E-Book, Deutsch, 276 Seiten
Zweyer Georgs Geheimnis
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7526-8271-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 276 Seiten
ISBN: 978-3-7526-8271-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen hat er sich mit der Goldstein-Trilogie Franzosenliebchen, Goldfasan und Persilschein das erste Mal historischen Themen zugewandt. Es folgte die von Linden-Saga, eine historische Familiengeschichte aus dem Ruhrgebiet, in fünf Bänden ein Thriller zur Flüchtlingsproblematik (Starkstrom) und ein Ökothriller (Der vierte Spatz).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
Hätte Rainer Esch geahnt, was sich in den nächsten Wochen ereignen würde – er wäre an diesem Montagmorgen im Bett geblieben.
So aber saß er in seiner Anwaltskanzlei in der Castroper Straße in Herne, starrte die Wand an und wartete auf Mandanten. Zwar lief sein Laden etwas besser als vor einem Jahr, Reichtümer warf er jedoch nach wie vor nicht ab. Auch zu einer Sekretärin hatte es immer noch nicht gereicht, so dass sich Rainer notgedrungen selbst mit dem Textverarbeitungsprogramm seines Computers abplagen musste.
Der 40-Jährige steckte sich eine Reval an, blätterte im und überflog einen Artikel über den jüngsten Streit in der Regierungskoalition, da schellte es an seiner Praxistür. Rainer drückte hastig seine Kippe aus, verteilte, mit der Zeitschrift wedelnd, den Rauch im Zimmer und spurtete zum Eingang. Der Anwalt setzte sein Was-bin-ich-heute-wieder-beschäftigt-Gesicht auf und öffnete. Vor der Tür stand ein etwa 60-jähriger Mann in einem verbeulten Trench und mit einer Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf. Darunter waren graue Haare zu erkennen.
»Guten Tag«, begrüßte Rainer seinen Besucher.
»Ich möchte zu Rechtsanwalt Esch. Ich habe da ein kleines Problem ...«, antwortete dieser.
Der Anwalt ließ den Mann eintreten. »Wenn ich vorgehen darf ...?« Der potenzielle Mandant folgte ihm. Rainer bot ihm einen Stuhl vor seinem Schreibtisch an. »Möchten Sie einen Kaffee?«
»Nein, vielen Dank.«
»Eine Zigarette?« Esch hielt ihm die Schachtel hin.
»Nein, ich rauche nicht. Das hab ich mir vor Jahren abgewöhnt. Aber wenn Sie ...«
»Danke.« Der Anwalt griff zur Schachtel und zündete sich eine neue Zigarette an. »Was kann ich für Sie tun, Herr ...?«
»Pawlitsch. Georg Pawlitsch.«
Esch notierte den Namen. »Herr Pawlitsch. Also, wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll ... Sagen Sie, was kostet eine Auskunft bei Ihnen?«
Solche Menschen liebte Rainer. Er hatte schon öfter erlebt, dass Mandanten mit ihm über die Höhe seines Honorars feilschen wollten, noch bevor er überhaupt wusste, worum es ging. Seiner Meinung nach verwechselten diese Leute eine Anwaltskanzlei mit einem orientalischen Basar, obwohl vermutlich auf Letzterem weniger als in seinem Büro gelogen wurde.
»Das hängt vom Sachverhalt ab, Herr Pawlitsch. Das Anwaltshonorar richtet sich nach dem Streitwert und ist in den meisten Fällen gesetzlich vorgeschrieben. Wenn Sie mir sagen, um was es geht, kann ich Ihnen zumindest grob sagen, welche Gebühren entstehen können.«
»Ich brauche eine Auskunft über das Presserecht.«
»Über das Presserecht?« Esch rekapitulierte seine Kenntnisse auf diesem Gebiet und musste selbstkritisch eingestehen, dass er nicht die geringste Ahnung hatte. An so eine Unwissenheit hatte er sich jedoch gewöhnt. Das war früher, während seiner Studentenzeit, der normale Zustand vor jeder Klausur gewesen. »Also das Presserecht. Selbstverständlich. Um was geht es?« Klappern gehört zum Handwerk. Rainer fand, dass er einen ungemein professionellen Eindruck machte.
Leider ließ der nächste Satz seines neuen Mandanten eine gewisse Skepsis erkennen. »Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Aber, kennen Sie sich wirklich auf diesem Gebiet aus?«
Esch zog leicht verstört an seiner Zigarette. »Ich bitte Sie. Darin bin ich sozusagen zu Hause. Was wollen Sie denn wissen?«
»Und Ihr Honorar? Wie hoch ist Ihr Honorar?«
»Wenn ich Ihre Frage sofort und ohne intensiver, äh ..., in die Materie einzusteigen beantworten kann, betrachte ich unser Gespräch als Beratung. Mein Honorar würde dann, äh, sagen wir mal, einhundertfünfzig betragen.« Rainer beobachtete sein Gegenüber aufmerksam, bereit, beim geringsten Ausdruck des Erschreckens oder Unwillens seine Forderung unverzüglich zu reduzieren.
»Einhundertfünfzig. In Ordnung.«
Esch atmete auf. Geld schien keine wesentliche Rolle zu spielen.
»Gut. Also, um was geht es denn nun?«
Pawlitsch zögerte. Esch schien es, als suche er nach den richtigen Worten. Dann begann Georg Pawlitsch bedächtig und langsam zu sprechen; so, als ob er jedes Wort sorgfältig abwägen müsste: »Wenn eine Zeitschrift oder ein Verlag irgendetwas veröffentlicht, dann muss es sich doch um die Wahrheit handeln, oder?«
»Das muss es.« Rainer dachte an die tatsächliche Praxis vieler Medien und hoffte, dass ihm nicht die Schamesröte im Gesicht stand.
»Und was ist, wenn es sich um lebende oder auch tote Personen handelt?«
»Da gilt das natürlich auch. Sie dürfen keine unwahren oder ehrverletzenden Aussagen über andere Menschen machen. Beispielsweise ist es nicht gestattet, Bilder anderer Leute ohne deren ausdrückliches Einverständnis zu veröffentlichen. Das nennt man: Recht am eigenen Bild. Das gilt allerdings nicht, wenn es sich bei dem Fotografierten um eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, zum Beispiel einen Politiker oder Schauspieler, handelt. Die müssen es sich in der Regel gefallen lassen, fotografiert zu werden. Zumindest dann, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Trotzdem versuchen immer wieder Sensationsfotografen ...«
»Nein«, unterbrach ihn Pawlitsch. »Darum geht es mir nicht. Es dreht sich nicht um Bilder. Ich meine Geschichten über andere Menschen ... wahre Geschichten.«
Esch hatte nicht die geringste Ahnung, worauf Pawlitsch hinauswollte. »Ich verstehe. Wenn eine Zeitung beispielsweise über mich schreibt, ich sei der beste Anwalt Hernes, ist das leider eine nicht überprüfbare Behauptung. Die Zeitschrift darf eine solche Aussage im Grunde nicht machen. Das gilt selbstverständlich in viel stärkerem Maß für das Gegenteil. Das stimmt natürlich erst recht nicht und darf deshalb auch nicht veröffentlicht werden.« Rainer grinste sein Gegenüber an, der reagierte jedoch überhaupt nicht auf seine Scherze. »Hm, gut. Also: Sie dürfen nur wahre Tatsachenbehauptungen aufstellen.«
»Was bedeutet das?«
»Wenn Sie behaupten, dass ein Politiker irgendwann einen Meineid geschworen hat, muss das stimmen. Sie sollten belegen können, dass dieser Politiker von einem Gericht deshalb rechtskräftig verurteilt worden ist. Mit dem Hinweis auf das urteilende Gericht oder des Aktenzeichens. Können Sie das nicht, müssen Sie damit rechnen, Ihrerseits verklagt zu werden.«
Rainer musterte seinen Mandanten genauer. Der Mann war schlank und salopp und gepflegt gekleidet. Allerdings schien er sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen: Unaufhörlich knetete er seine Finger und rutschte, trotz seiner ruhigen Redeweise auf dem altersschwachen Freischwinger hin und her. Der Anwalt fürchtete angesichts der Zappelei um die Haltbarkeit seines Möbels.
Pawlitsch zögerte. »Wenn mir nun ein Dritter gesagt hat, dass dieser Politiker einen Meineid geschworen hat? Was mache ich dann?«
»Dann wird die Angelegenheit komplizierter. Sie sind dann gezwungen, diese Aussage zu überprüfen. Sie dürfen nicht allein auf die Glaubwürdigkeit Ihres Informanten setzen.«
»Und wenn ich das nicht überprüfen kann? Wenn der Politiker dem Dritten unter vier Augen den Meineid gestanden hat?«
»Dann, wie gesagt, müssen Sie damit rechnen, verklagt zu werden. Aber sagen Sie, Herr Pawlitsch, warum wollen Sie das wissen? Möchten Sie eine Zeitung herausgeben?«
»Nein, nein.« Georg Pawlitsch massierte seine Hände.
»Mich interessiert das einfach.«
Esch glaubte ihm kein Wort.
»Wenn mich dieser Politiker verklagt, kommt es zu einem Prozess, richtig?«
»Richtig.«
»Und da habe ich dann Gelegenheit, die mir bekannten Beweise vorzulegen?«
»So ist es.«
Unvermittelt stand Pawlitsch auf. »Danke, Herr Esch. Das reicht mir. Sie haben mir sehr geholfen.«
Rainer wusste zwar nicht, wobei, nickte aber freundlich. Anscheinend war er doch besser, als er dachte.
»Keine Ursache.«
»Ach, Herr Esch.« Georg Pawlitsch sah Rainer fragend an. »Wenn ich juristischen Beistand benötige, würden Sie mir dann helfen?«
Rainer war verblüfft. »Selbstverständlich. Was meinen Sie denn konkret?«
»Konkret? Nichts. Das war eine eher allgemeine Frage.«
»Wenn es sich um einen Prozess handelt, wie Sie eben angedeutet haben ...«
»Das könnte sein.« Pawlitsch dachte nach und sagte dann langsam: »Ja, das wäre möglich. So ginge es vielleicht.«
»Was ginge wie vielleicht?«
Pawlitsch ignorierte Rainers Bemerkung. »Benötigen Sie für einen Prozess eine Vollmacht?«
»Schon, aber Sie...




