E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Abedi Verbotene Welt
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7320-1161-2
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spannendes Fantasyabenteuer für Kinder ab 10 Jahre
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-7320-1161-2
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Isabel Abedi wurde 1967 in München geboren und ist in Düsseldorf aufgewachsen. Nach ihrem Abitur verbrachte sie ein Jahr in Los Angeles als Aupairmädchen und Praktikantin in einer Filmproduktion und ließ sich anschließend in Hamburg zur Werbetexterin ausbilden. In diesem Beruf hat sie dreizehn Jahre lang gearbeitet. Abends am eigenen Schreibtisch schrieb sie Geschichten für Kinder und träumte davon, eines Tages davon leben zu können. Dieser Traum hat sich erfüllt. Inzwischen ist Isabel Abedi Kinderbuchautorin aus Leidenschaft. Ihre Bücher, mit denen sie in verschiedenen Verlagen vertreten ist, wurden zum Teil bereits in mehrere Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet. Isabel Abedi lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Hier geht es zur Webseite von Isabel Abedi: www.isabel-abedi.de
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Schwindelnde Höhen und drohende Veränderungen
New York von oben zu sehen zählt zu den Träumen eines jeden Besuchers dieser Stadt und in dem Schönheitssalon, wo Cherilyn Tilton arbeitete, konnte man sich diesen Traum erfüllen. Der Schönheitssalon trug den Namen New You und lag im 48.Stockwerk eines kreisrunden Wolkenkratzers.
Hier oben lag einem die Stadt buchstäblich zu Füßen. Der mächtige Trump Tower, die stählerne Brooklyn-Brücke und das kantige Empire State Building, dessen Spitze im Film der Riesenaffe King Kong erklommen hatte, waren nur einige der Sehenswürdigkeiten, die man von der breiten Glasfront der einzelnen Kabinen aus bewundern konnte. Und an klaren Tagen, wenn im Westen der Stadt die orangefarbene Sonne unterging und den New Yorker Himmel in ein wildes Farbenmeer verwandelte, meinte man fast ein wenig, Gott zu sein. Darin waren sich alle Besucher des Schönheitssalons einig – alle außer Cherilyns einzigem Sohn Otis.
Seit sie nach New York gezogen waren, hatte Otis seine Mutter schon viele Male in der luftigen Höhe des Schönheitssalons besucht. Aber bis an die gläserne Front heranzutreten war ihm bislang nie gelungen. Und das hatte einen einfachen Grund: Otis Tilton litt an Höhenangst.
Manch einer vermutete, dass es die Umstände seiner Geburt vor zwölfeinhalb Jahren gewesen waren, die diese Höhenangst verursacht hatten. Otis war nämlich in einem Flugzeug zur Welt gekommen. Der Kopilot persönlich hatte Cherilyn bei der Entbindung geholfen, die Stewardess hatte die Nabelschnur mit einem Dessertmesser aus der ersten Klasse abgetrennt und das Baby in eine himmelblaue Continental-Wolldecke gewickelt. Zum Dank hatte Cherilyn ihren Sohn Otis mit zweitem Namen Continental getauft und war damals sogar im Fernsehen mit ihm aufgetreten. Die Geburt von Otis Continental hatte in ganz Amerika für Schlagzeilen gesorgt und jedes Mal, wenn seine Mutter davon erzählte, meinten die Leute, sich noch an ihren Fernsehauftritt erinnern zu können.
Inzwischen war aus dem prallen, sieben Pfund schweren Flugzeugsäugling mit den dicken Babyspeckringen an Armen und Beinen ein auffallend zarter Junge mit lackschwarzem Haar und grünen Katzenaugen geworden. Das Auffallendste an ihm waren jedoch die langen, geschwungenen Wimpern, die Otis diesen mädchenhaften Ausdruck gaben. Cherilyn meinte, für solche Wimpern würde eine Frau ihr halbes Vermögen hergeben, aber Otis konnte seine Wimpern nicht ausstehen. Einmal hatte er sogar versucht, sie abzuschneiden, aber Cherilyn hatte ihm entsetzt die Schere aus der Hand gerissen.
Da hatte sich Otis mit seinen Wimpern abgefunden. Mit seiner Höhenangst dagegen fand er sich nicht ab – und hätte Otis sie mit irgendeiner Zauberschere dieser Welt entfernen können, er hätte es sofort getan.
Aber Ängste konnte man nicht wegschneiden.
„Seinen Ängsten muss man begegnen“, pflegte Cherilyn zu sagen. Und Otis gab sein Bestes.
Jeden Freitagnachmittag, wenn er seine Mutter im 48.Stockwerk des kreisrunden Wolkenkratzers von der Arbeit abholte, versuchte er, sich einen Zentimeter weiter an die Glasfront heranzukämpfen.
Warum Otis so dringend aus dem Fenster sehen wollte?
Auch das hatte einen einfachen Grund: Die gigantischen Bauwerke dieser Stadt faszinierten ihn. Von allen Orten, an denen Otis mit seiner rastlosen Mutter gewohnt hatte – und er hatte an so vielen gewohnt, dass er sie kaum noch zählen konnte –, war ihm New York der liebste.
Es war sein entschiedenster Vorsatz, es irgendwann so weit zu schaffen, dass er von hier oben aus bis auf die Brooklyn-Brücke hinabschauen konnte.
Otis wusste alles über die Brooklyn-Brücke. Wann sie erbaut worden war und von wem. Und sogar, dass der Architekt nach der Fertigstellung des weltberühmten Bauwerks den Zirkus Barnum mit all seinen Elefanten über die berühmte Hängebrücke geschickt hatte, um ihre Tragfestigkeit zu überprüfen.
In manchen Nächten, wenn Otis nicht schlafen konnte, stellte er sich vor, wie er selbst auf einem Zirkuselefanten über die Brooklyn-Brücke ritt, ohne dass ihm dabei vor Höhenangst schwindelig wurde. Aber das war natürlich ein Traum.
Was die Wirklichkeit anging, würde Otis genug damit zu tun haben, es schwindelfrei bis zum Fenster von Cherilyns Schönheitssalon zu schaffen, und das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Zentimeterarbeit.
Heute, an einem klirrend kalten Freitagnachmittag im Dezember, war es wieder einmal so weit. Mit dem festen Willen, seinen Rekord von letzter Woche um einen Zentimeter zu übertreffen, betrat Otis den Aufzug im Erdgeschoss und drückte mit einem tiefen Atemzug auf die Nummer48. Mit einem Klacken schloss sich die Tür, und der Aufzug rauschte nach oben. Otis kniff die Augen zu, versuchte, das Schwindelgefühl zu unterdrücken und ging, oben angekommen, mit großen Schritten auf das Behandlungszimmer seiner Mutter zu.
Cherilyn Tilton
Kosmetik & Gesichtsbehandlungen
Massage & Maniküre
stand auf dem silbernen Schild neben der Tür. Bevor Otis die Klinke hinunterdrückte, warf er einen raschen Blick auf die Uhr. Kurz nach vier. Cherilyns letzte Behandlung für heute müsste bereits begonnen haben – und der zitronige, leicht krautige Duft, der ihm aus dem Türspalt entgegenkam, gab Otis recht.
„Verbena officinalis“, murmelte er schnuppernd. Cherilyns Vorliebe für pflanzliche Duftstoffe hatte Otis quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Zu Hause roch es ständig nach irgendwelchen geheimnisvollen Aromamischungen, die seine Mutter in den blauen Behälter ihrer kleinen Öllampe füllte, damit sie im warmen Lampenöl ihre Wirkung entfalteten. Und was sie angeblich bewirken sollten, wurde Cherilyn nicht müde zu erzählen.
Verbena officinalis förderte Reichtum und Wohlstand, wirkte wohltuend bei Migräne und kündigte außerdem Veränderungen an. Für Otis stand Verbena officinalis jedoch vor allem dafür, dass er Cherilyns Kabine während der Freitagnachmittagbehandlung betreten durfte. Sie benutzte diesen Duft nämlich ausschließlich für Scarlett Silverstone, eine steinalte Millionärin mit weiß blondiertem Haar, die unter Tränensäcken und starken Kopfschmerzen litt.
Da saß sie auch schon, die alte Dame; ihren Kopf in Cherilyns Händen, die Augen fest geschlossen, die Lippen in Bewegung.
Lautlos schob sich Otis in die Kabine. Eigentlich war es mehr ein Saal als eine Kabine, kreisrund, mit hellen Möbeln und einer riesigen, vom Fenster bis zum Boden reichenden Glasfront. Der Duft von Verbena officinalis erfüllte den ganzen Raum – und die alte Dame plapperte mal wieder, was das Zeug hielt. Otis musste grinsen, als er ihre Worte aufschnappte. Ganz offensichtlich war Scarlett Silverstone mal wieder bei ihrem Lieblingsthema angelangt. „Natürlich musste ich nach der Abreise aus Schottland meinem kleinen Goldstück noch einen Besuch abstatten“, zwitscherte sie, während sie sich von Cherilyn die Schläfen massieren ließ. „Ach, meine Guteste, Sie wissen ja gar nicht, wie sehr ich unter der Trennung leide.“
Cherilyn warf Otis einen Luftkuss zu und erwiderte sein Grinsen mit einem Augenzwinkern. Doch, sie wusste es – und Otis wusste es auch, schließlich hörten sie es jeden Freitagnachmittag aufs Neue.
Scarlett Silverstones Goldstück war ihre Enkelin Salome, die im letzten Sommer mit ihren Eltern nach Europa umgesiedelt war. Scarlett Silverstone liebte Salome abgöttisch und behauptete immer, Otis wäre ein ganz wunderbarer Spielkamerad für ihr kleines Goldstück gewesen.
Und während Otis im Schneckentempo die gläserne Fensterfront in Angriff nahm, plauderte Scarlett Silverstone weiter. „Aber zumindest hatte ich Salome nach meinem Schottlandaufenthalt ein paar Tage in meiner Nähe und wie immer wollte das kleine Goldstück mit mir in den Zoo, um ihre Lieblingstiere zu sehen. Na …?“ Scarlett Silverstone legte eine kunstvolle Pause ein. „Was meinen Sie, welche Tiere das sind?“
„Vielleicht die Löwen?“, riet Cherilyn höflich und Otis gab sich alle Mühe, nicht loszuprusten. Es war ganz offensichtlich, dass seine Mutter auch dieses Rätsel nicht zum ersten Mal lösen sollte, aber Cherilyn spielte ihre Ahnungslosigkeit perfekt.
„Falsch!“, gluckste die alte Dame begeistert. Sie hatte ihr linkes Auge geöffnet und klimperte Otis zur Begrüßung freudig zu. „Es sind die Elefanten – und zwar vornehmlich: die weißen Elefanten. Aber damit konnte der Zoo leider nicht dienen. Es war mal wieder eine arge Enttäuschung für Salome. Stell dir vor, lieber Otis, mein kleines Goldstück wünscht sich so sehnlich, auf dem Rücken eines weißen Elefanten zu reiten. Ist das nicht ein ganz und gar entzückender Wunsch? Aber wo findet man heutzutage noch weiße Elefanten?“
Die alte Dame stieß einen mitleidsvollen Seufzer aus und Otis, der jetzt fast in der Zimmermitte angekommen war, stutzte. Salome wollte auf dem Rücken eines weißen Elefanten reiten? Wie seltsam, dass ausgerechnet er einen ähnlichen Traum wie Scarlett Silverstones Enkelin hatte!
Eine Antwort auf die Frage ihrer Großmutter wusste er natürlich nicht, aber die alte Dame schien auch keine zu erwarten und Otis setzte einen zögernden Schritt nach vorn. Gut drei Meter war das große Fenster jetzt noch von ihm entfernt und die Aussicht machte ihn schwindelig – vor Glück und Angst zugleich.
„Aber dafür, lieber Otis“, fuhr Scarlett Silverstone fort, „habe ich dir heute endlich ein Foto von meiner kleinen Salome mitgebracht. Dort drüben, siehst...




