Abedi | Whisper | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Abedi Whisper


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80004-2
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-401-80004-2
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine unwirkliche Stille liegt über dem alten Haus Whisper, drückend und gefährlich. Als Noa es das erste Mal betritt, ist sie gleichermaßen ergriffen von Furcht und neugieriger Erwartung. Doch niemand außer ihr scheint zu spüren, dass das alte Gebäude ein lang gehütetes Geheimnis birgt ...
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ZWEI

Es ist, als ob er seine Worte zu Hause sparen würde, um sie draußen auszuteilen. Die Dorftrottel in der Kneipe kleben schon jetzt an seinen Lippen wie die Bienen am Honig. Der Herr Doktor aus der Stadt mit seiner schönen Tochter. Ich sage kein einziges Wort. Mein Gesicht ist aus Glas und ich wünsche mir, dass sich jemand daran schneidet.

Eliza, 5. Juli 1975

Am Himmel tauchten schon die ersten Sterne auf. Wie silbrige Punkte sprenkelten sie die Schwärze über dem Dorf. Noch immer war die Dorfstraße leer, aus einem Stall drang das leise Muhen einer Kuh und vom Bürgersteig, schräg gegenüber von der Kneipe, hörte Noa Stimmen. Stimmen von Jugendlichen, die an einer Bushaltestelle standen und ihnen den Rücken zukehrten. »Einen Kasten Bier, zwei Pullen Wodka-Redbull, das knall ich schon weg … « – »Erzähl keinen Scheiß, Alter, so dürre wie du bist, kippst du doch schon bei der ersten Pulle aus den Latschen …« – »Ey komm, Dennis, das musst du grad sagen, wer hat denn hier gestern auf die Weide gekotzt …«

Noa zwang sich wegzuhören und versuchte die Bilder, die vor ihrem inneren Auge aufstiegen, in den Hintergrund zu drängen. Aber es gelang ihr nicht. Die Bilder kamen, eins nach dem anderen und zuverlässig wie ungebetene Gäste: Kats in einenPartykeller verwandelte Garage mit dem flackernden Rotlicht. Svenja und Nadine, beide total betrunken. Die riesigen Boxen, die winzige Tanzfläche. Noa selbst in der Mitte, umringt von den anderen. Heikos Augen. Seine dunklen Augen, funkelnd, lachend. Seine Hand, die Noa wegzog, weg aus dem Keller, hoch in die Wohnung und … Noa presste die Finger gegen die Schläfen, schüttelte kurz und heftig ihren Kopf. Nein, nicht weiterdenken, nicht jetzt, nicht hier!

Noa hängte sich an Gilberts Arm und vergrub ihr Gesicht in seiner weichen Wildlederjacke. Er streichelte ihr über den Kopf, als wüsste er, womit sie kämpfte – als wüsste er auch, warum sich Noa letztlich doch für diesen Urlaub und nicht für die Reise mit ihren so genannten Freunden auf die Partyinsel Mykonos entschieden hatte, wo Svenjas Tante ein kleines Hotel leitete. Ja, bestimmt wusste Gilbert es. Schließlich war er es gewesen, der in jener Nacht an Noas Bett gewacht hatte. Er. Nicht Kat.

Und auch nicht Svenja oder Nadine, denen Noa nie erzählt hatte, was geschehen war. Nicht mal Gilbert hatte sie sich anvertraut, hatte sich nur mit seiner Nähe getröstet, und manchmal hatte Noa das Gefühl, er war nicht nur der Ersatz eines Elternteils, sondern ersetzte auch die Freunde, die sich Noa wünschte. Freunde, mit denen man mehr machen konnte, als auf Partys zu gehen, sich zu betrinken oder nachmittags in irgendwelchen Shoppingcentern abzuhängen. Freunde, mit denen man über mehr reden konnte als über Markenklamotten, Typen, andere Mädchen mit dicken oder dünnen Hintern, zu viel oder zu wenig Busen. Freunde, die sie nicht ständig über Kat ausfragen oder auf irgendwelche Premierenfeiern mitgehen wollten. Hey, schaut her, ich bin mit der Tochter von Katharina Thalis befreundet. Noa atmete scharf aus. Wie lange würde es dauern, bis Kat auch hier im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen würde? Tage – oder Stunden?

Vor der Kneipe stand ein VW-Bus, ein altes Ding, dunkelblau, fast schwarz gestrichen und voller aufgemalter Sterne. Noa ging dicht an den Wagen heran. Da hatte sich jemand Mühe gegeben – und sein Werk wirklich gut gemacht. Der VW-Bus sah aus, als wollte er dem Himmel Konkurrenz machen. Abertausende von Sternen verteilten sich auf ihm, sogar die Milchstraße und den großen Wagen konnte Noa erkennen.

»Ich rieche Gras«, sagte Gilbert.

Kat lachte. »Wir sind auf dem Land, natürlich riechst du Gras, Gil, ich meine, was …«

»Nein, nicht so ein Gras.« Gilbert schüttelte den Kopf, schnupperte in der Luft und jetzt roch Noa es auch. Kein Zweifel, da kiffte jemand. Aber seltsam … der Duft kam von oben. Noa legte den Kopf in den Nacken.

Und dann sah sie den Jungen. Er saß hoch oben auf dem Dachfirst, gut versteckt hinter dem Schornstein und im Schutz der Dunkelheit. Eine schattenhafte Gestalt, die man von hier unten aus nur wahrnahm, wenn man genau hinsah.

Kat war jetzt hinter sie getreten. Schnell wandte Noa den Kopf in eine andere Richtung. Sie kannte Kat, wusste, dass ihre Mutter irgendetwas nach oben gerufen hätte, und hatte weiß Gott keine Lust auf einen ihrer Auftritte. Dafür hatte Kat jetzt die Aufmerksamkeit der anderen Jugendlichen auf sich gezogen. Vier Jungen waren es, kaum älter als Noa, siebzehn, achtzehn vielleicht, in hellen Röhrenjeans, Sweatshirts und Turnschuhen.

»Alter!«, rief einer von ihnen seinen Kumpels zu. In seiner ausgestreckten Hand hielt er eine Dose Bier. »Ey, Alter, kuck mal da …«

Kat hob das Kinn und Noa schloss die Augen. Aber Kats Stimme konnte sie damit nicht ausschalten.

»Hey Süßer, weißt du eigentlich, dass Saufen impotent macht?«

Der Junge, ein stämmiger, gedrungen wirkender Typ mit brandrotem Haar, den einer seiner Kumpels Dennis genannt hatte, erstarrte. Seine ausgestreckte Hand hing in der Luft, als wäre sie festgefroren, aber die drei anderen schlugen sich grölend auf die Schulter.

»Kat, können wir jetzt bitte rein?« Noa zerrte an Kats Ärmel. Es war ihr entsetzlich unangenehm, hier zu stehen, und plötzlich merkte sie, dass es nicht wegen der Jugendlichen auf der anderen Straßenseite, sondern wegen des Jungen auf dem Dach war. Bildete sie sich das leise Lachen, das von oben kam, nur ein? Als Noa aus den Augenwinkeln zum Dach sah, war die schattenhafte Gestalt verschwunden.

In der Kneipe schlug ihnen ein Geruch nach Rauch, billigem Schnaps und kalter Erbsensuppe entgegen. Von den etwa zehn Tischen, allesamt mit rot-weiß karierten Plastiktischdecken überzogen, war nur einer besetzt. Stammtisch stand auf einem großen weißen Porzellan-Aschenbecher. Dutzende von Schnapsgläsern standen darum herum, und als hinter Kat die Türe ins Schloss fiel, hatte Noa für einen Augenblick das Gefühl, als bliebe die Zeit stehen.

Die Männer am Stammtisch – es waren ausschließlich Männer –hatten sich umgedreht und glotzten mit offenen Mündern zu ihnen herüber, als hätten soeben drei Außerirdische die Kneipe betreten. Der Wirt hinter dem Tresen hielt beim Zapfen des Bieres inne und in die Totenstille, die sich in der Kneipe breit machte, tönte die dunkle Stimme eines rothaarigen, stiernackigen Mannes: »Ist heute vielleicht Muttertag?«

Wieherndes Gelächter brach aus. Gilbert machte einen Schritt zurück und Kat hatte den Mund bereits zu einer Antwort geöffnet, als hinter dem Perlenvorhang neben dem Tresen eine Frau in die Kneipe trat. Mit einem freundlichen, selbstverständlichen Lächeln deutete sie auf einen der freien Tische.

»Guten Abend. Setzen Sie sich doch.«

»Na, da sagt Mutti nicht Nein«, zwitscherte Kat und winkte den Männern am Stammtisch zu. »Es sei denn, die Vatis haben etwas dagegen?«

Die Männer grinsten dümmlich, nur der Rothaarige murmelte etwas Unverständliches und der Wirt, ein kleiner Mann mittleren Alters mit schütterem Haar und Tränensäcken unter den murmelrunden Augen, fuhr eifrig fort sein Bier zu zapfen. Noa entging nicht, dass sein Gesicht sich gerötet hatte, sogar aus dem weißen Hemd krochen rote Flecken an seinem blassen Hals empor.

Zögernd schob sich Noa hinter Kat an den Männern vorbei und fühlte, wie sich die Blicke in ihren Rücken bohrten.

»Sie haben das Haus von Herrn Hallscheit gemietet, nicht wahr?« Die Frau legte ihnen eine Karte auf den Tisch und Noa musterte sie aus den Augenwinkeln, mit ihrem Fotografenblick, wie Gilbert es immer nannte. Die Frau war nicht besonders groß und ziemlich schlank. Über dem braunen, knielangen Rock trug sie eine hellblaue Strickjacke, ihr sandfarbenes Haar war zu einem Zopf gebunden, und abgesehen von den tiefen Schatten unter ihren dunkelblauen Augen, war sie eine gut aussehende Frau. Ihre zarten Hände waren rau, von harter Arbeit gezeichnet.

»Na, das scheint sich ja schnell herumgesprochen zu haben.« Lachend streckte Kat der Frau ihre Hand entgegen. »Katharina Thalis ist mein Name. Das hier sind Gilbert Sonden und meine Tochter Nora.«

»Noa. Ich heiße Noa.« Wütend funkelte Noa ihre Mutter an. Wie sie es hasste, wenn Kat sie mit diesem Namen vorstellte. Nora Gregor hieß die Stummfilmschauspielerin, die in den 20er-Jahren berühmt geworden war und sich Ende der 40erper Selbstmord vom Leben verabschiedet hatte. Kat bewunderte sie glühend, aber gegen ihren Namen hatte Noa sich bereits als Kind gewehrt – nicht nur des Vorbildes wegen, sondern, weil ihr das r zu hart war. Mit elf hatte sie diesen Buchstaben aus ihrem Namen gestrichen und stellte sich seither taub, wenn Kat sie so ansprach.

»Marie Schumacher.« Die Frau nahm Kats Hand und drückte sie sanft. Noa und Gilbert lächelte sie zu. Noa seufzte erleichtert. Wenn ihr der Name Katharina Thalis etwas sagte, dann ließ die Frau es sich wenigstens nicht anmerken. Aber Noa hatte sich zu früh gefreut, denn jetzt war es der kleine Wirt, der Kat mit offenem Mund anstarrte und dabei fast sein Bierglas fallen ließ.

»Katharina Thalis. Die Katharina Thalis, das sind Sie?«

Das Murmeln am Stammtisch wurde lauter. Kat nickte, lachte geschmeichelt und mit einem Satz war der Wirt an ihrem Tisch. Über sein Gesicht ging ein Leuchten. »Ich habe alle Ihre Filme gesehen, ich … also, ich … ich hab sie gar nicht erkannt, ich, das, also …« Ebenso plötzlich, wie der Wirt an den Tisch gekommen war, schien er nun wieder verschwinden zu...


Isabel Abedi, 1967 geboren, arbeitete 13 Jahre lang als Werbetexterin. Abends, am eigenen Schreibtisch, schrieb sie Kinder- und Bilderbuchgeschichten und träumte davon, eines Tages davon leben zu können. Dieser Traum hat sich längst erfüllt: Isabel Abedi hat inzwischen zahlreiche sehr erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, von denen manche bereits ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt wurden. „Die längste Nacht“ ist Isabel Abedis fünfter Jugendroman.www.isabel-abedi.deFoto: © Hergen Schimpf



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