E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Zweyer Siebte Sohle, Querschlag West
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-1961-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7526-1961-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen hat er sich mit der Goldstein-Trilogie Franzosenliebchen, Goldfasan und Persilschein das erste Mal historischen Themen zugewandt. Es folgte die von Linden-Saga, eine historische Familiengeschichte aus dem Ruhrgebiet, in fünf Bänden ein Thriller zur Flüchtlingsproblematik (Starkstrom) und ein Ökothriller (Der vierte Spatz).
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2
Ein unbarmherziges Schrillen riss Rainer Esch aus dem Schlaf. Es dauerte einen Moment, bis er sich darüber klar wurde, wo er war. Noch etwas länger benötigte Rainer, um das penetrante Schrillen als das gemeinsame Klingeln seiner drei Wecker zu identifizieren.
Vorsichtig und ohne jede überflüssige Bewegung öffnete er erst das eine, dann das andere Auge. Die Helligkeit im Zimmer ließ ihn die Lider sofort wieder schließen. Esch zog sich die Bettdecke über den Kopf und versuchte weiterzuschlafen.
Ein rhythmisches Pochen unter seiner Schädeldecke hinderte ihn daran. Mit einem Seufzer tiefster Resignation begann Rainer aufzustehen. Als er nach einigen Anstrengungen neben seinem Bett stand, wurde ihm übel. Der Zimmerboden schien von ihm weg nach oben zu kippen. Mit letzter Kraft erreichte er die Tür und hielt sich an der Klinke fest. Dann machte sich Esch an das Unterfangen, lebend das Badezimmer zu erreichen.
Auf dem Weg dorthin schlurfte er an einer geöffneten Zimmertür vorbei. Rainer warf einen Blick in das Wohnzimmer und erstarrte. Überquellende Aschenbecher, halb volle Gläser und Flaschen, Rotweinflecken auf dem hellen Teppich, Pizzareste auf Papptellern im Zimmer verstreut, ein BH, in Regalböden und auf Beistelltischen verteilte Schallplatten und CDs ohne Hüllen, die so aussahen, als seien sie als Bierdeckel missbraucht worden, Turnschuhe, die ihm irgendwie bekannt vorkamen, und fast vertrocknete Blumen in einem Sektkühler, der augenscheinlich als Vase vorgesehen war, nur hatte niemand daran gedacht, Wasser einzufüllen.
Und dieser Jemand war natürlich er selbst gewesen. So oder schlimmer sah seine Wohnung meistens aus, wenn Esch ein paar gute Freunde zu einem gepflegten Umtrunk gebeten hatte. Er schüttelte sich und beschloss, die Inspektion seiner Küche auf die Zeit nach dem Duschen zu verschieben. Das Hämmern in seinem Kopf wurde stärker.
Rainer setzte den Weg in sein Badezimmer fort und begann dort ergebnislos nach Kopfschmerztabletten zu fahnden. Das Putzen seiner Zähne beseitigte leider nicht den schalen Geschmack auf seiner Zunge. Nur durch den massiven und hochdosierten Einsatz von Mundwasser gelang es ihm, diesen Mangel zu beheben.
Er schleppte sich unter die Dusche und ließ minutenlang lauwarmes Wasser über seinen Kopf laufen. Erst langsam kehrte die Erinnerung an das vergangene Wochenende und den gestrigen Abend zurück.
Freitagabend hatte Rainer seinen besten Freund Cengiz Kaya zum Essen in Hernes bekanntestes griechische Szenelokal, das , eingeladen. Anschließend waren sie in die gefahren, eine ursprünglich grün-alternative Kneipe. Dort hatte er noch ein paar alte Bekannte und Freunde aus den wilden Siebzigern getroffen, die immer noch hier verkehrten und mittlerweile zum Inventar gehörten. Gemeinsam begossen sie die alten und neuen Zeiten und Esch hatte, ausgelöst durch reichhaltigen Brandy- und Rieslingkonsum, leichtsinnigerweise eine Einladung ausgesprochen, die dann folgerichtig zu dem gestrigen Absturz geführt hatte.
Trotz intensiven Nachdenkens fiel ihm beim besten Willen allerdings nicht mehr ein, wer von den zwei gestern anwesenden Frauen das fragliche Dessous bei ihm vergessen hatte. Noch weniger konnte er sich daran erinnern, warum das gute Stück überhaupt bei ihm im Wohnzimmer lag. Falls es zu irgendwelchen sexuellen Aktivitäten gekommen war, hatte der Alkohol diese völlig aus seinem Gedächtnis getilgt.
Nach dem Duschen fühlte sich Rainer zwar noch nicht ganz wiederhergestellt, aber zumindest so weit stabilisiert, dass er es wagte, einen Blick in seine Küche zu werfen. Er war angenehm überrascht. Eine Totalrenovierung war nicht erforderlich.
Esch zog sich Jeans und T-Shirt an und machte sich daran, seine Wohnung noch vor dem Frühstück aufzuklaren.
Als er ins Wohnzimmer kam, fiel ihm ein ständig wiederkehrendes, leise schleifendes Geräusch auf, das er eben noch nicht wahrgenommen hatte. In ihm keimte ein schrecklicher Verdacht.
Ein Blick auf den Plattenteller ließ diesen Verdacht zu Gewissheit werden. Er hatte zu vorgerückter Stunde damit kokettiert, dass er selbstverständlich nicht nur alle Rolling-Stones-Langspielplatten auf CD besaß, sondern auch sehr rare Raubpressungen, so genannte Bootlegs. Eine von diesen Raritäten drehte sich auf dem Plattenteller. Und der nicht mehr ganz taufrische Tonabnehmer versuchte augenscheinlich seit gestern Nacht, eine neue Rille in das Ende der Platte zu fräsen.
Esch schaltete den Verstärker ein und hob den Tonarm auf den Anfang von . Die unveröffentlichten Studioaufnahmen aus den frühen Sechzigern schallten durch seine Wohnung. Am Anfang der Platte war kein Schaden hörbar. Esch ließ die Scheibe laufen und räumte die Reste des Gelages vom Vorabend weg.
Eine Plattenseite später war der gröbste Dreck beseitigt und glücklicherweise bewiesen, dass die LP unbeschädigt geblieben war, was man von einigen der CD-Hüllen nun nicht gerade behaupten konnte. Die klebenden Reste von Bier und Wein würde Rainer mit Reinigungsmittel vernichten müssen. Diese Arbeit, nahm er sich vor, war nach dem Frühstück fällig.
Rainer Esch setzte Kaffee auf, schmiss zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster und bereitete sich ein Rührei mit viel Speck zu, ohne dabei an die Warnungen seines Arztes über die negativen Folgen eines zu hohen Cholesterinspiegels zu denken. Nach dem Frühstück zündete er sich eine Reval an und inhalierte genussvoll und mit tiefen Zügen, auch das gegen jede medizinische Vernunft.
Er war gerade in das spannende Studium eines Artikels in einer Modellbahnzeitschrift über die Vor- und Nachteile der manuellen Gleisreinigung vertieft, als das Telefon klingelte. Zögernd legte Esch die Zeitschrift zur Seite, blieb zunächst noch sitzen, entschied sich dann aber doch, den Hörer abzunehmen.
Es war Cengiz.
»Na, von den Toten wieder auferstanden?«, erkundigte sich sein Freund.
»Hm. Wie man’s nimmt. Wann seid ihr denn gegangen?«, wollte Rainer wissen.
»Ich gegen zwei. Da waren noch Karl und Heinz da. Ihr habt ja kein Ende gefunden.«
»Ich ahne Übles. Cengiz, ähm, haben wir uns Sigrid und Chris gegenüber«, Esch zögerte, »ordentlich benommen?«
»Wie meinst du das denn?«
»Ich habe hier bei mir in der Wohnung ... Scheiße, ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll ... einen BH gefunden.«
»Seit wann bist du so prüde?«
»Ich bin immer zurückhaltend, wenn ich nicht die geringste Ahnung habe, was eigentlich los war.«
Cengiz lachte schallend. »Sei froh, dass nicht auch noch Chris’ Bluse bei dir auf der Couch liegt.«
»Scheiße, Cengiz, lass mich nicht hängen. Was war los?«
Sein Freund lachte erneut auf. »Du hast Chris dazu veranlasst, ihre Bluse und ihren BH auszuziehen.«
»Oh Mann, ist mir das peinlich. Scheißalkohol. Was hab ich gemacht?«, fragte Rainer besorgt.
»Keine Panik. Du hast nichts gemacht. Jedenfalls nichts, wofür du dich schämen müsstest. Wenn man davon absieht«, schränkte Cengiz ein, »dass du Chris bei dem Versuch, im Suff eine Rotweinflasche zu entkorken, die halbe Pulle über die Bluse geschüttet hast. Sie hat sich dann ihre Bluse und den BH bei dir im Bad ausgezogen, ausgewaschen und einen Pulli von dir übergezogen. Als sie dann ging, war die Bluse halbwegs trocken, nur der BH nicht. Und Karl oder Heinz hat dann das Ding von der Heizung im Bad wie eine Trophäe ins Wohnzimmer geschleppt. Gib ihr das Teil wieder und alles ist in Ordnung.«
»Pfff.« Esch atmete erleichtert aus. »Und ich dachte schon ...«
»Du musst ja eine wirklich verkommene Fantasie haben. Hätte ich gar nicht von dir gedacht. Erzähl doch mal, was hast du dir denn so vorgestellt?«, nahm ihn Cengiz auf den Arm.
»Ach, halt die Klappe.«
»Auch gut. Rainer, bist du eigentlich immer noch Alleininhaber dieser wahnsinnig erfolgreichen Detektei ?«
Esch entging die Ironie in der Frage nicht. »Weißt du Arsch doch selbst. Was soll das?«
»Würdest du zwischen den unsagbar wichtigen Fällen, die du zurzeit bearbeitest, noch Zeit für ein weiteres kleines Fällchen erübrigen können?«
»Machst du Witze? Her damit.«
Sein Freund wusste nur zu gut, dass die Detektei, die Rainer gehörte, wirtschaftlich gesehen ein völliger Flop war. Monatelang hatte er außer einem entflogenen Kanarienvogel, den er für das überwältigende Honorar von fünfzig Mark aus dem Geäst eines nahen Baumes geholt hatte, keinerlei Aufträge gehabt. Dann waren, nach einem ziemlich medienwirksamen Schusswechsel im Recklinghäuser Lörhofcenter, bei dem Esch verwundet worden war, zwar einige Anfragen eingegangen, ein echter Auftrag war jedoch leider nicht darunter gewesen.
Trotzdem brachte Rainer es nicht über sich, die brotlose Kunst eines...




