E-Book, Deutsch, Band 319, 64 Seiten
Reihe: Maddrax
Zybell Maddrax 319
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1773-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paris - verbotene Stadt
E-Book, Deutsch, Band 319, 64 Seiten
Reihe: Maddrax
ISBN: 978-3-8387-1773-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Erkenntnis, dass es sich bei den Epochen, die sie seit der Flucht aus dem Flächenräumer besucht haben, um Parallelwelten handelt, ist ein zusätzlicher Schlag für die Gefährten. Hier die Geschichte zu ändern, hätte keine Auswirkungen auf den Streiter in ihrer eigenen Welt. Doch vornehmlich geht es ums Überleben in dieser bizarren Zukunft des Jahres 2201. Wie sollen sie Xij finden und retten, wie zu einem Zeitportal gelangen, während alles im Chaos versinkt ...?
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„Du hast deinen besten Freund getötet …“ Ronald Third CocaCola Diamond schüttelte fassungslos den Kopf. „Beinahe hundertachtzig Jahre lang habt ihr die Geschicke der APU miteinander …“
„Habe ich nicht gesagt, dass es mir leidtut?“, fuhr Biggest Daddy ihm ins Wort. „Es gibt nun mal keinen Platz mehr auf dem Generationenraumschiff, Ronny.“ Er richtete den HLK auf seinen Big Daddy für Forschung, Wissenschaft und Technik. „Auch für dich steht leider keine Suite zur Verfügung.“
Jetzt, nachdem er John Second CocaCola Diamond mit zwei Schüssen aus seinem Handlaserkolben ausgeschaltet hatte, war Ronald Third CocaCola Diamond der Einzige unter der Kabinettskuppel, der noch über einen freien Willen verfügte – abgesehen von der Chinesin und Biggest Daddy natürlich. Die Hirne der anderen dreiundzwanzig Big Daddies unterlagen längst chinesischer Kontrolle.
„Bitte …“ Ronald Third CCDs flehender Blick suchte den der zierlichen Chinesin. „Ich bitte Sie, Frau Generalsekretär …“
„Aber gern doch, Sir.“ Das Lächeln um die Mundwinkel der schönen Chinesin veränderte sich um keine Nuance. In ihren grünen Eisaugen funkelte es gefährlich. „Es steht Mr. Smythe selbstverständlich frei, seine Suite an Sie und Ihre Familie abzutreten.“ In einer Geste, die wohl ihren guten Willen unterstreichen sollte, hob sie beide Hände und Schultern. „Oder wenigstens einen seiner Angehörigen zurückzulassen und Ihnen dessen Platz zur Verfügung zu stellen.“
Ronald Third CocaCola Diamonds Finger verkrampften sich um die Armlehnen seines Kabinettssessels. Er blickte hilfesuchend in die Runde der anderen dreiundzwanzig Big Daddies – und sah in lauter teilnahmslose Gesichter.
All diese Männer trugen noch das vorletzte Modell des ID-Chips unter der Stirnhaut; einen Typ, über den man, hatte man ihn mit einem Schlüsselcode erst auf Efferenz umgeschaltet, das Gehirn seines Trägers manipulieren konnte.
„Was ist denn nur los mit Ihnen, Gentlemen?“ Vermutlich ahnte Ronald Third CCD in diesem Moment, dass er es nur noch mit Marionetten zu tun hatte, und wollte es nicht glauben. „So unternehmen Sie doch etwas, du meine Güte!“ Und dann wieder mit zitternder Unterlippe an Biggest Daddy gewandt: „Tu es nicht, Silvester, ich beschwöre dich …“
„Hast nicht du selbst den besten Mann der APU als Kommandanten ausgewählt, als wir unser Generationenraumschiff ins All schickten?“ Biggest Daddy schüttelte sein blondes Zöpfchen von der rechten Schulter und verbog den Hals, als hätte er einen Krampf. Natürlich fiel es ihm nicht leicht, seine beiden engsten Vertrauten über den Jordan zu schicken. Schließlich war auch er nur ein Mensch.
„Doch, Silvester, sicher …“ Der andere rang die Hände. „Aber was willst du damit sagen …?“
„Jetzt, da auch die Chinesen sich anschicken, ein Generationenraumschiff zu starten, muss erneut der Beste das Kommando übernehmen. Das bin ich den Zehntausenden an Bord einfach schuldig. Also werde ich gehen.“
Er hob den HLK, zielte und drückte auf den Auslöser. Der grellweiße Strahl fuhr Ronald Third CocaCola Diamond in die Brust. Er bäumte sich auf, stieß einen langen Seufzer aus, verdrehte die Augen und sank in seinem Sessel zusammen.
Der Herbst fiel aus in diesem Jahr. Erst Mitte September war es und trotzdem spürte man gegen Mittag noch die Kälte der Nacht in den Knochen. Morgenfrost statt Spätsommer – wohl dem, der nach dem verlorenen Häuserkampf im Pariser Stadtzentrum einen Mantel hierher in das neue Hauptquartier der St. Germains hatte retten können. Oder wenigstens eine dicke Jacke.
Jeanne St. Germain rieb sich die Hände über der Glut. Zwei Kämpfer knieten vor den Luftschlitzen der Tonne und bliesen das Feuer an. Ihre persönlichen Adjutanten, sie trugen blaue und rote Streifen auf den Wangen.
„Die letzten drei Tage habe ich dich nicht ein Mal Gymnastik treiben sehen, Laurent St. Germain“, sprach Jeanne den Jüngeren an, einen siebzehnjährigen Schwarzen. Schuldbewusst äugte er zu ihr herauf. „Sobald das Feuer wieder brennt, wirst du das nachholen, und zwar unter meinen Augen. Und dann will ich die doppelte Anzahl Liegestützen und Sit-ups sehen! Klar?“
Der Bursche nickte. „Und du, Nikolas St. Germain, wann hast du zuletzt deine Wäsche gewechselt?“, wandte sie sich an den etwas Älteren.
Der druckste ein wenig herum, bevor er mit der Sprache herausrückte. „Vor einer Woche. Oder so ….“
„Dachte ich mir – du stinkst nämlich wie ein verwesender Kater. Zur Strafe schiebst du drei Tage Sonderschicht in der Küche. Und jetzt ab in die Halle zum Waschen und Wäschewechseln!“ Sie deutete auf den alten Flugzeughangar. Die ARF – Armée de résistance de la France – hatte ihr Materiallager darin eingerichtet und einen Teil ihrer Mannschaften in den Nebenräumen untergebracht.
Nikolas trollte sich in Richtung Halle, und Laurent begann, als das Feuer wieder loderte, an Ort und Stelle mit der Gymnastik. Während er laut seine Liegestützen zählte, ließ Jeanne ihren Blick über die Fabrikruinen wandern.
An allen Tonnen, Bänken, Baracken und Zelten wurde Essen ausgegeben. Die Warteschlange vor dem Lazarett hatte sich beinahe aufgelöst. Capitaines waren zwischen den kleinen Gruppen ihrer Leute unterwegs, Männer und Frauen in Schwarz mit rot-blauen Schulterstücken auf Mänteln oder Jacken; sie sprachen die Kämpfer an, scherzten mit ihnen oder ermahnten sie.
Jeanne legte größten Wert darauf, dass die Offiziere erst dann ihre eigene Essensration annahmen, wenn sie sich davon überzeugt hatten, dass jeder ihrer Untergebenen seine Portion im Blechteller hatte.
„Vierzig“, keuchte der Bursche neben der Tonne und richtete sich auf den Knien auf. Ein Kettchen mit einem Porträtanhänger war ihm aus der Jacke gerutscht, das Bild eines blinden weißhäutigen Mannes. Jeanne selbst hatte ihm dieses Porträt des großen postamerikanischen Widerstandskämpfers Matthew Drax einst geschenkt, als Belohnung für einen mutigen Späherdienst. Hin und wieder, wenn der Krieg ihnen eine Atempause gönnte, berichtete sie den jungen St. Germains von ihrem Vorbild Drax. In harten Zeiten wie diesen brauchte es Gestalten, an denen man sich orientieren konnte.
„Du hast von einunddreißig direkt auf dreiunddreißig gezählt.“ Jeanne zog die schwarzen Brauen hoch. „Ich hoffe für dich, dass es ein Versehen war, Laurent St. Germain. Häng noch einmal zehn Liegestützen dran. Los!“ Der Kämpfer seufzte, tat aber, was sie verlangte. Niemand hatte Jeanne je einen Befehl verweigert.
Sie blickte hinauf zu den Dächern und den Wipfeln der Eichen und Ulmen, die einen dichten Wald rund um die alte Industriebrache bildeten. Keinen einzigen Wachmann, keine einzige Wachfrau konnte sie entdecken. Die Tarnung ihrer Leute war nahezu perfekt. Über den Sichtschutz hinaus sorgte ein ausgeklügelter Ortungsschutz dafür, dass die Chinesen auch das neue Hauptquartier bis jetzt nicht entdeckt hatten. Dabei hatte die ARF eine ganze Brigade hierher auf das alte Fabrikgelände und die Wälder seiner Umgebung verlegt. Mehr als sechstausend Kämpfer und Kämpferinnen.
Vor sechzig Jahren, als die Antigrav-Flieger die alten Düsenjets noch nicht vollständig verdrängt hatten, wurden hier Langstreckenflugzeuge gebaut. Jetzt zerfielen die Gebäude nach und nach, das Unkraut stand hüfthoch, ein niedriger Wald aus Buchen, Eichen und Ulmen wucherte auf dem Flugfeld, und auf den Dächern wuchsen, zwischen Brennnesseln und Haselnussbüschen, Birken und verkrüppelte Kiefern.
Das neue Hauptquartier lag tief im Südosten des Stadtgebietes, nur ein paar Kilometer entfernt vom alten Flusshafen Vigneux-sur-Seine. Bei gutem Wetter konnte man die Ferngleiter der Chinesen im Nordwesten auf dem Airport Orly starten und landen sehen. Den hatten die Gelbärsche gleich mit der ersten Offensive erobert, bald fünf Jahre war das her. Seitdem herrschte reger Flugverkehr dort. Keiner wusste, was die Frachtkolosse mit den roten Wappen Woche für Woche dorthin schafften. Truppen und Kriegsmaterial hatten sie wahrhaftig genug in Paris stationiert. Vermutlich hatte die chinesische Volksarmee eine Produktionsstätte für schwere Waffen auf dem Flughafen errichtet; dafür jedenfalls sprach alles, was Jeannes Späher bisher an Informationen zusammengetragen hatten.
An verschiedenen Stellen rund um die Stadt lagen noch insgesamt vier Kompanien der ARF, meist in Tunnelsystemen unter der Erde. Die alte Metro hielt selbst der Pessimistischste unter Jeannes Obristen für uneinnehmbar. Doch was sollten nicht einmal zehntausend Kämpfer und Kämpferinnen gegen einige Hunderttausend Volksarmisten ausrichten, die ihr eigenes Leben so wenig achteten wie fremdes?
Bis in den Sommer hinein hatte die Bundesstaatsregierung Frankreichs noch im Elyseepalast residiert und die europäischen Restregimenter lagen in den Häusern der Innenstadt entlang des Seineufers und in den Wäldern und Industriegebieten rund um die Stadt. Doch seit die Chinesen Paris Mitte August einfach überrannt hatten, gab es auf französischem Boden weder eine Staatsregierung noch reguläre europäische Regimenter mehr. Überlebende Soldaten, die der Gefangenschaft entgangen waren, hatten sich der ARF angeschlossen.
Rebellische Geister von Jeannes Kaliber hatten diese Widerstandsarmee im Jahre 2117 gegründet. Damals begann die Zentralregierung in Brüssel die Protestbewegungen in den westlichen und südlichen Bundesstaaten mit Gewalt niederzuschlagen, was in kürzester Zeit zu einem überaus blutigen Bürgerkrieg führte. Sechzig...




