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E-Book

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

Abedi Imago


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80002-8
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

ISBN: 978-3-401-80002-8
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wanja liebt sie - diese Minuten vor Mitternacht, kurz bevor auf ihrem Radiowecker alle vier Ziffern auf einmal wegkippen und eine ganz neue Zeit erscheint. Doch heute um Mitternacht verändert sich nicht nur das Datum für Wanja. Sie bekommt eine geheimnisvolle Einladung zu der Ausstellung Vaterbilder. Und damit einen Schlüssel, der die Tür zu einer anderen Welt öffnet: in das Land Imago.
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ROT UM MITTERNACHT

Erzähl du mir nicht, wie mein Vater zu sein hat. Du weißt ja nicht mal, wie deiner aussieht.«

Brittas Worte waren immer noch da. Sie saßen tief in Wanja und breiteten sich aus, jetzt, wo alles still war. Und dann, ganz langsam, kamen die Ereignisse des Tages wieder in ihr hoch und zogen vorbei wie dunkle Wolken am Himmel.

Schon am Morgen war alles schief gelaufen. Wanja hatte verschlafen und Jo, ihre Mutter, war noch hektischer gewesen als sonst. Alle paar Minuten kam sie in Wanjas Zimmer und trieb sie zur Eile an.

»Ich mach ja schon«, fauchte Wanja, als Jo zum vierten Mal den Kopf zur Tür hineinsteckte.

Jo sah sie scharf an. »In zehn Minuten fahr ich los, mit dir oder ohne dich.«

»Mir doch egal.« Wanja verdrehte die Augen und griff nach ihrer Jeans. Wenn nur nicht dieser elende Schulweg wäre. Sie liebte das alte Fachwerkhaus mit dem großen Garten, das Jo als den Glücksgriff ihres Lebens bezeichnete, weil sie es so günstig bekommen hatten. Aber der weite Schulweg ging Wanja auf die Nerven. Vor allem an Tagen wie heute, wo der Bus schon weg war, ihr Fahrrad einen Platten hatte und Jo einen wichtigen Termin.

»Dann musst du eben selbst sehen, wie du zur Schule kommst«, sagte Jo, als Wanja nach zehn Minuten immer noch nicht fertig war. Mit diesen Worten verließ sie Türen knallend das Haus und Wanja blieb nichts anderes übrig, als auf den nächsten Bus zu warten und damit mindestens eine halbe Stunde Verspätung in Kauf zu nehmen. Ausgerechnet bei Deutsch, wo sie heute eigentlich ihre Geschichte hätte vorlesen sollen. Zwei Wochen hatte sie daran gesessen, und wenn sie Pech hatte, würde Frau Gordon sie jetzt von der Liste streichen, streng, wie sie war.

Frau Gordon war Wanjas Klassenlehrerin und unterrichtete Deutsch und Biologie. Sie war so dick, dass sie zwei Schüler hinter ihrem Rücken hätte verstecken können, aber ihre Figur war in all ihrer Fülle so prall und straff und wohlgeformt, dass es niemandem in den Sinn kam, darüber zu lachen. Frau Gordon trug ausschließlich selbst geschneiderte Kostüme mit ausgefallenen Mustern und eleganten Formen, die sich schmeichelnd um ihre Rundungen schmiegten und die jedes für sich ein kleines Kunstwerk waren.

Sie war eine tolle Frau, fand Jo und trotz ihrer Strenge mochte Wanja ihre Klassenlehrerin auch.

»Du kannst von Glück sagen, dass Thorsten seine Geschichte schon fertig hatte«, sagte Frau Gordon, als Wanja zehn Minuten vor Ende der Stunde ins Klassenzimmer huschte. »Montagmorgen um acht ist deine zweite Chance. Aber wenn du dann nicht auf die Sekunde pünktlich bist, wandert deine Geschichte ungelesen mit einer Sechs in den Papierkorb.«

Wanja nickte und setzte sich an ihren Platz. Das war noch mal gut gegangen. Doch dann, in der dritten Stunde, knallte Herr Schönhaupt ihr die Mathearbeit auf den Tisch. Mangelhaft.

»Herzlichen Glückwunsch, Fräulein Walters«, sagte er und zog dabei die Augenbrauen hoch, wie jedes Mal, wenn er eine seiner Schülerinnen vor der Klasse bloßstellte. Dass Wanja zu seinen Lieblingsopfern gehörte, stand schon seit der fünften Klasse außer Frage.

»Das ist jetzt das zweite Mangelhaft in diesem Halbjahr. Sagt dir vielleicht das Wort üben etwas?« Herr Schönhaupt trommelte mit den Fingern auf den restlichen Stoß Mathehefte in seinem Arm, während er auf eine Antwort wartete.

»Ja, Herr Schönhaupt.« Wanja stieß die Worte zwischen den Zähnen hervor. »Eines Tages schneid ich diesem Schmierkopf noch sein Rattenschwänzchen ab«, flüsterte sie Britta zu, nachdem sich Herr Schönhaupt mit einem verächtlichen Schnauben abgewandt hatte, aber sie verstummte sofort, als er sich noch einmal drohend zu ihr umdrehte. Die Frisur des Mathelehrers machte seinem Namen wirklich keine Ehre. Das aschblonde, immer fettige Haar wurde von einem fleischfarbenen Gummiband zu einem dünnen Zöpfchen zusammengehalten, das auf Herrn Schönhaupts Rücken klebte.

»Weißt du noch, das mit der Shampooflasche?«, fragte Wanja, als sie nach der Schule mit Britta nach Hause ging. Wenn sich Wanja über Herrn Schönhaupt ärgerte, rief sie sich diese Geschichte gern in Erinnerung. Thorsten, der Klassenclown, hatte am Anfang des Schuljahrs heimlich eine Flasche Shampoo auf das Lehrerpult gestellt, während Herr Schönhaupt eine Textaufgabe an die Tafel schrieb.Mehr Volumen, für die tägliche Haarwäsche, stand vorne drauf. Als Herr Schönhaupt sich umdrehte, merkte er erst mal gar nicht, was los war. Erst als die halbe Klasse vor Lachen unter dem Tisch lag, entdeckte er die Flasche.

»Dieses Gesicht werde ich nie vergessen«, sagte Wanja und kicherte.

»Dass danach die ganze Klasse nachsitzen musste, werde ich auch nie vergessen.« Britta war damals stocksauer auf Thorsten gewesen. »Nur weil dieser Idiot nicht die Traute hatte, sich zu stellen.«

»Wenn jemand ein Idiot ist, dann Schönhaupt«, brummte Wanja.

Aber damit konnte man Britta nicht kommen. Britta war die Beste in Mathe und das einzige Mädchen, das Herr Schönhaupt nicht ständig mit diesem grässlich altmodischen »Fräulein« anredete.

»Du hast überhaupt noch gar nichts zu meinen neuen Sachen gesagt.«

Britta blieb stehen, stellte sich in Pose und blickte Wanja herausfordernd an.

Wanja seufzte. »Mensch, Britta. Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass mich das nicht interessiert?«

»Paps war am Wochenende mit mir einkaufen.« Britta überging Wanjas Bemerkung und strich sich über das blassgrüne T-Shirt mit den großen rosa Blüten. Es folgte eine detaillierte Beschreibung, was sie wo anprobiert und schließlich für wie viel Geld gekauft hatte. Wanja ließ ihren Schlüsselanhänger um den Zeigefinger kreisen und überlegte währenddessen, wie lange sie wohl heute an den verhassten Matheaufgaben sitzen würde, wenn Britta sie nicht abschreiben ließ. Schon seit der ersten Klasse ging Wanja an zwei Tagen in der Woche nach der Schule mit zu Britta nach Hause. Das gab Jo ein gutes Gefühl und Wanja Gesellschaft. Ihre Freundschaft mit Britta war mit den Jahren zu einer Art Gewohnheit geworden, die keine von ihnen in Frage stellte. Ansonsten hätten sie wohl beide zugeben müssen, dass sie im Grunde nichts miteinander anfangen konnten.

»Hey, hörst du mir überhaupt zu?« Kurz vor ihrem Haus stieß Britta Wanja in die Seite, wodurch Wanja der Schlüsselanhänger vom Finger rutschte.

»Verdammt, pass doch auf!« Wütend ging Wanja in die Hocke. Zu spät. Der Anhänger war samt Schlüsseln in einen Gulli gefallen.

»Tja, den kannst du wohl vergessen«, sagte Britta.

Wanja stöhnte. Das war schon der zweite Schlüssel in diesem Jahr, Jo würde ausflippen. Mit düsterer Miene trottete sie hinter Britta über den geharkten Kiesweg der hellblauen Jugendstilvilla. Brittas Mutter stand schon in der Tür. »Da seid ihr ja endlich! Husch-husch, das Essen wird kalt!«

Im Hausflur schlug Wanja der Geruch gebratener Leber ins Gesicht. Leber war das einzige Fleisch, vor dem sie abgrundtiefen Ekel empfand. Aber als sie alle um den Tisch saßen, betonte Brittas Vater die Nährwerte dieses Essens so ausdrücklich, dass Wanja sich nicht traute die Leber stehen zu lassen. Mit versteinerter Miene kaute sie an ihren Fleischstücken herum, gerade so viel, wie nötig war, um sie unauffällig mit Wasser herunterzuspülen. Währenddessen erzählte Britta lang und breit von der Mathearbeit, die sie mit einer Eins bestanden hatte.

»Das ist meine Tochter«, sagte Brittas Vater. Er zog sein Portmonee aus der Hosentasche und schob einen funkelnagelneuen Zwanzigeuroschein über den Tisch. Dass Britta »seine« Tochter war, stand schon rein optisch völlig außer Frage. Mit ihren großen blauen Augen, den glänzend blonden Haaren und ihren perlweißen, völlig ebenmäßigen Zähnen war Britta ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Brittas Vater war wohl das, was Frauen einen gut aussehenden Mann nannten. Für Wanja war er, genau wie seine Tochter, eine Spur zu glatt.

»Danke Paps«, flötete Britta, als der Zwanziger vor ihrem Teller landete. Dabei warf sie ihrer Schwester Alina einen triumphierenden Blick zu. Alina war acht, hatte als Einzige aus der Familie ein paar Kilo zu viel und stand im Schatten ihrer großen Schwester, seit sie auf der Welt war.

»Blöde Giftkuh«, zischte Alina und Wanja musste sich das Lachen verkneifen.

Zum Nachtisch gab es Grapefruitsorbet.

»Sieht aus wie gefrorenes Giraffenpipi«, sagte Alina zu ihrer Portion und zog damit zum ersten Mal die Aufmerksamkeit ihres Vaters auf sich. Herr Sander streckte den Arm aus, zeigte zur Tür und zischte: »Aber sofort!« Als Alina die...


Isabel Abedi, 1967 geboren, arbeitete 13 Jahre lang als Werbetexterin. Abends, am eigenen Schreibtisch, schrieb sie Kinder- und Bilderbuchgeschichten und träumte davon, eines Tages davon leben zu können. Dieser Traum hat sich längst erfüllt: Isabel Abedi hat inzwischen zahlreiche sehr erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, von denen manche bereits ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt wurden. „Die längste Nacht“ ist Isabel Abedis fünfter Jugendroman.www.isabel-abedi.deFoto: © Hergen Schimpf



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