Zweyer | Glück Auf, Glück Ab | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Zweyer Glück Auf, Glück Ab


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-1945-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-7526-1945-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Fahrsteiger Klaus Westhoff wird tot aufgefunden. Selbstmord, sagt die Polizei. Doch warum? Die Schwester des Toten, Stefanie Westhoff will es wissen und sucht gemeinsam mit ihren Freunden Rainer Esch und Cengiz Kaya nach Gründen. Dabei stoßen sie auf die dubiose Investmentfirma >Take off<, deren Betreiber es nicht nur auf das mühsam Ersparte der Bergleute abgesehen haben...

Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt/M. geboren und wuchs in Bad Oeynhausen auf. Mitte der siebziger Jahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur in Bochum und Dortmund, dann Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Zwischen den Studiengängen schrieb er als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Nach seiner letzten Abschlussprüfung war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität, danach viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller im Ruhrgebiet. Er lebt in Herne und hat bisher 21 Bücher veröffentlicht.
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6

Das Telefon läutete.

»Brischinsky, was gibt’s?« Er klemmte den Hörer mit der linken Schulter an sein Ohr, griff nach Papier und Bleistift und wartete.

»Ja, Phanodorm. Wie heißt der Wirkstoff? – Cyclobarbital. Aha. – Ein starkes Schlafmittel? Rezeptpflichtig? – Was sagten Sie? Persedon? – Kenn ich nicht. Was soll das sein? – Noch mal bitte, aber langsam, ich muss mir das aufschreiben. Pyrithyldion. – Ein Beruhigungsmittel, ja, hab ich. – Gar nicht mehr im Handel? Is ja interessant. – Nein, danke. Das war alles. – Danke. Ihnen auch. Tschüs.«

Er wandte sich an Baumann. »Ein ganzer toxischer Cocktail. Der ist auf Nummer Sicher gegangen. Kommt alles noch schriftlich.«

Hauptkommissar Brischinsky verzog beim Gedanken an die letzte Nacht das Gesicht. Nicht nur seine neuen Lederschuhe hatten gelitten, auch seine Gesundheit schien angegriffen; er spürte ein leichtes Kratzen im Hals und Niesreiz, für ihn untrügliche Zeichen einer beginnenden Erkältung. Er lutschte die dritte Halstablette an diesem sehr frühen Morgen.

»Meinst du, das hilft?«, fragte Heiner Baumann.

Brischinsky sah ihn über den Schreibtisch hinweg an. »Keine Ahnung. Glaube schon. Jedenfalls schadet es nichts. Hoffe ich zumindest.«

Er stierte wieder auf die vergilbte Fotokopie eines Comics, die an der Wand hing. Das Bild zeigte einen Mann, der in Rambo-Manier mit einem Maschinengewehr auf einen Personalcomputer anlegte und schrie: »Was heißt hier falsche Eingabe?«

Das Bild hatte Peters aufgehängt, Vorgänger von Baumann. Peters war ein Computer-Freak und hatte sich zum Landeskriminalamt wegbeworben, wo er wahrscheinlich den ganzen Tag in endloser Eintipparbeit die Kennzeichen gestohlener Autos in den Zentralrechner eingeben musste. So ähnlich jedenfalls stellte sich Brischinsky das vor.

»Sag mal, findest du das nicht auch eigenartig?« Brischinsky bohrte gedankenverloren in seinem rechten Ohr. »Da kauft sich jemand einen Gartenschlauch, eine passende Schelle und bohrt fein säuberlich ein Loch in die Heckklappe seines Autos, steckt den Schlauch durch und lässt den Motor laufen. Dann betrinkt er sich mit Schnaps und schluckt sicherheitshalber noch Schlafpillen und Beruhigungstabletten, die gar nicht mehr im Handel sind. Und dann schreibt dieser Mensch, der soviel Energie aufgewendet hat, um sich vom Leben in den Tod zu befördern, noch nicht mal ‘nen Abschiedsbrief?«

»Find ich nicht. Der Schraubenzieher, den wir im Kofferraum gefunden haben, passt zu den Schrauben der Schelle. Die Öffnung war mit Tempotaschentüchern zugestopft. Die Packungen mit den restlichen Papiertüchern haben wir in seiner Jackentasche gefunden. Und wer sagt denn, dass kein Abschiedsbrief in seiner Wohnung liegt? Jemand, der so gründlich ist, wird ja wohl zuerst seinen Verwandten Bescheid geben wollen. Außerdem: Wir haben den Wagen gründlich durchsucht. Absolut nichts Auffälliges. Nur die Tablettenrolle. Und dann noch die leere Packung Persedon. Auch rund um den Wagen absolut nichts Verwertbares. Keine Spuren oder so was. Allerdings ist das kein Wunder, bei dem Regen. Selbst wenn da was gewesen sein sollte, hat der alles weggespült.«

»Kann sein. Kann auch nicht sein. Auf jeden Fall warten wir das Ergebnis der Obduktion ab. Vielleicht bringt uns das ja weiter. Habt ihr die Fingerabdrücke überprüft? Haben wir da was?«

»Nein, nichts. Der Tote ist für uns ein völlig unbeschriebenes Blatt.«

Brischinsky blätterte im Papierstapel, der vor ihm lag.

»Verflucht noch mal. Wo ist eigentlich die Anschrift geblieben? Ach da.« Er zog einen kleinen Notizzettel zwischen zwei Aktendeckeln hervor. »Klaus Westhoff. Bochumer 346. Komm, da fahren wir noch mal hin. Vielleicht ist da ja heute Morgen jemand. Erst mal müssen wir wissen, ob der Tote wirklich Klaus Westhoff ist. Wann bekommen wir eigentlich das Foto von der Leiche? Das dauert ja ewig.«

»Verstehe ich auch nicht. Die haben mir das Bild schon vor einer Stunde zugesichert.«

Baumann griff zum Telefon.

»Das hat jetzt auch noch Zeit. Komm, wir fahren.«

Im frühmorgendlichen Berufsverkehr benötigten sie fast eine halbe Stunde bis Recklinghausen-Süd. Baumann lenkte, und Brischinsky meckerte.

»Pass doch auf. Du fährst viel zu dicht auf. Wenn uns die Kollegen von der Streife anhalten, badest du die Sache alleine aus. Das war dunkelorange. Nicht so schnell.«

Baumann bremste den Dienstpassat abrupt. »Entweder du hältst die Klappe, fährst selber oder steigst hier aus. Ich bin doch nicht dein Leibeigener.«

»‘tschuldigung. Aber ich bin müde, habe Hunger und krieg ‘ne Grippe.«

»Trotzdem kein Grund, hier so rumzumaulen.«

»Is ja gut. Komm, fahr weiter.«

Sie fanden direkt vor dem Haus einen Parkplatz. Der Eingang lag zwischen einem Schreibwarenladen und einem türkischen Lebensmittelgeschäft. Brischinsky fand das Klingelschild mit dem Namen Westhoff und drückte kräftig.

Sie warteten. Es passierte nichts. Er schellte erneut. Immer noch keine Reaktion. Wie in der vergangenen Nacht. »Ich versuch’s mal hier.«

Er läutete bei Lange. Kurze Zeit später summte der Türöffner. Sie drückten die Tür auf und traten in den Hausflur. Es roch leicht modrig, aber nicht unangenehm. Die Treppe zum ersten Stock war aus Holz. Die Stufen waren ausgetreten und knarrten leise.

Auf halber Höhe angekommen, rief eine Frauenstimme von oben: »Wer sind Se, und wat wollen Se? Um diese Zeit. Ich kaufe nichts. Überhaupt nichts.«

Brischinsky zückte seinen Dienstausweis. »Brischinsky, Kripo Recklinghausen.« Er zeigte auf den Kommissar. »Das ist mein Kollege Baumann. Wir hätten da ein paar Fragen an Sie.«

»Dauert’s lange? Ich muss gleich zur Arbeit.«

»Nein, nur ein paar Minuten.« Brischinsky gab ihr die Hand. »Können wir vielleicht ...« Er zeigte auf die offene Wohnungstür.

»‘türlich. Is aber nich aufgeräumt.« Mit einer einladenden Handbewegung schob die Frau die beiden Beamten in ihre Wohnung. Sie schloss die Tür, drehte sich um und fragte: »Wat is nun?«

»Kennen Sie Herrn Klaus Westhoff, Ihren Nachbarn?«

»Blöde Frage. Natürlich kenn ich den.«

»Er ist nicht zu Hause. Wissen Sie, wann wir Ihren Nachbarn erreichen können?«

»Woher soll ich dat denn wissen? Ich bin doch nicht so eine, die den ganzen Tag an der Wohnungstür hängt. Hab ich keine Zeit für. Wat meinen Se denn?«

»Könnte ja sein.«

»Is aber nich.«

»Was macht der denn so, ich meine beruflich?«

»Warum wollen Se dat wissen?«

Brischinsky wurde ärgerlich. »Jetzt hören Sie mir mal zu, Frau Lange, wir können uns auch ...«

Die Frau unterbrach ihn. »Hören Sie mir mal zu. Erstens heiß ich nicht Lange, sondern Zuckel. Und ich wohne hier auch nicht ständig, sondern nur manchmal. Mit Herrn Lange. Und überhaupt ...«

Dem Hauptkommissar schwollen die Zornesadern. »Entweder Sie beantworten jetzt sofort unsere Fragen, oder wir unterhalten uns im Präsidium weiter. Haben Sie verstanden?«

»Nun regen Se sich mal nich so auf. Ich sag Ihnen ja, wat ich weiß. Ich glaube, der is auf’m Pütt. Auf Eiserner Kanzler. Weiß ich aber nich so genau. Und da kommt auch öfters eine junge Frau zu Besuch, ich glaube, dat is seine Schwester, oder so.«

»Wie kommen Sie denn darauf, dass das seine Schwester ist?«, erkundigte sich der Kommissar.

»Mann, weil die bleibt nie über Nacht. Und dat bei sonner Hübschen. Und dann geht die immer schon nach kurzer Zeit wieder. Nee, die ham nichts miteinander. Kann nur ‘ne Verwandte sein.«

»Wissen Sie vielleicht zufällig, wie die heißt?«

»Ich glaub, Stefanie, bin mir aber nicht sicher.«

»Für eine Frau, die nicht an der Tür lauscht, wissen Sie aber ‘ne ganze Menge«, grinste Brischinsky. »Trotzdem, vielen Dank.«

Frau Zuckels Gesicht lief dunkelrot an. »Ja, dann. Auf Wiedersehn.«

Brischinsky ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. »So, du fährst mich jetzt zum Bären Café, frühstücken.«

»Hat aber noch zu«, antwortete Baumann.

»Mist. Was hat denn jetzt schon auf?«

Baumann schaute auf seine Armbanduhr. »Nur

McDonald’s.«

»Das ist nicht dein Ernst. Oder doch?«

Baumann nickte feixend.

»O Gott. Also gut. Fahr mich dahin. Aber ordentlich. Kannst mich dann da später abholen. Oder warte. Ich gehe nachher lieber zu Fuß.«

»Und was ist mit mir?«, wollte Baumann wissen.

»Mit dir? Was soll schon sein?« Brischinsky lachte hämisch. »Du fährst zum Bergwerk Eiserner...



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