E-Book, Deutsch, 356 Seiten
Zweyer Goldfasan
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-8438-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 356 Seiten
ISBN: 978-3-7534-8438-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen hat er sich mit der Goldstein-Trilogie (Franzosenliebchen, Goldfasan, Persilschein) das erste Mal historischen Themen zugewandt. Es folgte die fünfbändige Linden-Saga, eine historische Familiengeschichte aus dem Ruhrgebiet, ein Thriller zur Flüchtlingsproblematik (Starkstrom) und 2020 ein Ökothriller (Der vierte Spatz).
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Sein Schreibtisch bog sich vor Akten. Entgegen der landläufigen Meinung war trotz der drakonischen Strafen, die deutsche Gerichte und besonders der Volksgerichtshof verhängten, die Zahl der Kapitalverbrechen im nationalsozialistischen Deutschland nicht gesunken. Im Gegenteil: Da viel mehr Delikte unter Strafandrohung standen als früher, hatte die Zahl der Verbrechen zugenommen.
Die Zeitungen des Reichs hatten allerdings strikte Order, nicht darüber zu berichten, es sei denn, die Straftaten wurden von sogenannten Nichtariern begangen und konnten propagandistisch ausgeschlachtet werden. Peter Golsten und seine Kollegen wussten es besser.
Sie waren jedoch per Befehl zum Schweigen verpflichtet worden. Wobei so ein Befehl kaum nötig war, ohnehin beschäftigte sich nur eine kleine Minderheit der deutschen Polizisten mit solchen Gedanken. Die überwiegende Mehrheit der Angehörigen der Sicherheitspolizei stand fest zum nationalsozialistischen Staat und seinen Repräsentanten, und sei es auch nur deswegen, weil sie einen entsprechenden Eid geschworen hatten. So auch Peter Golsten, der früher Goldstein geheißen hatte.
Anlass für die Namensänderung war ein Gespräch gewesen, welches Goldsteins Vorgesetzter nach dem Zusammenschluss von Kriminalpolizei, Sicherheitsdienst der SS und der Gestapo mit ihm geführt hatte. Im neu gebildeten Reichssicherheitshauptamt, so der Oberkriminalrat damals, müsse besonderer Wert auf einwandfreie Abstammung gelegt werden. Deshalb sei es wichtig, sich von diesem kompromittierenden Nachnamen zu trennen, um zukünftig keine beruflichen Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Diese Entscheidung sei sein Bekenntnis für die Tätigkeit im Reichssicherheitshauptamt, für den nationalsozialistischen Staat und für Deutschland und seiner Karriere nur förderlich. Und so kam es, dass aus Peter Goldstein, Hauptkommissar der Bochumer Kriminalpolizei, am 3. Oktober 1939 Peter Golsten geworden war, Hauptkommissar und zusätzlich SS-Hauptsturmführer im Amt V des Reichssicherheitshauptamts mit Dienstsitz in Bochum. Ein überzeugter Nationalsozialist war er trotzdem nicht geworden. Er diente nur dem Staat und seinen Gesetzen, fand er. Keiner Ideologie. Die Bestätigung seiner SS-Mitgliedschaft war nach nur wenigen Tagen gekommen. Seine Beförderung zum Kriminalrat jedoch blieb ein uneingelöstes Versprechen.
Seit fast zwanzig Jahren lebte Peter Golsten nun schon im Ruhrgebiet. Ursprünglich stammte er aus Straßburg, wo er auch Abitur gemacht hatte. Wie viele Frontoffiziere, die desillusioniert aus dem Großen Krieg zurückgekehrt waren, war er später zur neu gegründeten Kriminalpolizei in Berlin gestoßen. Von dort war er wegen seiner französischen Sprachkenntnisse Anfang 1923 in das besetzte Ruhrgebiet gesandt worden, um den Mord an einer Bergarbeitertochter aufzuklären. Später erhielt er in Bochum eine Stelle als Kriminalkommissar. Und Lisbeth, die Schwester der Toten, war seine Frau geworden.
Zusammen mit dem Schwiegervater lebten Peter Golsten und seine Frau in einer Bergarbeitersiedlung in Herne. Bei der Übertragung des Wohnrechts für das Steigerhaus auf den Kriminalbeamten hatte sich die Wohnungsverwaltung der Zeche generös verhalten. Zwar sei er kein Bergmann, hieß es damals, aber ein Polizist sei als Mieter sehr willkommen. Könne er doch, quasi als Gegenleistung, ein wachsames Auge auf die politisch suspekten Elemente in der Siedlung werfen, die leider die doch eigentlich rechtschaffenen Bergleute immer wieder aufwiegelten. Da die Zechenverwaltung diese Bereitschaft mit einer erheblichen Mietreduzierung versüßte, hatte Golsten zugesagt. Allerdings war ihm und seiner Familie eine gute Nachbarschaft wichtiger als das Sammeln von Informationen über die mit den Verhältnissen unzufriedenen Bergleute, daher konnte die Zechenleitung mit den abgelieferten Berichten eigentlich nicht zufrieden sein.
Kinder hatten die Eheleute keine. Der Arzt, den sie konsultiert hatten, konnte keine medizinischen Gründe finden und meinte, alles läge schließlich in Gottes Hand. Peter Golsten, wie seine Frau nicht sehr religiös, hegte da so seine Zweifel. Aber mittlerweile, Golsten war Mitte vierzig und auch seine Frau Lisbeth hatte die dreißig lange hinter sich gelassen, hatten sie sich damit abgefunden.
Es klopfte und unmittelbar darauf wurde die Tür geöffnet. Kriminalinspektor Heinz Schönberger, dessen Büro sich nebenan befand, betrat den Raum.
»Morgen, Peter.«
Peter Golsten sah von seinen Unterlagen hoch. »Morgen.«
»Ich habe dir Arbeit mitgebracht.« Heinz Schönberger legte einen Aktendeckel ganz oben auf einen der Stapel.
»O nein! Was ist es denn?«, stöhnte Peter Golsten.
»Eine Vermisstensache. Eine Ostarbeiterin ist verschwunden.«
»Was haben wir damit zu tun? Das ist entweder eine Sache der Fahndung oder der weiblichen Kripo.« Er schob die Akte zurück in Richtung Schönberger. »Nicht zuständig.«
Der rundliche Mann verzog feixend das Gesicht. »Anweisung von oben. Die Polin war im Haushalt von Walter Munder beschäftigt.«
»Der Walter Munder?«
»Genau. Deshalb wünscht unser gemeinsamer Vorgesetzter, dass sich ein erfahrener Polizist um den Fall kümmert. Jemand wie du.«
Peter Golsten stöhnte erneut. »Mir bleibt nichts erspart.«
Sein Kollege lachte und ging zur Tür. »Sag das nicht zu laut.« Mit diesen Worten verließ er Golstens Büro.
Peter Golsten schüttelte resignierend den Kopf. Dann hatte ihm wohl Saborski diesen Fall aufs Auge gedrückt. Wilfried Saborski, Kriminalrat in Bochum und SS-Sturmbannführer. Parteimitglied seit den frühen Zwanzigerjahren mit einer nur vierstelligen Mitgliedsnummer. Einer der alten Kämpfer, schon im Widerstand gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets aktiv. Erst SA, dann SS, dann Gestapo und nun Reichssicherheitshauptamt. Sein direkter Vorgesetzter. Peter Golsten kannte ihn seit zwei Jahrzehnten. Aber Freunde waren sie nie geworden, auch keine Kollegen. Nur Parteigenossen. Aber das waren ja viele in diesen Zeiten.
Er griff zu der dünnen Akte und begann, sie zu lesen. Die vermisste Marta Slowacki war 1924 in Kulm im damaligen Polen geboren und zwei Jahre nach Kriegsbeginn als Dienstmädchen nach Deutschland verbracht worden. Den Unterlagen war nicht zu entnehmen, ob sie, bevor sie in Munders Haushalt kam, woanders gearbeitet hatte. Eines der üblichen Fotos der Meldebehörden war oben rechts angeheftet. Golsten sah eine junge Frau mit halblangen, schwarzen Haaren, die aus großen, dunklen Augen an der Kamera vorbei ins Nichts schaute. Über das Bild war ein großes P gestempelt. P für eine polnische Zwangsarbeiterin.
Am 23. März dieses Jahres hatte Frau Munder Marta Slowacki zu einem Besorgungsgang geschickt, von dem sie nicht zurückgekehrt war. Walter Munder, stellvertretender Kreisleiter der NSDAP in Herne, hatte jedoch erst zwei Tage später eine Vermisstenanzeige bei der Polizei erstattet. Die Kollegen, um die politische Bedeutung des Parteibonzen wissend, hatten den Vorfall unverzüglich Saborski vorgelegt. Und nun war Peter Golsten mit dem Fall befasst. Kriminalrat Saborski hatte handschriftlich auf der Vermisstenmeldung vermerkt, dass Peter Golsten jeden seiner Schritte vorab mit ihm abzustimmen habe. Wieder seufzte Peter Golsten. Ein Routinefall, der ihm seine Zeit stahl. Natürlich wusste er, dass die Polin nach nationalsozialistischer Rechtsauffassung ein Kapitalverbrechen begangen hatte. Aber hatte er nichts Wichtigeres zu tun? Er überlegte einen Moment und griff dann zum Telefonhörer.
»Vorzimmer Kriminalrat Saborski«, meldete sich Margot Schäfer sofort.
Schäfer arbeitete schon seit Jahren für Saborski und war im Amt eine Legende. Alle ihre Vorgängerinnen waren nach nur wenigen Tagen entweder entlassen, auf einen anderen Arbeitsplatz versetzt worden oder hatten von sich aus das Handtuch geworfen. Im Amt machte deshalb das Gerücht die Runde, Saborski und sie hätten eine Beziehung, die über das rein Berufliche weit hinausging. Peter Golsten hielt das Gequatsche für Blödsinn. Und vermutlich war diese Auffassung auch Margot Schäfer zu Ohren gekommen, denn er hatte bei der Sekretärin seines Chefs einen Stein im Brett.
»Golsten. Guten Morgen, Fräulein Schäfer. Ist der Chef zu sprechen?«
»Heil Hitler, Hauptsturmführer. Um was geht es denn?«
»Nun lassen Sie doch die Dienstgrade weg. So förmlich müssen wir doch nicht sein.«
»Wie Sie meinen, Herr Hauptkommissar. Also, was kann ich dem Sturmbannführer ausrichten?«
Peter Golsten lachte. »Eigentlich bezog sich meine Bemerkung auf alle Dienstgrade, Fräulein Schäfer. Ich wollte den Kriminalrat in Sachen der vermissten Ostarbeiterin sprechen.«
»Diese Polin? Wie heißt sie doch gleich … Slowacki, nicht wahr?«
»Ja.«
»Der Sturmbannführer hat mir davon erzählt.«
Peter Golsten wunderte sich. Normalerweise war...




