«
»Aber du sagtest doch gerade ...«
Königsgruber sprang auf und ging, das Glas in der Hand,
im Raum umher. »Du kennst doch den Kaufmann Schafenbrinck aus Herne?«
»Natürlich. Du selbst hast ihn mir ja vor einigen Monaten vorgestellt.«
»Er hat mir einen Privatkredit gegeben. Ich habe ihm einen Wechsel unterschrieben.«
»Na und?«
Königsgrubers Stimme klang erregt. »Schafenbrinck hat meine Notsituation schamlos ausgenutzt.«
»Wie soll ich das verstehen? Ich nahm an, er sei dein Freund.«
Trasse wusste, dass Schafenbrinck und Königsgruber fast gleich alt und einige Jahre gemeinsam in Recklinghausen zur Schule gegangen waren. Auch hatten beide früh ihre Väter verloren und Verantwortung für die Familie übernehmen müssen: Königsgruber mit der väterlichen Schmiede, Schafenbrinck mit einem geerbten Kolonialwarenladen in der Recklinghäuser Innenstadt. Durch die Parallelen in ihrem Lebensweg hatten sich die beiden Männer stets verbunden gefühlt.
Königsgruber lachte höhnisch auf und setzte sich wieder. »Das dachte ich auch. Vielleicht erinnerst du dich, dass meine letzte Lieferung an die Armee kurz vor Kriegsende stattfand?«
»Du hast darüber gesprochen, ja.«
»Es war einer der größten Aufträge, die mir das Beschaffungsamt je erteilt hat. Ich habe alle Termine eingehalten. Trotzdem weigerten sie sich zu zahlen. Die Stahlhelme seien nie angekommen, behaupteten sie später. Diese verdammten Sozis!« Er nahm noch einen Schluck Cognac und goss sich nach. »Ich hatte fest mit dem Geld gerechnet. Schließlich musste ich meine Leute bezahlen. Schafenbrinck hat mir damals geholfen. Der Kredit wird, zuzüglich vierzig Prozent Zinsen, im Oktober fällig. Vierzig Prozent! Für knapp vier Jahre! Der reinste Wucher! Ich weiß nicht, wie ich das Geld aufbringen soll.«
»Aber damals warst du einverstanden.« Wieland Trasse lächelte leicht.
»Sicher. Ich brauchte das Geld doch. Aber die
Zinsen ...«
»Wann hast du den Wechsel unterschrieben?«
»Sommer 1919.«
»In Gold- oder Reichsmark?«
»Reichsmark.«
Trasse griff zum Humidor. »Darf ich?«
Königsgruber nickte.
Sein Gast öffnete das Behältnis, zog eine Zigarre heraus, prüfte ihren Geruch, schnitt sorgfältig die Spitze ab, drehte die Havanna im Mund, um sie zu befeuchten, und steckte sie schließlich mit einem Streichholz an. Befriedigt lehnte sich Trasse in seinem Sessel zurück und ließ den Rauch langsam aus seinem Mund strömen. »Wenn der Wechsel in Reichsmark ausgestellt ist, solltest du dir eigentlich keine Sorgen machen.«
»Warum nicht?«
»Hast du die Reichstagsrede von Kanzler Cuno über die französische Besetzung gelesen?«
»Natürlich.« Königsgruber stand wieder auf, kramte eine Zeitung aus einem Papierstapel vom Sekretär und kehrte zu seinem Platz zurück. Dort begann er, aus der Zeitung zu zitieren. Seine Stimme war nicht mehr ganz deutlich. »Zur festesten Einigung aller Schichten unseres Volkes, zu innigster Gemeinschaft mit dem Staat, zur Weckung aller tiefen, offenen und verschütteten, sittlichen und religiösen Kräfte ruft uns die Stunde.« Mit lauter, pathetischer Stimme fuhr er fort: »Unrecht, Not, Entbehrung – unser Schicksal heute. Recht, Freiheit und Leben – das Ziel. Einigkeit – der Weg!« Königsgruber fiel in seinen Sessel zurück und griff zu seinem Glas.
»Genau.« Wieder spielte ein ironisches Lächeln um Trasses Mund. »Und dann hat Cuno noch gesagt, dass die Reichsregierung bereit sei, diesen Weg zu gehen und das Volk zu führen. Weißt du, was das bedeutet?«
»Selbstverständlich. Das bedeutet ... Eigentlich nicht. «
»Ich will es dir erklären. Du weißt, dass die Reichsregierung alle Bürger in den besetzten Gebieten zum passiven Widerstand aufgerufen hat?«
Königsgruber nickte heftig. »Wer dem Franzmann auch nur einen Finger reicht, dem soll die Hand abfaulen!«, rief er aus.
»Eben. Die ersten Betriebe werden schon bestreikt. Es wird über kurz oder lang zum Generalstreik im Rheinland und dem Ruhrgebiet kommen.«
»Woher weißt du das?«
»Ich habe so meine Beziehungen. Im Finanzministerium in Berlin jedenfalls rechnen sie schon kräftig.« Trasse hatte es in den vergangenen Jahren verstanden, sich ein Netz von Kontakten bis in die höchsten Stellen aufzubauen. Schon sein Vater hatte in verantwortungsvoller Stellung als Beamter dem Staat gedient. Von ihm hatte Wieland Trasse früh gelernt, dass Beziehungen häufig besser Macht und Einfluss sicherten als Herkunft oder Geld. Manchmal allerdings bedingte das eine auch das andere.
Das Gesichts Königsgrubers drückte Unverständnis aus. »Was hat das ...«
»Mit deinem Kredit zu tun, willst du wissen? Warte einen Moment. Die Streiks richten sich nicht gegen die deutschen Unternehmer, sondern gegen die Franzosen und Belgier. Die Gewerkschaften können diesen Streik nicht finanzieren. Ebenso...




